Alexander Michailowitsch Rodtschenko

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Alexander Rodtschenko Tanz, 1915

Alexander Michailowitsch Rodtschenko (russisch Александр Михайлович Родченко, wiss. Transliteration Aleksandr Michajlovič Rodčenko; * 23. Novemberjul./ 5. Dezember 1891greg. in Sankt Petersburg; † 3. Dezember 1956 in Moskau) war ein russischer Maler, Grafiker, Fotograf und Architekt.[1]

Leben und Werk[Bearbeiten]

Rodtschenko wurde als Sohn von Michail Michailowitsch (1852-1907), landloser Bauer, und Olga Jewdokimowna (1856-1933) Rodtschenko, Waschfrau,1930 geboren. Sein Vater arbeitete als Requisiteur im „Russischen Klub“ am Newski-Prospekt, während die Familie in einer Wohnung darüber lebte. 1901 zog die Familie nach Kasan, wo Alexander Rodtschenko bis 1905 die Schule besuchte und sich 1908-09 zum Zahntechniker ausbilden ließ.

Kasaner Kunstschule[Bearbeiten]

Rodtschenko studierte zunächst bei Feshin und Medvedew an der Kunsthochschule von Kasan. Im Zeitraum von 1910 bis 1912 gab Rodtschenko der Malerei den Vorzug. Seine Gemälde aus dieser Zeit sind reich an warmen Tönen, an Rot, Gelb und Ocker. Auch finden sich Experimente mit den Kontrastfarben Blau-Rot, Grün-Rot. Nach 1912 wuchs sein Interesse für Schwarz. Seine Kunst war in dieser Periode stark vom Jugendstil und Zeichnungen Aubrey Beardsleys beeinflusst (Damenfigur, 1913). Neben dem Studium gab er Zeichenunterricht und malte Dekorationen für Klubs. An der Kasaner Kunstschule lernte er seine spätere Frau Warwara Stepanowa kennen. 1914 besuchte Rodtschenko die öffentlichen Lesungen der futuristischen Dichter Majakowski, Burljuk, Kamenski.

Umzug nach Moskau - Frühe Karriere[Bearbeiten]

1914 beendete er die Kasaner Kunstschule und zog nach Moskau, wo er zwei Jahre lang an der Stroganow-Schule Bildhauerei und Architektur studierte. Ab 1914 wandte er sich der Gegenstandslosen Malerei zu. 1915 fertigte er eine Serie von abstrakten Zeichnungen an, die als Zirkel-Lineal-Serie bezeichnet werden. Im Gegensatz zur abstrakten Malerei von Wassily Kandinsky bedürfen diese Bilder keiner zusätzlichen Theorien und Assoziationen. Nach der Teilnahme an der von Tatlin organisierten Ausstellung „Magazin“ begann Rodtschenko 1916, seine Werke auf Moskauer Ausstellungen zu zeigen und konnte bereits zu den Künstlern der russischen Avantgarde gezählt werden. 1917 Gestaltung des Innenraumes des >Cafe Pittoresque< zusammen mit Tatlin, Jakulow u.a. Von 1918 bis 1922 arbeitet er in der Abteilung für Bildende Künste (ISO, russisch Изобразительный Отдел) des Narkompros (Kommissariat für Volksbildung, russisch Народный Коммиссариат Просвещения) als Leiter des Museumbüros und als Mitglied des Kunstkollegiums. Vorsitzender des Erwerbsausschusses für das >Museum für Künstlerische Kultur<, zusammen mit Rosanowa verantwortlich für die Unterabteilung der Industriekunst. 1918-26 Lehrer für Theorie der Malerei an der Moskauer >Proletkult-Schule<.

Lineismus und Raumkonstruktionen[Bearbeiten]

