Biophilie

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Der Begriff Biophilie (altgriech. bios „Leben“ und philia „Liebe“) wurde terminologisch von Erich Fromm in Die Seele des Menschen (1964) im Kontext seiner Charakterologie und Ethik eingeführt und bedeutet „Liebe zum Leben“ oder „Liebe zu Lebendigem“. Unabhängig von Fromm entwickelte der Soziobiologe Edward O. Wilson in seinem Buch Biophilia (1984) die Biophilie-Hypothese.

Die biophile Charakterorientierung nach Fromm[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Entwicklung des Begriffes[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Die Seele des Menschen erweiterte Erich Fromm seine in Psychoanalyse und Ethik (1947) entwickelte Charakterologie um die Beschreibung des biophil ausgerichteten Wachstumssyndroms und des nekrophil orientierten Verfallssyndroms. Damit sollte erklärt werden, dass „zu einer biophil-produktiven bzw. nekrophil-nicht-produktiven Orientierung bestimmte Komponenten gehören, die mit zunehmender Stärke der produktiven bzw. nicht-produktiven Ausrichtung konvergieren.“[1] Daneben fügte Erich Fromm der in Psychoanalyse und Ethik vorgenommenen Unterscheidung verschiedener nicht-produktiver Charakterorientierungen noch die einer nekrophilen Charakterorientierung hinzu, die er in Anatomie der menschlichen Destruktivität (1973) noch weiter ausführte. Seine Kennzeichnung der produktiven Charakterorientierung erweiterte er dahingehend, dass sie „die volle Entfaltung der Biophilie“ sei.[2]

Definition nach Fromm[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erich Fromm definiert die Biophilie so:

„Die Biophilie ist die leidenschaftliche Liebe zum Leben und allem Lebendigen; sie ist der Wunsch, das Wachstum zu fördern, ob es sich nun einen Menschen, eine Pflanze, eine Idee oder eine soziale Gruppe handelt.“

Biophilie nach Fromm[3][4]

Neben weiteren, damit zusammenhängenden Eigenschaften hat der biophile Mensch „Freude am Leben und allen seinen Manifestationen.“[3] Der Biophile hat einen bestimmten Bezug zur Welt:

„Er möchte formen und durch Liebe, Vernunft und Beispiel seinen Einfluß geltend machen - nicht durch Gewalt und dadurch, daß er auf bürokratische Weise die Menschen behandelt, als ob es sich um tote Gegenstände handelte.“

Biophilie nach Fromm[3]

Die biophile Ethik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Die Seele des Menschen und Anatomie der menschlichen Destruktivität beschreibt Fromm auch das Prinzip einer biophilen Ethik:

„Gut ist alles, was dem Leben dient; böse ist alles, was dem Tod dient. Gut ist die Ehrfurcht vor dem Leben,[5] alles, was dem Leben, dem Wachstum, der Entfaltung förderlich ist. Böse ist alles, was das Leben erstickt, einengt und alles, was es zerstückelt.“

Biophile Ethik nach Fromm[6][7]

Fromm greift hier eine Formulierung von Albert Schweitzer auf, der in Kultur und Ethik (1923) schrieb: „Gut ist, Leben erhalten und Leben fördern; böse ist, Leben vernichten und Leben hemmen“ und dies als das „Grundprinzip des Sittlichen“ auffasste.[8] Auch wenn sich bei Erich Fromm in Die Seele des Menschen kaum systematische Überlegungen zur Ethik finden lassen und der Bezug der biophilen Ethik zu der in Psychoanalyse und Ethik entwickelten humanistischen Ethik ungeklärt bleibt, wird doch zwischen beiden Konzeptionen eine Kontinuität angenommen. So schreibt etwa Rainer Funk, dass „humanistische Ethik mit ‚biophiler Ethik‘ identisch“ sei.[9] Der Begriff der biophilen Ethik wurde einige Jahrzehnte später von Rupert Lay in Ethik für Manager (1991) aufgegriffen, wobei er ihn allerdings von seiner Einbettung in Fromms Charakterologie löste und die biozentrische Perspektive bei ihm nicht ausformuliert wird.[10] So lautet sein Biophilie-Postulat: „Handle stets so, daß du das personale Leben in deiner Person als auch in der Person eines jeden anderen Menschen eher mehrst denn minderst.“[11] Orientierungen, Einstellungen, Interessen, Erwartungen, Entscheidungen und Handlungen seien nach Lay „genau dann biophil, wenn sie eigenes und/oder fremdes personales Leben eher mehren denn mindern.“[12]

Biophile Tendenzen in Gesellschaften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

