Carl Westphal (Mediziner)

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Carl Friedrich Otto Westphal

Carl Friedrich Otto Westphal (* 23. März 1833 in Berlin; † 27. Januar 1890 in Kreuzlingen bei Konstanz) war ein deutscher Psychiater und Neurologe.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Carl Westphal war der Sohn des Geheimen Sanitätsrats Otto Westphal und dessen Frau Caroline, geborene Heine. Am 7. September 1862 heiratete Carl Westphal Clara Mendelssohn, eine Tochter des Bankiers Alexander Mendelssohn und Enkelin Joseph Mendelssohns.

Er ging auf das Friedrich-Wilhelm-Gymnasium in Berlin und studierte anschließend Medizin in Berlin, Heidelberg und Zürich. Promoviert wurde er 1855 in Berlin. Danach unternahm er eine Studienreise nach Wien und Paris.[1]

1858 wurde Westphal Assistenzarzt an der Berliner Charité, unter anderem in der Abteilung für Pockenkranke und ab 1858 der Abteilung für Geisteskranke bei Carl Wilhelm Ideler und später Wilhelm Griesinger. 1861 habilitierte er sich und wurde 1862 Privatdozent für Psychiatrie an der Berliner Universität. Er hatte gute Beziehungen zur Verwaltung der Charité (sein Onkel war Verwaltungsdirektor von Horn) und war schon 1864 für den geplanten Lehrstuhl für Psychiatrie vorgeschlagen worden,[2] der aber an Griesinger ging. In der Folge kam es zu Spannungen mit Griesinger, was sich in den Akten unter anderem darin zeigte, dass Griesinger dem Anliegen Westphals für eine Beurlaubung zu einem halbjährigen England-Aufenthalt zunächst widersprach, schließlich konnte Westphal sich aber doch durchsetzen. Griesinger war der Meinung, er solle seinen Posten räumen um Jüngeren an der Klinik Platz zu machen, da er wirtschaftlich unabhängig war und schon lang genug Assistent an der Klinik war. Griesinger stellte ihm gute Zeugnisse für Bewerbungen als Klinikdirektor in Halle und Hamburg aus, die sich aber zerschlugen. Stattdessen erhielt Westphal nach seiner Rückkehr eine neu geschaffene Stelle als leitender Arzt an der inneren Abteilung der Charité als Stellvertreter von Joseph Meyer und später Ludwig Traube. Nachdem Griesinger schwer erkrankte wurde er stellvertretender Leiter der psychiatrischen Abteilung.[2] Im Februar 1869 wurde er außerordentlicher Professor und im März Direktor der Klinik für Psychiatrie und Neurologie der Charité. Er setzte die von Griesinger begonnene organisatorische Arbeit zum Aufbau der Psychiatrie an der Charité fort und führte 1871 eine zweimal wöchentlich abgehaltene Poliklinik für Nervenkranke ein. 1873 setzte er durch, dass die unentgeltliche Aufnahme armer Patienten in der Psychiatrie zur Beobachtung durch Freistellen staatlicvh finanziert wurde, deren Besetzung der Klinikdirektor und nicht die Verwaltung bestimmte. Zuvor musste die Klinik die Patienten bis zur Feststellung der Unheilbarkeit unentgeltlich aufnehmen, was häufig zu Zurückweisungen oder Verzögerungen der Aufnahme durch die Verwaltung führte. Zum Ordinarius wurde Westphal 1874 ernannt. 1879 schloss er einen Vertrag mit der Stadt, dass die Klinik Durchgangs- und Beobachtungsstation für Geisteskranke, Epileptiker und Deliranten wurde, was die Zahl der Patienten stark erhöhte und entsprechend finanziert wurde. Trotzdem litt die Klinik daran, dass insbesondere die Anzahl der „Deliranten“ so stark zunahm, dass die Versorgung der übrigen Patienten gefährdet war (in der zweiten Hälfte der 1880er Jahre waren rund 40 Prozent der Neuaufnahmen Deliranten, also Alkoholkranke). Ähnliche Anstiege zeigten sich damals auch in anderen Städten aufgrund der ärmlichen Verhältnisse, in denen Arbeiter in den Mietskasernen leben mussten. Westphal selbst schlug einen separaten Neubau für diese Patienten vor. 1886 wurde eine Isolierstation eröffnet. Ab 1887 litt Westphal selbst an einer Nervenkrankheit.[3] In der Klinikleitung und den Vorlesungen wurde er von Robert Thomsen und später von Ernst Siemerling und Hermann Oppenheim vertreten.

Mehrere bedeutende Neurologen gehörten zu seinen Schülern, unter anderem Arnold Pick (1851 bis 1924) und Hermann Oppenheim (1858 bis 1919). Carl Wernicke (1848 bis 1905) war sein Assistent.

Grabstein von Carl Westphal

Zu den Kindern Carl und Clara Westphals zählen der Neurologe und Psychiater Alexander Westphal (1863 bis 1941), die Ehefrau Eduard Sonnenburgs Anna, geborene Westphal, (1864 bis 1943), die Ehefrau Franz von Mendelssohns Marie, geborene Westphal, (1867 bis 1957) und der Jurist Ernst Westphal (1871 bis 1949).

