Anarchismus in der Türkei

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Lage der Türkei (rot)

Der Anarchismus in der Türkei ist relativ jung gegenüber den westeuropäischen libertären Bewegungen.

Seine Vorläufer hatte er mit der um 1910 erschienenen Zeitschrift İştirak mit dem Untertitel Journal Socialiste. Diskussionen über Anarchismus, Marxismus, Anarchosyndikalismus und Sozialismus wurden darin veröffentlicht. Der aus İzmir stammende Anarchist Baha Tevfik veröffentlichte 1913 das Buch Philosophie des Individuums. Tevfik gab auch die satirische Zeitschrift Eşek („Der Esel“) heraus, die mehrfach verboten wurde. 1935 wurde das Buch Ethik des Anarchisten Pjotr Kropotkin verlegt. Dies waren die ersten Impulse libertären Gedankengutes. Praxisorientierte libertäre Gruppen und anarchistische Pressemedien entstanden erst Mitte der 1980er Jahre.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anarchism in Turkey A Short History of Anarchism in Turkey, London, Karambol Publications, 1994.

Die Geschichte der Republik Türkei begann nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches im Oktober 1923. Anfang der 1920er Jahre war die Ideologie des Kommunismus und Marxismus stark verbreitet und 1921 waren die Kommunisten den Verfolgungen von staatlicher Seite ausgesetzt. Die libertären Ansätze türkischer Intellektueller konnten sich zu dieser Zeit aufgrund der autoritären Staats- und Gesellschaftsverhältnisse nicht manifestieren. Dies änderte sich langsam Mitte der 1960er Jahre mit dem Einfluss der internationalen Jugendrevolte, die Studentenproteste, Friedensbewegung, Demonstrationen, Yippies, Hippies, Feminismus,[1] Kriegsdienstverweigerung[2] und andere politische Bewegungen hervorbrachte oder propagierte. Kriegsdienstverweigerung und Feminismus sind weiterhin in der Türkei aktuell. Demokratisierung, Neuwahlen, der Einfluss des Militärs und Parteineugründungen fanden in der Türkei zwischen 1960 und 1980 statt. Die Frauenrechte in der Türkei waren ein großes Diskussionsthema in den 1960er und 1970er Jahren.

Ähnlich wie in Deutschland und anderen Ländern war mit dem Einfluss der internationalen Protest- und Widerstandsbewegungen eine Gegenkultur in der Türkei mit einer größeren Anzahl verschiedenster linker Ideologien entstanden, die auch Aspekte des Anarchismus mit einbezog.[3] Ebenfalls in der Türkei waren libertäre Zeitungen und Zeitschriften als Gegenöffentlichkeit das geeignete Mittel, um die Meinungen der einzelnen Gruppen zu verbreiten.[4]

Printmedien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1960 erschien die Zeitschrift Yeni Ufuklar („Neue Horizonte“) mit Artikeln über den Anarchismus. Ein Jahr später wurden Was ist das Eigentum von Pierre-Joseph Proudhon und Michail Bakunins Staatlichkeit und Anarchie (kein genaues Erscheinungsdatum angegeben) verlegt. Anfang der 1970er Jahre erschienen kurzzeitig die Zeitschrift Yeni Olgu („Neue Tatsache“) und das Monatsmagazin Akıntıya Karşı („Gegen den Strom“) mit antiautoritären Inhalten.

In Deutschland erschienen in türkischer Sprache die Zeitschriften İsyan (deutsch: „Rebellion“) mit einer Auflage von 1000 Exemplaren (1981), Anarko (1981–1983), Isyán Bayragi (1985/1986. Deutsch: „Fahne der Rebellion“), Anarsizmbugün (1986/1987. Deutsch: „Anarchismus heute“) und Dogrudan Eylem (1988/1989. Deutsch: „Direkte Aktion“).

In Istanbul wurde mit durchschnittlich 1000 Exemplaren und zwölf Ausgaben 1984 die Zeitschrift Kara („Schwarz“) verlegt, die anarchistisches Gedankengut verbreitete. Wahrscheinlich ebenfalls 1984 erschien Akıntıya Karşı mit nur zwei Ausgaben.[5] Die in den 1990er Jahren verlegte libertäre Zeitschrift Sokak („Straße“) mit einer Auflage von 10.000 Exemplaren musste nach drei Beschlagnahmungen ihr Erscheinen einstellen. Mit einer antimilitaristischen Einstellung wurde Ateş Hırsızı („Feuerdieb“) 1993 herausgegeben.[6]