„Antinekrophile Tendenzen“ zeigten sich „bei vielen Menschen aus allen Gesellschaftsschichten und in allen Altersgruppen, besonders aber der Jugend“ in vielen Formen. In der Anatomie der menschlichen Destruktivität werden dazu unter anderem genannt:[13]

  • Protest gegen „das Abtöten des Lebens“ im allgemeinen Sinn[14]
  • Wunsch nach Umweltschutz und Frieden
  • Interesse an sinnvoller und interessanter Arbeit im Gegensatz zu hohem Einkommen und Prestige
  • Interesse für die „Qualität des Lebens“
  • Suche nach spirituellen Werten („so fehlgeleitet und naiv es auch oft sein mag“)
  • Versuche, „eine größere Lebendigkeit [...] zu gewinnen“

Fromm behauptet nach weiteren Erläuterungen der besagten Ausprägungen:

„Das Vorhandensein und selbst das Anwachsen der antinekrophilen Tendenzen ist die einzige Hoffnung, die uns bleibt, daß das große Experiment Homo sapiens nicht scheitern wird. [...] Ungeheure Kräfte arbeiten dagegen, und es besteht kein Grund optimistisch zu sein. Aber ich glaube, es besteht ein Grund zu hoffen.“

Anatomie der menschlichen Destruktivität[15]

Wie diese Hoffnung gemeint ist, diskutiert er im Epilog Von der Zwiespältigkeit der Hoffnung des Buches Anatomie der menschlichen Destruktivität.[16]

Zusammenhang[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Gegenteil der Biophilie ist nach Fromms Verständnis die Nekrophilie. „Um Missverständnisse zu vermeiden“, weist Fromm darauf hin, dass „viele Menschen eine Mischung von nekrophilen und biophilen Neigungen“ seien, und „der Konflikt zwischen beiden oft die Quelle einer produktiven Entwicklung“ sei. Es gibt dennoch extreme Ausprägungen; so sei beim nekrophilen Charakter der dominante Charakterzug die Nekrophilie.[17]

Siehe auch: Nekrophilie

Fromm grenzt das Begriffspaar Biophilie - Nekrophilie von den Begriffen Lebenstrieb - Todestrieb der freudschen Psychoanalyse ab. In der Psychoanalyse Freuds seien Fromm zufolge „beide Tendenzen [...] gleichrangig“. Jedoch ist die Nekrophilie nach Fromms Ansicht als „psychopathologisches Phänomen anzusehen“, da sie „notwendigerweise als Folge eines gehemmten Wachstums, einer seelischen Verkrüppelung“ auftritt:[18]

„Die Destruktivität ist der Biophilie nicht parallel, sondern sie ist ihre Alternative. Die Liebe zum Leben oder die Liebe zum Toten ist die fundamentale Alternative, mit der jedes menschliche Wesen konfrontiert ist. Die Nekrophilie wächst in dem Maße, wie die Entwicklung der Biophilie am Wachstum gehemmt wird. Der Mensch ist biologisch mit der Fähigkeit zur Biophilie ausgestattet, psychologisch aber hat er als Alternativlösung das Potenzial zur Nekrophilie.“

