Anton Kuh

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Emil Orlik: Anton Kuh, 1926

Anton Kuh (* 12. Juli 1890 in Wien;[1][2]18. Januar 1941 in New York) war ein österreichisch-jüdischer Journalist, Essayist, Erzähler und Redner.

Familie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anton Kuh stammte aus einer Prager Familie mit schriftstellerischer Veranlagung. Sein Vater Emil Kuh (1856–1912) war Redakteur und später Chefredakteur des Neuen Wiener Tagblatts. Sein Großvater David Kuh (1819–1879) war Journalist in Prag.[3]

Der Vater hatte Auguste Perlsee geheiratet und gemeinsam hatten sie neben Anton Kuh zwei weitere Söhne und drei Töchter, darunter Marianne Kuh[4] (1893–1948). Sie war mit dem Psychoanalytiker und Anarchisten Otto Gross befreundet; der Beziehung entstammt die uneheliche Tochter Sophie Templer-Kuh.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Unter seinem eigenen Namen und unter dem Pseudonym Yorick veröffentlichte Anton Kuh u. a. Satiren und zahlreiche kurze Prosastücke, in denen er sich im Sinne von Pazifismus und Demokratie kritisch, witzig und hellsichtig mit seiner Zeit auseinandersetzte. Kuh würdigte früh die überragende Bedeutung Franz Kafkas und sprach sich bereits in den 1920er Jahren prophetisch warnend gegen den aufkommenden rechten Zeitgeist aus. Bekannt war Kuh zu Lebzeiten vor allem als Vortragskünstler. Kurt Tucholsky nannte ihn einen „Sprechsteller“, was angesichts eines doch recht umfangreichen publizierten Œuvres nicht ganz zutreffend erscheint.

Eine von Kuhs bekanntesten Stegreifreden, Der Affe Zarathustras, eine am 25. Oktober 1925 im Wiener Konzerthaus gehaltene Polemik gegen Karl Kraus, ist nur durch stenografische Mitschriften überliefert. In ihr attackierte Kuh nicht nur die schauspielerhafte Eitelkeit und die Publikumsverachtung des Schriftstellers und Rezitators Kraus, sondern vor allem das elitär apolitische „Krausianertum“ seiner Anhängergemeinde:

Sie spazieren im Labyrinth seiner dunkel gewundenen Drehs wie Alumnen unter Klosterkreuzgängen. Wie kühl es da ist, wie weit weg von Moskau und Berlin

An einen Kraus-Jünger, Werke, Bd. 6, S. 184

Kuh lebte zunächst in Prag und Wien, zog dann 1928 nach Berlin, weil er

„lieber ‚in Berlin unter Wienern, statt in Wien unter Kremsern leben wollte“

Der unsterbliche Österreicher, Vorrede, Werke, Bd. 5, S. 10

Von den Nationalsozialisten als „Kulturbolschewik“ geschmäht, musste er Deutschland 1933 verlassen. Nach dem deutschen Einmarsch in Österreich emigrierte er 1938 in die USA. Kuh starb 1941 in New York an einem Herzanfall.

Aussagen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nur nicht gleich sachlich werden! Es geht ja auch persönlich.

Physiognomik, Werke, Bd. 5, S. 269

Anton Kuh war ein Meister im Erlangen von Vorschüssen für Essays und Glossen, die er durch einige brillante Sätze aus den Redakteuren herauszulocken verstand. Dabei hatte er nie die Absicht, die zugesagten Artikel zu liefern. Im Gegenteil: Er verachtete Kollegen, die Vorschüsse abarbeiteten. Einmal sagte er über Friedrich Torberg:

Das ist auch so ein unkollegialer Kollege. Er nimmt Vorschuss und liefert pünktlich. Ich habe ihn schon einige Male dabei ertappt.

Géza von Cziffra: Der Kuh im Kaffeehaus, Knaur TB 1049, Seite 20

Anton Kuh liebte seinen Nachnamen nicht. Vergebens pflegte er sich mit den Worten vorzustellen:

Kuh – alle Witze schon gemacht.

