Bach digital

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Bach digital ist ein von der philologischen Bach-Forschung am Bach-Archiv Leipzig entwickeltes Recherche-Instrument an der Schnittstelle zwischen Bach-Forschung, quellen-basierter Aufführungspraxis, Bibliothekskatalog und angewandter Informatik. In Bach digital werden alle Forschungsergebnisse zu den Werken Johann Sebastian Bachs und weiterer Komponisten der Familie Bach sowie zu der Überlieferung ihrer jeweiligen Werke gesammelt. Diese stets aktuell gehaltenen Informationen werden als Metadaten aufbereitet und sind über verschiedene Suchoptionen vollständig durchsuchbar. Die für die Überlieferung der Werke wichtigsten Quellen werden durch hochauflösende Digitalisate vollständig zur Verfügung gestellt, sofern die besitzenden Bibliotheken dies gestatten. Derzeit sind dies die Staatsbibliothek zu Berlin, das Bach-Archiv Leipzig und die Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden sowie einzelne Bibliotheken in Europa und den USA, die eine Online-Stellung ebenfalls ermöglichen. Die Datenbank ist seit 2010 online.[1]

Geschichte und Zielsetzung des Portals[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bach digital entstand auf der Grundlage eines seit 2001 online zugänglichen digitalen Katalogs mit Metadaten zu allen Werken und Quellen mit Musik Johann Sebastian Bachs („Göttinger Bach-Katalog / Die Quellen der Bach-Werke“). Dieser Katalog ist noch immer unter www.bach.gwdg.de im Netz erreichbar, wird aber seit seiner Integration in Bach digital im Jahr 2008 nicht mehr aktualisiert.

Die Datenbank Bach digital liefert nunmehr Bach-Forschern, Musikern (insbesondere der historisch informierten Aufführungspraxis) und musikinteressierten Laien nicht allein wissenschaftlich fundierte Informationen zum Schaffen J. S. Bachs, sondern auch zu den Werken der gesamten Bach-Familie und stellt Originalquellen zur kostenfreien Ansicht zur Verfügung. Die Aufbereitung zu den Werken J. S. Bachs und ihrer Quellenüberlieferung zwischen etwa 1700 und 1850 (in Handschriften und frühen Drucken aus der Zeit J. S. Bachs) ist weitgehend abgeschlossen. Informationen über neugefundene Quellen sowie Korrekturen in Datensätzen werden aber laufend eingearbeitet. Derzeit bietet die Datenbank für J. S. Bach 1278 Werkdatensätze und 5525 Quellendatensätze, davon 1028 mit hochauflösenden Digitalisaten (Stand 3/2015). Damit sind nun mehr als 90 % aller noch vorhandenen Autographe und originalen Aufführungsmaterialien J. S. Bach als hochauflösende Scans vollständig einsehbar. Seit 2014 sind zudem zahlreiche Digitalisate früher Abschriften hinzugekommen. Sie dokumentieren vor allem die Überlieferung durch Bachs Söhne, Schüler und Kollegen und sind insbesondere für die Tradierung von Bach Musik für Tasteninstrumente relevant.

Auch zu den Werken der Bachsöhne und aus dem Alt-Bachischen Archivs (bzw. ihren Quellen) wird die Datenbank laufend ergänzt:

  • Carl Philipp Emanuel Bach (1714–1788): Werkdatensätze: 970; Quellendatensätze: 1301; Digitalisate: 244
  • Wilhelm Friedemann Bach (1710–1784): Werkdatensätze: 203; Quellendatensätze: 140; Digitalisate 18
  • Johann Christoph Friedrich Bach (1732–1795): Werkdatensätze: 338; Quellendatensätze: 98; Digitalisate: 6
  • Johann Christian Bach (1735–1782): Werkdatensätze: 539; Quellendatensätze: 578; Digitalisate: 12
  • Alt-Bachisches Archiv Werkdatensätze: 33; Quellendatensätze: 61; Digitalisate: 43

(Stand: Dezember 2015)

Weitere Recherchemittel (Wasserzeichen- und eine Kopisten-Recherche) befinden sich ebenfalls im Aufbau.

