Oliver Sacks

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Oliver Sacks (2009)

Oliver Wolf Sacks CBE (* 9. Juli 1933 in London; † 30. August 2015 in New York City) war ein britischer Neurologe und Schriftsteller und bekannt durch seine populärwissenschaftlichen Bücher, in denen er komplexe Krankheitsbilder anhand von Fallbeispielen in zwanglos-anekdotischem Stil allgemeinverständlich beschrieb. Sein Ziel war es, neben der modernen Wissenschaft die betreffenden Menschen nicht aus dem Blick zu verlieren, hinter jeder Erkrankung das individuelle Schicksal zu erkennen und die eigene Normalität in Frage zu stellen.

Gemeinsam mit dem russischen Neuropsychologen Alexander R. Lurija griff er auf die medizinisch-literarische Tradition des 19. Jahrhunderts zurück, die bei der wissenschaftlichen Betrachtung den kranken Menschen in den Mittelpunkt stellte. Lurija nannte dies eine „romantische“ Wissenschaft.

Leben[Bearbeiten]

Oliver Sacks wurde als jüngstes von vier Kindern in Cricklewood im Nordwesten Londons geboren.[1] Die Eltern entstammten jüdisch-orthodoxen Familien; sein Vater Samuel war Arzt für Allgemeinmedizin, seine Mutter Muriel Elsie Landau eine der ersten Chirurginnen Englands.[2][3] Seine drei Brüder wurden ebenfalls Mediziner. Cousins von Sacks sind der israelische Diplomat Abba Eban,[4] der britische Filmregisseur, Drehbuchautor und Schauspieler Jonathan Lynn und der Mathematiker und Nobelpreisträger Robert Aumann.[3]

Nach dem Besuch der St Paul’s School in London studierte Sacks Medizin am Queen’s College der Oxford University. Nach einigen neurophysiologischen Forschungen siedelte er 1960 in die USA über. Nach zweijähriger Tätigkeit als Internist am Mount Zion Hospital in San Francisco forschte er von 1962 bis 1965 an der University of California, Los Angeles. 1965 nahm er eine Professur für klinische Neurologie am Albert Einstein College of Medicine in New York City an.

Während seiner Forschungen über Migräne stieß er 1966 im Beth Abraham Hospital in der Bronx zwischendurch auf einige Patienten, die schon seit etwa 40 Jahren wie „eingefroren“ waren: Überlebende der Europäischen Schlafkrankheit (Encephalitis lethargica), einer weltweiten Epidemie von 1916 bis 1927. Nach Abschluss der Migräne-Studien, die er 1970 veröffentlichte, widmete er sich der Patientengruppe intensiver. Die Einzelfall-Studien wurden Gegenstand seines Buches Zeit des Erwachens (Awakenings). Im Verlauf der Experimente mit L-Dopa, einer Vorstufe des Neurotransmitters Dopamin, kam es zu außergewöhnlichen Reaktionen der Patienten: Sie „wachten“ kurzfristig auf, zeigten teilweise gar eine übermotivierte Lebensfreude, bis sie schließlich in ihre Starre zurückfielen. Einige der Fallgeschichten thematisierte zunächst Harold Pinters Theaterstück A Kind of Alaska, bevor sie 1990 unter dem Titel Zeit des Erwachens (Awakenings) mit Robin Williams und Robert De Niro in den Hauptrollen verfilmt wurden. Das machte Oliver Sacks weltweit bekannt, und viele seiner zwischenzeitlich veröffentlichten Bücher hatten eine große Nachfrage.

Neben weiteren Geschichten über andere neurologische Fälle, in denen es um Parkinson, Tourette-Syndrom, Autismus, Agnosie und Gehörlosigkeit ging, schilderte er in Der Tag, an dem mein Bein fortging (A Leg to Stand On) auch die Folgen eines eigenen Wanderunfalls. Offenbar riss ihm dabei ausschließlich die Sehne eines vorderen Oberschenkelmuskels (Quadriceps), für längere Zeit lebte er (vor allem) in der Patientenperspektive.

In seinem Bestseller Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte (The Man Who Mistook His Wife for a Hat) erzählt Oliver Sacks zwanzig Geschichten von Menschen, die aus der „Normalität“ gefallen sind, weil physische Veränderungen bzw. Verletzungen des Gehirns psychische Störungen hervorgerufen haben. Sacks schreibt: „Eine winzige Hirnverletzung, ein kleiner Tumult in der cerebralen Chemie – und wir geraten in eine andere Welt“.[5] Das Buch ist allgemeinverständlich geschrieben und behandelt kaum die medizinisch-neuropsychologische Seite, sondern veranschaulicht die Welt, in der diese Menschen leben. Es erklärt, wie Wahrnehmung allein vom Gehirn abhängt und Realität dort entsteht. So schildert Sacks „seriös und spannend zugleich“ (Süddeutsche Zeitung[5]), wie es sein kann, dass ein Mann seine Frau mit einem Hut verwechselt oder ein Patient zwar Dinge sieht, sie aber nicht beim Namen nennen kann, so beispielsweise eine Rose als „rotes, gefaltetes Gebilde mit einem geraden grünen Anhängsel“ identifiziert. Die Titelgeschichte wurde 1987 Gegenstand der gleichnamigen Oper von Michael Nyman.

Sacks’ Werke wurden bisher in 21 Sprachen übersetzt. 2002 wurde er mit dem Wingate Literary Prize ausgezeichnet.

