Christoph Raedel

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Christoph Raedel (* 3. Dezember 1971) ist ein evangelisch-methodistischer Theologe und Professor für Systematische Theologie an der Freien Theologischen Hochschule Gießen (FTH).

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Raedel studierte von 1991 bis 1999 Evangelische Theologie in Rostock, Halle, Cambridge und Reutlingen. Von 1999 bis 2002 promovierte er an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg zum Thema Methodistische Theologie im 19. Jahrhundert. Während des Studiums und der Promotion wurde Raedel durch Stipendien der Konrad-Adenauer-Stiftung gefördert und ist nun selber Vertrauensdozent der Stiftung.[1] Von 2002 bis 2005 arbeitete er an der Universität Halle-Wittenberg an einer – bislang unvollendeten – Habilitationsschrift zu einem ekklesiologischen Thema.[2]

Ab 2005 war er Dozent am CVJM-Kolleg, ab 2009 Lehrbeauftragter und von 2011 bis 2014 Professor für Ökumenische Theologie an der CVJM-Hochschule in Kassel. Seit September 2013 ist Raedel 1. Vorsitzender des Arbeitskreises für evangelikale Theologie.[3] Zum 1. April 2014 wurde Raedel zum Professor für Systematische Theologie und Theologiegeschichte an die Freie Theologische Hochschule Gießen berufen.[4] Anfang 2016 wurde er Direktor des dortigen Instituts für Ethik und Werte.[5][6] Von 2008 bis 2020 war er 1. Vorsitzender des Vereins für Freikirchenforschung.

Seine Lehr- und Forschungsschwerpunkte sind Ökumenik, Ekklesiologie, Ethik und Konfessionskunde.

Raedel ist verheiratet und hat vier Kinder.

Standpunkte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Raedel vertritt die Auffassung, dass es in den postchristlichen Gesellschaften des Westens eine „geistliche Ökumene“ aller bekennenden Christen „zum Zeugnis für die Welt“ braucht.[7] Dieses Verständnis von Ökumene blendet bestehende Lehrdifferenzen zwischen den Kirchen nicht aus, sondern stellt den Auftrag, Jesus Christus zu bezeugen und Gott zu ehren, in den Mittelpunkt. Auch Verfolgung und Martyrium seien Bande christlicher Einheit.[8]

Für Christen in politischer Verantwortung hat Raedel fünf Imperative formuliert: 1. Erniedrige den anderen niemals in seinem Menschsein. 2. Komm nicht als Heilsbringer, sondern als Gestalter und Diener daher. 3. Lass Dich von den Geboten Gottes leiten, aber verteufele nicht den Kompromiss. 4. Habe den Mut, öffentlich Schuld einzugestehen. 5. Stärke solche Institutionen, die einen guten menschlichen Umgang fördern und einüben.[9]

Im Blick auf kirchliche Stellungnahmen zur Friedensethik hat Raedel tragfähige theologische Begründungen in solchen Stellungnahmen angemahnt. Diesbezüglich lobt er einige in der Evangelisch-methodistischen Kirche veröffentlichte Texte, die „seit den 1990er Jahren an biblisch-theologischem Profil gewonnen“ hätten.[10]

In Äußerungen zu bioethischen Fragen wird das Anliegen des Lebensschutzes deutlich. So erklärte er im Rahmen eines Akademischen Tages des Katholisch-Theologischen Seminars der Philipps-Universität Marburg, dass aus der vorbehaltlosen Annahme des Menschen durch Gott der Auftrag folge, auch „den neu entstehenden Artgenossen an[zu]nehmen“. „Der »willkürärmste« und damit gebotene Zeitpunkt der Annahme sei die Verschmelzung von Ei- und Samenzelle.“[11] Raedel hält es für erforderlich, die Gründe zu untersuchen, warum Frauen sich für eine Abtreibung entscheiden, um sie für einen Perspektivwechsel zugunsten eines Lebens mit dem Kind gewinnen zu können.[12]

An einem von drei evangelischen Theologen verfassten FAZ-Artikel,[13] der für die Ermöglichung organisierter Suizidhilfe auch in Einrichtungen der Diakonie plädiert, hat Raedel gegenüber idea den „Verzicht auf eine tragfähige theologische Begründung“ kritisiert, „an deren Stelle der Verweis auf die Selbstbestimmung des Menschen getreten sei. Verzweiflung, Angstzustände und der Wunsch, anderen nicht zur Last zu fallen, böten keine Grundlage für ein selbstbestimmtes Sterben.“[14]

Die Bedeutung theologischer Begründungsmuster wird auch in Raedels Impulsen für ein gerechtes Wirtschaften deutlich.[15]

In einem Interview mit IDEA äußerte Raedel, er sei der Ansicht, Homosexualität sei eine „von vielen Fehlprägungen, von denen Gott möchte, dass wir damit in einer den Lebensordnungen Gottes gemäßen Weise umgehen. Das bedeutet: Wer homosexuell empfindet, soll enthaltsam leben“.[16] Diese Haltung möchte Raedel nicht an den wenigen biblischen Texten festmachen, die sich explizit zur praktizierten Homosexualität äußern, „sondern an der positiven, gesamtbiblisch fundierten Zuordnung gelebter Sexualität zur Ehe von Mann und Frau als dem einzigen von Gott dafür vorgesehen Raum.“[17]

