Allgemeiner Islamischer Kongress 1931

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Treffen der Kongressdelegierten mit Emir Abdallah ibn Husain I. am 12. Dezember 1931 in Shunet Nimrin

Der Allgemeine Islamische Kongress (arabisch المؤتمر الاسلامي العام, DMG al-Muʾtamar al-islāmī al-ʿāmm) war eine internationale Konferenz, die vom 7. bis 17. Dezember 1931 in Jerusalem zusammentrat und an der 130 muslimische Delegierte aus 22 Staaten teilnahmen. Der Kongress wurde von Mohammed Amin al-Husseini, Großmufti von Jerusalem, und Schaukat ʿAlī, Oberhaupt des indischen Kalifat-Komitees, einberufen. Auf dem Kongress wurde eine Exekutivkomitee eingesetzt, das in regelmäßigen Abständen weitere Kongresse einberufen sollte. Das durch den Kongress entstandene personelle Netzwerk existierte bis in die 1960er Jahre weiter und hielt unter dem Namen "Islamischer Weltkongress" verschiedene internationale Konferenzen ab.

Vorgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schon 1928 hatte Amīn al-Husainī in Jerusalem einen allgemeinen muslimischen Kongress zur Verteidigung der Heiligen Stätten abgehalten, der aber nur von Delegierten aus benachbarten Regionen besucht wurde. Die erste Idee zur Abhaltung eines internationalen islamischen Kongresses nach dem Scheitern der islamischen Konferenzen in Kairo und Mekka im Jahre 1926 kam von Muhammad ʿAlī, dem Bruder Schaukat ʿAlīs, der Anfang 1929 die Schaffung eines Obersten Islamischen Rates in Jerusalem vorschlug, der aus Delegierten aus der gesamten islamischen Welt zusammengesetzt sein sollte. Als Muhammad ʿAlī Anfang 1931 starb, wandte sich Amīn al-Husainī per Telegramm an seinen Bruder Schaukat und schlug ihm vor, seinen Bruder in Jerusalem zu begraben. Der bei dieser Gelegenheit hergestellte Kontakte führte zur Wiederbelebung der Kongressidee.[1]

Der offiziell für die Einberufung des Kongresses angegebene Grund war die Beratung über einen Vorschlag zur Einrichtung einer Universität an der Al-Aqsa-Moschee in Jerusalem als Zentrum der Islamforschung, eine Idee, der sich die Führer der angesehen Al-Azhar-Universität in Kairo entgegenstellten.[2]

Dessen ungeachtet wurde der Kongress weithin als Versuch des Muftis angesehen, seine Reputation vorab für die Bewerbung um das Amt des Kalifen zu verbessern. Diese Position war unbesetzt geblieben, seit der Islamische Kongress 1926 in Mekka daran gescheitert war, sich auf einen geeigneten Nachfolger von König Hussein von Hedschas zu einigen. Die Nashashibis, ein mit den Husseinis rivalisierender Clan, trugen jedoch dazu bei, dass die Bewerbung des Muftis für das Kalifat erfolglos blieb.

Der Kongress[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zu den bekannten Teilnehmern des Kongresses gehörten Raschīd Ridā (Ägypten), Riad as-Solh (Libanon), Schukri al-Quwatli (Syrien), Muhammad Iqbal (Indien) und Seyyed Zia al Din Tabatabai (Iran).[3] Neben sunnitischen gab es auch einige schiitische Delegierte.[4] Thematische Schwerpunkte des Kongresses waren die Frage nach der Zukunft Palästinas, das Projekt einer islamischen Universität in Jerusalem und die Hedschasbahn.[5]

Die Delegierten beschlossen, dass der Kongress in regelmäßigen Intervallen von zwei oder drei Jahren zusammentreffen sollte und dass Beschlüsse künftig von einem Exekutivkomitee unter dem Vorsitz von Husseini erlassen werden sollten. Die 24 Mitglieder dieses Exekutivkomitees wurden noch während der Konferenz von den Delegierten gewählt.[6]

Bei dem Kongress wurde auch der Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten behandelt. Der irakische zwölfer-schiitische Gelehrte Muhammad al-Husain Āl Kāschif al-Ghitāʾ hielt am 15. Dezember vor dem Kongressplenum eine aufsehenerregende Ansprache, in der er zur Einheit zwischen Sunniten und Schiiten aufrief.[7] Unter diesem Eindruck verabschiedete der Kongress in seinen Entschließungen einen Artikel, der als wesentliches Ziel der wieder einzuberufenden Konferenz die „Intensivierung der Zusammenarbeit der Muslime, ungeachtet der Vielzahl ihrer Länder und Rechtsschulen“ und die „Verbreitung der allgemeinen islamischen Brüderlichkeit“ vorsah.[8]

