WChUTEMAS

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Ehemaliges Wchutemas-Gebäude in Moskau

Die WChUTEMAS (russisch ВХУТЕМАС, Akronym aus Высшие художественно-технические мастерские; zu deutsch Höhere Künstlerisch-Technische Werkstätten), ab 1927 WChUTEIN (russisch ВХУТЕИН, Akronym aus Высший художественно-технический институт; deutsch Höheres Künstlerisch-Technisches Institut) war eine von 1920 bis 1930 bestehende staatliche Kunsthochschule in Moskau. Sie hatte sich den Ideen der russischen Avantgarde verschrieben. Von 1927 bis 1930 wurde sie geführt als WChUTEIN. Im Zuge der Zurückdrängung der Avantgarde durch den sozialistischen Realismus wurde sie 1930 aufgelöst.[1][2]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Architektur Wchutemas, Bucheinband von El Lissitzky (1927)

Mit der Konstituierung der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik (RSFSR) 1918 wurden Akademien oder Kunst- und Gewerbeschulen in Staatliche Freie Kunstwerkstätten, kurz Swomas oder SGChM[3] (russisch Свободные художественные мастерские), umgewandelt. In den SGChM hatten die Studenten das Recht ihre Lehrer selbst zu wählen. Dafür konnten alle Künstler und Architekten für die Leitung einer Werkstatt kandidieren.[3] Diese Freien Kunstwerkstätten bildeten sich unter anderem in Sankt Petersburg, Kasan, Saratow, Odessa, Charkow und Witebsk.[4]

In Moskau entstanden aus der Stroganow-Kunst-und-Technik-Schule die Ersten Staatlichen Freien Kunstwerkstätten und aus der Moskauer Hochschule für Malerei, Bildhauerei und Architektur die Zweiten Staatlichen Freien Kunstwerkstätten. An den zweiten SGChM leiteten I. Scholtowski, A. Schtschussew und I. Rylski einzelne Werkstätten, die klassizistisch geprägt waren.[3] Gegen Ende des zweiten Studienjahres (1919/20) bildete sich eine Studentengruppe (W. Balichin, S. Motschalow, N. Krassilnikow) gegen die Klassizisten. Beeinflusst waren die Studenten besonders von der Schiwskulptarch (Kommission zur Synthese von Bildhauerei und Architektur). Aus der Schiwskulptarch und den Studenten bildete sich die „linke Werkstätte“.[3]

Zeitgleich mit dieser Spaltung innerhalb der zweiten SGChM wurden diese am 19. Dezember 1920 per Dekret der Sowjetregierung mit den ersten SGChM zur „Staatlichen Höheren Künstlerisch-Technischen Werkstätte“ (WChUTEMAS).

Am 4. März 1927 wurden die WChUTEMAS in WChUTEIN umbenannt.

1930 wurde die Lehranstalt geschlossen. Die Abteilung Malerei und Bildhauerei wurde mit der entsprechenden Petersburger Einrichtung zum Institut proletarischer darstellender Künste (seit 1932 Institut für Malerei, Bildhauerei und Architektur) zusammengelegt. Die Architekturabteilung ging ein in das neue Höhere Architektur- und Bauinstitut (ab 1933 Moskauer Architekturinstitut).

Kunsthistorische Bedeutung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Besondere dieser neuen Werkstätten war die Verbindung der Schönen Künste – Malerei und Bildhauerei – mit den sogenannten Produktionskünsten – Architektur, Druckgewerbe, Metall- und Holzbearbeitung, Textil und Keramik.[3]

Die künstlerisch-technischen Werkstätten waren in Zielsetzung, Aufgabenbereich und Organisation dem im gleichen Zeitraum bestehenden Bauhaus vergleichbar. Sie sollten die Handwerkstradition mit modernen Technologien verbinden und die Einbindung der Künste in die Produktion vorbereiten.[3] Die WChUTEMAS waren dementsprechend in acht Fakultäten gegliedert: Architektur, Malerei, Bildhauerei, Holz- und Metallbearbeitung, Bühnenbild, Druckgraphik, Textil und Keramik. Ein einheitlicher Einführungskurs für Studenten aller Fachbereiche, wie es ihn am Bauhaus ab 1919 gab, wurde aber erst 1923 eingeführt. Dieser Basiskurs zählte zur zweiten bedeutenden Neuerung in der nachrevolutionären Künstlerausbildung.