In Fragen der Ernährung plädiert Raedel dafür, vom christlichen Glauben her nach den wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Bedingungen zu fragen, unter denen z. B. Fleisch produziert und vermarktet wird. Dazu schreibt er: „Wenn Jesus die Himmelsgabe für das »Leben der Welt« ist, dann kann Christen diese Welt samt den in ihr vorherrschenden Herstellungs- und Handelsbedingungen nicht gleichgültig sein“.[18] Die Tischgemeinschaft diene dazu, Menschen miteinander zu verbinden. Dazu bedürfe es der „Tugend des Maßhaltens“, auch und gerade, was den Fleischkonsum angeht.[18]

Mitgliedschaften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schriften (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • (Hrsg.): Jahrbuch Freikirchenforschung (im Auftrag des Vereins für Freikirchenforschung).
  • Erziehungs- und Bildungsarbeit im englischen Methodismus des 18. Jahrhunderts. In: Freikirchenforschung. Bd. 7, 1997, S. 9–42.
  • mit Achim Härtner, Michael Nausner (Hrsg.): Reutlinger Theologische Studien.
  • Die Auseinandersetzung mit Wesen und Wirken des Spiritismus im deutschsprachigen Methodismus des 19. Jahrhunderts. In: Michael Bergunder (Hrsg.): Religiöser Pluralismus und das Christentum. Festgabe für Helmut Obst zum 60. Geburtstag. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2001, ISBN 3-525-56547-X, S. 55–73.
  • Lass deines Geistes Wirken sehn. Beiträge zur Erneuerung der Kirche aus wesleyanischer Sicht. (= emk-Studien 6). Medienwerk, Stuttgart 2003, ISBN 3-89725-062-4.
  • „A Heart Strangely Warmed“. Erweckung des Herzens als methodistisches Leitmotiv einer evangelikalen Theologie. In: Freikirchenforschung. Bd. 14, 2004, S. 49–80.
  • Methodistische Theologie im 19. Jahrhundert. Der deutschsprachige Zweig der Bischöflichen Methodistenkirche. (= Kirche-Konfession-Religion 47). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2004, ISBN 3-525-56952-1.
  • „Secret Things belong to God“. Zur Geschichte und Rezeption der mysteriösen Vorkommnisse im Wesley-Pfarrhaus (1716/17). In: Michael Bergunder, Daniel Cyranka (Hrsg.): Esoterik und Christentum. Religionsgeschichtliche und theologische Perspektiven. Helmut Obst zum 65. Geburtstag. Evangelische Verlags-Anstalt, Leipzig 2005, ISBN 3-374-02376-2, S. 30–57.
  • Von der Weisheit des Glaubens. Jéan Frédéric Bettex als christlicher Apologet. VRUnipress, Göttingen 2006, ISBN 3-89971-250-1.
  • Gotteserfahrung im Widerstreit? Zwischen methodistischer Identität und charismatischer Erneuerung. In: Christoph Raedel (Hrsg.): Methodismus und charismatische Bewegung. Historische, theologische und hymnologische Beiträge. Ed. Ruprecht, Göttingen 2007, ISBN 978-3-7675-7090-0, S. 163–192.
  • Vierzig Jahre methodistisch/römisch-katholischer Dialog – Eindrücke, Analysen, Erwartungen. In: Freikirchenforschung. Bd. 16, 2007, S. 104–134.
  • (Er)Lebenswert. Was Paulus Gemeinden heute zu sagen hat. ekm-Bücherstube, München 2010, ISBN 978-3-9811568-5-0.
  • Faszination des Endes. Theologie und Fiktion in der „Left Behind“-Buchreihe. (= EZW-Texte 212). Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, Berlin 2010.
  • Vierzig Jahre methodistisch-katholischer Dialog auf Weltebene. Eindrücke – Analysen – Erwartungen. In: Christoph Raedel (Hrsg.): Als Beschenkte miteinander unterwegs. Methodistisch-katholischen Beziehungen auf Weltebene. Edition Ruprecht, Göttingen 2011, ISBN 978-3-8469-0006-2, S. 18–51.
  • Anstiftung zum Frieden. Ansätze christlicher Friedensethik. In: Christian Herrmann (Hrsg.): Leben zur Ehre Gottes. Themenbuch zur Christlichen Ethik. Band 2: Konkretionen. SCM R. Brockhaus, Witten 2012, ISBN 978-3-417-29109-4, S. 376–427.
  • (Hrsg.): „Mitarbeiter der Wahrheit“ – Christuszeugnis und Relativismuskritik bei Benedikt XVI. Evangelische Perspektiven. Edition Ruprecht/Brunnen, Göttingen/Gießen 2013, ISBN 978-3-8469-0169-4.
  • Gender Mainstreaming: Auflösung der Geschlechter?. SCM Hänssler, Neuhausen-Stuttgart 2014, ISBN 978-3-7751-5522-9.