Die erste Ausgabe von Amargi erschien im Dezember 1991 mit dem Ziel eine gemeinsame Zeitschrift für alle Anarchisten zu realisieren. Das Vorhaben scheiterte nach 14 Ausgaben. Aus früheren Zeitschrifteninitiativen schlossen sich 2001 mehrere Anarchisten zusammen und gründeten Kara mecmuA („Schwarze Zeitschrift“). Sie erschien mit zehn Ausgaben und wurde 2004 eingestellt. Darüber hinaus gab es zwei libertäre Literaturzeitschriften: Beyaz (1982) und göcebo (1995). Im libertären Verlag Birey Yayınları wurden circa Mitte der 1990er Jahre Bücher unter anderem zu den Themen Pazifismus und Antimilitarismus verlegt. Auch wurden Bücher von Emma Goldman, Buenaventura Durruti, Murray Bookchin und Paul Feyerabend in verschiedenen anderen Verlagen herausgegeben. Von George Woodcock liegt das Buch Anarşizm („Anarchism“) in mehreren Auflagen vor.[7][8] 1999 erschien „Anarşizmin Bugünü“ im Istanbuler Verlag Ayrıntı Yayınları. Es war die Übersetzung des Buches „Anarchismus heute. Positionen“, das 1991 von Hans Jürgen Degen im Verlag Schwarzer Nachtschatten (Bösdorf) herausgegeben wurde.[9]

Unter dem Titel otkökü[10] („Graswurzel“) erschien diese Zeitschrift 2001 mit einer Auflage von 5500 Exemplaren als deutsch/türkische Beilage der Graswurzelrevolution in den Ausgaben 257 und 260.[11]

Gruppen und Organisationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1998 wurde die anarchistische Jugendföderation Anarşist Gençlik Federasyonu mit den Schwerpunkten Ökologie, Antikapitalismus, Antisexismus und Anarchismus gegründet. Die Gruppe war für die Direkte Aktion, organisierte Demonstrationen und Protestaktionen. In Ankara organisierten 1999 Anarchisten eine „Kultur-Kooperative“ als Diskussionsplattform für Kommunistischen Anarchismus, Anarchosyndikalismus, Anarchafeminismus[12] und Panarchismus. Es bestanden in den 1990er Jahren drei Organisationen, die eng miteinander zusammenarbeiteten: die Otonom A, Karakök Autonome und das heute noch bestehenden Anarchistische Kollektiv Ankara (AKA), das sich unter anderem mit Wehrdienstverweigerung, Antimilitarismus und Pazifismus beschäftigt.[13]

Türkische Anarchisten aus der Schweiz und Süddeutschland sind über das Forum deutschsprachiger AnarchistInnen Mitglied der Internationale der Anarchistischen Föderationen.[14]

In Istanbul gründeten Libertäre 2001 die Initiative gegen Unterdrückung und Krieg – Istanbul („TSK-I“). Der Art-Workshop Schwarzer Treffpunkt („Kara Kalem Sanat Atölyesi“) organisierte in Ankara ein Antimilitaristisches Festival und eine Pressekonferenz. Im September 2000 wurde von der KAOS GL,[15] einer libertären Schwulen- und Lesbischengruppe, das erste Homosexuelle Zentrum unter dem Namen Kaos Kültür Merkezi („Chaos-Kultur-Zentrum“) eröffnet. Homosexualität in der Türkei ist nicht strafbar.[16][17] 1993 wurde Lambda Istanbul gegründet, eine Vereinigung für LGBT, mit Kulturzentrum und einer Bibliothek.[18]

Der Anarchosyndikalismus konnte sich in der Türkei bislang nicht organisatorisch entfalten. In verschiedenen Gruppen wurden Diskussionen ebenfalls über den Postanarchismus geführt, so schrieb der Autor Jürgen Mümken: „Aber auch z.B. in Brasilien oder in der Türkei findet eine Diskussion über den Postanarchismus statt. Der postanarchistische Diskurs ist eine Reaktion auf die gesellschaftlichen Transformationsprozesse der letzten Jahrzehnte“.[19]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weiterführende Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Bernd Drücke (Hrsg.): Ja! Anarchismus. Gelebte Utopie im 21. Jahrhundert. Interviews und Gespräche. Otkökü – Graswurzelbewegung in der Türkei. Ein Interview mit dem Kriegsdienstverweigerer Osman Murat Ülke. Karin Kramer Verlag, Berlin 2006, ISBN 3-87956-307-1.
  • Manfred Horn: Merhaba Deutschland: bilinguale, deutsch- und türkischsprachige Print- und Hörfunkmedien in der Bundesrepublik. Unter anderem zur Geschichte der Zeitschrift Otköku. Ibidem-Verlag, Stuttgart 2004, ISBN 3-89821-362-5.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Datenbank des deutschsprachigen Anarchismus (DadA)