Zu Beginn des Herbstsemesters 2007 nahm er einen Ruf an die Columbia University an.[6] Dort unterrichtete er nicht nur als Mediziner, sondern auch in mehreren anderen Fachbereichen, unter anderem Musiktheorie.[7]

In seiner Autobiographie On the Move, die er im Dezember 2014 wenige Tage vor seiner Krebsdiagnose fertigstellte, bekannte sich Sacks zu seiner Homosexualität.[3] Im Februar 2015 widmete er sich in einem Essay für die New York Times seiner Krebserkrankung und dem Umgang mit seinem bevorstehenden Tod. Neun Jahre zuvor war er wegen eines Melanoms am Auge behandelt worden, wodurch er die Sehfähigkeit auf diesem Auge einbüßte. Angesichts der nun bei ihm diagnostizierten Leber-Metastasen sei sein Tod absehbar. Er wolle weitere literarische Werke fertigstellen.[8] Sacks starb an den Folgen dieser Erkrankung am 30. August 2015 im Alter von 82 Jahren in Manhattan.[9]

Werke[Bearbeiten]

Bücher[Bearbeiten]

  • Migräne. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1970, ISBN 3-499-19963-7.
  • Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1985, ISBN 3-499-18780-9.
  • Stumme Stimmen. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1989, ISBN 3-499-19198-9.
  • Der Tag, an dem mein Bein fortging. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1989, ISBN 3-499-18884-8.
  • Awakenings: Zeit des Erwachens. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1990, ISBN 3-499-18878-3.
  • Eine Anthropologin auf dem Mars. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1995, ISBN 3-499-60242-3 (sieben weitere Fallgeschichten, u. a. über den Landschaftsmaler von Pontito (bei Pescia), die Architektur-/Tierwissenschafts-Professorin Temple Grandin).
  • Die Insel der Farbenblinden (The Island of the Colour-blind). Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1997, ISBN 3-499-60560-0 (siehe dazu Pingelap).
  • Onkel Wolfram. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2001, ISBN 3-498-06352-9 (Memoiren aus der Kindheit und Jugend des Autors bis 1956, vermischt mit Episoden aus der Geschichte der Chemie, die der junge Sacks mit Begeisterung betrieb).
  • Die feine New Yorker Farngesellschaft. Ein Ausflug nach Mexiko. Frederking und Thaler, München 2004, ISBN 3-89405-480-8.
  • Musicophilia: Tales of Music and the Brain. 2007.
    • deutsch: Der einarmige Pianist. Über Musik und das Gehirn. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2008, ISBN 978-3-498-06376-4.
  • The Mind’s Eye 2010.
  • Hallucinations. Alfred J. Knopf, New York 2012, Vintage Books 2013, ISBN 978-0-307-94743-7.
  • On the Move. 2015.[3]
    • deutsch: On The Move – Mein Leben. Übersetzt von Hainer Kober. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2015, ISBN 978-3-498-06433-4.

Artikel[Bearbeiten]

  • Sabbath. In: The New York Times. Sunday Review, 14. August 2015 (Volltext).
  • My Periodic Table. In: The New York Times. Sunday Review, 24. Juli 2015 (Volltext).
  • Mishearings. In: The New York Times. Sunday Review, 7. Juni 2015 (Volltext).
  • My Own Life. Oliver Sacks on Learning He Has Terminal Cancer. In: The New York Times. Sunday Review, 19. Februar 2015 (Vorschau).
  • The Joy of Old Age. (No Kidding.) In: The New York Times. Sunday Review, 7. Juli 2013 (Volltext).
  • This Year, Change Your Mind. In: The New York Times. Sunday Review, 21. September 2010 (Volltext).

Filmographie[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Oliver Sacks – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Oliver Sacks, Neurologist – Obituary. In: The Daily Telegraph, 30. August 2015 (englisch). Abgerufen am 30. August 2015.
  2. An Anthropologist on Mars. Knopf, 1995, S. 70; Andrew Gordon: Oliver Sacks Profile: Seeing Double. In: The Guardian, 5. März 2005 (englisch).
  3. a b c d Vorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatOliver Sacks: Oliver Sacks: Sabbath. In: The New York Times. 14. August 2015, abgerufen am 30. August 2015 (englisch).
  4. Oliver Sacks: Abba Eban, My Extraordinary Cousin. In: Web of Stories, 2. Oktober 2012.
  5. a b Markus C. Schulte von Drach: Oliver Sacks wird 75. Hirnforschung mit Mitgefühl. In: Süddeutsche Zeitung, 17. Mai 2010.
  6. Motoko Rich: Oliver Sacks Joins Columbia Faculty as ‘Artist’. In: The New York Times, 1. September 2007. Abgerufen am 2. September 2007 (englisch).
  7.  Schimpansen tanzen nicht. In: Der Spiegel. Nr. 11, 2008, S. 146–148 (10. März 2008, Interview, online).
  8. Oliver Sacks: My Own Life. Oliver Sacks on Learning He Has Terminal Cancer. In: The New York Times, 19. Februar 2015. Abgerufen am 19. Februar 2015.
  9. Gregory Cowles: Oliver Sacks Dies at 82; Neurologist and Author Explored the Brain’s Quirks. In: The New York Times, 30. August 2015 (englisch). Abgerufen am 30. August 2015.
  10. Oliver Pfohlmann: Oliver Sacks’ nächster Streich. Auch der Neurologe hat Halluzinationen. In: Neue Zürcher Zeitung, 26. Juni 2013. Abgerufen am 21. August 2014.