Anschläge in Wolgograd 2013

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Im Zeitraum von Oktober bis Dezember 2013 kam es in der russischen Stadt Wolgograd (Oblast Wolgograd) zu einer Serie mehrerer Selbstmordanschläge, die in Zusammenhang mit den im Februar 2014 stattfindenden Olympischen Winterspielen in Sotschi gebracht werden.

Bei den Attentaten wurden insgesamt 40 Zivilisten getötet und mehr als 120 verletzt.

Vorgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Juli 2013 veröffentlichte Doku Umarow, selbsternannter „Emir“ des (nicht anerkannten) Kaukasischen Emirats, ein Video mit dem Aufruf, die Olympischen Spiele 2014 „mit allen Mitteln“ zu verhindern. Seine Anhänger sollten dieses Ziel mit „maximaler Gewalt“ durchsetzen.[1]

Umarow, vom Ausschuss des UN-Sicherheitsrats für Aktionen gegen al-Qaida auf die Liste der Terroristen gesetzt,[2] bekannte sich unter anderem zu den Anschlägen auf die Moskauer Metro 2010[3] sowie zu jenem auf den Flughafen Moskau-Domodedowo 2011.[4]

Für alle drei (im Folgenden geschilderten) Anschläge in Wolgograd machen sowohl ermittelnde Behörden als auch die Regierung Islamisten aus dem Nordkaukasus verantwortlich, auch wenn diese sich bisher (30. Dezember 2013) nicht zu den Anschlägen bekannt haben.

Der durch die Bombe im Oktober zerstörte Linienbus

Anschlag auf einen Linienbus am 21. Oktober[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 21. Oktober sprengte sich eine Frau in einem Linienbus in Wolgograd in die Luft und tötete dabei sieben[5] weitere Menschen. 37 wurden verletzt.[6] Laut russischen Behörden handelte es sich bei der Attentäterin um die 30-jährige Naida Assijalowa. Sie wird von den Medien als schwarze Witwe bezeichnet, da sie die Witwe von Dmitri Sokolow, einem Terroristen aus Machatschkala, der Hauptstadt der russischen Teilrepublik Dagestan im Nordkaukasus, war.[7][8]

Der Bahnhof von Wolgograd (2005)
Das Eingangsportal zum Bahnhof nach der Explosion

Anschlag auf den Bahnhof am 29. Dezember[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 29. Dezember kam es um 12:45 Uhr Ortszeit (09:45 Uhr MEZ) am Bahnhof von Wolgograd zu einer Explosion, die mindestens 18 Menschen in den Tod riss. 50 weitere wurden verletzt, etwa die Hälfte davon schwer.[9][10]

Behörden gingen zunächst von Oxana Aslanow als Attentäterin aus. Sie soll eine enge Verbündete von Naida Assijalowa, der Täterin des Anschlags im Oktober, gewesen sein und gilt ebenso als schwarze Witwe, da sie bereits mit zwei bereits verstorbenen Militanten aus Dagestan verheiratet war. Diese Theorie wurde auch dadurch bestätigt, dass man in der Nähe des Tatortes ein Kopftuch einer Frau gefunden hat. Später wurde ein mit Granatsplittern versehener abgetrennter Finger eines Mannes entdeckt, der dafür spricht, dass es sich beim Attentäter um einen Mann handelte. Ermittler schließen auch die Möglichkeit zweier Attentäter (ein Mann, eine Frau) nicht aus.[11]

Die Sprengkraft der Bombe entsprach laut Ermittlern der von zehn Kilogramm TNT. Die Bombe enthielt Nägel und Schrauben und detonierte nahe dem Eingang zum Bahnhofsgebäude. Der Attentäter, der die Bombe um seinen Körper geschnallt hatte, zündete diese unmittelbar vor dem Passieren eines Metalldetektors, als ein Polizist in seine Richtung schaute, sagen Ermittler. Dieser Umstand soll einigen Menschen das Leben gerettet haben, da sich in der Bahnhofshalle, unweit hinter den Metalldetektoren, zum Zeitpunkt der Explosion mehr Menschen aufhielten.[9]

Augenzeugen berichten, mehrere Menschen im Bahnhof seien von der Wucht der Explosion zurückgeschleudert worden. Beobachter außerhalb des Gebäudes dachten zunächst an einen Flugzeugabsturz.

