Balkaren

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Siedlungsgebiet der Balkaren

Die Balkaren (Eigenbezeichnung: Малкъарла/Malqarlar) sind eine turksprachige Ethnie des Kaukasus. Sie stehen unter starkem tscherkessischen Kultureinfluss und sind eng mit den benachbarten Karatschaiern verwandt.[1] Die Balkaren gehören zu den Turkvölkern. Ihre Sprache Balkarisch ist ein Dialekt des Karatschai-Balkarischen.

Die meisten der rund 112.924 Balkaren (2010)[2] siedeln heute überwiegend in der zu Russland gehörenden autonomen Republik Kabardino-Balkarien (in der russischen Volkszählung 2010: 108.577[3]) und in den angrenzenden Gebieten.

Alternative Bezeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Volksgruppe der Balkaren bezeichnete sich selbst lange Zeit als Tavhlu, als „Bergbewohner“.[1] Bei den Russen und den Westeuropäern waren sie jedoch bis weit ins 20. Jahrhundert als die „fünf Stämme der Berg-Tataren“ bekannt. Auch wurden die Balkaren fälschlicherweise nur mit den Namen „Tataren“ bezeichnet. Erst in sowjetischer Zeit wurde der Name der Balkaren (Eigenbezeichnung malqar) vom östlichsten der fünf Balkarenstämme auf alle Balkaren übertragen.

Namensherkunft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die erste Erwähnung der Steppennomaden-Verbände der Protobulgaren stammt von dem aramäisch-armenischen Historiker Mar Abas Katina aus dem vierten Jahrhundert sowie im lateinischen Werk "Anonymer Chronograph". Die Bezeichnung für die Balkaren in der Form болхары/bolchary ist in russischen Dokumenten seit dem 16./17. Jahrhundert bekannt.[4] Diese Bezeichnung könnte vom ur-bulgarischen Wort für gemischt abgeleitet sein oder nach einer Hypothese von der Region um Balch. Höchstwahrscheinlich stammt der Name der Balkaren von der Eigenbezeichnung der historischen Protobulgaren (Bolgar). Dass sich der Name der Balkaren (Malqar) vom Namen der Bolgaren oder einer Splittergruppe ableitet, und nicht wie man früher vermutete, vom mittelalterlich-kaukasischsprachigen Stammesverband der Malchi oder vom Fluss Malka, gilt deshalb als wahrscheinlich, weil sie noch ältere russische Quellen als bolchary oder bolgary bezeichnen. Die Lautverschiebung vom b zum m scheint also erst danach stattgefunden zu haben.

Artikel: Protobulgaren

Ethnogenese[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Prozess der Ethnogenese der turksprachigen Karatschaier und Balkaren im westlichen Kaukasus spielten nach archäologischen Indizien auch autochthone kaukasische Gruppen und westliche Teilverbände der iranischsprachigen Alanen eine Rolle, wobei sich die Turksprache in der Region durchsetzte.

Zur Frage wie die Sprache in die Region kam, gibt es zwei Hypothesen: die ältere sieht sie als Ergebnis der Einwanderung von Kiptschaken im 12./13. Jahrhundert. In einem Krieg gegen das Kiptschakenreich Anfang des 12. Jahrhunderts verlor Alanien Gebiete an die Kiptschaken, in der Zeit finden sich auch die ersten drei Gräber von Steppennomaden in der alanischen Siedlung Nischni Archys (Karatschai-Tscherkessien), der archäologisch feststellbare Zustrom nahm mit den Mongolenzügen im 13. Jahrhundert stark zu. Dafür spräche neben den archäologischen Hinweisen auch die Tatsache, dass die dem Karatschai-Balkarischen am nächsten stehende Sprache Kumykisch ist, und von den Kumyken ist die Herkunft durch Flucht vor den Mongolen auch in Quellen erwähnt. Eine jüngere Hypothese verweist darauf, dass im 6./7. Jahrhundert versprengte turksprachige Bolgaren und Sabiren in westliche Teile Alaniens einwanderten. Dafür spräche, dass der swanische Name für die Osseten sawiri wohl auf die Sabiren zurückgeht und der Name der Balkaren wohl auf die Bolgaren zurückgeht – wobei dafür auch im 12. Jahrhundert eine Gruppe von Bolgaren aus der Region um Stawropol (die Udar-Bolgar, die zum kiptschakischen Verband gehörten) in Frage kommt.[5][6] Vielleicht waren die älteren Bolgaren schon verschwunden, als die Kiptschaken ankamen. Ob im 6./7. oder 12./13. Jahrhundert eingewandert, die turksprachigen Gruppen waren wohl bis ins 14. Jahrhundert Teil der alanischen Stämmeunion, assimilierten sprachlich die Vorbewohner und setzten im Westen ihre Turksprache durch, bevor sie vor den Kriegszügen Timurs und der folgenden Expansion der tscherkessischen Kabardiner ins Hochgebirge auswichen.

