Allpolnische Jugend

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Allpolnische Jugend

Die Allpolnische Jugend (Młodzież Wszechpolska) ist eine nationalistische, militante Jugendorganisation in Polen, die sich auf die Traditionen der Studentenbund Allpolnische Jugend (Związek Akademicki Młodzież Wszechpolska) beruft. Sie fordert einen einheitlichen, nationalen und rein katholischen Staat und lehnt den liberalen, pluralistischen Verfassungsstaat westlicher Prägung ab. Bis 2007 war sie die Jugendorganisation der Liga Polnischer Familien.

Nationalkatholischer Radikalismus[Bearbeiten]

In ihrer Ideen-Deklaration aus dem Jahre 1989 heißt es unter anderem: „Die Nation ist der höchste irdische Wert. Die erste Liebe, direkt nach der zu Gott, ist die zur Nation. Der erste Dienst, nach dem für Gott, ist der für die Nation.“ Im selben Dokument heißt es, man wolle sich „den Doktrinen der Willkür, des Liberalismus, der Toleranz und des Relativismus“ entgegenstellen.

Weite Teile der jungen Generation Polens sympathisieren offen mit politisch rechten Positionen. Seit 2010 organisiert die Allpolnische Jugend am 11. November – aus Anlass der wiedererlangten Unabhängigkeit Polens – den Marsz Niepodległości (Unabhängigkeitsmarsch). Dieser Marsch ist zum „Kristallisationspunkt rechtsextremer Mobilisierung geworden“. Politischer Kern ist die Bewegung Ruch Narodowy. Die einzige Monographie über die Allpolnische Jugend in der Zweiten Republik stammt aus dem Umkreis dieser Bewegung, von Jacek Misztal, einem früheren Mitglied der Allpolnischen Jugend. Er versucht, die Geschichte der Allpolnischen Jugend „ins rechte Licht“ zu rücken, indem er deren Antisemitismus während der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen als Antikommunismus interpretiert: „Um einer Verbreitung der kommunistischen Idee in der polnischen Gesellschaft vorzubeugen, riefen die Nationalen zur größtmöglichen Isolation der Juden auf.“[1]

2015 demonstrierten in Warschau 35 000 Menschen unter dem Motto „Polen den Polen”, allen voran wieder die Allpolnische Jugend.[2] Auch ungarische Rechtsradikale nahmen teil, es waren Parolen wie „Lieber Koteletts als Mohammed“ zu sehen.[3] 2014 kam es bei dieser Gelegenheit zu Krawallen mit zahlreichen Verletzten und Festnahmen. Dieser „Marsch der Unabhängigkeit“ ist von der Allpolnischen Jugend gemeinsam mit dem nationalradikalen Lager veranstaltet worden. Auch 2013 gab es gewalttätige Ausschreitungen als eine Gruppe von Demonstranten ein Gebäude der russischen Botschaft angriff und eine Regenbogeninstallation vor der Erlöserkirche in Warschau in Brand gesteckt worden ist.[4]

Im Oktober 2014 gab es im Babelsberger Karl-Liebknecht-Stadion Neonazi-Schmierereien. Anhänger des polnischen Fußball-Drittligisten Polonia Przemysl bekannten sich zu dieser Aktion. Es gab Anhaltspunkte dafür, dass sie der Allpolnischen Jugend nahestehen.[5]

Geschichte[Bearbeiten]

Die Allpolnische Jugend wurde am 2. Dezember 1989 durch den damals 18 Jahre alten Roman Giertych in Posen neu gegründet und bis 1994 geführt. Wegen ihres von ihm verantworteten Nazismus musste er sie Anfang 2006 verlassen.[6] Gleichwohl gehörte er ab März 2006 als Vorsitzender der Liga Polnischer Familien – in einer rechtsgerichteten Koalition mit den Parteien „Prawo i Sprawiedliwość (PiS)“ (Recht und Gerechtigkeit) und der Samoobrona (Selbstverteidigung) – vom 5. Mai 2006 bis 13. August 2007 der Regierung von Premierminister Jaroslaw Kaczynski als Erziehungsminister und Vizepremier an. Von den Idealen der Allpolnischen Jugend, die Schläger der Hooliganszene des Fußballklubs Legia Warschau in ihren Reihen und Züge einer Nazi-Kameradschaft hat, sagte er sich in dieser Zeit los.[7]

