Business Social Compliance Initiative

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Das Logo der BSCI

Business Social Compliance Initiative (BSCI) ist eine wirtschaftsgetriebene Plattform zur Verbesserung der sozialen Standards in einer weltweiten Wertschöpfungskette. Die Organisation mit Sitz in Brüssel bietet Wirtschaftsunternehmen die Übernahme oder Anlehnung an einen Verhaltenskodex an sowie ein systematisches Überwachungs- und Qualifikationssystem.

Verhaltenskodex[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

BSCI bietet Unternehmen einen Verhaltenskodex an,[1] der sie bei ihren Bemühungen eine ethische Lieferkette aufzubauen unterstützt. Dieser Kodex beruht auf internationalen Verträgen zum Schutz von Arbeitnehmerrechten, dabei geht es um folgende elf Schlüsselelemente: Managementpraxis, keine bedenkliche Beschäftigung, Arbeitszeit, Vergütung, Kinderarbeit, Zwangsarbeit (einschließlich Gefangenenarbeit und Zwangsmaßnahmen), Versammlungsfreiheit (inklusive Organisationsfreiheit und Tariffreiheit), Diskriminierung (Geschlecht, Rasse, Religion), Arbeitsbedingungen, Gesundheits- und Sozialeinrichtungen, Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz (Arbeitssicherheit), Aspekte des Umweltschutzes und besonderen Schutz junger Angestellter. Im Januar 2014 führte BSCI einen neuen Verhaltenskodex ein, der alle Handelspartner aktiv in den Prozess zur Einhaltung von Sozialstandards einbindet. Dieser Kodex trat 2015 in Kraft.[2]

Eine wichtige Orientierung für den BSCI-Verhaltenskodex ist der SA8000-Standard der Organisation Social Accountability International (SAI).[3] Die globale Mitgliederorganisation für Nachhaltigkeitsstandards führt den BSCI als best Practice zum SA8000-Standard.[4]

Mit der Unterzeichnung des BSCI-Verhaltenskodex verpflichten sich Unternehmen, in ihrem Einflussbereich soziale Kriterien, die diesem Verhaltenskodex zu Grunde liegen, anzuerkennen und geeignete Maßnahmen zur Umsetzung und Einhaltung im Rahmen ihrer Unternehmenspolitik durchzuführen.

Anforderungen für teilnehmende Betriebe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Um sicherzustellen, dass alle Unternehmen, die sich der BSCI angeschlossen haben, den BSCI-Verhaltenskodex in ihrer Lieferkette umsetzen, wird die Erfüllung bestimmter Anforderungen kontrolliert. Das bedeutet, dass Unternehmen, die an der BSCI teilnehmen, sich verpflichten, innerhalb eines bestimmten Zeitraumes ⅔ der Produktionsstätten in definierten Risikoländern in den BSCI-Prozess einzubinden.[5]

Ansatz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Laut der Schweizer BSCI-Website verwendet das BSCI „ein gesamtheitliches System zur Überprüfung und Verbesserung von Mindestanforderungen, das ein gemeinsames Auditierungssystem und die entsprechenden Trainings- und Schulungsmassnahmen umfasst“.[6]

Das BSCI gründet auf drei grundlegenden Säulen:

  • Die Auditierung der Produktionsstätten und landwirtschaftlichen Betrieben zur Überprüfung des Umsetzungsgrades des BSCI-Code of Conduct.
  • Die Schulung der Teilnehmer und ihrer Lieferanten zum Verbesserung des Verständnisses und der Umsetzung der im BSCI-Code of Conduct enthaltenen sozialen Anforderungen.
  • Den kontinuierlichen Dialog mit den Stakeholdern (Regierungen, Gewerkschaften, u. a.), um auf die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Rahmenbedingungen Einfluss zu nehmen, welche die nachhaltige Verbesserung der Arbeitsbedingungen einschränken.

Stakeholder sind aktiv in beratender Funktion in die Arbeit der BSCI durch das BSCI Stakeholder Council involviert.[7] Diesem Beirat gehören unter anderem Gewerkschaften und Nichtregierungsorganisationen (NROs) wie Solidaridad, Save the Children sowie Social Accountability International an. 2014 sind dem Stakeholder Council die UNO-Institutionen UNCTAD (Konferenz der Vereinten Nationen für Handel und Entwicklung) und UNICEF (Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen) beigetreten.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die BSCI wurde 2003 durch die Foreign Trade Association (FTA),[8] den auf internationale Handelsfragen spezialisierten europäischen Dachverband der Außenhandelsvereinigung des Deutschen Einzelhandels, gegründet. Es begann als eine öffentlich-private Partnerschaft (PPP) mit der deutschen GTZ um in elf Ländern ein einheitliches Verfahren zu implementieren, das die soziale Situation der Arbeiter und Arbeiterinnen bei Lieferanten des deutschen Einzelhandels verbessert.[9] Seit 2004 agiert die Organisation in den wichtigsten Lieferländern des europäischen Handels. Die Mitgliederzahl wuchs stetig: 2007 waren weniger als 100 Unternehmen an der Initiative beteiligt, zwei Jahre später 430. Ende 2010 zählte die Initiative 644 Mitglieder.[10] Die Mitgliederliste ist auf der Website der BSCI öffentlich einsehbar [11], allerdings kann anhand dieser Liste nicht geprüft werden, wie aktiv die Mitgliedsunternehmen den Verhaltenskodex tatsächlich umsetzen.

