Anders Tegnell

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Anders Tegnell (2020)

Nils Anders Tegnell (* 17. April 1956 in Uppsala, Schweden)[1] ist ein schwedischer Arzt und Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes. Er ist seit 2013 der Staatsepidemiologe der schwedischen Behörde für öffentliche Gesundheit (Folkhälsomyndigheten).[2]

Biographie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Tegnell wurde 1985 Arzt und spezialisierte sich auf Infektionskrankheiten. Später arbeitete er für die WHO in Laos, wo er bei Impfprogrammen mitwirkte.[3] Er erlangte im Jahr 2003 den Doktorgrad in Medizin an der Universität Linköping.[4] Im Jahr 2004 erlangte er einen Master of Science in Epidemiologie an der London School of Hygiene and Tropical Medicine.[5] Tegnell war von 2012 bis 2013 Abteilungsleiter des Schwedischen Instituts für übertragbare Krankheiten. Er ist seit 2013 Schwedens Staatsepidemiologe.[4]

Er wurde 2005 Mitglied der Königlich-Schwedischen Akademie der Kriegswissenschaften (Kungliga Krigsvetenskapsakademien).[4]

Schweinegrippe-Kontroverse[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Tegnell wurde im März 2019 wegen seines Vorgehens in dem von ihm mitentschiedenen Massenimpfprogramm gegen die Schweinegrippe kritisiert. Von 5 Millionen um das Jahr 2009 geimpften Schweden führte die Impfung bei ca. 500 jüngeren Patienten zu einer Narkolepsie.[6] Narkolepsie ist eine Tagesschläfrigkeit, die zur Gruppe der Schlafsüchte zählt. Tegnell nahm die Ergebnisse durchwachsen auf und sagte über den Impfstoff Pandemrix, von dem seit 2009 bekannt ist, dass er neurologische Veränderungen hervorrufen kann: „Es ist schwierig, 400 Kinder mit Narkolepsie gegen 100 Tote aufzuwiegen.“ Seiner Ansicht nach kam die Kritik an ihm „von selbsternannten Experten ohne Fachkenntnisse“, die „denken, sie wüssten mehr als die Behörden“.[7]

COVID-19-Pandemie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Tegnell spielt im Umgang Schwedens mit COVID-19 eine entscheidende Beraterrolle. Schweden erließ für Heimkehrer aus Risikogebieten keine Quarantäne und hielt Kitas, Grundschulen, Geschäfte, Restaurants und Grenzen offen. Tegnell setzte auf die freiwilligen Maßnahmen der Bevölkerung: „Das Wichtigste, was wir jetzt machen können, ist zuhause zu bleiben, wenn wir uns krank fühlen. Das sagen wir jeden Tag und werden das weiter tun, solange die Epidemie anhält, denn das ist die Grundlage für alles, was wir tun“, zitierte ihn die Tagesschau.[8]

Tegnell plädierte im April für die Aufrechterhaltung des Schulbetriebs, weil Aktivität wichtig sei für die körperliche und seelische Gesundheit der jüngeren Generation. Für eine wirkungsvolle Schließung sei es bereits zu spät.[9] Er sagte, alle Maßnahmen sollten für die Bevölkerung auch über einen längeren Zeitraum durchzuhalten sein; andernfalls fürchte er schwindenden Rückhalt in der Bevölkerung. Für seine im Ländervergleich geringen Maßnahmen gegen COVID-19 erhielt Tegnell auch aus Fachkreisen Kritik, beispielsweise von Frederik Elgh, Professor für Virologie an der Universität Umeå.[10]

Anfang April wurden in jedem dritten Stockholmer Pflegeheim Infizierte nachgewiesen. Tegnell hatte zuvor für die freiwillige Isolation älterer Menschen plädiert. Er nannte dies „bedauerlich“, lehnte einen Kurswechsel ab und nannte die schwedische Strategie nach wie vor erfolgreich.[11]

Tegnell äußerte im April auch, das neuartige Coronavirus SARS-CoV-2 sei nicht aufzuhalten und man müsse die Kurve flach halten, um Krankenhäuser nicht zu überlasten. Tegnell hatte von Anfang an auch die sozialen Folgen im Blick: Die Einschränkungen sollten nicht zu streng sein, damit die Menschen auch bereit sind, sie über Monate zu akzeptieren. Zudem hoffte er darauf, dass auf diese Weise genug widerstandsfähige Menschen an Covid-19 erkranken, um eine Immunität gegen den Erreger zu entwickeln.[12] Mitte April äußerte er die Erwartung, in Teilen Schwedens könne schon im Mai 2020 eine Herdenimmunität erreicht werden.[13]

Er betonte zugleich, sein Vorgehen strebe keinesfalls Herdenimmunität aktiv an: “We believe herd immunity will of course help us in the long run … but it’s not like we are actively trying to achieve it as has been made out (by the press and some scientists). If we wanted to achieve herd immunity we would have done nothing and let coronavirus run rampant through society.[14]

Im Mai 2020 deutete er mehrmals Zweifel am schwedischen Umgang mit der Coronavirus-Pandemie an.[15] Am 3. Juni 2020 sagte Tegnell, es wäre besser gewesen, von Beginn an mehr Maßnahmen zu ergreifen.[16] Er wollte auf Nachfrage nicht sagen, was genau man in Schweden hätte anders machen sollen.[17] Im Juni 2020 verteidigte Tegnell seine Vorgehensweise trotz vieler Todesfälle in schwedischen Pflegeheimen und keinem nachhaltigen Rückgang bei der täglichen Zahl der Neuinfektionen. Die Anfang Juni sprunghaft gestiegene Zahl der registrierten Neuinfektionen sei eine Folge der gestiegenen Zahl an Tests.[18]