Die Allpolnische Jugend setzte die Tradition der Vorkriegs-Allpolnischen Jugend als nationalkatholische Organisation mit ideologisch-erzieherischem Charakter, die in ganz Polen tätig ist, fort.[8] Sie war jahrelang die Jugendorganisation der LPR (Liga der Polnischen Familien).[9] Das Zusammenspiel zwischen der Liga und der Allpolnischen Jugend wurde während der Parlamentswahlen 2005 besonders gut sichtbar, als der Führer der LPR in letzter Minute einige Kandidaten, die für die LPR zur Wahl in den Sejm (das polnische Parlament) standen, durch Mitglieder der Allpolnischen Jugend ersetzen ließ.

„Verblüffend ist, dass bei den Wahlen 2005 mit der Liga der polnischen Familien ehemalige Mitglieder der rechtsextremen Organisation Allpolnische Jugend in die polnische Regierung Eingang gefunden haben. Beide, sowohl die Liga als auch die Allpolnische Jugend huldigen der nationalistischen Tradition der Zwischenkriegszeit in ihrer Kombination aus antisemitischen, antideutschen und klerikalen Ideen und wenden sich gegen alle, die nicht dem Parteibild entsprechen.“

Magdalena Gebala: Gefangen im eigenen Mythos? 2012[10]

Die Allpolnische Jugend wurde den dominierenden Akteuren der fremdenfeindlichen radikalen Rechten zugerechnet[11] und als antisemitisch charakterisiert, wie Radio Maryja und die Nationale Wiedergeburt Polens.[12]

Die zur Nationalpartei gehörende Vorgängerorganisation Allpolnische Jugend war für zahlreiche antisemitische Aktionen zwischen 1931 und 1934 bekannt.[13]

Sowohl der Hitlergruß als auch weitere nationalsozialistische Symbole wurden von maßgeblichen Vertretern der Organisation immer wieder verwendet. Außerdem versuchten sie, ihre nationalistische Propaganda im schulischen Unterricht zu verbreiten.[14]

Besonders offensiv gingen sie 2005 unter dem Namen Parade der Normalität gegen homosexuelle Demonstranten der von den Behörden nicht genehmigten Parada Równości („Parade der Gleichheit”) vor.[15]

Auch bei der Frauendemonstration Manifa im März 2006 versammelten sie sich als Gegendemonstranten.[16]

„Während sich die extrem konservative Allpolnische Jugend in den früheren Jahren stets am Denkmal des Kardinals Wyszynski versammelt hatte und die Demonstrierenden der Manifa mit Slogans wie ‘Schwule ins Gas, Lesben ins Arbeitslager’ provozieren wollte, hat sie ihre Strategie in diesem Jahr geändert. Ein großes Banner zeigt ihr Logo und den Schriftzug Allpolnische Jugend. In ihren Händen halten sie Seifenstücke, in die das Wort ‘Higiena’reliefartig gedruckt wurde. Die Seife soll als Symbol der Reinheit dienen und dazu auffordern, sich die ‘falsche Ideologie der Feministinnen und Lesben abzuwaschen’, so die Erläuterung einer der Vertreter.“

Anika Keinz: Polens Andere 2008[17]

Für Anfang Juni 2006 hatten mehrere Schwulenorganisationen erneut eine „Parade der Gleichheit“ angemeldet. In den Vorjahren hatte Kaczynski im Amt des Bürgermeisters von Warschau mehrmals diese Parade verboten, weil sie „die Religion beleidige“ oder nach seiner Überzeugung die damit verbundenen Verkehrsprobleme unlösbar seien. Kaczynski sprach sich wiederholt gegen die Gleichberechtigung Homosexueller aus.[18]

Aufgrund dieser Vorfälle kam es 2007 zum Bruch zwischen der LPR und der Allpolnischen Jugend.[19]

Vorsitzende[Bearbeiten]

  • Roman Giertych (1989–1994)
  • Damian Pukacki (1994–1995)
  • Dariusz Wasilewski (1995–1997)
  • Piotr Sosiński (1997–1999)
  • Wojciech Wierzejski (1999–2000)
  • Maciej Twaróg (2000–2002)
  • Piotr Ślusarczyk (2002–2004)
  • Radosław Parda (2004–2005)
  • Marcin Kubiński (2005)
  • Krzysztof Bosak (2005)