2009 erhielt die Organisation den Preis für Unternehmensethik des DNWE 2008.[12]

Anlässlich des zehnjährigen Bestehens erstellten Jörg. S. Hofstetter und Marc Müller von der Universität St. Gallen eine Studie zur Geschichte und den Erfolgen der BSCI.[13] Es zeigte sich, dass Indien sich in den letzten Jahren zum Land mit der höchsten Nummer an konformen Produzenten entwickelt hat. In 2011 entsprachen drei Viertel aller Unternehmen den geforderten Standards. Bangladesch und Vietnam, wo jeweils fast die Hälfte aller Unternehmen die Standards einhalten, folgen auf dem Sprung.[14] In einem Interview mit der Zeitschrift Der Handel sprach sich Katag-Chef Daniel Terberger für eine stärkere Anlehnung an die Plattform BSCI und gegen das von Minister Gerd Müller 2014 aus der Taufe gehobene Bündnis für Fairness – mit Hinweis auf Existenzgefährdung für den Mittelstand – aus.

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Südwind-Institut beanstandete 2009 die unwürdigen Arbeitsbedingungen bei Zulieferern von Aldi und urteilte, dass eine Mitgliedschaft bei BSCI nicht ausreichend sei, da es sich dabei um eine Initiative handle, die lediglich auf Selbstverpflichtungen der Industrie basiere. Handelsunternehmen sollten sich stattdessen bindenden Regeln unterwerfen, wie sie vom EU-Parlament gefordert werden.[15]

Die Kampagne für Saubere Kleidung (CCC) kritisiert im Zusammenhang mit den Zuständen bei den Zulieferbetrieben von Lidl die Arbeit der BSCI. Ihr Schwerpunkt liege auf Auditierung, einem schwachen Monitoring mit vielen Mängeln, es fehle eine unabhängige Verifizierung und Transparenz. Es handele sich zudem um keine Multistakeholder-, sondern eine Unternehmensinitiative.[16]

2010 verklagte die Verbraucherzentrale Hamburg Lidl wegen unlauteren Wettbewerbs, da das Unternehmen mit der Erfüllung seiner sozialen Verantwortung und der Mitgliedschaft in der BSCI warb, obwohl die Situation in den Zulieferbetrieben nach Ansicht der CCC und des European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR) dieser Werbung widerspricht.[17]

ARD Monitor berichtete[18] am 6. Juni 2013 über zu laxe Kontrollen des TÜV Süd in Textilfabriken in Bangladesch, die unter den Standards der BSCI arbeiten sollten. Es wurde kritisiert, dass Beschäftigte hohe Überstunden leisten müssen und gelegentlich geschlagen werden. Außerdem sollen Kontrollen in den Fabriken zuvor angekündigt worden sein, was nicht den BSCI-Standards entspreche. Der TÜV Süd weist darauf hin, dass die in der Reportage erwähnten Prüfberichte veraltet sind (von 2010) und der TÜV Rheinland weist auch alle anderen Vorwürfe zurück.[19] ARD Monitor stützt sich u. a. auch auf aktuellen Recherchen und Interviews mit Beschäftigten vor Ort.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. BSCI-Verhaltenskodex
  2. Business and Human Rights Resource Centre
  3. Social Accountability International (SAI)
  4. ISEAL
  5. BSCI Commitment (Memento des Originals vom 4. Oktober 2013 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.bsci-intl.org
  6. BSCI Ziele (Memento des Originals vom 16. November 2016 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.bsci-ch.org
  7. BSCI Stakeholder Council (Memento des Originals vom 22. Mai 2013 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.bsci-intl.org
  8. Foreign Trade Association (FTA)
  9. PPP mit GTZ (Memento des Originals vom 5. Oktober 2013 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.giz.de
  10. BSCI Annual Report 2010
  11. FTA. Abgerufen am 14. August 2017 (englisch).
  12. Preis für Unternehmensethik, dnwe.de
  13. COOP über BSCI Studie
  14. Universität St. Gallen Studie Kurzfassung (pdf; 378 kB) (Memento des Originals vom 5. Oktober 2013 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.bsci-intl.org
  15. Aldi-Zulieferer beuten für Aktionsware Chinesen aus, Tagesspiegel.de, 3. Februar 2009.
  16. Firmenprofil LIDL (Memento vom 15. September 2011 im Internet Archive), saubere-kleidung.de
  17. Verbraucherzentrale klagt gegen Lidl wegen Täuschung von Verbrauchern, pressemitteilungen-online.de
  18. ARD Monitor-Bericht (Memento vom 13. Juni 2013 im Internet Archive)
  19. TÜV Rheinland Pressemitteilung