Gleich zu Beginn der Wchutemas, zwischen 1920 und 1923, bildeten sich innerhalb der Architekturfakultät drei unterschiedliche und miteinander konkurrierende Ausbildungskonzepte heraus:

  • Die traditionell arbeitenden Akademischen Werkstätten, deren Unterricht sich von der vorangegangenen Akademieausbildung kaum wesentlich unterschied.
  • Die Vereinigten Linken Werkstätten (Obmas), die nach Nikolai Ladowskis psychoanalytischer Methode zu arbeiten begannen.
  • Die Werkstatt der Experimentellen Architektur, welche sich an Ilja Golossows Theorien des Aufbaus architektonischer Organismen orientierte.

Personal[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Lehrende wirkten viele bedeutende russische Künstler jener Zeit an den Wchutemas, insbesondere aus der Richtung des russischen Konstruktivismus. Zu ihnen zählen Alexander Rodtschenko, Warwara Stepanowa, Wladimir Tatlin, Alexander Wesnin, Ljubow Popowa, Naum Gabo, El Lissitzky, Nikolai Ladowski, Konstantin Melnikow, Pawel Florenski, Moissei Ginsburg, Ilja Scholtowski, Alexei Schtschussew, Wassily Kandinsky, Alexandra Exter, Ilja Golossow, Wiktor Petrow, Alexander Kuprin, Iwan Lamzow, Wiktor Balichin, Gustavs Klucis, Nina Niss-Goldman.

Ausstellungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Selim Omarovič Khan-Magomedov (Nebenautoren: Arlette Barré-Despond und Joëlle Aubert-Yong): Vhutemas. Moscou 1920-1930, 2 Bde., Paris, Editions du Regard 1990 (französisch), ISBN 2-903370-55-9
  • Selim Omarovič Chan-Magomedov: Pioniere der sowjetischen Architektur. Der Weg zur neuen sowjetischen Architektur in den zwanziger und zu Beginn der dreißiger Jahre, Dresden, Verlag der Kunst 1988, ISBN 3-364-00137-5, S. 71–73.
  • Christina Lodder: The VKhUTEMAS and the Bauhaus In: Gail Harrison Roman (Hrsg.): The Avant-Garde Frontier. Russia Meets the West 1910-1930, Gainesville (Florida), University Press of Florida 1992, ISBN 0-8130-1157-4, S. 196–237 (englisch)
  • Natalja Adaskina: Die Rolle der WCHUTEMAS in der russischen Avantgarde In: Bettina-Martine Wolter, Bernhart Schwenk (Hrsg.): Die große Utopie. Die russische Avantgarde 1915-1932. Ausstellungskatalog Schirn Kunsthalle, Frankfurt 1992, S. 81–93
  • Catherine Cooke: Russian Avant-Garde. Theories of art, architecture and the city. Academy Edition, London 1995 ISBN 1-85490-390-X
  • Margarete Vöhringer: Avantgarde und Psychotechnik. Wissenschaft, Kunst und Technik der Wahrnehmungsexperimente im postrevolutionären Russland. Wallstein, Göttingen 2007
  • Évelyne Pieiller: Die Genossen Künstler. Le monde diplomatique, Oktober 2017, S. 23 (mit Gruppenfoto)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Artikel WChUTEMAS in der Großen Sowjetischen Enzyklopädie (BSE), 3. Auflage 1969–1978 (russisch)http://vorlage_gse.test/1%3D007304~2a%3D~2b%3DWChUTEMAS
  2. Artikel Wchutein in der Großen Sowjetischen Enzyklopädie (BSE), 3. Auflage 1969–1978 (russisch)http://vorlage_gse.test/1%3D007303~2a%3DWchutein~2b%3DWchutein
  3. a b c d e f Selim O. Chan-Magamedow: Pioniere der sowjetischen Architektur. VEB Verlag der Kunst, Dresden 1983, S. 71–73.
  4. Artikel Swobodnyje chudoschestwennyje masterskije in der Großen Sowjetischen Enzyklopädie (BSE), 3. Auflage 1969–1978 (russisch)http://vorlage_gse.test/1%3D100364~2a%3DSwobodnyje%20chudoschestwennyje%20masterskije~2b%3DSwobodnyje%20chudoschestwennyje%20masterskije
  5. Mitteilung zur Ausstellung, abgerufen am 18. November 2014.
  6. Dankwart Guratzsch: Das russische Bauhaus war moderner als die Moderne, abgerufen am 11. Februar 2017.