Paraffin

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Metallisches Natrium unter Paraffinöl
Industrielles Paraffinwachs in Pastillenform

Paraffin (lateinisch parum affinis, ‚wenig verwandt‘ bzw. ‚wenig reaktionsfähig‘) bezeichnet ein Gemisch aus acyclischen Alkanen (gesättigten Kohlenwasserstoffen) mit der allgemeinen Summenformel CnH2n+2. Die Zahl n liegt zwischen 18 und 32, die molare Masse damit zwischen 275 und 600 Gramm pro Mol. Hartparaffin schmilzt zwischen 50 und 60 °C, Weichparaffin bei etwa 45 °C. Die Mikrowachse weisen sogar Erstarrungspunkte zwischen 70 und 80 °C auf und enthalten Kettenlängen (n) von bis zu 75 Kohlenstoffatomen. Zwischen den Hartparaffinen und den Mikrowachsen liegen die sogenannten Intermediate, die Erstarrungspunkte von 60 bis 70 °C aufweisen. Die Schmelzwärme liegt zwischen 200 und etwa 240 kJ/kg. Flüssige Paraffine sind im CAS-Verzeichnis unter CAS-8012-95-1 bzw. im EINECS-Verzeichnis unter EG 232-384-2 aufgeführt, ihre Dichte beträgt 0,81–0,89 g/cm³ und ihre Siedetemperatur liegt bei über 250 °C.

Paraffin wurde 1830 vom württembergischen Naturwissenschaftler Karl von Reichenbach während einer Versuchsreihe zur Ermittlung der Bestandteile des Holzteers entdeckt.

Spezielle Paraffine[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auf Grund unterschiedlicher Zusammensetzungen, Herstellungsmethoden und verschiedener Verwendungszwecke werden Paraffine auch als Mikrowachs, Ceresin (Mineralwachs, Paraffinwachs), Petrolatum (Vaseline) oder Petroleum verkauft.

Eigenschaften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Eigenschaften der Paraffine lassen sich direkt aus der homologen Reihe der Alkane herleiten. Paraffin ist wachsartig, brennbar, geruch- und geschmacklos, ungiftig und elektrisch isolierend, wasserabstoßend, mit Fetten und Wachsen zusammenschmelzbar, jedoch gegenüber vielen Chemikalien reaktionsträge (inert). Beispielsweise ist es ziemlich beständig gegen Schwefelsäure, Brom und kalte Salpetersäure. In Reinform ist es weiß durchscheinend. Es ist unlöslich in Wasser, aber leicht löslich in Benzin, Ether und Chloroform. Paraffine sind aus unverzweigten (n-) und verzweigten (iso-)Alkanen zusammengesetzt. Es wird unterschieden zwischen

  • dünnflüssigen Paraffinen (Paraffinum perliquidum), die eine Viskosität von 25 bis 80 mPa·s haben,
  • dickflüssigen Paraffinen (Paraffinum subliquidum), die als ölige Flüssigkeit eine Viskosität von 110 bis 230 mPa·s aufweisen und
  • Hartparaffinen (Paraffinum solidum), die als feste Masse eine Erstarrungstemperatur von 50 bis 62 °C haben. In Hartparaffinen dominieren die n-Alkane, in Mikrowachsen dagegen die Iso-Alkane.

Paraffine besitzen eine besonders große Volumenzunahme um bis zu 10 % beim Erhitzen bis zum Phasenübergang von fest nach flüssig.[1]

Gefahren[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach den aktuellen Sicherheitsdaten wird Paraffin entsprechend den Kriterien der Richtlinien 67/548/EWG bzw. 1999/45/EG oder der Verordnung (EG) Nr. 1272/2008 als ungefährlich für Mensch und Umwelt eingestuft.[2] Wegen der vielfältigen Einsatzmöglichkeiten – z. B. als Brennstoff für Kerzen, als Bestandteil von Arzneimitteln, zum Schutz von Lebensmitteln, als kosmetischer Inhaltsstoff – ist zur Bewertung möglicher Risiken auch eine anwendungsspezifische Betrachtung erforderlich. Unterschiedliche Szenarien der Exposition wie z.B. Inhalation, dermale Applikation oder interne Einnahme sind dabei produktspezifisch zu berücksichtigen. Für Mineralöle in Lippenpflegeprodukten gelten z. B. wegen des möglichen Verschluckens des Produktes die für den Lebensmittelbereich definierten Kriterien.