Friedrich Torberg: Auch Nichtraucher müssen sterben, Ullstein TB 20864, Seite 264

Auf den Vorwurf eines Freundes "Warum sind Sie immer so aggressiv, Anton?" gab er seine Philosophie preis:

Wenn einer Kuh heißt und ernst genommen werden will, muß er so tun, als wäre er ein Stier.

Géza von Cziffra: Der Kuh im Kaffeehaus, Knaur TB 1049, Seite 21

Nachwirkung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seine Werke wurden in den 1960er Jahren neu entdeckt. Im Jahr 2002 wurde in Wien Landstraße (3. Bezirk) der Anton-Kuh-Weg nach ihm benannt. 2016 erschien eine vom Wiener Literaturwissenschaftler Walter Schübler erstellte siebenbändige Werkausgabe, eine Biographie ist in Vorbereitung.

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erstausgaben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Juden und Deutsche, Berlin 1921 (Digitalisat)
  • Von Goethe abwärts. Essays in Aussprüchen, Leipzig, Wien Zürich 1922
  • Börne der Zeitgenosse. Eine Auswahl eingeleitet und herausgegeben von Anton Kuh, Leipzig u. Wien 1922
  • Der Affe Zarathustras, 1925
  • Der unsterbliche Österreicher, München 1931

Werkausgabe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Anton Kuh: Werke. Herausgegeben von Walter Schübler. Göttingen: Wallstein 2016 (Sieben Bände), ISBN 978-3-8353-1617-1.[5]

Sammelausgaben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Luftlinien. Feuilletons, Essays und Publizistik, hg. von Ruth Greuner, Löcker Verlag, Wien 1981 – ISBN 3-85409-022-6..
  • Zeitgeist im Literatur-Cafe. Feuilletons, Essays und Publizistik, neue Sammlung, hg. von Ulrike Lehner, Löcker Verlag, Wien 1985 – ISBN 3-85409-081-1.
  • Juden und Deutsche, Hg. und mit einer Einleitung von Andreas B. Kilcher. Löcker Verlag Wien 2003 – ISBN 3-85409-369-1.
  • Jetzt können wir schlafen gehen! Zwischen Wien und Berlin. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Walter Schübler. Metro-Verlag, Wien 2012. ISBN 978-3-99300-069-1. (Vier Dutzend bislang unveröffentlichte Texte, Gregor Auenhammer in: Tageszeitung Der Standard, Wien, 26. Mai 2012, Beilage Album, Seite A11)

Hörbücher[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Helmut Qualtinger: Österreichisches Lesebuch - Helmut Qualtinger liest Anton Kuh, Preiser Records, Wien, LP 1962 / CD 1988
  • Helmut Qualtinger: Helmut Qualtinger Liest Anton Kuh Folge 2, Preiser Records, Wien, LP 1981 / CD 1999
  • Stephan Paryla-Raky liest Anton Kuh: Der unsterbliche Österreicher AstorMedia, Wien 2007, ISBN 978-3-900277-19-2.
  • Helmut Lohner liest Anton Kuh: Sekundentriumph und Katzenjammer, Radio Österreich1, Edition Radio Literatur, CD ORF 1995.