Zerstörter Oberleitungsbus

Anschlag auf einen Oberleitungsbus am 30. Dezember[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Morgenverkehr des 30. Dezember kam es zu einer Explosion in einem Oberleitungsbus. Wladmir Markin, Sprecher der ermittelnden Behörden, bestätigte, dass es sich dabei um einen weiteren Selbstmordanschlag handelte. Ersten Berichten nach zu urteilen wurden dabei mindestens 16 Menschen getötet. Weitere wurden lebensgefährlich oder schwer verletzt. Der Oberleitungsbus befand sich zum Zeitpunkt der Detonation in unmittelbarer Nähe eines Supermarkts.[12]

Die Bombe hatte, wie die Bombe des Anschlags auf den Bahnhof am Tag davor, ebenfalls eine Wucht von zehn Kilogramm TNT und bestand aus Nägeln und Schrauben, weswegen man von denselben Hintermännern ausgeht.[13]

Auswirkungen und Reaktionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Russland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Regierung in Wolgograd sagte am 30. Dezember sämtliche öffentlichen Neujahrsfeierlichkeiten ab und verhängte Trauer bis einschließlich 3. Januar 2014. Auch einige Städte wie Sankt Petersburg kündigten an, auf größere Neujahrsfeste zu verzichten. Staatliche Fernsehsender strichen mehrere Unterhaltungsshows.[14]

Präsident Wladimir Putin beriet sich in Moskau mit Ministerpräsident Dmitri Medwedew über die Sicherheitslage. Putin verstärkte die Sicherheitsvorkehrungen an Bahnhöfen, Flughäfen und U-Bahnhöfen und beauftragte den Inlandsgeheimdienst FSB gegen die Drahtzieher zu ermitteln.

Das russische Außenministerium machte am 30. Dezember Islamisten für die Anschläge verantwortlich, die „unter der Flagge des Dschihad“ immer neue Kämpfer in einen „Terrorkrieg“ schicken.[15]

Am 1. Januar 2014 besuchte der russische Präsident Putin Wolgograd. Er leitete hier zuerst eine Beratung mit Vertretern lokaler Behörden und dem Chef des Inlandsgeheimdienstes FSB über das weitere Vorgehen im Kampf gegen den Terrorismus. Danach besuchte er den Tatort und im Anschluss daran die Opfer der Anschläge. Diesen sagte er finanzielle Hilfe für sie und die Hinterbliebenen der Opfer zu.[16]

International[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vereinte NationenUNO UNO: Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen verurteile die Anschläge als „abscheuliche und feige Handlungen“. Des Weiteren drückte General-Sekretär Ban Ki-moon Putin am Telefon sein Beileid aus und betonte dabei die Wichtigkeit internationaler Kooperationen in der Bekämpfung des Terrorismus.[17]

NATO NATO: „Es gibt keine Rechtfertigung für solche barbarischen Angriffe“, sagte Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen. „Die NATO und Russland stehen zusammen im Kampf gegen den Terrorismus.“[9]

IOCIOC IOC: Thomas Bach, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, drückte sein Mitgefühl in einem Brief an Putin aus und erklärte, er sei voller Zuversicht, dass Russland „ungefährliche und sichere Spiele in Sotschi“ garantieren würde.

Vereinigte StaatenVereinigte Staaten Vereinigte Staaten: Die Regierung der USA hat Russland ihre „volle Unterstützung in Sicherheitsvorbereitungen für die Olympischen Spiele in Sotschi angeboten“, sagt Caitlin Hayden, Pressesprecherin des Weißen Hauses, und betonte die „Solidarität mit dem russischen Volk gegen Terrorismus“.[18]

ChileChile Chile: Die chilenische Regierung bekräftigte, „dass der Terrorismus in all seinen Formen und Ausprägungen eine der größten Bedrohungen für Frieden und Sicherheit darstellt und dass alle terroristischen Handlungen verbrecherische und nicht zu rechtfertigende Taten sind - was auch immer ihr Grund ist und wer auch immer sie begeht“.[19]