  • Die Gender-Agenda: Angriff auf die Familie. Logos Editions, Ansbach 2016, ISBN 978-3-945818-02-2.
  • Gender. Von Gender Mainstreaming zur Akzeptanz sexueller Vielfalt. Brunnen Verlag, Gießen 2017, ISBN 978-3-7655-2080-8; 2. überarbeitete Auflage 2019, ISBN 978-3-7655-2095-2.
  • Toleranz und Akzeptanz. Die neue Intoleranz im Zeichen der Gleichheit. Logos Editions, Ansbach 2018, ISBN 978-3-945818-12-1.
  • Aus Gottes Gnade leben und die Welt gestalten. Beiträge zur methodistischen Theologie. Edition Ruprecht, Göttingen 2018, ISBN 978-3-8469-0304-9.
  • Organspende. Christlich-ethische Entscheidungshilfen. Brunnen-Verlag, Gießen 2019, ISBN 978-3-7655-4345-6.
  • Die Würde des Menschen ist unantastbar. Lebensbeginn und Lebensschutz aus christlich-ethischer Perspektive. Logos Editions, Windsbach 2020, ISBN 978-3-945818-24-4.
  • mit Jürg Buchegger-Müller: Die biblische Rede vom Gericht Gottes als Herausforderung für Theologie und Gemeinde. SCM R. Brockhaus, Witten 2020, ISBN 978-3-417-24165-5.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Begabtenförderung und Kultur. Konrad-Adenauer-Stiftung, abgerufen am 1. Mai 2020.
  2. Prof. Dr. Christoph Raedel. Freie Theologische Hochschule Gießen, abgerufen am 10. März 2019.
  3. BRUNNEN VERLAG GmbH - Dr. Christoph Raedel / BRUNNEN VERLAG GmbH -. Abgerufen am 14. September 2021.
  4. Eckart Graumann: Freie Theologische Hochschule Gießen – Professorenberufung. In: Gießener Zeitung. 19. Dezember 2013, abgerufen am 31. Januar 2018.
  5. Das Team. Institut für Ethik und Werte, abgerufen am 1. Mai 2020.
  6. Personalia, in: Evangelikale Theologie – Mitteilungen, Ausgabe 02/2016.
  7. Christoph Raedel: Einleitung. In: Ders (Hg.): „Mitarbeiter der Wahrheit“. Christuszeugnis und Relativismuskritik bei Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. aus evangelischer Sicht. Brunnen, Gießen / Edition Ruprecht, Göttingen 2013, ISBN 978-3-7655-2002-0, S. 10.
  8. Vgl. Christoph Raedel: Unity to the Greater Glory of God. Promising Paradigms in Current Ecumenism. In: Review of Ecumenical Studies- 8/2, 2016, S. 181–184 (online, abgerufen am 9. Dezember 2021).
  9. Vgl. Christoph Raedel (Ethikinstitut): Christsein in politischer Verantwortung. Fünf Imperative der Menschlichkeit. Abgerufen am 9. Dezember 2021.
  10. Christoph Raedel: Zwischen Patriotismus und Pazifismus. Krieg und Frieden in der Perspektive methodistischer Kirchen. In: Ders.: Aus Gottes Gnade leben und die Welt gestalten. Beiträge zur methodistischen Theologie (= Reutlinger theologische Studien. Band 10). Edition Ruprecht, Göttingen 2018, ISBN 978-3-8469-0304-9, S. 351.
  11. Maria Beispiel für Lebensschutz. Akademischer Tag zu bioethischen Fragen – Ethiker dreier Konfessionen diskutieren. Abgerufen am 9. Dezember 2021.
  12. Vgl. Christoph Raedel: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Lebensbeginn und Lebensschutz aus christlich-ethischer Perspektive. Logos Editions, Ansbach 2020, ISBN 978-3-945818-24-4.
  13. Vgl. Reiner Anselm, Isolde Karle, Ulrich Lilie: Evangelische Theologen für assistierten professionellen Suizid. FAZ aktualisiert am 10. Januar 2021.
  14. Kommentar auf aerzteblatt.de. Abgerufen am 9. Dezember 2021.
  15. Christoph Raedel (Ethikinstitut): Biblische Impulse für ein gerechtes Wirtschaften. Abgerufen am 9. Dezember 2021.
  16. Karsten Huhn: Haben homosexuelle Partnerschaften den Segen Gottes? In: IDEA e.V. Evangelische Nachrichtenagentur (Hrsg.): idea. Band 38, 17. September 2020, S. 17.
  17. Christoph Raedel: Die Liebe erfreut sich an der Wahrheit. Eine Stellungnahme zur menschlichen Sexualität im Vorfeld der Generalkonferenz der United Methodist Church im Februar 2019. Abgerufen am 9. Dezember 2021.
  18. a b Christoph Raedel: Mahlzeit! Nachhaltiger Genuss aus christlich-ethischer Perspektive. Abgerufen am 9. Dezember 2021.
  19. Personalia, in: Evangelikale Theologie – Mitteilungen, Ausgabe 19/2, 2013.