Colchicin

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Strukturformel
Struktur des Colchicin
Allgemeines
Name (–)-(S)-Colchicin
Andere Namen
  • 7α-H-Colchicin
  • N-[(7S)-1,2,3,10-Tetramethoxy- 9-oxo-6,7-dihydro-5H-benzo[d] heptalen-7-yl]acetamid
Summenformel C22H25NO6
CAS-Nummer 64-86-8
PubChem 6167
ATC-Code

M04AC01

Kurzbeschreibung

weißes bis gelbliches Puder [1]

Eigenschaften
Molare Masse 399,43 g·mol−1
Aggregatzustand

fest

Schmelzpunkt

155–157 °C [2]

Löslichkeit

in Wasser: 45 g·l−1 bei 25 °C[3]

Sicherheitshinweise
Bitte die eingeschränkte Gültigkeit der Gefahrstoffkennzeichnung bei Arzneimitteln beachten
GHS-Gefahrstoffkennzeichnung aus EU-Verordnung (EG) 1272/2008 (CLP) [4]
06 – Giftig oder sehr giftig 08 – Gesundheitsgefährdend

Gefahr

H- und P-Sätze H: 340​‐​300
P: 201​‐​301+310​‐​308+313 [5]
EU-Gefahrstoffkennzeichnung [6] aus EU-Verordnung (EG) 1272/2008 (CLP) [7]
Sehr giftig
Sehr giftig
(T+)
R- und S-Sätze R: 46​‐​28
S: 53​‐​45
Toxikologische Daten

5,89 mg·kg−1 (LD50Mausoral)[8]

Soweit möglich und gebräuchlich, werden SI-Einheiten verwendet. Wenn nicht anders vermerkt, gelten die angegebenen Daten bei Standardbedingungen.
Vorlage:Infobox Chemikalie/Summenformelsuche vorhanden

Colchicin ist ein toxisches Alkaloid aus der Gruppe der Colchicin-Alkaloide und zählt zu den Tropolon-Derivaten. Es gilt als erbgutverändernd. Sein Name bezieht sich auf das Vorkommen in der Herbst-Zeitlose (Colchicum autumnale).

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Entdeckung und Isolierung des Colchicins wird dem Heidelberger Pharmazeuten Philipp Lorenz Geiger zugeschrieben,[9] [10] der es 1833 aus den Samen von Colchicum autumnale darstellte.[11] Heute kommt es nur noch bei akuten Gichtanfällen oder bei Unverträglichkeit von Alternativen zum Einsatz. Weiterhin wird Colchicin in der aktuellen Leitlinie zur akuten Perikarditis als Erstlinientherapie zusammen mit NSAR empfohlen.

Vorkommen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Blüte der Herbst-Zeitlose enthält 1,8 % Colchicin.

Colchicin findet sich nicht nur in den Samen der Herbst-Zeitlosen (0,5 %), sondern auch in deren Blüten (bis zu 1,8 %), der Knolle (ca. 0,2 %) und den Blättern (0,03 %). Es tritt in Begleitung seines Alkohols (−)-Colchicein auf.

Colchicin als Reinsubstanz.

Synthese[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine Totalsynthese von Colchicin gelang dem Chemiker Albert Eschenmoser und Mitarbeitern an der ETH Zürich.[12]

Wirkung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Colchicin ist ein so genannter Mitose-Hemmstoff, der die Ausbildung der Spindelfasern hemmt, indem er an freie Mikrotubuli-Untereinheiten bindet und diese nicht mehr für den Spindelfaseraufbau zur Verfügung stehen. Die weiteren Mitose-Vorgänge werden dabei jedoch nicht unterbrochen, sondern die Zellen durchlaufen nach wie vor sämtliche Mitosephasen sowie die Zellteilung. Wegen des fehlenden Spindelapparates kommt es jedoch nicht zur korrekten äquatorialen Ausrichtung der Chromosomen, wie es in der Metaphase normalerweise der Fall ist. Auch das Aufteilen der Schwesterchromatiden während der Anaphase unterbleibt aufgrund fehlender Spindelfasern. Bei der Teilung entsteht so je eine Zelle mit und eine ohne Zellkern, wobei letztere nicht lebensfähig ist. Die andere Zelle verdoppelt nun in der Interphase die Chromatiden, was zur Polyploidisierung führt. Als Folge sterben tierische Zellen ab.

Botanische Bedeutung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei pflanzlichen Zellen kommt es durch Polyploidie zur Vergrößerung der Zellen. So wurde Colchicin auch bei der Züchtung der Gattungshybride Triticale eingesetzt, da die bei der Kreuzung von Weizen und Roggen entstehenden Pflanzen haploid und daher unfruchtbar sind. Durch die Behandlung mit Colchicin entstehen diploide, fruchtbare Pflanzen.[13] Des Weiteren können bei der Erzeugung von Pflanzen aus Mikrosporenkolonien durch eine Genomaufdopplung mit Colchicin doppelt haploide Individuen erzeugt werden. Diese sind durch die Aufdopplung in der Lage Saatgut zur weiteren Zucht hervorzubringen.