KolumbienKolumbien Kolumbien: Das kolumbianische Ministerium für auswärtige Angelegenheiten verurteile die Terroranschläge und bekundete „sein Beileid an die Familien der Opfer“. Die Regierung Kolumbiens, so wurde mehrfach argumentiert, sei der Auffassung, dass „der Kampf gegen den Terrorismus eine Priorität für alle Staaten sein sollte“.[20]

DeutschlandDeutschland Deutschland: Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach Putin in einem Brief ihr Mitgefühl aus. Auch Bundespräsident Joachim Gauck betonte in einem Schreiben: „Ich verurteile diese hinterhältigen Akte des Terrorismus und der Zerstörung, die gegen die Menschlichkeit verstoßen. Auch im Namen meiner Landsleute möchte ich Ihnen meine tief empfundene Anteilnahme aussprechen.“[21]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Top-Terrorist ruft zu Anschlägen auf Winterspiele 2014 in Sotschi auf Focus, 3. Juli 2013, abgerufen am 30. Dezember 2013
  2. The Al-Qaida and Taliban Sanctions Committee (Memento vom 14. März 2007 im Internet Archive)
  3. Tschetschenischer Rebellenchef bekennt sich zu Anschlägen in Moskau. Spiegel online, 31. März 2010, abgerufen am 8. Februar 2011.
  4. Tschetschenen bekennen sich zum Anschlag von Moskau MDR, 8. Februar 2011
  5. Julia Smirnova: Das mörderischen Phantom von Wolgograd Die Welt, 30. Dezember 2013, abgerufen am 30. Dezember 2013
  6. В результате теракта в Волгограде ранены 37 человек – уточненные данные МЧС ITAR-TASS, 21. Oktober 2013, abgerufen am 30. Dezember 2013
  7. Volgograd suicide blast was planned for Moscow – Investigative Committee source Russia Today, 21. Oktober 2013, abgerufen am 30. Dezember 2013
  8. Tote bei Anschlag in Wolgograd: "Schwarze Witwe" soll Bombe in Bus gezündet haben Der Spiegel, 21. Oktober 2013, abgerufen am 30. Dezember 2013
  9. a b c Alla Eshcheko, Steve Almasy: Official: Suicide bomber kills 16 at Russian train station CNN, 29. Dezember 2013, abgerufen am 30. Dezember 2013
  10. Nagelbombe explodiert – 17 Tote in Wolgograd Focus, 30. Dezember 2013, abgerufen am 30. Dezember 2013
  11. Suicide bombing kills at least 17 in Russia's Volgograd Russia Today, 30. Dezember 2013, abgerufen am 30. Dezember 2013
  12. Consecutive Volgograd suicide bombing kills at least 15 Russia Today, 30. Dezember 2013, abgerufen am 30. Dezember 2013
  13. Jethro Mullen: Second deadly blast hits Russian city of Volgograd ahead of 2014 Sochi Olympics CNN, 30. Dezember 2013, abgerufen am 30. Dezember 2013
  14. Wieder Terroranschlag in Wolgograd, Mitteldeutsche Zeitung, 30. Dezember 2013, abgerufen am 30. Dezember 2013.
  15. Angst vor weiteren Anschlägen ORF, 30. Dezember 2013, abgerufen am 30. Dezember 2013
  16. Putin sagt Anschlagsopfern Hilfe zu (Memento vom 2. Januar 2014 im Internet Archive) tagesschau.de 1. Januar 2014, abgerufen am 1. Januar 2014
  17. Russia Bombings Kill 31, Raise Concern On Olympics NPR.org, 30. Dezember 2013, abgerufen am 30. Dezember 2013
  18. US Slams Volgograd Terror Attacks, Offers Sochi Help RIA Novosti, 30. Dezember 2013, abgerufen am 31. Dezember 2013.
  19. Gobierno de Chile condena atentados terroristas en Rusia Chilenische Regierung, 30. Dezember 2013, abgerufen am 31. Dezember 2013
  20. Comunicado del Ministerio de Relaciones Exteriores rechazando los atentados perpetrados en la Federación Rusa Kolumbianische Regierung, 30. Dezember 2013, abgerufen am 31. Dezember 2013
  21. Bombe im Bus - Wieder Terroranschlag im südrussischen Wolgograd Die Welt, 30. Dezember 2013, abgerufen am 31. Dezember 2013