Karatschai-balkarische nationale Verbände versuchen in den letzten Jahrzehnten, eine einheitliche Karatschai-Balkarische Nation zu propagieren, wobei diese nur teilweise in den Bevölkerungen angenommen wurde. Daraufhin propagierten sie, das wahre Ethnonym der Karatschaier und Balkaren sei alan, was sie selbst verwendeten und einige Nachbarvölker (Mingrelier, Nogaier). Alle Alanen seien in Wahrheit turksprachig gewesen. Der führende Nordkaukasus-Archäologe und Historiker Wladimir Kusnezow weist beide Argumente zurück: die Fremdbezeichnungen seien eine Umkehrung, man dürfe aus dem swanischen Namen auch nicht schlussfolgern, dass die Sabiren iranischsprachig waren, oder aus dem Namen der Franzosen, dass die frühen Franken romanischsprachig waren, aus dem Namen der Bulgaren, dass die Bolgaren slawisch waren usw. Die karatschai-balkarische Anrede alan! ist kein Ethnonym, sondern bedeutet „Hey!“,„Hallo!“,„Hey, Freund!“,„Hallo, mein Herr!“.[7] Der karatschai-balkarische Ausruf ist mit dem abstrakten türkischen Wort alan (Gebiet, Areal, Fläche) und dem konkreteren aserbaidschanischen Wort alan (Zuhörer, Adresse, Empfänger) verwandt und dem Namen der Alanen nur zufällig ähnlich. Gegen die behauptete Turksprachigkeit aller Alanen sprechen eindeutige Textfragmente der mittelalterlichen Alanen in einem frühen Dialekt der iranischen Sprache Ossetisch. Weitergehende Behauptungen, sie hätten schon seit der Bronzezeit im Kaukasus gelebt, haben keine wissenschaftliche Grundlage.[8] Sie sind aber im ideologischen Milieu des Panturkismus auch über die Region hinaus verbreitet.

Stämme und frühere Sozialstruktur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bis in die sowjetische Zeit existierten in ihrem traditionellen geographisch besonders hoch gelegenem Siedlungsgebiet zwischen dem Elbrus im Westen und Nordossetien im Osten fünf turksprachige Stammesverbände: die Urusbij, die Tschegem, die Chulam, die (relativ wenigen) Besengij und die eigentlichen Balkar/ Selbstbezeichnung Malqar (von West nach Ost).[9] Von dem westlicheren, ähnlich sprechenden Stamm der Karatschai waren sie bis zur Ansiedlung einiger Bergbewohner in flacheren Gebieten in sowjetischer Zeit durch das Elbrusmassiv räumlich isoliert. In der frühsowjetischen Politik der Korenisazija wurden diese Stämme zu einer einheitlichen offiziellen Nationalität vereinigt und nach dem östlichsten Stamm als Balkaren bezeichnet, sie wurden eine der beiden Titularnationen in Kabardino-Balkarien. Die westlicheren Karatschaier wurden dagegen zu einer getrennten Nationalität und Titularnation erhoben. Beide erhielten aber die gemeinsame Schriftsprache Karatschai-Balkarisch. Nationale Karatschaier und Balkaren fordern heute eine Zusammenlegung zu einer einheitlichen Nationalität mit einer gemeinsamen Republik innerhalb Russlands, was aber nicht bei der gesamten Bevölkerung auf Widerhall stößt.[10]

Wie die nördlich benachbarten Kabardiner aber im Gegensatz zu den Karatschaiern hatten die balkarischen Stämme bis zu deren Beseitigung in sozialistischer Zeit eine traditionelle Sozialschichtung mit dem Stand der Fürsten an der Spitze, gefolgt von einem niederen Adel und den Freien und den kleineren Gruppen der Leibeigenen und Sklaven (die beiden letzten schon juristisch im Kaiserreich Russland abgeschafft).

Religion[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Balkaren waren bis zum 18. Jahrhundert orthodoxe Christen mit vorchristlichen Traditionen. Ab dem 18. Jahrhundert traten sie vollständig zum sunnitischen Islam über. Die Bevölkerung ist heute aber nicht mehr vollständig religiös.