Die Allpolnische Jugend heute[Bearbeiten]

Die Organisation setzt sich zum Ziel, den Menschen im katholischen und nationalistischen Geist zu erziehen. Die politische Aktivität gehört nicht zu ihren offiziellen Zielen. Die Mitglieder dürfen politische Ämter bekleiden, aber nicht im Namen der Organisation. Um ihre Ziele zu erfüllen organisiert die Allpolnische Jugend unter anderem

  1. schulische Lager zum Zweck der Schulung und Entspannung, bei denen folgende Aktivitäten abgehalten werden:
    • Vorträge zu historischen und politischen Themen
    • Treffen mit Aktivisten der nationalistischen Bewegung der Vorkriegszeit und anderen geladenen Gästen
    • Sportliche Wettbewerbe
    • Konzerte
    • Besichtigung von Denkmälern
    • Heilige Messen und Wallfahrten
    • historische und literarische Jugendwettbewerbe.
  2. öffentliche Kampagnen wie die Kampagne „Kocham Polskę“ (Ich liebe Polen), ein öffentliches Projekt, welches den so genannten „neuen Patriotismus“ fördern und vor allem junge Menschen ansprechen sollte. Die Kampagne bestand in der Organisation von Pressekonferenzen, dem Verteilen von Handzetteln und Kugelschreibern mit dem Logo der Kampagne sowie dem Aufhängen von Plakaten. Sie wurde in zahlreichen polnischen Städten durchgeführt.
  3. pädagogisch-informative Kampagnen in Sachen der Entwicklung von Unternehmen im westlichen Küstengebiet. Die Aktion begann mit einer Pressekonferenz. Man bereitete 10.000 informative Handzettel sowie Materialien über Programme zur Unterstützung und Entwicklung der Region. Dieses Material wurde in Arbeitsämtern sowie in höheren Lehranstalten mehrerer Städte verteilt.
  4. das Feiern von Nationalfeiertagen und anderer wichtiger Jahres- und Feiertage
  5. das Sammeln von Spenden für arme Kinder und im Westen lebende Polen
  6. das Anti-Abtreibungstelefon des Vertrauens, bei dem man Informationen über Abtreibungsaktivitäten im Untergrund melden kann. Zum selben Zweck wurde ein spezielles Postfach eingerichtet. (Seit 1993 gibt es in Polen restriktive Abtreibungsgesetze, die einen Schwangerschaftsabbruch nur aus streng medizinischen Gründen sowie wegen Vergewaltigung oder Missbildung des Fötus erlauben.)
  7. die Aktion „Stoppt Pornographie“, die sich für ein Verbot des Ausstellens pornographischer Inhalte in der Öffentlichkeit ausspricht.
  8. kostenlose Nachhilfe für Kinder aus den ärmsten Familien

Sprachliche Mittel[Bearbeiten]

Bei öffentlichen Debatten bedient sich die Allpolnische Jugend gegenüber den Gegnern ihrer Ideologie einer aggressiven, provozierenden und hasserfüllten Sprache - ein Beispiel sind ihre Bezeichnungen für Homosexuelle als „Schwuchteln“, „Perverse“, „Degenerierte“ und „Pädophile“. Diese Terminologie weicht von der anderer Gegner der Homosexuellen, wie z.B. der Regierungspartei „Prawo i Sprawiedliwość“ (Recht und Gerechtigkeit), ab. Diese aggressive Sprache der Allpolnischen Jugend kann man nicht nur in Interviews ihrer Mitglieder in den Medien hören, sondern auch auf ihrer Homepage nachlesen.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Allpolnische Jugend – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Quelle[Bearbeiten]