Paraffin in der Kosmetik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

INCI-konforme Angabe der Inhaltsstoffe (u. a. Paraffinum liquidum = Paraffin) eines Kosmetikums auf der Rückseite der Packung unten.

Hoch gereinigte Paraffine unterschiedlicher Konsistenz (flüssige Öle bis feste Wachse) werden seit vielen Jahrzehnten in kosmetischen Mitteln wie Cremes, Lotionen und Lippenstiften eingesetzt. Sie haben filmbildende, schützende und hydrophobe Eigenschaften, fördern die Glanzbildung und geben Konsistenz.

Das Bundesamt für Verbraucherschutz erwartet von Paraffin in kosmetischen Mitteln keinen schädigenden Effekt und schließt allergische Reaktionen weitgehend aus.[3]

Die Expertengruppen CIR (Cosmetic Ingredient Review – USA) gehen davon aus, dass bei topischer Applikation Paraffine nicht die Haut penetrieren und daher keine Gefährdung von diesen Stoffen ausgeht.[4]

Die Stiftung Warentest antwortete auf eine Anfrage zu Paraffin: „Naturkosmetikfirmen verzichten oft auf diesen Inhaltsstoff mit dem Argument, Paraffin würde sich wie ein Film auf die Haut legen und sie am Atmen hindern. Nicht nur die Hersteller herkömmlicher Kosmetik halten dagegen, sondern auch Dermatologen und Kosmetikchemiker: Bei den in Kosmetik eingesetzten Paraffinen und den verwendeten Konzentrationen ist für die Haut nichts Schädliches zu erwarten.“[5]

Die Zeitschrift Öko-Test warnt vor mehr als 10 % Paraffin in Hautpflegeprodukten und wertet Cremes mit einem Gehalt über 10 % im Testergebnis massiv ab, da dies die Austrocknung der Haut und damit die Bildung von Falten begünstigen könnte. Öko-Test äußert sich wie folgt dazu: „Paraffine: Sammelbezeichnung für unzählige künstliche Stoffe aus Erdöl (…) behindern die natürlichen Regulationsmechanismen (…) können sich in Leber, Niere und Lymphknoten anreichern (…).“[6]

Das Bundesinstitut für Risikobewertung hat am 26. Mai 2015 ebenfalls die Thematik aufgegriffen. Der Titel der Stellungnahme: "Mineralöle in Kosmetika: Gesundheitliche Risiken sind nach derzeitigem Kenntnisstand bei einer Aufnahme über die Haut nicht zu erwarten". [7] Das BfR berichtet, dass Mineralölprodukte nach derzeitigem Kenntnisstand, falls überhaupt, nur in sehr geringen Mengen über die Haut aufgenommen werden. Trotz langjährigem (über 100 Jahre) und weitverbreitetem Gebrauch wurden bisher keine Auswirkungen auf die Gesundheit durch Mineralölkomponenten in kosmetischen Produkten berichtet.

Der Qualität und Reinheit der Mineralölprodukte kommt allerdings eine hohe Bedeutung zu. Nach der EU-Kosmetikverordnung sind Mineralöle in kosmetischen Mitteln nur erlaubt, wenn der Raffinationsprozess vollständig bekannt und der Ausgangsstoff frei von kanzerogenen Substanzen ist oder das Destillat entsprechend geprüft wurde.

Paraffin in kosmetischen Lippenpflegeprodukten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei Lippenpflegestiften wird neben einer potentiellen Aufnahme über die Haut auch eine mögliche orale Aufnahme von Kohlenwasserstoffen aus mineralölhaltigen Produkten diskutiert. Vor diesem Hintergrund gibt es eine Empfehlung von COLIPA/IKW, wonach in Lippen- und Mundpflegeprodukten nur Paraffine und Wachse eingesetzt werden, die bestimmte Qualitätskriterien erfüllen. [8] Unter Berücksichtigung dieser hohen Qualität und unter Bezug auf verschiedene Kanzerogenitäts-Studien begründen Industrie und Verbände ihre Einschätzung der gesundheitlichen Unbedenklichkeit von Mineralölen in Lippenstiften. [9] [10] [11]

Das BfR sieht eine abschließende Risikobewertung erschwert, da noch Datenlücken hinsichtlich einer möglichen oralen Aufnahme aus Lippenstiften bestehen. Es empfiehlt den MOAH-Gehalt so weit wie technologisch machbar zu reduzieren.

Eine 2015 veröffentlichte Studie von Niederer et al. empfiehlt eine Begrenzung des Gehaltes von Mineralölen in Lippenpflegeprodukten auf weniger als 5 %.[12]

Herstellung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Paraffin wird aus den sogenannten Schmierölschnitten der Vakuumdestillation gewonnen. Bei deren Entparaffinierung entstehen als Nebenprodukt die Paraffin-Gatschen, die noch 2 bis 30 % Ölanteile enthalten. Aus diesen Gatschen wird durch Entölung mit unterschiedlichen Ölabtrennungsverfahren (Schwitzentölung, Lösemittelentölung, Sulzer-Kristallisationsentölung) das Rohparaffin gewonnen. Das Rohparaffin wird anschließend weiter raffiniert (s. u.). Daneben wird es auch aus Braunkohle, aus bituminösen Schiefern und Torfkohlen hergestellt. In letzter Zeit werden auch die mit dem Fischer-Tropsch-Verfahren (Sasol, Shell) hergestellten synthetischen Paraffine immer wichtiger. Diese bestehen im Unterschied zu den mineralölstämmigen Produkten überwiegend aus unverzweigten n-Alkanen.

Bei der Gewinnung von Paraffinen fallen außerdem als Nebenprodukt Paraffinöle an, die weiter zu Weißölen raffiniert werden können, welche als hochwertige Schmiermittel dienen. Weiterhin kommen raffinierte Weißöle im Pharmabereich sowie bei der Herstellung von Vaseline zum Einsatz.

Hartparaffine[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Hart- und Intermediate-Paraffine werden aus Gatschen hergestellt. Diese Gatschen fallen bei der Entparaffinierung von Motorölen, etwa durch Harnstoff-Extraktiv-Kristallisation, als Nebenprodukt an. Die Gatschen werden mit Hilfe von Lösungsmittel-, Schwitz- und Kristallisationverfahren (modernstes Verfahren der Sulzer-Chemtech) von Ölresten befreit. Danach werden diese Rohparaffine raffiniert (Hydrierung oder Bleichverfahren), wobei Aromaten, Schwefel- und Stickstoffverbindungen umgewandelt bzw. entfernt werden. Durch die Raffination entsteht ein weißes, geruchloses Produkt, welches in der Lebensmittel-, Kosmetik- (Vaseline) und Pharmaindustrie verwendet werden kann.

Mikrowachse[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mikrowachse (auch mikrokristalline Wachse genannt) werden dagegen aus dem Vakuumrückstand der Motorölraffinerie gewonnen, d. h., hier müssen durch ein spezielles Raffinationsverfahren (z. B. Propan-Entasphaltierung) die schweren Rohölkomponenten entfernt werden. Danach ist der Ablauf (Entparaffinierung, Entölung, Raffination) analog wie bei den anderen Paraffinen.

Verwendung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Verwendungsmöglichkeiten von Paraffin sind aufgrund seiner Eigenschaften und Ungiftigkeit sehr vielfältig. Die Haupteinsatzgebiete sind als Brennstoff, Versiegelung, Pflege und Konservierung.

So wird es als Brennstoff zum Beispiel in Kerzen, Öllampen, im Paraffin-Herd, als Grillanzünder, beim Feuerspucken und Feuer-Jonglage, zum Tränken des Holzes von Streichhölzern oder als festes Treibmittel für Hybridraketen genutzt.

Die wasserabweisenden und isolierenden Eigenschaften werden ausgenutzt bei der Isolation von Seekabeln, dem Versiegeln von Gläsern und Flaschen (siehe Parafilm), als wasserabweisender (hydrophober) Überzug bzw. Imprägnierung von Papier, Textilien, Isolierstoffen, von gewerblichen Sprengstoffen als Feuchtigkeitsschutz,[13] der Produktion von Wachsdispersionen zur Imprägnierung von Holzwerkstoffen, als Paraffinum liquidum zur Pflege von Holzoberflächen und als Lackpoliturzusatz.

In der Kosmetikindustrie dient es als Pflegeöl, beim Militär als Zusatzstoff in Tarnschminke und der Medizin als Bindemittel in Salben, zur Konservierung anatomischer Präparate (Paraffinierung), zur Herstellung von mikroskopischen Präparaten, als Abführmittel, um den Stuhlgang zu erleichtern, als Antidot bei Vergiftungen durch oral eingenommene, fettlösliche Toxine (Resorptionsverhinderung) und in der Archäologie zum Präparieren archäologischer Funde.

Weitere Einsatzzwecke sind:

Wichtige Produkte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptabnehmer von Paraffin ist weltweit die Kerzenindustrie (Teelichter, Haushaltskerzen, Dekorationskerzen). Es ist preiswerter als das Stearin, das aus tierischen oder pflanzlichen Produkten gewonnen wird.

Paraffin dient als Grundstoff für Salben und Cremes (z. B. in Form von Vaseline), für Kosmetik- und Medizinprodukte (z. B. Lippenstifte), Pflege- und Putzmittel für Holz und Metall, für Autolacke oder für Schuhcremes. Flüssige Paraffine (z. B. Nujol) werden als mildes Laxans und als Suspensionsmittel in der IR-Spektroskopie eingesetzt.

Bei der Herstellung von Käse dient es bei einigen Sorten als Überzug der Rinde, um den Laib zu konservieren und vor Austrocknung zu schützen, beispielsweise beim Edamer oder Gouda. Weiterhin wird es bei der Herstellung von Kaugummi und Süßwaren verwendet, da Paraffin als Trennmittel das Verkleben von Dragees mit Zuckerglasur unter Luftfeuchtigkeit verhindert. Vaseline dient als Kälteschutzcreme, indem es die Wasserverdunstung aus exponierter Gesichtshaut unterbindet und die Haut auch verdickt, als Gleitmittel sowie als Dichtmittel für Glasschliffe.

Große Mengen werden auch im Korrosionsschutz in der Autoindustrie (Flutwachse) oder als Zusatz zu Gummiprodukten, z. B. Reifen (Lichtschutzwachse, Ozonschutzwachse), verwendet. Lichtschutzwachse können auch aus synthetischen Wachsen, die mittels der Fischer-Tropsch-Synthese gewonnen werden, hergestellt werden.

Eine weitere Anwendung ist die Histologie: Gewebeproben werden in spezielle Paraffine, teilweise auch mit Kunststoffzusätzen zur besseren Schneidbarkeit, gegossen und dann geschnitten.

Englischer Sprachgebrauch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Amerikanischen ist der Begriff paraffin sinngleich wie im Deutschen. Im britischen Englisch ist ein Zusatz notwendig, da er sonst missverständlich ist: paraffin oil bedeutet Petroleum (britisch petroleum, gelegentlich auch stone oil ist Erdöl/Rohöl) und paraffin wax ist das in diesem Artikel beschriebene Paraffin.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wiktionary: Paraffin – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Volumenausdehnung von Paraffinen aus Steigrohr-Messungen (PDF; 417 kB).
  2. Datenblatt Paraffinöl DAB (PDF) bei Carl Roth, abgerufen am 27. September 2015.
  3. Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit - Aktionsplan gegen Allergien
  4. Journal of the American College of Toxicology 3(3), 43–99 (1984).
  5. Stiftung Warentest – Leserfrage Paraffin in Kosmetik
  6. Cremes, Neurodermitiker/Allergiker. In: Öko-Test-Ratgeber Kosmetik und Wellness. Nr. 1. 2001, S. 121.
  7. Bundesinstitut für Risikobewertung – Mineralöle in Kosmetika
  8. Cosmetics Europe - MINERAL HYDROCARBONS IN ORAL AND LIP CARE
  9. IKW - Mineralöle in kosmetischen Mitteln sind sicher
  10. Environment Canada, Health Canada - Petrolatum and Waxes
  11. ECHA - White mineral oil (petroleum)
  12. M. Niederer, T. Stebler, K. Grob: Mineral oil and synthetic hydrocarbons in cosmetic lip products. In: International journal of cosmetic science. Band 38, Nummer 2, April 2016, S. 194–200, doi:10.1111/ics.12276, PMID 26352930.
  13. Köhler, J.; Meyer, R.; Homburg, A.: Explosivstoffe, zehnte, vollständig überarbeitete Auflage. Wiley-VCH, Weinheim 2008, S. 229, ISBN 978-3-527-32009-7.