Für die Anzeige dieser Digitalisate stehen verschiedene Viewer zur Verfügung. Darüber hinaus ist eine PDF-Download- und Druckfunktion vorhanden. Mit Hilfe dieser hochauflösenden Digitalisate ermöglicht Bach digital dem Nutzer einen von jeglicher historischer und moderner Verfremdung freien Blick auf Bachs Schreibtisch, so zum Beispiel auf seine Arbeitsweise (von der ersten, möglicherweise verworfenen Fassung bis zur letzten Korrektur der kalligraphischen Reinschrift/ des endgültigen Werks), die Aufführungsmaterialien der Kopisten etc.

Der Mehrwert, den die Recherche über eine solche Datenbank gegenüber den traditionellen Arbeitsweisen der analogen Bachforschung bietet, besteht u. a. darin, dass ehemals zusammengehörige Teile von Handschriften, die heute getrennt aufbewahrt werden, ja z. T. über die Bibliotheken der ganzen Welt verstreut sind, online zusammengeführt werden. Während die äußerst fragilen Handschriften vor der Digitalisierung nur einem ausgesuchten Nutzerkreis überhaupt noch zugänglich gemacht wurden, stehen sie nunmehr jedem unentgeltlich zur Verfügung. Damit eine wirkliche Schonung der Materialien langfristig gewährleistet wird, wurde die Digitalisierung bestmöglich durchgeführt. Der Nutzer kann diese Digitalisate, deren Ansicht nicht durch digitale Wasserzeichen beeinträchtigt ist, mit Hilfe von Zoomtechniken oftmals genauer und detaillierter betrachten als dies bei einer Betrachtung der Originale selbst mit bloßem Auge möglich wäre.

Bach digital als Plattform für eine “common science”[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein weiterer Vorteil der digitalen Bachforschung innerhalb der Datenbank besteht in der Möglichkeit des direkten und unkomplizierten Austauschs mit den Nutzern. Diese können über den Link „Anmerkungen zum Datensatz“ senden der sich am Ende eines jeden Datensatz befindet, Forschungsergebnisse kommentieren, Fehler melden oder Verbesserungen vorschlagen. Diese Anmerkungen werden vom Forscherteam des Bach-Archivs evaluiert und ggf. in die Datenbank eingearbeitet. Damit wird die Datenbank zunehmend zu einer Plattform für eine Form des gemeinschaftlichen Arbeitens der Bach-Community im Sinn einer „common science“.

Kooperationspartner[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bach digital ist ein Gemeinschaftsprojekt der drei größten deutschen ‚Bach-Bibliotheken‘: Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Sächsische Landes- und Universitätsbibliothek Dresden und Bach-Archiv Leipzig; die Deutsche Forschungsgemeinschaft fördert es maßgeblich. Seit 2013 wird angestrebt, weltweit möglichst alle in öffentlichem Besitz befindlichen Bach-Autographen und originalen Aufführungsmaterialien über Scans in Bach digital verfügbar zu machen. Entsprechend steht seit 2013 die sukzessive Erweiterung der Kooperationen mit für die Bachforschung wichtigen in- und ausländischen Institutionen im Zentrum. Über die Digitalisierungsoffensive der Deutschen Nationalbibliothek konnten dafür Mittel bei der Beauftragten für Kultur und Medien (BKM) eingeworben werden. Bach digital wird damit auch Teil der Deutschen Digitalen Bibliothek und der europaweiten Digitalisierungsplattform Europeana sein. Wichtige Bach-Sammlungen außerhalb Deutschlands haben ihre Zusage gegeben, in Zukunft mit Bach digital zu kooperieren, darunter die British Library in London und die Library of Congress in Washington. Zahlreiche kleinere Sammlungen haben bereits Digitalisate von Bach-Handschriften zur Verfügung gestellt, darunter die Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt, das Bachhaus Eisenach, die Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg, die Württembergische Landesbibliothek, die Stadtbibliothek Leipzig, das Germanische Nationalmuseum Nürnberg, das Heimatmuseum Saalfeld, die Herzogin Anna Amalia Bibliothek, die Stiftelsen Musikkulturens Fraemjande Stockholm, die Harvard University Library, die Music Library der Yale University und die Juilliard School.