Rodtschenko und Stepanowa in den 1920ern

Von September 1919 bis Oktober 1920 lebte Rodtschenko mit seiner Frau Warwara Stepanowa im Haus von Wassili Kandinsky in der Dolgy-Gasse 8. Von 1918 bis 1920 nahmen sie gemeinsam an der 5., 10. und 19. Staatlichen Gemäldeausstellung teil. 1919 begann Rodtschenko die Arbeit an einem großen Zyklus linearer Kompositionen, die er „Lineismus“ nannte. Der Künstler zeigte, dass die Linie in der Malerei und Graphik als eigenständige Form fungieren kann. Die nächste Serie von Arbeiten, die 1919 entstand, ist noch radikaler und endgültiger in der Auffassung von Skulptur. Hier wird auf den traditionellen Sockel sowie auf eine Hauptansicht verzichtet, ein Modulprinzip wird jedem Werk zugrundegelegt. Der Lineismus bildete die Grundlage für Rodtschenkos räumliche Konstruktionen, die er in den Jahren 1920/21 schuf. 1920-23 Mitglied es INCHUK (russisch Институт Художественной Культуры); Vortrag >Die Linie< (1921). Die Raumkonstruktionen sind im Allgemeinen aus Linien und Flächenfiguren gebildet, die statisch oder dynamisch in verschiedenen Winkeln an einer Achse angebracht sind. Am Anfang arbeitet der Künstler mit geschlossenen geometrischen Strukturen, die aus geraden Elementen von der Form eines Kreises, Dreiecks oder Rechtecks bestehen, und einfache räumliche Probleme lösen. Später fügt er Flächenelemente von geschweifter Kontur und offenen Formen hinzu, die die Räumlichkeit vortrefflich zur Geltung bringen und die Licht-Schatten-Effekte verstärken. Die späteren Raumkonstruktionen stellen die Lösung komplizierterer Raumverhältnisse dar. Ursprünglich wollte der Künstler die Arbeiten aus weißem Leichtmetall ausführen, da man aber zu dieser Zeit kein veredeltes Metall bekommen konnte, musste er dünnes, weiß bemaltes Sperrholz verwenden.

Konstruktivismus[Bearbeiten]

Die experimentellen Skulpturen von Tatlin und Rodschenko vom Anfang der 20er Jahre mit ihrer Betonung des einfachen Materials, des Technischen, des Funktionalen und der standardisierten Formen haben vieles gemeinsam mit den späteren Zielen und Ideen des Minimalismus, wie sie etwa von Andre and Donald Judd formulierten. So benutzte Rodschenko einfache unbearbeitete Vierkanthölzer gleicher Länge, die er ohne Sockel in verschiedenen Formationen zusammenstellte.

Ein weiterer Schritt in der Entwicklung bedeutet die Serie der Objekte von 1920-21. Es sind frei von der Decke hängende, bewegliche Konstruktionen. Die Konstruktionen bestehen aus dünnem Sperrholz, das der Künstler in verschiedene geometrische Formen geschnitten hat: Quadrate, Sechsecke, Ellipsen, u.a. Aus diesen Figuren schnitt der Künstler wiederum gleich breite konzentrische Elemente heraus, die im Raum sich automatisch >ausklappen<, so dass aus der Fläche eine dreidimensionale Skulptur wird. Durch die Bewegung verändern sich die Ansichtsseite und der Lichteinfall ständig.

Rodschenko widmete sich zusammen mit seiner Frau Stepanowa intensiv der Kunst als Experiment; der Künstler ist hier gleichzeitig Forscher und Wissenschaftler, die Konstruktion, das System, der zweckmäßige Materialgebrauch stehen im Vordergrund der künstlerischen Analysen und Experimente. Beide sind zentrale Figuren der zweiten Phase der russischen Avantgarde, des Konstruktivismus, mit seiner Betonung der technischen Entwicklung, der Produktion, des Zweckmäßigen. Bei aller praktischen Anwendung schwingt aber in Rodschenkos Theorie des Konstruktivismus ein stark utopischer Zug mit, der Glaube an eine Welt, die nach klaren Prinzipien organisiert ist, an eine unverrückbare Ordnung, in der alles Lebendige seinen festen Platz hat. Das Leben, dies einfache Sache, hat man bis jetzt nicht gesehen, nicht gewußt, daß es so einfach und so klar ist, daß man es nur organisieren und von allem Überflüssigen befreien muß. Für das Leben arbeiten und nicht für Paläste und Tempel, nicht für Friedhöfe und Museen! Arbeiten unter allen, für alle und mit allen. Es gibt nichts Ewiges, es ist alles vergänglich. Bewußtsein, Erfahrung, Ziel, Mathematik, Technik, Industrie und Konstruktion - das steht hoch über allem. Es lebe die konstruktive Technik. Es lebe die konstruktive Haltung bei jeder Tätigkeit. Es lebe der Konstruktivismus (Rodschenko 1921).

Alexander Rodschenko stellte 1921 in der Ausstellung >5 x 5 = 25< in Moskau ein Triptychon aus, das aus drei monochromen Leinwänden (je 62x52,5 cm) in den Farben Rot, Gelb und Blau bestand. Der Künstler sagte dazu: „Ich habe die Malerei zu ihrem logischen Ende gebracht und drei Bilder ausgestellt: ein rotes, ein blaues und ein gelbes, und dies mit der Feststellung: alles ist zu Ende. Es sind die Grundfarben. Jede Fläche ist eine Fläche, und es soll keine Darstellung mehr geben.“ Vierzig Jahre später überraschte Yves Klein die Kunstwelt mit seinem >Triptychon Rot-Gold-Blau< (1960).