Übersichten und Lexikonartikel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Oliver Bentz: Anton Kuh. In: Deutschsprachige Exilliteratur seit 1933, Bd. 3: USA, hrsg. von John M. Spalek, Konrad Feilchenfeldt und Sandra H. Hawrylchak, Teil 3, Bern und München 2002, S. 95–113.
  • Oliver Bentz: Anton Kuh. Kaffeehausliterat zwischen Prag, Wien und Berlin. Verlag Hentrich&Hentrich, Berlin 2017.
  • Oliver Bentz: Anton Kuh – Ein Hirnzigeuner von lukianischem Geblüt. Künstlerbuch mit einem biographischen Essay über Anton Kuh von Oliver Bentz und drei Porträtradierungen sowie einer Bronzemedaille mit dem Konterfei Anton Kuhs aus der Hand des Künstlers Thomas Duttenhoefer. Wien/Speyer 2010.
  • Franz Blei: Der Stegreifredner. In: Prager Tagblatt, 12. 1. 1929
  • Max Brod: Der Nietzsche-Liberale. In: Jüdische Rundschau, Jg. 26, 1921, Nr. 23/24, S. 163–164.
  • Elisabeth Nürnberger: Anton Kuh. Ein österreichischer, jüdischer Journalist und seine politische Berichterstattung in der Zwischenkriegszeit und im Exil. Dissertation, Universität Wien 1989
  • Walter Schübler: Weandorf. Anton Kuh und die Provinzialisierung der Metropole. In: Wolfgang Kos (Hg.): Kampf um die Stadt. Politik, Kunst und Alltag um 1930 [Katalog zur 361. Sonderausstellung des Wien Museums, 19. November 2009 bis 28. März 2010]. Wien 2009, S. 108–113.
  • Walter Schübler: A.E.I.O.U.? – L.M.I.A.! Anton Kuhs „Unsterblicher Österreicher“ – und sein sterblicher Nachfahr. In: Wespennest. Zeitschrift für brauchbare Texte und Bilder, Nr. 161, November 2011, S. 81–85.
  • Walter Schübler: Von G’schaftlhubern und Betriebsamkeitsfritzen: Anton Kuh über „Wien–Berlin“. In: Walter Schübler (Hg.): Anton Kuh: Jetzt können wir schlafen gehen! Zwischen Wien und Berlin. Wien 2012, S. 7–25.
  • Walter Schübler: Eine Wiener „Lokalgröße“? – Mitnichten! Anton Kuh: eine Richtigstellung. In: Walter Schübler (Hg.): Anton Kuh: Jetzt können wir schlafen gehen! Zwischen Wien und Berlin. Wien 2012, S. 218–224.
  • Walter Schübler: Vor dem Edieren oder: Im Bergwerk mit Anton Kuh (1890-1941). In: Zeitschrift für Germanistik, Neue Folge, 22. Jg., Heft 3/2012 [Schwerpunkt Feuilleton-Forschung], S. 648–652.
  • Walter Schübler: Schmutzfink der Aufrichtigkeit. Der Journalist und Vortragskünstler Anton Kuh. Radio-Feature, Deutschlandfunk, Freitag, 22. Juni 2012, 20.10 Uhr (Produktion: DLF 2012, Länge: 50 Minuten). Übernommen von DRadio Wissen am 14. Juli 2012 sowie von Ö1 am 18. Feber 2013 („Tonspuren“) und am 21. Feber 2013 („Da capo: Tonspuren“) (gemeinsam mit Karena Lütge).
  • Walter Schübler: Jüngelismus & Operettenvertrottlung. Über die verzerrte Wahrnehmung Anton Kuhs. In: Recherche. Zeitung für Wissenschaft, Nr. 2/2012, S. 4–5.
  • Walter Schübler: „Der Börsejud als Übermensch“ oder Anton Kuhs Anamnese der jüdischen Moderne und deren Rezeption in Prag. In: brücken. Germanistisches Jahrbuch Tschechien–Slowakei. Neue Folge 23/1-2 (2015), S. 53–64.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wikisource: Anton Kuh – Quellen und Volltexte

Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Geburtsmatrikel. Abgerufen am 16. Oktober 2016.
  2. Nachträglicher Geburtseintrag. Abgerufen am 18. Oktober 2016.
  3. Jiri Bernas: Conscriptions. In: digi.nacr.cz. Abgerufen am 24. Oktober 2016.
  4. Eigenartigerweise geboren als Perlsee, ohne Erwähnung des Vaters. Geburtsanzeige
  5. Wortentfessler mit scharfem Blick in FAZ vom 6. Januar 2017, Seite 10