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Vgl. hierzu: Graswurzelrevolution Nr. 323, November 2007. Antimilitarismus und Feminismus in der Türkei. Ein Interview mit der Bewegungsaktivistin Ferda Ülker. Interview: Gisela Notz.
  2. Vgl. hierzu: Graswurzelrevolution Nr. 366, Februar 2012. Autor: Rudi Friedrich, „Spagat mit offenem Ausgang. Kriegsdienstverweigerung in der Türkei und der Machtkampf zwischen Regierung und Armee“. Unter anderem über Osman Murat Ülke. Zitat: „Die Türkei erkennt das Recht auf Kriegsdienstverweigerung nicht an. Jeder türkische Mann ist mit 20 Jahren zur Ableistung des Militärdienstes verpflichtet. Kriegsdienstverweigerer, die die Ableistung des Militärdienstes verweigern, werden wegen Befehlsverweigerung angeklagt und nach Verbüßung der Haftstrafe erneut einberufen“.
  3. Geschichte des Anarchismus in der Türkei. Abgerufen am 9. Februar 2012.
  4. Vgl. hierzu auch für einzelne türkische Zeitschriften und Zeitungen: Anarchistischer Taschenkalender, 1997. Ausgaben: Juli/August, August/September und September/Oktober 1997. Schwarzrotbuch Verlag, Berlin 1997.
  5. Interview von Bernd Drücke mit Osman Murat Ülke. Zitat: „Osman Murat Ülke: Wenn ich mich nicht irre, erschien die Zeitschrift Akintiya Karsi (Gegen den Strom) 1984. Das war eine Zeit, in der sich die sozialen Bewegungen nach dem Putsch noch kaum gesammelt hatten. Das eigentliche Erwachen fand erst 1987 statt. Daher ist Akintiya Karsi für mich ein wichtiges Phänomen. Sie war nicht ausdrücklich anarchistisch, aber sicher libertär. Es erschienen zwei Ausgaben“.
  6. Vgl. hierzu: Bernd Drücke, Die anarchistischen Feuerdiebe. Libertäre Gegenöffentlichkeit in der Türkei. In: Graswurzelrevolution Nr. 236, Februar 1999, S. 6.
  7. Anarchismus in Anatolien (Türkei) 2000. Informationen über Zeitschriften, Gruppen und Verlage wurden diesem Artikel entnommen. Abgerufen am 9. Februar 2012
  8. Vgl. hierzu auch die libertäre Zeitschrift Horror Vacaui, Berlin 1979/1980. S. 2, 3, 4 und 6.
  9. Anarsizmin-Bugunu. Abgerufen am 15. April 2012
  10. Otkökü als zweisprachiges Printmedium. In: Graswurzelrevolution vom 14. Oktober 2002. Auszug aus dem Buch „Merhaba“ (Ibidem-Verlag). Abgerufen am 9. Februar 2012
  11. Vgl. hierzu: Bernd Drücke, Ot Kökü – Graswurzelbewegung in der Türkei. Ein Gespräch mit dem Anarchisten und Kriegsdienstverweigerer Osman Murat Ülke. In: Graswurzelrevolution Nr. 253, November 2000, S. 1, 6ff.
  12. Anarchafeminismus und Militärdienstverweigerung. Abgerufen am 9. Februar 2012.
  13. Interview mit türkischen AnarchistInnen (PDF; 3,8 MB). In der Zeitschrift Gǎi Dào, Nr. 2, 2012. Abgerufen am 11. Oktober 2012
  14. Geschichte des Anarchismus in der Türkei. Von diesem Artikel wurden die Informationen über anarchistische Gruppen und Organisationen entnommen. Abgerufen am 8. Februar 2012.
  15. Lesbisch/schwule, dem Anarchismus nahestehende Gruppe. In türkischer und englischer Sprache. Abgerufen am 8. Februar 2012.
  16. Das A im Halbmond – Anarchismus in der Türkei. Informationen über anarchistische Organisationen und Gruppen wurde diesem Artikel entnommen. Abgerufen am 9. Februar 2012
  17. Interview von Bernd Drücke mit Osman Murat Ülke. Zitat: Osman Murat Ülke: „Die Schwulen- und Lesbenszene in der Türkei hat zwei größere und sehr stabile Gruppen hervorgebracht, die KaosGL in Ankara und Lambda in Istanbul. Beide Gruppen treten wirksam an die Öffentlichkeit und ergründen für die Türkei neue Diskussionsstränge“. Abgerufen am 9. Februar 2012.
  18. Lambdaistanbul. In türkischer Sprache. Abgerufen am 9. Februar 2012.
  19. Autor: Jürgen Mümken. Zum Thema Postanarchismus. Abgerufen am 8. Februar 2012.