Conwy Lloyd Morgan

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Dieser Artikel behandelt einen britischen Zoologen und Psychologen; für den britischen Design-Berater und Autor siehe Conway Lloyd Morgan.
C. Lloyd Morgan. (1898)

Conwy Lloyd Morgan (* 6. Februar 1852 in London; † 6. März 1936 in Hastings) war ein britischer Zoologe und Psychologe und gilt als Begründer der experimentellen Tierpsychologie und Ethologie. Er ist heute insbesondere für seinen als Morgans Kanon (Morgan's Canon) bezeichneten Lehrsatz bekannt.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach seinem Studium am Royal College of Science in London bei Thomas Huxley ging er von 1878 bis 1884 nach Südafrika, um an einem College in Rondebosch zu lehren. 1884 erhielt er am University College in Bristol eine Professur für Zoologie und Geologie, von 1911 bis 1919 war er an dieser Universität Professor für Psychologie und Ethik. Einer seiner Schüler war Reginald Innes Pocock.

Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vergleichende Psychologie und Ethologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Morgan gilt neben George Romanes als einer der Gründerväter der vergleichenden Psychologie und Ethologie.[1] Wie Romanes suchte auch Morgan nach einer Methode gesicherte Aussagen über die geistigen Vermögen von Tieren machen zu können und sich damit von bloßen Laienbeschreibungen abzuheben. Aus Sicht Morgans verblieb Romanes dabei jedoch in der für ihn unwissenschaftlichen Naturgeschichtsschreibung und der Sammlung von häufig anthropomorpher Darstellungen und Anekdoten. Morgan selbst strebte eine empirische Erforschung der geistigen Vermögen mit verlässlichen Ergebnissen an. In seinen Arbeiten beschäftigte er sich insbesondere mit dem Problem des Fremdpsychen, also dem Problem, dass uns jeder direkte Zugriff auf die geistigen Vermögen anderer verschlossen ist. Um diese dennoch erfassen zu können, versuchte er eine experimentelle Erforschung von Tieren mit einer an die Human-Psychologie angelehnten induktiven Methode zu verknüpfen. Ausgangspunkt der Forschung war somit das beobachtbare Verhalten von Tieren, von dem Rückschlüsse auf deren geistige Vermögen gezogen werden sollten. Dabei stellte eine allzu rasche und ungesicherte Zuschreibung menschlicher Eigenschaften bei Tieren eine Gefahr dar. Sein berühmter Kanon ist Ausdruck dieses Problembewusstseins.

Morgans Kanon[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit seinem Kanon rief Morgan zur allgemeinen Vorsicht auf, keine vorschnellen anthropomorphen und damit wissenschaftlich ungesicherten Zuschreibungen menschlicher Eigenschaften bei Tieren zu machen. Der Kanon findet sich erstmals in seinem 1894 veröffentlichten Werk An Introduction to Comparative Psychology. Üblicherweise wird folgende Passage als Morgans Kanon herangezogen, obwohl sich verschiedene Formulierungsvarianten in seinem Werk finden:

„In no case may we interpret an action as the outcome of the exercise of a higher mental faculty, if it can be interpreted as the exercise of one which stands lower in the psychological scale. (Deutsch: In keinem Fall sollten wir eine Handlung als das Ergebnis der Ausübung eines höheren geistigen Vermögens interpretieren, wenn sie auch als das Ergebnis eines in der geistigen Skala weiter unten stehenden geistigen Vermögens interpretiert werden kann.)“[2]

Dem Kanon folgend ist bei der Interpretation tierlichen Verhaltens zu prüfen, ob es auch mit Bezug auf niedrigere geistige Vermögen erklärbar ist. Mit Blick auf die Beobachtungen seines Hundes, der im Stande war die Gartentür zu öffnen, hebt Morgan beispielsweise hervor, dass das auf den ersten Blick einsichtige Verhalten des Hundes (höheres geistiges Vermögen) nach längerer Studie auch als Versuch-und-Irrtum-Lernen (niedrigeres geistiges Vermögen) erklärt werden kann.

Emergenz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gemeinsam mit dem englischen Philosophen Samuel Alexander brachte Morgan die Theorie einer emergenten Entwicklung (emergent evolution) hervor, nach der Bewusstseinsbildung ein evolutionäres Phänomen ist, das sich organisch nicht hinreichend erklären lasse. Denn die Evolution ist einerseits eine Reihe kontinuierlicher Steigerungen, die durch die Resultate (resultant) gesichert bleiben. Andererseits entstehen in der Evolution ganz neue Gesetzmäßigkeiten und Entwicklungsreihen, die durch die Emergenz (emergent), nämlich durch das Aufsteigende herbeigeführt werden.[3]