Beziehung von Biophilie und Nekrophilie[19]
Siehe auch: Todestrieb

Biophilie-Hypothese von Wilson[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Biophilie-Hypothese ist eine aus evolutionsbiologischer Perspektive formulierte Theorie von Edward O. Wilson, die er zuerst in seinem Buch Biophilia und später unter anderem mit Stephen Kellert in The Biophilia Hypothesis (1993) ausführte. Da Wilson Erich Fromm nicht zitiert, ist unklar, ob er seine Theorien gekannt hat.[20] Wilson definiert Biophilie als „the innate tendency to focus on life and lifelike processes“.[21] Im Laufe der Evolution habe sich „eine Affinität von Menschen zu den vielen Formen des Lebens und zu den Habitaten und Ökosystemen entwickelt […], die Leben ermöglichen.“[22] Es wurde auch versucht die Biophilie-Hypothese zum Ausgangspunkt umweltethischer Überlegungen zu machen. So schreibt Wilson etwa von einer Conservation Ethic, nach der das Leben und die Artenvielfalt bewahrt und geschützt werden solle.[23]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Erich Fromm: Die Seele des Menschen: Ihre Fähigkeit zum Guten und zum Bösen. 1964a. In: Erich Fromm Gesamtausgabe in 12 Bänden (Hrsg. v. Rainer Funk). Stuttgart, 1999. S. 159–268.
  • Erich Fromm: Anatomie der menschlichen Destruktivität Rowohlt-Verlag, Hamburg, 25. Auflage, November 2015. ISBN 978-3-499-17052-2
  • Erich Fromm: Anatomie der menschlichen Destruktivität. 1973a. In: Erich Fromm Gesamtausgabe in 12 Bänden (Hrsg. v. Rainer Funk). Stuttgart, 1999. XIII-400.
  • Edward O. Wilson: Biophilia. Cambridge, 1984.
  • Stephen R. Kellert, Edward O. Wilson, (Hrsg.): The Biophilia Hypothesis. Washington, 1993.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Quellen/Fußnoten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Rainer Funk: Mut zum Menschen: Erich Fromms Denken und Werk, seine humanistische Religion und Ethik. Stuttgart 1978, S. 309.
  2. E. Fromm, 1964a, GA II, S. 186.
  3. a b c E. Fromm: Anatomie der menschlichen Destruktivität. Rowohlt-Verlag, Hamburg, 25. Auflage, November 2015. ISBN 978-3-499-17052-2. S. 411ff
  4. Sinngemäß auch in: E. Fromm, 1973a, GA VII, S. 331.
  5. Hier wird in Anatomie der menschlichen Destruktivität diese Stelle als "Hauptthese Albert Schweitzers" bezeichnet.
  6. E. Fromm, 1973, Anatomie der menschlichen Destruktivität, S. 411
  7. E. Fromm, 1973a, GA VII, S. 331 und in anderer Übersetzung E. Fromm, 1964a, GA II, S. 186.
  8. Albert Schweitzer: Kultur und Ethik. Kulturphilosophie, zweiter Teil. S. 378. In: ders.: Gesammelte Werke in fünf Bänden. Band 2. Zürich. S. 95–420.
  9. Rainer Funk: Mut zum Menschen: Erich Fromms Denken und Werk, seine humanistische Religion und Ethik. Stuttgart 1978, S. 179.
  10. Auch wenn Rupert Lay seine ethischen Prinzipien stets nur in einer personalistisch verengten Form darlegt, so finden sich doch auch verstreute Hinweise in seinem Werk, dass für ihn nicht nur menschliches Leben relevant ist. So schreibt er in Ethik für Wirtschaft und Politik. (1983): „Die Natur (gemeint ist damit immer die Naturwelt) hat eine eigene Würde, die der der von Menschen geschaffenen Kulturwelt, nicht nur in nichts nachsteht, sondern ihr grundsätzlich überlegen ist. Die Würde eines lebendigen Baums ist sicher größer als die eines Autos oder einer Symphonie von Mahler […]. Alles Lebendige hat eine höhere Würde als alles von Menschen Geschaffene.“ (Rupert Lay: Ethik für Wirtschaft und Politik. München, 1983. S. 204. Vgl. auch S. 211.)
  11. Rupert Lay: Ethik für Manager. Düsseldorf; Wien; New York 1991, S. 60.
  12. Rupert Lay: Ethik für Manager. Düsseldorf; Wien; New York 1991, S. 62.
  13. E. Fromm, 1973, Anatomie der menschlichen Destruktivität, S. 402f
  14. Wohl im Textzusammenhang des gesamten Kapitels zu sehen, in dem es u.a. auch um einen neuen, modernen Charaktertyp geht. (Nekrophilie und die Vergötterung der Technik, S. 384ff)
  15. E. Fromm, 1973, Anatomie der menschlichen Destruktivität, S. 403
  16. E. Fromm, 1973, Anatomie der menschlichen Destruktivität, S. 487-491
  17. E. Fromm, 1973, Anatomie der menschlichen Destruktivität, S. 371-372 (Fußnote Nr. 4)
  18. E. Fromm, 1973, Anatomie der menschlichen Destruktivität, S. 411ff
  19. E. Fromm, 1973, Anatomie der menschlichen Destruktivität, S. 412
  20. Vgl. Peter H. Kahn Jr.: Technological Natur / Adaption and the Future of Human Life. Massachusetts 2011, S. 11.
  21. Edward O. Wilson: Biophilia. Cambridge 1984, S. 1.
  22. Erhard Olbrich: Bausteine einer Theorie der Mensch-Tier-Beziehung. In: Carola Otterstedt, Michael Rosenberger (Hrsg.): Gefährten – Konkurrenten – Verwandte / Die Mensch-Tier-Beziehung im wissenschaftlichen Diskurs. Göttingen 2009, S. 113.
  23. Vgl. das Kapitel Conservation Ethic in: Edward O. Wilson: Biophilia. Cambridge 1984, S. 119–140.