Medizinische Bedeutung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei der Erstellung von Karyogrammen wird Colchicin eingesetzt, um die Mitose in der Metaphase zu stoppen und so Chromosomen zu gewinnen, die sich lichtmikroskopisch gut beurteilen lassen.

Für das „Gichttherapeutikum“ Colchicin finden sich zunehmend Hinweise für erfolgreiche Anwendungen bei einer Vielzahl weiterer ganz unterschiedlicher Krankheitsbilder.[14]

In entsprechender Dosis eingenommen, werden im Körper Zellteilungsprozesse verhindert. Dadurch kommt es überall im Körper zur Bildung nichtfunktionsfähiger Zellen, deren Beseitigung das Immunsystem überlastet. Dies führt zu schweren Vergiftungserscheinungen und kann lebensgefährlich sein. Bei der Einnahme von Colchicum-Arzneien darf eine Höchstdosis nicht überschritten werden. Das Mittel fällt unter die rezeptpflichtigen Medikamente und sollte nie ohne Kontrolle durch einen Arzt eingenommen werden, da gerade Kinder, ältere Menschen und Schwangere gefährdet sein können.

Die Anwendung von Colchicin ist bei Lebensmittel liefernden Tieren gemäß der EU-Rückstandshöchstmengen-Verordnung für Lebensmittel tierischen Ursprungs in der Europäischen Union generell verboten.

Gicht[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Colchicin kann als Tablette oder Tropfen genommen werden und beseitigt die oft extremen Gelenkschmerzen bei Gicht sehr zuverlässig. Aufgrund der geringen therapeutischen Breite soll eine Einzeldosis von 2 mg und eine Tagesdosis von 6 mg nicht überschritten werden. Bei 12 mg gab es bereits Todesfälle. Zur Minderung von Nebenwirkungen (insbesondere Durchfall) wird heute eine niedrigere Dosis, z.B. 3 x 0,5 mg/Tag empfohlen. Colchicin darf nicht während der Schwangerschaft eingesetzt werden und auch Männer sollten unter Therapie keine Kinder zeugen (bis 6 Monate nach dem Absetzen der Behandlung).[15] Die Wirkung beruht wahrscheinlich auf einer Hemmung der Einwanderung von Entzündungszellen in die Gelenke. Die Ausscheidung erfolgt zum Teil unverändert über die Nieren, aber auch über die Galle mit enterohepatischem Kreislauf (Halbwertszeit: 4–5 h).

Familiäres Mittelmeerfieber[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei Patienten mit familiärem Mittelmeerfieber kann die lebenslange Einnahme von Colchicin die Entstehung einer Amyloidose verhindern.

Krebs[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es wurde auch versucht, die zellteilungshemmende Wirkung von Colchicin zur Krebstherapie zu nutzen.[2][16] Colchicin ist jedoch zu toxisch für eine therapeutische Anwendung (geringe therapeutische Breite), daher gibt es keine zugelassenen Arzneimittel mit Colchicin für diese Indikation. Mit ähnlicher Wirkungsweise (‚Spindelgift‘ mit Hemmung der Mitose) werden in der Onkologie die Vincaalkaloide eingesetzt.

Zirrhose[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auch wenn sich im Tierversuch die Faserbildung in der Leber durch die Verabreichung von Colchicin hemmen lässt, konnte bei einer klinischen Studie an 55 Patienten mit histologisch gesicherter alkoholischer Leberzirrhose keine signifikante Besserung gegenüber einer Placebogruppe festgestellt werden. Die Beobachtungszeit betrug mehr als 40 Monate. Die Nebenwirkungen waren tolerabel.[17][18][19]

Morbus Adamantiades-Behçet[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Beim Morbus Adamantiades-Behçet konnten in verschiedenen Studien, insbesondere bei Kindern, positive Ergebnisse erhalten werden. Im Vergleich zu Steroiden oder Immunsuppressiva scheint Colchicin vorteilhaft aufgrund der besseren Langzeitverträglichkeit.[14][20]

(Akute) Perikarditis[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Colchicin lindert unter anderem auch Entzündungen an serösen Schleimhäuten, wie bei der Perikarditis. Vor allem bei der akuten Perikarditis zeigt die Therapie mit Colchicin eine gute Wirkung.[21]

Nebenwirkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als häufige Nebenwirkungen kann es zu schweren Durchfällen kommen, weil auch die Epithelzellen des Darmes sehr teilungsaktiv sind und empfindlich reagieren. Bei Überdosierung wird die Niere unter Umständen irreparabel geschädigt. Bei längerer Anwendung kann es zu Schäden des Knochenmarks und Haarausfall führen. Des Weiteren kann es zu Übelkeit, Bauchschmerzen und Erbrechen kommen.