Der „Islamische Weltkongress“ als Netzwerk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Durch die Jerusalemer Konferenz war ein personelles Netzwerk entstanden, dass sich selbst als weltweite Dachorganisation der Muslime betrachtete. In Deutschland gründete im Oktober 1932 der persische Student Hossein Danesch zusammen mit 19 anderen Personen eine Filiale dieser Organisation, die er „Islamischer Weltkongress, Zweigstelle Berlin“ nannte. Gegenüber dem Amtsgericht berief er sich auf die „im Dezember 1931 in Jerusalem geschaffenen Statuten“.[9] Die eigentliche Zentrale des Kongresses befand sich in Jerusalem, doch sind nur wenige Aktivitäten dieser Organisation bekannt. Im Jahre 1936 benutzte Amīn al-Husainī allerdings seinen Titel als Kongresspräsident, als er in einem Fatwa erklärte, dass die syrischen Alawiten wahre Muslime seien.[10] Mit der Flucht Amīn al-Husainīs aus Palästina im Jahre 1937 stellte die Organisation ihre Aktivitäten vorerst ganz ein, auch wenn das durch die Konferenz geschaffene personelle Netzwerk weiter existierte.[11]

1949 berief Amīn al-Husainī, der sich immer noch als Präsident des Jerusalemer Kongresses betrachtete, in Karatschi eine kleine internationale Konferenz ein, die er als Fortsetzung nicht nur der Jerusalemer Konferenz, sondern auch der Islamischen Konferenz von Mekka im Jahre 1926 präsentierte.[12] Eine weitere von ihm geleitete Konferenz, die im Februar 1951 in Karachi stattfand und unter dem Titel Muʿtamar al-ʿālam al-islāmī („Konferenz der Islamischen Welt“ oder „Islamischer Weltkongress“) firmierte, stieß auf weit größeres Interesse in der muslimischen Öffentlichkeit. Es nahmen Vertreter aus 32 Staaten und verschiedenen islamischen Gemeinschaften daran teil. Von den Muslimbrüdern waren Mustafā as-Sibāʿī und Said Ramadan anwesend.[13]

Ausweislich eines erhaltenen Protokolls trat Said Ramadan 1958 in München als „Generalsekretär“ des Islamischen Weltkongresses vor der Moscheebau-Kommission für die Freimann-Moschee auf und übergab im Namen der Organisation 1000 DM als Spende.[14]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zeitgenössische Reportagen
  • Close Of Moslem Conference, Egyptian Delegate Deported. In: The Times. 18. Dezember 1931, S. 11; Ausgabe 46009; Kol. B.
  • Moslem Congress In Jerusalem, Mufti As President. In: The Times. 9. Dezember 1931, S. 11; Ausgabe 46001; Kol. G.
  • Moslem Congress Zionist “Peril To Islam”. In: The Times. 14. Dezember 1931, S. 11; Ausgabe 46005; Kol. C.
Sekundärliteratur
  • Rainer Brunner: Annäherung und Distanz. Schia, Azhar und die islamische Ökumene im 20. Jahrhundert. Berlin 1996. S. 64-74.
  • Martin Kramer: Islam Assembled. The Advent of the Muslim Congresses. Columbia University Press, New York 1986, ISBN 0-231-05994-9, S. 123–141.
  • Uri M. Kupferschmidt: "The General Muslim Congress of 1931 in Jerusalem" in Asian and African Studies (Jerusalem) 12 (1978) 123-162.
  • Reinhard Schulze: Islamischer Internationalismus im 20. Jahrhundert. Untersuchungen zur Geschichte der Islamischen Weltliga. Brill, Leiden u.a. 1990, ISBN 90-04-08286-7, S. 94–102.

Notizen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Vgl. Kramer: Islam Assembled. 1986, S. 123–125.
  2. Vgl. Kramer: Islam Assembled. 1986, S. 128.
  3. Vgl. Kramer: Islam Assembled. 1986, S. 131f.
  4. Vgl. dazu Brunner: Annäherung und Distanz. 1996, S. 67 n. 39.
  5. Vgl. Kupferschmidt: "The General Muslim Congress of 1931". 1976, S. 143-147.
  6. Vgl. Schulze: Islamischer Internationalismus im 20. Jahrhundert. 1990, S. 101f.
  7. Vgl. Brunner: Annäherung und Distanz. 1996, S. 67f.
  8. Vgl. Brunner: Annäherung und Distanz. 1996, S. 68f.
  9. Vgl. dazu Bernd Bauknecht: Muslime in Deutschland von 1920 bis 1945. Teiresias, Köln, 2001. S. 99-106. Hier S. 99f.
  10. Vgl. Kramer: Islam Assembled. 1986, S. 141.
  11. Vgl. Kramer: Islam Assembled. 1986, S. 123.
  12. Vgl. Schulze: Islamischer Internationalismus im 20. Jahrhundert. 1990, S. 110.
  13. Vgl. Schulze: Islamischer Internationalismus im 20. Jahrhundert. 1990, S. 111.
  14. Stefan Meining: Eine Moschee in Deutschland. Nazis, Geheimdienste und der Aufstieg des politischen Islam im Westen. C. H. Beck, München 2011, ISBN 978-3-406-61411-8, S. 112, unter Bezug auf Bayerisches Hauptstaatsarchiv, Sign. Laflü 1900: 22. Dezember 1958, "Protokoll Nr. 5: Sitzung der 'Dini Idare' auf breiterer Basis." Geistliche Verwaltung der Muslimflüchtlinge