Benzinvergiftung

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Eine Benzinvergiftung kann aufgrund der Aufnahme des Körpers von Motorenbenzin entstehen. Hauptaufnahmewege sind Atemwege, Haut und Verdauungstrakt. Unterschieden werden akute und chronische Vergiftung.

Akute Vergiftung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine akute Vergiftung kann u. a. durch Einatmen in Industriebetrieben oder beim Ansaugen verstopfter Benzinleitungen auftreten. Dies führt zu heftigen Reizerscheinungen in Mund, Magen und Darm, sowie zu Atemnot und Krämpfen bis hin zur Bewusstlosigkeit.[1] Bei einer oralen Aufnahme besteht die Gefahr des Spontanerbrechens und des Eindringens des Erbrochenen in die Luftröhre. Als minimale letale Dosis wurden beim Erwachsenen Mengen von 7,5 ml/kg Körpergewicht,[2][3] bei Kleinkindern eine absolute Menge von 10 ml[4] Benzin beobachtet.

Chronische Vergiftung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Charakteristisch bei der chronischen Vergiftung ist die toxisch bedingte Aplastische Anämie, auch Schleimhautblutungen kommen vor.[5] Hans Curschmann und Arthur Jores nannten zusätzlich Depressionszustände, Tremor, Polyneuritis und Nephritis.[1]

Allgemeine Folgen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zu den Folgen bei Resorption zählen Kopfschmerzen, Schwindel, Euphorie, gefolgt von Trunkenheit, starke Erregung, Tremor, Zyanose, Krämpfe, tiefe Narkose, Reflexlosigkeit, schließlich Kreislaufversagen und tödliche Atemlähmung. Als Komplikationen drohen ferner Nieren-, Pankreas- und Leberschäden.

Therapie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei akuten Vergiftungen wird initial mit Paraffinöl behandelt. Bei größerer Aufnahme kommt eine vorsichtige Magenspülung in der Trendelenburg-Lagerung in Frage, wobei auf einwandfrei abdichtende Intubation geachtet werden muss.[3] Um einer Lungenentzündung durch Aspiration oder Ausscheidung vorzubeugen, kommen Antibiotika zur Abschirmung zum Einsatz.[4]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Benzinvergiftungen wurden bereits im frühen 20. Jahrhundert ausgiebig behandelt, als es in der Industrie zu zahlreichen Vergiftungsfällen kam. Hans Dorendorf beschrieb 1901 zwei Fälle von Arbeitern einer Kautschukfabrik, die an der Berliner Charité behandelt wurden.[6] Kulkow beschrieb 1926 eine Massenvergiftung in einer Fabrik und erwähnte neben allgemeinen Vergiftungssymptomen auch Fälle mit deutlich ausgeprägter Neurose in Form hysterischer Anfälle.[7] Rosenstein und Rawkin hatten bis 1929 55 Patienten beobachtet und untersucht.[8] 44 dokumentierte Fälle wurden 1941 von Peter Jost Knabenhans zusammengefasst.[9]

Therapeutisch setzte man bei akuten Vergiftungen auf Zufuhr frischer Luft, Inhalation von Sauerstoff, Spülungen von Magen und Darm, Adsorptionsmittel, Herzmittel sowie intravenös Kochsalz und Traubenzucker. Bei der chronischen Vergiftung kamen zusätzlich noch Bluttransfusionen und eine Lebertherapie zum Einsatz.[1]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Keeser, Froboese, Turnau, Gross, Kuss, Ritter, Wilke: Toxikologie und Hygiene des Kraftfahrwesens (Auspuffgase und Benzine). Springer, Berlin/ Heidelberg 1930.
  • Else Petri: Pathologische Anatomie und Histologie der Vergiftungen. Springer, Berlin/ Heidelberg 1930, S. 349ff.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Hans Curschmann, Arthur Jores: Lehrbuch der speziellen Therapie innerer Krankheiten. Springer, Berlin/ Heidelberg 1947, S. 228.
  2. Franz-Xaver Reichl: Taschenatlas der Toxikologie: Substanzen, Wirkungen, Umwelt. Thieme, 2002, ISBN 3-13-108972-5, S. 88.
  3. a b Hans A. Kühn, Joachim Schirmeister: Innere Medizin: Ein Lehrbuch für Studierende und Ärzte. Springer, 1989, ISBN 3-540-19395-2, S. 1320.
  4. a b Jörg Rehn (Hrsg.): Unfallverletzungen bei Kindern: Prophylaxe, Diagnostik, Therapie, Rehabilitation. Springer, 1974, ISBN 3-540-06671-3, S. 53.
  5. Heinz Lüllmann, Klaus Mohr, Lutz Hein: Pharmakologie und Toxikologie: Arzneimittelwirkungen verstehen - Medikamente gezielt einsetzen; ein Lehrbuch für Studierende der Medizin, der Pharmazie und der Biowissenschaften, eine Informationsquelle für Ärzte, Apotheker und Gesundheitspolitiker. Thieme, Stuttgart 2010, ISBN 978-3-13-368517-7, S. 567.
  6. Hans Dorendorf: Benzinvergiftung als gewerbliche Erkrankung. In: Zeitschrift für klinische Medizin. 43 (1901), S. 42ff.
  7. A. E. Kulkow: Beiträge zur Klinik der gewerblichen Vergiftungen. In: Zeitschrift für die gesamte Neurologie und Psychiatrie. Dezember 1926, Volume 103, Issue 1, S. 435–454.
  8. L. M. Rosenstein, J. G. Rawkin: Psychopathologie der gewerblichen Massenvergiftung. In: Zeitschrift für Neurologie. Dezember 1929, Volume 122, Issue 1, S. 1–22.
  9. Peter Jost Knabenhans: Über psychische Symptome bei Vergiftungen mit modernen gewerblichen Lösungsmitteln. Orell Füssli, 1941.