Gelegentliche Nebenwirkungen sind unter anderem: Hautbeschwerden wie Juckreiz; Hautbrennen und/oder Hautblutungen, Blutbildveränderungen mit Abfall der weißen Blutkörperchen, Blutarmut, Nerven- und Muskelschwäche, Benommenheit, Nierenschäden, Störungen des Nagelwachstums sowie verschiedene Überempfindlichkeitsreaktionen.[22]

Heute werden unter anderem wegen der bekannten Nebenwirkungen bevorzugt andere Schmerzmittel wie Indometacin aus der Gruppe der nichtsteroidalen Antirheumatika (NSAR) verwendet.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wiktionary: Colchicin – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Datenblatt bei Sigma-Aldrich, abgerufen am 7. Oktober 2014
  2. a b Eintrag zu Colchicin. In: Römpp Online. Georg Thieme Verlag, abgerufen am 22. Juni 2014.
  3. Datenblatt Colchicin (PDF) bei Carl Roth, abgerufen am 14. Dezember 2010.
  4. Eintrag aus der CLP-Verordnung zu CAS-Nr. 64-86-8 in der GESTIS-Stoffdatenbank des IFA (JavaScript erforderlich).
  5. Eintrag zu CAS-Nr. 64-86-8 in der GESTIS-Stoffdatenbank des IFA, abgerufen am 23. März 2011 (JavaScript erforderlich).
  6. Für Stoffe ist seit dem 1. Dezember 2012, für Gemische seit dem 1. Juni 2015 nur noch die GHS-Gefahrstoffkennzeichnung gültig. Die EU-Gefahrstoffkennzeichnung ist daher nur noch auf Gebinden zulässig, welche vor diesen Daten in Verkehr gebracht wurden.
  7. Eintrag aus der CLP-Verordnung zu CAS-Nr. 64-86-8 in der GESTIS-Stoffdatenbank des IFA (JavaScript erforderlich).
  8. Eintrag zu Colchicin in der ChemIDplus-Datenbank der United States National Library of Medicine (NLM).
  9. M. Hübler: Ueber Colchicin. (1865) In: Arch. Pharm. 171, S. 193–216, doi: 10.1002/ardp.18651710302.
  10. Edward Kremers, George Urdang, Glenn Sonnedecker: Kremers and Urdang's History of Pharmacy. American Institute of the History of Pharmacy, Madison WI 1986, ISBN 0-931292-17-4, S. 459, Eintrag Geiger, Philipp Lorenz
  11. P. Geiger: Ueber einige neue giftige organische Alkalien. In: Annalen der Pharmacie., 1833, 7., S. 274f.
  12. J. Schreiber, W. Leimgruber, M. Pesaro, P. Schudel, A. Eschenmoser: Synthese des Colchicins. In: Angew. Chem. Band 71, Nr. 20, 1959, S. 637–640, doi:10.1002/ange.19590712002.; J. Schreiber, W. Leimgruber, M. Pesaro, P. Schudel, T. Threlfall, A. Eschenmoser: Synthese des Colchicins. In: Helv. Chim. Acta. Band 44, Nr. 2, 1961, S. 540−597, doi:10.1002/hlca.19610440225.
  13. J. Graw, W. Hennig: Genetik. Verlag Springer, 5. Auflage, 2010, ISBN 3-642049-98-2, S. 404.
  14. a b Lange, U., et al: Aktuelle Aspekte der Colchicin-Therapie, 2. Teil: Weitere klassische Indikationen und neue therapeutische Ansätze, in Z. ärztl. Fortbild. Qual.sich. (ZaeFQ), 96/2002, S. 115–119, abgerufen am 10. Mai 2014.
  15. ROTE LISTE, Hauptgruppe: 44.A.1.
  16. Cancer Res., 28/1968, S. 1031–1040.
  17. Ärzteblatt: Colchicin bei Leberzirrhose wirkungslos, 99/2002, S. 2631.
  18. Cortez-Pinto H et al., Lack of effect of colchicine in alcoholic cirrhosis: final results of a double blind randomized trial, in Eur J Gastroenterol Hepatol, 14/2002, S. 377–381.
  19. Lonardo A, Loria P, Of liver, whisky and plants; a requiem for colchicine in alcoholic cirrhosis?, in Eur J Gastroenterol Hepatol, 14/2002, S. 355–358.
  20. Sander HM, Randle HW, Use of Colchicin in Behçet‘s syndrome., in Cutis, 37/1986, S. 344–348.
  21. Massimo Imazio, Antonio Brucato, Roberto Cemin, Stefania Ferrua, Stefano Maggiolini, Federico Beqaraj, Daniela Demarie, Davide Forno, Silvia Ferro, Silvia Maestroni, Riccardo Belli, Rita Trinchero, David H. Spodick, Yehuda Adler: A Randomized Trial of Colchicine for Acute Pericarditis. In: New England Journal of Medicine. 2013, S. 130831233005005, doi:10.1056/NEJMoa1208536.
  22. Onmeda: Colchicin: Nebenwirkungen
Gesundheitshinweis Dieser Artikel behandelt ein Gesundheitsthema. Er dient nicht der Selbstdiagnose und ersetzt keine Arztdiagnose. Bitte hierzu diese Hinweise zu Gesundheitsthemen beachten!

ESC Guideline for the Diagnosis and Management of pericardial Diseases 2015 (www.escardio.org)