Förderer[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Beauftragter der Bundesregierung für Kultur und Medien 2014 Digitalisierung von weltweit verstreuten Bachquellen
Deutsche Forschungsgemeinschaft seit 2013 Digitalisierung der frühen abschriftlichen Überlieferung der Werke Johann Sebastian Bachs und deren Einbindung in das digitale Portal Bach Digital (= Bach Digital II)
Sächsische Akademie der Wissenschaften seit 2011 Werkverzeichnisse der Bach-Familie im Rahmen des Akademie-Vorhabens Bach-Repertorium
Packard Humanities Institute seit 2010 Die Digitale Bibliothek "Bachiana" der Sing-Akademie zu Berlin. Ein Gemeinschaftsprojekt der Arbeitsstelle Bach-Repertorium der Sächsischen Akademie der Wissenschaften in Zusammenarbeit mit dem Bach-Archiv Leipzig in Kooperation mit der Sing-Akademie zu Berlin und der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz.
Deutsche Forschungsgemeinschaft 2008–2011 Bach-Digital I = Digitalisierung der Autographe und Originalstimmen Johann Sebastian Bachs und ihre Einbindung in den Bach-Quellenkatalog. Ein Gemeinschaftsprojekt der Staatsbibliothek zu Berlin, der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek Dresden, des Bach-Archivs Leipzig und des Universitätsrechenzentrums Leipzig.
Deutsche Forschungsgemeinschaft 2002–2008 Der Bach-Quellenkatalog als Projekt der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen im Bach-Institut Göttingen (2008 abgeschlossene Datenbank und Grundlage für Bach Digital).
VG Musikedition / Commerzbank-Stiftung 2001–2002 Der Bach-Quellenkatalog als Projekt der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen im Bach-Institut Göttingen.
Daimler-Fonds 1999–2001 Der Bach-Quellenkatalog als Projekt der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen im Bach-Institut Göttingen.

Technische Grundlage und Lizenz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Datenbank basiert auf der freien Dokumenten- und Publikationslösung MyCoRe. Diese ermöglicht die nachhaltige Speicherung der Daten und den unkomplizierten Austausch von Forschungsergebnissen durch XML-Technologien. Die Inhalte der Datenbank stehen unter einer Creative-Commons-Lizenz.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Uwe Wolf: Bach-Autographen online. Kooperationsprojekt Bach-Digital angelaufen – URZ liefert Kompetenz und Rechenpower. In: Universität Leipzig, Journal, Heft 4/2008, Juli 2008, S. 24.
  • Martina Rebmann: Bach Digital in der Staatsbibliothek zu Berlin. In: Bibliotheksmagazin. Mitteilungen aus den Staatsbibliotheken in Berlin und München. Heft 3/2010, S. 8–11.
  • www.bach-digital.de, Interview mit Christoph Wolff (Fragen von Barbara Wiermann). In: BIS : Das Magazin der Bibliotheken in Sachsen, Jg. 3/Nr. 3/September 2010.
  • Martina Rebmann: Johann Sebastians Bachs Autografen und das DFG-Projekt „Bach Digital“. In: Ulrich Hohoff und Christiane Schmiedeknecht (Hrsg.), 98. Deutscher Bibliothekartag in Erfurt 2009, Ein neuer Blick auf Bibliotheken, Hildesheim [u. a.] 2010, S. 246–253.
  • Uwe Wolf: Autographe für alle: www.bach-digital.de. In: Bach Magazin, Heft 10, Edition Bach-Archiv Leipzig, Herbst/Winter 2010/2011, S. 8–9.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Bach-Handschriften in höchster Bildqualität im Netz - nmz - neue musikzeitung. In: nmz.de. Abgerufen am 23. März 2015.