Dieser Artikel basiert auf einer Übersetzung aus der polnischen Wikipedia (Quelle: Młodzież Wszechpolska) und wurde redigiert und ergänzt.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Eva Spanka, Andreas Kahrs: Die Bewegung marschiert. In: Osteuropa 64. Jahrgang, S. 129-140. S. 137 f, abgerufen am 19. November 2015 (pdf).
  2. Jörg Winterbauer: "Polen ist ein Ort der deutschen Expansion. Schrecklich." Die Welt, 13. November 2015, abgerufen am 19. November 2015.
  3. Paul Flückiger: Polen im nationalistischen Taumel. Der Tagesspiegel, 11. November 2015, abgerufen am 19. November 2015.
  4. Krawalle mit Dutzenden Verletzten: Innenministerin lobt Polizeieinsatz in Warschau. Spiegel Online, 12. November 2014, abgerufen am 19. November 2015.
  5. René Garzke: Neonazi-Schmierereien im Karl-Liebknecht-Stadion. Potsdamer Neueste Nachrichten, 26. Oktober 2014, abgerufen am 19. November 2015.
  6.  Klaus Ziemer: Das politische System Polens: Eine Einführung. Springer VS, Wiesbaden 2013, ISBN 978-3-531-13595-3, S. 214, doi:10.1007/978-978-3-531-94028-1.
  7. Olaf Sundermeyer: Polen: Party unter brennendem Hakenkreuz. Spiegel Online, 6. Dezember 2006, abgerufen am 19. November 2015.
  8. Rainer Mende: Die polnische Jugend. In: Länderanalysen. Deutsches Poleninstitut, Forschungsstelle Osteuropa und Deutsche Gesellschaft für Osteuropakunde, 19. Februar 2008, S. 6, abgerufen am 19. November 2015 (pdf).
  9.  Matthias Guttke, Peter Kosta, Gerda Haßler, Lilia Schürcks, Nadine Thielemann (Hrsg.): Strategien der Persuasion in der schriftkonstituierten politischen Kommunikation. Dargestellt an Parteiprogrammen der Neuen Rechten in Polen. Peter Lang, Frankfurt am Main 2010, ISBN 978-3-631-60457-1, S. 5 f. (zugleich Dissertation an der Universität Potsdam, 2009).
  10. Magdalena Gebala: Gefangen im eigenen Mythos? In: Schriftenreihe des Interdisziplinären Zentrums für Bildung und Kommunikation in Migrationsprozessen (IBKM) an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg Nr. 61. Rudolf Leiprecht, Inger Petersen, Winfried Schulz-Kaempf, 2012, S. 82, abgerufen am 19. November 2015 (pdf, siehe Fußnote auf Seite 82).
  11. Rechtsextremismus in Europa - Länderanalysen, Gegenstrategien und arbeitsmarktorientierte Ausstiegsarbeit. Ralf Melzer, Sebastian Serafin, S. 15, abgerufen am 19. November 2015 (pdf).
  12. Rafal Jerzy Skarbek-Kozietulski: Der Populismus als Hinterlassenschaft des Realsozialismus? Soziale und politische Aspekte des „populistischen Moments“ in Polen nach 1989. In: Diplomarbeit an der Universität Wien. Januar 2012, S. 71, abgerufen am 19. November 2015 (pdf).
  13. Karl-Heinz Gräfe: Die Geister der Vergangenheit sind auch in Polen zurückgekehrt. Rosa-Luxemburg-Stiftung, September 2001, S. 811 f, abgerufen am 19. November 2015 (pdf).
  14. Nationalistische Propaganda an polnischen Schulen. Der Standard, 20. Oktober 2005, abgerufen am 19. November 2015.
  15. Katarzyna Stoklosa: Die Gefahr Deutschland. Sächsische Zeitung, 4. Juli 2005, abgerufen am 19. November 2015.
  16. Lucyna Kopciewicz: Manifa und 8. März in Polen - Medienecho und Erfahrungen verschiedener Generationen. In: Gender : Zeitschrift für Geschlecht, Kultur und Gesellschaft 4 2012. 2012, S. 130-137, abgerufen am 19. November 2015 (pdf).
  17.  Anika Keinz: Polens Andere. Verhandlungen von Geschlecht und Sexualität in Polen nach 1989. transcript, Bielefeld 2008, ISBN 978-3-8376-1011-6, S. 160 f. (Zugleich Dissertation 2007 an der Humboldt Universität Berlin).
  18. Beck will auch in Warschau für Rechte Homosexueller eintreten. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30. Mai 2006, abgerufen am 19. November 2015.
  19.  Claudia Globisch, Agnieszka Pufelska, Voker Weiß (Hrsg.): Die Dynamik der europäischen Rechten. Geschichte, Kontinuitäten und Wandel. 1. Auflage. VS, Wiesbaden 2011, ISBN 978-3-531-17191-3, S. 82 f..