Ende der reinen Kunst - Produktivismus[Bearbeiten]

Von 1920 bis 1923 waren Rodtschenko und Stepanowa Mitglieder des Instituts für Künstlerische Kultur (INChUK, russisch Институт Художественной Культуры). Rodtschenko war Leiter des Büros des „Museums für Kultur“ sowie Mitglied des Präsidiums des INChUK, wo er von 1920 bis 1921 der Gruppe für objektive Analyse angehörte.

In den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts arbeitete er als Maler und Graphiker und schuf vor allem Auftragsarbeiten. 1921 malte Rodtschenko sein letztes Bild, ein Triptychon in Rot, Gelb und Blau, das das Ende der Malerei signalisieren sollte. Danach gab er die Versuche und Experimente auf dem Gebiet der reinen Kunst auf und wendete sich der produktivistischen Kunst zu. Die Ideologie des Produktivismus lehnte die traditionelle Funktion der Kunst ab, die in Museen ausgestellt wird oder als Dekoration dient. Er beschäftigte sich mit Arbeiten im Bereich von Graphik, Gestaltung und Kunsthandwerk. Nach der Aussage Rodtschenkos sollte die Kunst das Museum verlassen und in Form von Gegenständen zum Element des gesellschaftlichen Seins werden. Ab diesem Moment nimmt die Kunst Rodtschenkos einen sozialen Charakter an. Von 1920 bis 1930 war Rodtschenko Professor an den Wchutemas und Wchutein, ab 1922 Dekan an der Fakultät für Metallverarbeitung.

In den Jahren 1921/22 versuchte er sich gleichzeitig auf dem Gebiet des Theaters, des Films und der Polygraphie, nahm an den Wettbewerben für Abzeichen, Schutzmarken und Gebrauchsgegenstände teil, arbeitete an Projekten für Berufsbekleidung und machte Skizzen für ein Teeservice. Außerdem arbeitete er für Alexei Gans Zeitschrift „Kino-fot“. Ab 1923 arbeitete Rodtschenko im Bereich der Typographie bei den Verlagen „Molodaja Gwardia“, „Gosisdat“, „Krug“, „Transpetschat“, den Zeitschriften „LEF“, „Nowy LEF“ u.a. Handelsreklame und Polygraphie waren das erste Gebiet, auf dem Rodtschenko nicht nur gelegentlich, sondern ab 1923 ständig tätig war.

Buchgestaltung und Collage[Bearbeiten]

Sein neuer Interessenkreis führte zu einer engen schöpferischen Zusammenarbeit mit dem berühmten und einflussreichen Dichter Majakowski. Er schuf Illustrationen für dessen Poem >Pro eto<, in dem der Dichter seine Liebe zu Lily Brik besingt und wo Rodschenko deren Porträtaufnahmen in verschieden Altersstufen in allen möglichen Variationen und Zusammenstellungen montiert. Es entsteht eine einzigartige Verbindung zwischen Photomontage und konstruktivistischer Gestaltung, wobei gleichzeitig die Verse Majakowskis visuell nachempfunden werden.

Zusammen verfertigten sie in knapp zwei Jahren etwa 50 Plakate, fast 100 Firmenschilder, Pack- und Bonbonpapiervorlagen, Leuchtreklamen sowie Bildreklamen für Zeitungen und Zeitschriften. Sie arbeiteten für das Warenhaus GUM, Mosselprom, Gosisdat, Resinotorg und für die Gewerkschaften. Der Inhalt von Majakowskis und Rodtschenkos Reklametätigkeit wuchs weit über die Werbung für Produkte der staatlichen Unternehmen hinaus. Der Dichter und der Künstler agitierten auch für die Entwicklung der Technik, die Verbesserung der Arbeitsbedingungen und andere gesellschaftliche Belange. Rodtschenkos Stil der Reklamegraphik war einfach und klar und harmonierte mit den lakonischen, wortspielerischen Zweizeilern von Majakowski. Die Werbetexte und Bilder waren maximal funktionsgerecht, frei von jeder überflüssigen Information. Rodtschenko arbeitete mit großen, einfach geformten, leicht lesbaren Buchstaben und benutzte oft große Ausrufe- und Fragezeichen. Die Anwendung des Pfeils in der Komposition, der Symmetrie der Anordnung der Buchstaben und anderer graphischer Elemente erleichterte die Entschlüsselung des Plakats für den Betrachter.