Am 24. Juni 2020 bereute er in einem Interview einen Teil seiner Strategie im Umgang mit dem Coronavirus. Der Schutz vor einer Ansteckung der Älteren in schwedischen Pflegeeinrichtungen sei gescheitert und die Todesrate „schrecklich“. „Wir dachten vermutlich, dass unsere alters-segregierte Gesellschaft uns erlauben würde, eine Situation zu vermeiden wie in Italien, wo verschiedene Generationen häufiger zusammenleben. Das erwies sich aber als falsch.“[19][20]

Am 10. August 2020 sagte Tegnell vor dem Hintergrund in Schweden stark gefallener Infektionszahlen zu einer allgemeinen Maskenpflicht: „Das Resultat, das man durch die Masken erzeugen konnte, ist erstaunlich schwach, obwohl so viele Menschen sie weltweit tragen. Es überrascht mich, dass wir nicht mehr oder bessere Studien darüber haben, welche Effekte die Masken tatsächlich herbeiführen. Länder wie Spanien oder Belgien haben ihre Bevölkerung Masken tragen lassen – trotzdem gingen die Infektionszahlen hoch. Zu glauben, dass Masken unser Problem lösen können, ist jedenfalls sehr gefährlich.“[21]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Sveriges Släktforskarförbund (Hrsg.): Sveriges befolkning 1980. CD-ROM, version 1.00, 2004.
  2. Christian Stichler: Die Welt steht still. Nur Schweden nicht. In: Die Zeit. 24. März 2020, abgerufen am 25. März 2020.
  3. Mikael Delin: Statsepidemiolog Anders Tegnell: Sverige har väldigt svårt att acceptera risker. In: Dagens Nyheter. 11. März 2020.
  4. a b c Björn Anderson: Kungl Krigsvetenskapsakademien. Svenska Krigsmanna Sällskapet (till 1805), Kungl Krigsvetenskapsakademien. 20 år med akademien och dess ledamöter 1996–2016. Stockholm 2016, S. 61.
  5. European Communities: Europass curriculum vitae of Tegnell Anders. (PDF) 2003, abgerufen am 1. April 2020 (englisch).
  6. Hundratals unga fick narkolepsi av vaccin. Abgerufen am 6. April 2020 (schwedisch).
  7. Tegnell defends vaccination that gave 500 young Swedes narcolepsy. In: Eng News 24h. 8. März 2020, abgerufen am 6. April 2020 (amerikanisches Englisch).
  8. Sofie Donges: Schwedische Gelassenheit. Tagesschau, 21. März 2020, abgerufen am 25. März 2020.
  9. Marta Paterlini: ‘Closing borders is ridiculous’: the epidemiologist behind Sweden’s controversial coronavirus strategy. In: Nature. Band 580, 21. April 2020, S. 574–574, doi:10.1038/d41586-020-01098-x (nature.com [abgerufen am 30. April 2020]).
  10. Jon Henley: Swedish PM warned over ‘Russian roulette-style’ Covid-19 strategy. The Guardian, 23. März 2020, abgerufen am 26. März 2020 (englisch).
  11. Kai Strittmatter: Schweden stellt sich auf härtere Pandemie-Regeln ein. Abgerufen am 6. April 2020.
  12. Kai Stoppel: Hat Schweden am Ende recht gehabt? In: n-tv.de. Abgerufen am 16. April 2020.
  13. Jack Wright: Sweden could have ‘herd immunity’ by next month, claims its infectious diseases chief amid as deaths stay low despite relaxed lockdown measures. In: Daily Mail Online. 19. April 2020, abgerufen am 20. April 2020 (englisch).
  14. Swedish official Anders Tegnell says 'herd immunity' in Sweden might be a few weeks away. In: USA Today. 28. April 2020, abgerufen am 19. Juni 2020.
  15. Sven Lemkemeyer: „Wir sind in einer schrecklichen Situation gelandet“. In: tagesspiegel.de. 25. Mai 2020, abgerufen am 7. Juni 2020.
  16. Andreas Söderlund, Jenny Rydberg: Tegnell: ”Svenska strategin är bra”. In: SVT Nyheter. 3. Juni 2020 (svt.se [abgerufen am 3. Juni 2020]).
  17. Sven Lemkemeyer: Schwedens Chef-Epidemiologe räumt Fehler in Coronakrise ein. In: tagesspiegel.de. 3. Juni 2020, abgerufen am 7. Juni 2020.
  18. Ditmar Pieper: Schwedens tödlicher Corona-Irrtum. In: spiegel.de. 20. Juni 2020. Abgerufen am 20. Juni 2020.
  19. Sveriges Radio: Anders Tegnell - Sommar & Vinter i P1. In: sverigesradio.se. Abgerufen am 25. Juni 2020 (schwedisch).
  20. Anette Holmqvist: Anders Tegnell självkritisk i Sommar i P1: Dödstalen borde ha kunnat undvikas. In: aftonbladet.se. Abgerufen am 25. Juni 2020 (schwedisch).
  21. bild.de