Carl Westphal ist auf dem Friedhof I der Jerusalems- und Neuen Kirchengemeinde der Friedhöfe vor dem Halleschen Tor in Berlin-Kreuzberg bestattet.

Forschung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Westphal beschrieb erstmals die Pseudosklerose (Westphal-Strümpell-Syndrom, eine Spätform des Morbus Wilson), die Agoraphobie und das autonome Kerngebiet des Nervus oculomotorius (heute als Edinger-Westphal-Kern) sowie 1869 die Homosexualität unter dem Namen "konträre Sexualempfindung". Noch heute von Bedeutung ist sein Beitrag zur Klassifikation von Zwangsstörungen, deren eigenständige Entität er 1877[4] als Erster erkannte.[5] Richard von Krafft-Ebing, der den Begriff 1867 einführte, und die meisten damaligen Psychiater sahen Zwangsstörungen noch als Ausprägung anderer Geisteskrankheiten.

Ehrungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1887 wurde er zum Mitglied der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina gewählt.[6]

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • [1] Die Konträre Sexualempfindung: Symptom eines neuropathologischen (psychopathischen) Zustandes in: Archiv für Psychiatrie und Nervenkrankheiten, Berlin, 1869–70; 2: 73–108.
  • Die Agoraphobie, eine neuropathische Erscheinung in: Archiv für Psychiatrie und Nervenkrankheiten, Berlin, 1871–72; 3: 138–161.
  • Künstliche Erzeugung von Epilepsie bei Meerschweinchen. Berl Klin Wchschr 1871; 8: 449 und 460–463
  • Affection des Nervensystems nach Pocken und Typhus
  • Ueber einige durch mechanische Einwirkung auf Sehnen und Muskeln hervorgebrachte Bewegungs-Erscheinungen (Knie-, Fussphänomen) in: Archiv für Psychiatrie und Nervenkrankheiten, Berlin, 1875,5: 803–834.
  • Eigentümliche mit Einschlafen verbundene Anfälle in: Archiv für Psychiatrie und Nervenkrankheiten, Berlin, 1877; 7: 631–635.
  • Ueber eine dem Bilde der cerebrospinalen grauen Degeneration ähnliche Erkrankung des centralen Nervensystems ohne anatomischen Befund, nebst einigen Bemerkungen über paradoxe Kontraktionen in: Archiv für Psychiatrie und Nervenkrankheiten, Berlin, 1883; 14: 87–134.
  • Psychiatrische Abhandlungen. Berlin, A. Hirschwald, 1892. (Bd. 1 der Gesammelten Abhandlungen hrsg. Alexander Karl Otto Westphal)
  • Beiträge zu Albert Eulenburgs Real-Encyclopädie der gesammten Heilkunde. Zweite Auflage.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Georg Korn: Westphal, Karl. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 42, Duncker & Humblot, Leipzig 1897, S. 204 f.
  • Karl Bonhoeffer: Die Geschichte der Psychiatrie an der Charité im 19. Jahrhundert, Zeitschrift für die gesamte Neurologie und Psychiatrie, Band 168, 1940, Heft 1, S. 37–64
  • B. Dierse: Carl Westphal (1833–1890) – Leben und Werk. Vertreter einer deutschen naturwissenschaftlich orientierten Universitätspsychiatrie im 19. Jahrhundert. Diss.med, Ernst-Moritz-Arndt Universität Greifswald, 1995
  • M. Seidel: Carl Westphal – ein fortschrittlicher Hochschullehrer der Neurologie und Psychiatrie im 19. Jahrhundert. Psychiatr. Neurol. Med. Psychol. 1986; 38:733-40
  • F. Kohl: Die klassischen Beschreibungen der Platzangst von Carl Westphal und Emil Cordes und ihre Bedeutung für die Konzeptgeschichte und aktuelle Diskussion der Angsterkrankungen. Psychiatr. Prax. 2001; 28: 3–9
  • Jörg Hutter: Carl Friedrich Otto Westphal, in: Rüdiger Lautmann (Hrsg.): Homosexualität. Handbuch der Theorie- und Forschungsgeschichte. Campus Verlag, Frankfurt/New York 1993, S. 39–41.
  • Barbara I. Tshisuaka: Westphal, Carl Friedrich Otto. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin/ New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 1482 f.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Barbara I. Tshisuaka: Westphal, Carl Friedrich Otto. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin/ New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 1482 f.; hier: S. 1482.
  2. a b Karl Bonhoeffer, Die Geschichte der Psychiatrie an der Charité im 19. Jahrhundert, Zeitschrift für die gesamte Neurologie und Psychiatrie, Band 168, 1940, Heft 1, S. 58
  3. Bonhoeffer spricht in seiner Geschichte der Psychiatrie an der Charité im 19. Jahrhundert von cerebralen Erscheinungen
  4. Westphal, Über Zwangsvorstellungen, Berliner Klinische Wochenschrift, Band 46, 1877, S. 669–672, Band 47, 1877, S. 687–689
  5. A. Oberbeck, H. Steinberg, Sind die aktuellen Konzepte der Zwangsstörung ein Novum? Von Westphal (1877) und Thomsen (1895) zur ICD-10 und zum DSM-5, Der Nervenarzt 2015, S. 1–6
  6. Mitgliederverzeichnis Leopoldina, Carl Westphal