Rodtschenko war der erste Künstler in der UdSSR, der anfing, mit der Technik der Collage zu arbeiteten. Der Künstler bevorzugte abstrakte Collagen, bei denen er aus nichtfigürlichen Elementen oder durch Kombination von Zeitungs- bzw. Lichtbildfragmenten und nichtfigürlichen Elementen abstrakte Kombinationen bildete. Von der Collage ging Rodtschenko zur Fotomontage über.

Fotografie[Bearbeiten]

Vom Dadaismus beeinflusst, gelangte er über die Fotomontage zur Fotografie, wobei er bald zu einem wichtigen Vertreter der russischen Konstruktivisten wurde. Er wurde besonders durch seine ungewöhnlichen Perspektiven bekannt, aber auch durch die starke abstrakt-grafische Wirkung seiner Aufnahmen. Unter dem Einfluss der geänderten politischen Vorgaben in den dreißiger Jahren wandte er sich der Reportage- und Sportfotografie zu, bevor er 1942 die Fotografie ganz aufgab und wieder als Maler arbeitete.

Berühmte Aufnahmen sind z.B. Die Treppe, Mädchen mit Leica oder Portrait der Mutter. Seine Standardkameras waren die Leica und die FED des sowjetischen Herstellers FED (Charkow; heutige Ukraine).

Sonstiges[Bearbeiten]

Alexander Rodtschenko und Warwara Stepanowa haben die gemeinsame Tochter Warwara Rodtschenko (* 1925), ebenfalls Künstlerin. Deren Sohn Alexander Lawrentjew (* 1954) ist Professor an der Staatlichen Künstlerisch-Technischen Akademie S.G. Stroganow in Moskau.

Die Erste Russische Kunstausstellung Berlin 1922 zeigte Rodtschenkos Gemälde Gegenstandslos, Konstruktion, Schwarze Komposition, Rote Farbe, Komposition, Suprematismus, sowie einige Zeichnungen zu Architekturprojekten.

Werke (Auswahl)[Bearbeiten]

  • 1918 Schwarz auf Schwarz, Öl auf Leinwand, 105x70,5 cm, Galerie Gmurzynska, Köln - 1985 Sammlung Ludwig, Köln.
  • Vierkanthölzer ohne Sockel, C. Lodder, >Russian Construktivism<, New Haven/London 1983.
  • 1919 Konstruktion Nr. 92 auf Grün.
  • 1921 Triptychon, Öl auf Leinwand, je 62x52,5 cm, Verbleib unbekannt, Kat. Von der Malerei zum Design, Galerie Gmurzynska, Köln 1981, Farbabb. S. 190 u 191.
  • 1924 gestaltete Rodtschenko die zehn Titelseiten der Heftroman-Serie Mess Mend oder die Yankees in Leningrad von Marietta Schaginjan.

Ausstellungen[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Ausstellung im Martin-Gropius-Bau Berlin und Berliner Festspiele (Hrsg.): Alexander Rodtschenko. Berlin 2008.
  • Renate Heidt Heller (Red.): Alexander Rodtschenko und Warwara Stepanowa. Werke aus sowjetischen Museen, der Sammlung der Familie Rodtschenko und aus anderen Sammlungen. Duisburg 1982.
  • German Karginov: Rodschenko. Budapest 1979.
  • Alexander Lavrentiev: Alexander Rodchenko: Photography 1924-1954. Köln 1995.
  • Peter Noever: Alexander M. Rodtschenko, Warwara F. Stepanowa, die Zukunft ist unser einziges Ziel …. (Österreichisches Museum für angewandte Kunst, Wien, 1. Mai 1991 bis 31. Juli 1991; Puschkin-Museum, Moskau, Herbst 1991). München 1991.
  • Ródtxenko. La construcció del futur. Barcelona 2008. (Katalog der Ausstellung der Caixa Catalunya Barcelona)
  • Margarita Tupitsyn: Alexander Rodschenko - Das neue Moskau. Schirmer/Mosel (Katalog der Wanderausstellung des Sprengel-Museums Hannover mit Fotografien aus der Sammlung L. und G. Tarunz)
  • Buch zur Ausstellung 16. Russische Avantgarde 1910-1930 Sammlung Ludwig, Köln. in der Kunsthalle Köln, 16. April-11. Mai 1986 (bearbeitet und mit einer Einführung von Evelyn Weiss)
  • Eberhard Roters (Hrsg.): Erste Russische Kunstausstellung: Berlin 1922. Galerie van Diemen & Co., Berlin 1922. (Nachdruck: König, Köln 1988, ISBN 3-88375-085-9, Kommentiert von Horst Richter)

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Alexander Rodchenko – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Biographie von Alexander Michailowitsch Rodtschenko bei Art Directory