Sprache und Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Karatschai-Balkarisch wird linguistisch dem nordwestlichen kiptschakischen Zweig der Turksprachen zugeordnet. Die nächste Verwandte ist Kumykisch in Dagestan.

Seit der Etablierung der Schriftsprache gibt es mehrere Dichter und Schriftsteller. Über das Siedlungsgebiet hinaus sehr bekannter Nationalschriftsteller ist Kjasim Metschijew (1859–1945).

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Kaukasusregion wurde im 6. Jahrhundert durch Teile der Urbulgaren unterworfen und gehörte später zum Großbulgarischen Reich. Im 9. Jahrhundert siedelten Teile der Magyaren in dieser Region.

Zwischen den Jahren 1219 und 1223 wurde die Region mehrmals von den Mongolen überfallen. Die kaukasischen Bergstämme kämpften damals auf Seiten des georgischen Königs. Nach der mongolischen Eroberung gehörte der größte Teil des Kaukasus zum Reich der Goldenen Horde.

Wehrturm in dem balkarischen Dorf El-Tübü (russisch: Eltjubju).

In der Zeit zwischen dem 14. und 15. Jahrhundert wurden die Balkaren durch die benachbarten Tscherkessen in das Gebirge abgedrängt. Die Balkaren waren seit dem 16. Jahrhundert mit dem tscherkessischen Fürstentum Kabarda verbündet, nach heftigen Widerständen im Kaukasuskrieg, nach dem Teile als Muhadschire ins Osmanische Reich emigrierten, fielen sie im 19. Jahrhundert an das Russische Reich. Vom 17. bis 19. Jahrhundert wurden die Balkaren unter dem Einfluss der Nogaier und Krimtataren zum Islam bekehrt. 1827 wurden sie vom Russischen Reich unterworfen und lebten dort lange Zeit noch autonom.

Seit 1922 bildeten die Balkaren zusammen mit den Kabardinern ein gemeinsames autonomes Gebiet, das 1936 zur ASSR aufgewertet wurde. Doch während des Zweiten Weltkrieges warf man den Balkaren wie allen muslimischen Bevölkerungsgruppen des Kaukasus eine Kollaboration mit der Wehrmacht vor und so wurden die Balkaren 1943 auf Befehl Josef Stalins innerhalb weniger Stunden nach Zentralasien zwangsumgesiedelt.

Die Balkaren wurden zwar 1957 offiziell von Chruschtschow rehabilitiert, durften aber erst 1967 in die alten Siedlungsgebiete zurückkehren.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Heinz-Gerhard Zimpel: Lexikon der Weltbevölkerung. S. 57.
  2. Excel-Tabelle 5, Zeile 42.
  3. Ergebnisse der Volkszählung Russlands 2010, Excel-Tabelle 7, Zeile 473.
  4. История карачаевцев и балкарцев; abgerufen am 18. November 2009.
  5. Zur räumlichen Verteilung siehe diese Karte von Zuzijew. Rot gestrichelt: Grenzen der alanischen Stämmeunion im 6.–13. Jh., blaues Feld: Bolgaren in Alanien im 7. Jh., Gebiet A: Kiptschaken, aus denen die Karatschai-Balkaren wurden, Gebiet B: Kiptschaken, aus denen die Kumyken wurden, gelbes Feld: Karatschaisch-balkarische Stämme im 17. Jh.
  6. Vgl. Kusnezow 9,2 neunter Absatz er hält auch die 2. Hypothese für gut möglich.
  7. Kusnezow 9,2 neunter Absatz, er bezeichnet die Behauptung des balkarischen Historikers Igor Miziew als „unaufrichtig“ (лукавит=er ist unaufrichtig/er ist schlitzohrig/er macht Winkelzüge usw.).
  8. Zur karatschai-balkarischen Nationalbewegung siehe Shnirelman S. 61–68.
  9. Vgl. Ethnologische Karte des Großen Kaukasus 1774–83 von dem Historiker Artur Zuzijew (russisch) östlich des Elbrus (weißes Dreieck), die Besengij sind nicht in der Karte, nur in der Legende erwähnt.
  10. Vgl. Victor Shnirelman: The Politics of a Name:Between Consolidation and Separation in the Northern Caucasus. (PDF; 784 kB) in: Acta Slavica Iaponica. 23 (2006) S. 37–73. Hier S. 67, letzter Absatz, 2. und 3. Satz zu soziologischen Studien 1998.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Heinz-Gerhard Zimpel: Lexikon der Weltbevölkerung. Geografie – Kultur – Gesellschaft. Nikol Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG Hamburg 2000, ISBN 3-933203-84-8.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Balkaren – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien