Bestandserhaltung

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Unter Bestandserhaltung versteht man alle Maßnahmen, die der dauerhaften Erhaltung von Bibliotheks- und Archivgut dienen. Man unterscheidet zwischen präventiver Bestandserhaltung zur Sicherung des Erhaltungszustandes, sowie der Konservierung und Restaurierung als Wiederinstandsetzung geschädigten Bibliotheks- und Archivguts.[1]

Aufgabe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Unter den Bibliotheken sind besonders die Landes- und Nationalbibliotheken mit der dauerhaften Aufbewahrung von Schrifttum beauftragt. Aber auch jenseits dieser Archivbibliotheken befinden sich kulturell wertvolle Bibliotheksbestände, die bestandserhaltender Maßnahmen bedürfen.[2] Archive sind nach den Archivgesetzen des Bundes und der Länder verpflichtet, das in ihre Obhut gegebene Archivgut „auf Dauer zu sichern“.[3] Einige Archivgesetze präzisieren, dass das Archivgut „in seiner Entstehungsform zu erhalten“[4] ist. Teilweise ermöglichen sie auch die enthaltenen Informationen in anderen Formen zu archivieren, sofern die Erhaltung des Originals nicht, oder nur mit erheblichem Aufwand möglich ist. Die Bestandserhaltung hat nach Maßgabe des archivfachlichen Erkenntnisstandes zu erfolgen. Damit ist zuallererst auf die einschlägigen DIN- resp. ISO-Normen (DIN ISO 11799, 16245, 9706, 11798 und 6199) verwiesen, im weiteren Sinne auf die archivarische Fachliteratur und hier wiederum besonders auf die Empfehlungen der „Konferenz der Leiterinnen und Leiter der Archivverwaltungen des Bundes und der Länder“ (KLA) und des „Unterausschusses Bestandserhaltung der Bundeskonferenz der Kommunalarchive beim Deutschen Städtetag“ (BKK).[5]

Schadensbilder[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Buchseiten mit Papierzerfall durch Tintenfraß

Die dauerhafte Erhaltung von Archivgut ist durch eine Vielzahl endogener und exogener Gefahren bedroht. Die Schädigung kann durch mechanische, chemische und biologische Einflüsse, sowie durch Vernachlässigung, Diebstahl und Vandalismus eintreten. Bei Großschadensereignissen, wie dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs, treten solche Schäden häufig in Gemengelage auf.

  • chemische Schäden, z.B.
  • biologische Schäden, z.B.
  • mechanische Schäden, z.B.
    • Risse durch Benutzung oder Transport
    • Abrieb oder Abplatzen von Schreibstoffen
    • Glasbruch an Fotoplatten
  • Diebstahl
  • Vandalismus
  • Großschadensereignisse wie Brände

Das quantitativ bedeutendste Schadensbild in modernen Archiven ist der Zerfall säurehaltigen Papiers, von dem nahezu das gesamte Schriftgut aus der Zeit zwischen der Mitte des 19. Jahrhunderts und dem Ende des 20. Jahrhunderts betroffen ist. An zweiter Stelle stehen mechanische Schäden durch fehlende Verpackung und unsachgemäße Benutzung, an dritter und vierter Stelle schließlich das Vorhandensein von Metallteilen und der Tintenfraß. Schäden durch Schimmelbefall oder Brandschäden sind zwar relativ selten, können aber in kurzer Zeit zur Zerstörung des Archivguts führen.[6]

Präventive Bestandserhaltung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Präventive Bestandserhaltung beginnt mit der Schaffung von Problembewusstsein bei Archivpersonal und Verwaltung und schreitet fort mit der Planung der Bestandserhaltung, der fachgerechten Planung und Lagerung bis zur Produktion von Schutzmedien. Damit lässt sich der meist beträchtliche Aufwand für Konservierungs- und Restaurierungsmaßnahmen wirkungsvoll minimieren. Die Planung der Bestandserhaltung beinhaltet zunächst die Gestaltung des Archivmagazins, ferner die regelmäßige Überwachung des Archivbestandes im Hinblick auf verschiedene Schadensrisiken, bis hin zur Priorisierung bestimmter Maßnahmen vor dem Hintergrund begrenzter Mittel. Nicht zuletzt ist es notwendig für Notfallszenarien Vorsorge zu treffen.[7]

Da ein Großteil der Schadensbilder durch hohe Luftfeuchtigkeit und Wärme befördert werden, kommt unter den Lagerungsbedingungen dem Magazinklima eine zentrale Bedeutung zu. Durch Einhaltung einer möglichst stabilen Raumtemperatur von ca. 18 °C und einer relativen Luftfeuchtigkeit von ca. 50 %, können sowohl der Befall mit Schimmel und Insekten vorgebeugt, als auch die endogenen Zerfallsprozesse im Archivgut verlangsamt werden. Diese Klimawerte müssen regelmäßig überprüft und gegebenenfalls durch Lüften oder Klimatechnik eingestellt werden.[8] Für einige, vor allem fotografische Materialien sind jedoch deutlich abweichende Klimawerte optimal.[9] Eine ebenso wirksame Maßnahme der Bestandserhaltung ist die Umbettung übernommenen Schriftguts. Dabei wird das Material nicht nur gereinigt und von Schadensursachen wie Eisenteilen, Klarsichtfolien und Klebestreifen befreit, sondern auch durch Verpackung gegen äußere Einwirkungen geschützt.

Durch Lesesaalaufsicht und die Herstellung von Digitalisaten oder Mikrofilmen kann verhindert werden, dass Archivigut durch Nutzung beschädigt wird. Ferner muss das Archivgut gegen Diebstahl, Brand und Wasserschäden durch entsprechende Vorrichtungen geschützt werden.

Im Rahmen der vorarchivischen Betreuung von Schriftgutproduzenten sollten Archive ferner auf die Benutzung alterungsbeständiger Schreib- und Beschreibstoffe dringen, wie sie in den Normen DIN ISO 9076 und 11798 beschrieben sind.[10]

Konservierung und Restaurierung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Restaurierungsmaßnahmen sind fast immer mit weitaus größeren Kosten verbunden, als Maßnahmen der präventiven Bestandserhaltung. Daher ist in jedem Fall sicherzustellen, dass vor solchen Maßnahmen vermeidbare Schadensbedingungen beseitigt werden. Daraufhin sind die zu restaurierenden Archivalien zu priorisieren. Ausschlaggebend ist dabei das Risiko weiterer Schädigungen und des drohenden Informationsverlustes. In einem dritten Schritt muss die geeignete Restaurierungsmaßnahme ausgewählt werden. Dabei müssen Kosten, Benutzbarkeit und Ansprüche an die Authentizität der Archivalien abgewogen werden.[11] Wegen der hohen Kosten, selbst für Massenverfahren wie der Papierentsäuerung, kommt der Mittelbeschaffung für notwendige Restaurierungsmaßnahmen und der zielgerichteten Öffentlichkeitsarbeit (Fundraising) eine hohe Bedeutung zu.

Seit 2011 widmet sich die Koordinierungsstelle für die Erhaltung des schriftlichen Kulturguts (KEK) bundesweit den Fragen der Bestandserhaltung und setzt sich für Ansätze zur Sicherung des schriftlich überlieferten Kulturerbes in Bibliotheken, Archiven, Museen und anderen Institutionen ein. Die KEK wurde auf Initiative des ehemaligen Kulturstaatsministers Bernd Neumann gegründet und gemeinsam von Bund und Ländern an der Stiftung Preußischer Kulturbesitz eingerichtet und bei der Staatsbibliothek zu Berlin angesiedelt.

Digitale Bestandserhaltung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit der Übernahme digitalen Schriftguts stehen Archive heute vor der Herausforderung völlig neue Konzepte für die Bestandserhaltung zu entwickeln. Stand für analoges Archivgut vor allem die Erhaltung der Substanz des Informationsträgers im Vordergrund, ist nunmehr die Erhaltung der bedeutsamen Eigenschaften einer digitalen Repräsentation das Kriterium einer gelungenen Bestandserhaltung: Es reicht im Fall digitaler Medien nicht aus, allein die Bitfolge des Mediums auf einem Datenträger zu bewahren, vielmehr erfordert es die schnelle Entwicklung der zu dessen interpretierbaren Darstellung notwendigen Software, auch diese in die Überlegungen zur Bestandserhaltung einzubeziehen. Die wichtigsten Konzepte im Bereich der digitalen Bestandserhaltung sind dem gemäß Emulation (die Rekonstruktion einer Anwendungsumgebung um die Darstellung nicht mehr unterstützter Dateiformate sicherzustellen) und Migration (die fortlaufende Umwandlung veralteter Dateiformate in Formate, die in aktuellen Anwendungsumgebungen dargestellt werden können). Unterstützend wird die Standardisierung archivfähiger Formate (z.B. PDF/A) und die Einschließung des digitalen Archivguts in metadatenangereicherte Pakete (z.B. Archival Information Package, AIP) angestrebt.[12]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • D. Barth: Von der Restaurierung zum Bestandserhaltungsmanagment. Aktuelle Marburger Tendenzen, in: Bestandserhaltung. Schriften der Universitätsbibliothek Marburg. Seite 9-27. 2000.
  • Mario Glauert, Sabine Ruhnau (Hrsg.): Verwahren, Sichern, Erhalten. Handreichungen zur Bestandserhaltung in Archiven, (Veröffentlichungen der brandenburgischen Landesfachstelle für Archive und öffentliche Bibliotheken, Band 1, zugleich Veröffentlichungen des Landesverbandes Brandenburg des Verbandes deutscher Archivarinnen und Archivare e.V., Band 2), Landesfachstelle für Archive und öffentliche Bibliotheken im Brandenburgischen Landeshauptarchiv, Potsdam, 2005.
  • U. Hähner: Bestandserhaltung an der Universitätsbibliothek Marburg, in: Bestandserhaltung. Schriften der Universitätsbibliothek Marburg. Seite 30-83. 2000.
  • R. Hofmann und H.-J. Wiesner: Bestandserhaltung in Archiven und Bibliotheken. Herausgeber: DIN Deutsches Institut für Normung e.V., 273 Seiten. 2009.
  • Maria Kobold und Jana Moczarski: Bestandserhaltung. Ein Ratgeber für Verwaltung, Archive und Bibliotheken. 281 Seiten. 2012. Online
  • K. Roth: Papierkonservierung - Chemie kontra Papierzerfall, in: Chemie in unserer Zeit 2006, 40, 54–62; doi:10.1002/ciuz.200600376.
  • W. R. Schmidt: Bestandserhaltung, in: Zerrissen - zernagt - zerfallen. Bestandsschäden in Bibliotheken. Seite 10-14. 2004.
  • Standards für Museen, 6. Bewahren. Seite 16. Deutscher Museumsbund und ICOM. 2006.
  • Heike Neuroth, Achim Oßwald, Regine Scheffel, Stefan Strathmann, Mathias Jehn (Hrsg.): nestor Handbuch. Eine kleine Enzyklopädie der digitalen Langzeitarchivierung, Online
  • H. Weber (Hg.): Bestandserhaltung in Archiven und Bibliotheken. Werkhefte der Staatlichen Archivverwaltung Baden-Württemberg. 170 Seiten. 1992.
  • H. Weber: Bestandserhaltung als Fach- und Führungsaufgabe, in: Bestandserhaltung in Archiven und Bibliotheken. Werkhefte der Staatlichen Archivverwaltung Baden-Württemberg. Seite 135-155. 1992.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Reimann, Norbert 1943-, Bockhorst, Wolfgang 1949-: Praktische Archivkunde ein Leitfaden für Fachangestellte für Medien- und Informationsdienste, Fachrichtung Archiv. Ardey-Verl, 2014, ISBN 978-3-87023-366-2, S. 337 (worldcat.org).
  2. Rolf Griebel, Hildegard Schäffler, Konstanze Söllner (Hrsg.): Praxishandbuch Bibliotheksmanagement. Walter de Gruyter, Berlin 2015, S. 825 f.
  3. BArchG, §3 Abs. 1
  4. ArchG NRW, § 5 Abs. 2
  5. Sebastian Barteleit: Konservierung und Restaurierung. In: Irmgard Christa Becker, Clemens Rehm (Hrsg.): Archivrecht für die Praxis. Ein Handbuch. MUR-Verlag, München 2017, S. 91 f.
  6. Volker Hingst: Standards und Normen im Bereich der praktischen Bestandserhaltung. In: Thomas Kujawinski (Hrsg.): Standards und Normen im Alltag der Archive. 44. Rheinischer Archivtag. 10.-11. Juni 201ß in Bonn-Bad Godesberg. Beiträge. Habelt-Verlag, Bonn 2011, S. 86.
  7. Mario Glauert, Sabine Ruhnau: Bestandserhaltung beginnt im Kopf, nicht im Geldbeutel. Zur Einführung. In: Mario Glauert, Sabine Ruhnau (Hrsg.): Verwahren, Sichern, Erhalten. Handreichungen zur Bestandserhaltung in Archiven. Landesfachstelle für Archive und öffentliche Bibliotheken im Brandenburgischen Landeshauptarchiv, Potsdam 2005, S. 9.
  8. vgl. Mario Glauert: Klimamessung und Klimaregulierung im Archivmagazin. In: Mario Glauert, Sabine Ruhnau (Hrsg.): Verwahren, Sichern, Erhalten. Handreichungen zur Bestandserhaltung in Archiven. Landesfachstelle für Archive und öffentliche Bibliotheken im Brandenburgischen Landeshauptarchiv, Potsdam 2005, S. 57.. Für einen konzisen Überblick s. auch Maria Kobold, Jana Moczarski: Bestandserhaltung. Ein Ratgeber für Verwaltung, Archive und Bibliotheken. 2. überarb. Auflage. Hessische Historische Kommission, Darmstadt 2012, S. 59 f.
  9. Nach ISO 18911, s. Rainer Hofmann, Hans-Jörg Wiesner: Bestandserhaltung in Archiven und Bibliotheken. 3. erw. Auflage. Beuth Verlag, Berlin 2011, S. 400 f.
  10. Archivreferentenkonferenz: Verwendung von alterungsbeständigem Papier in öffentlichen Verwaltungen. Gemeinsame Empfehlung. In: Der Archivar. Band 68, Nr. 1, 2015, S. 38–40.
  11. Archivreferentenkonferenz: Restaurierung und Konservierung in den staatlichen Archiverwaltungen - Maßnahmen und Aufwand. 2002, S. 4 f.
  12. Heike Neuroth u.a.: Nestor-Handbuch: eine kleine Enzyklopädie der digitalen Langzeitarchivierung; [im Rahmen des Projektes: Nestor - Kompetenznetzwerk Langzeitarchivierung und Langzeitverfügbarkeit digitaler Ressourcen für Deutschland]. 2. Auflage. Hülsbusch, 2009, ISBN 978-3-940317-48-3 (Online).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]