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Morgans Kanon[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Morgans Kanon gilt bis heute als der am häufigsten zitierte Satz in der Geschichte der Tierpsychologie.[4] In der Regel wird er als Prinzip der Sparsamkeit oder Einfachheit aufgefasst oder als Variante von Ockhams Rasiermesser verstanden, angewandt auf die vergleichende Psychologie. Es gibt jedoch auch Auffassungen, die diese Auslegungen insgesamt als Missinterpretationen erachten und hervorheben, dass sich Morgan in seinen Texten selbst explizit gegen solche Deutungen gewendet hat.[5] Dem Kanon zufolge soll ein tierliches Verhalten nicht mit einem höheren geistigen Vermögen erklärt werden, wenn es auch mit einem geringeren erklärt werden kann. Es herrscht jedoch weitestgehend Uneinigkeit darüber, was unter höheren und niedrigeren geistigen Vermögen verstanden werden kann.[6] Eine zu strenge Auslegung des Kanon fordert, dass bei der Interpretation tierlichen Verhaltens gänzlich auf geistige Vermögen zu Gunsten eines Reiz-Reaktions-Modells verzichtet werden soll. Dies mündete in den 1950er Jahren im radikalen Behaviorismus. Eine häufig geäußerte Kritik bezieht sich auf die von Morgan angesprochene Skala: Weder liefert Morgan eine psychologische Skala, nach der Prozesse als höher oder tiefer eingestuft werden können, noch sei eine solche Skala sinnvoll zu begründen. Auch eine spätere Formulierung Morgans, die auf evolutionäre Entwicklungen für die Bildung einer solchen Skala zielt, ist diesbezüglich nicht hilfreich, da evolutionäre Entwicklung nicht linear ist.[7] Andererseits gibt es Bemühungen an dem Kanon feszuthalten und ihn unter Berücksichtigung der wissenschaftlichen Entwicklungen innerhalb der vergleichenden Verhaltensforschung zu überarbeiten.[8] Eine Kritik an dieser Debatte hingegen hebt hervor, dass von den meisten Autoren der Kontext von Morgans Forschungsprogramm völlig außer Acht gelassen und so nur ein einzelner aus dem Kontext gerissener Satz diskutiert wird.[9]

Emergentismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Morgans Emergentismus beeinflusste Thorstein Veblens Theorie der sozio-ökonomischen Entwicklung.[10]

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Animal Life and Intelligence. 1890.
  • An Introduction to Comparative Psychology. 1894.
  • Emergent Evolution. Williams & Norgate, London 1923.
  • Autobiography of C. Lloyd Morgan. In: C. A. Murchison (Hrsg.): A History of Psychology in Autobiography. Band II. Clark University Press, Worcester 1932, S. 237–264.
  • The Emergence of Novelity. 1933.
  • The Law of Psychogenesis. Mind (N. S.) 1(1892), 72 - 93

Weiterführende Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Martin Böhnert, Christopher Hilbert: C. Llyod Morgan’s Canon - Über den Gründervater der komparativen Psychologie und den Stellenwert epistemischer Bedenken. In: Martin Böhnert, Kristian Köchy, Matthias Wunsch (Hrsg.): Philosophie der Tierforschung: Methoden und Programme. Alber Verlag, Freiburg 2016, ISBN 978-3495487419, S. 149–183.
  • Elliot Sober: Morgan's Canon. In: Collin Allen, Denise Cummins (Hrsg.): The Evolution of Mind. Oxford University Press, New York/Oxford 1998, ISBN 978-0195110531, S. 224–242.
  • Tobias Starzak: Kognition bei Menschen und Tieren: Eine vergleichende philosophische Perspektive. De Gruyter, Berlin 2014, ISBN 978-3110368901, S. 12–32.
  • Roger K. Thomas : Lloyd Morgan’s Canon: A History of Its Misrepresentation. University of Georgia 2001, abgerufen am 15. Juli 2016.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Conwy Lloyd Morgan – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. William H. Thorpe: The Origins and Rise of Ethology. The science of the natural behaviour of animals. Greenwood, London 1979, ISBN 978-0275904319, S. 25.
  2. C. Lloyd Morgan: An Introduction to Comparative Psychology. W. Scott, London 1894, S. 53.
  3. Georgi Schischkoff (Hrsg.): Philosophisches Wörterbuch. Kröner, Stuttgart 1991, Lemma Morgan.
  4. Donald Dewsbury: Comparative Psychology in the twentieth Century. Hutchinson Ross, Stroudsburg 1984, ISBN 978-0879331085, S. 187.
  5. Roger K. Thomas: Lloyd Morgan’s Canon: A History of Its Misrepresentation. University of Georgia 2001, abgerufen am 15. Juli 2016.
  6. Marc Bekoff, Collin Allen: Cognitive Ethology: Slayers, Skeptics, and Proponents. In: Robert W. Mitchell, Nicholas S. Thompson, H. Lynn Miles (Hrsg.): Anthropomorphism, Anecdotes and Animals. State University of New York Press, New York 1997, ISBN 978-0791431269, S. 313-334, hier S. 326.
  7. Tobias Starzak: Kognition bei Menschen und Tieren: Eine vergleichende philosophische Perspektive. De Gruyter, Berlin 2014, ISBN 978-3110368901, S. 12–32.
  8. Elliot Sober: Morgan's Canon. In: Collin Allen, Denise Cummins (Hrsg.): The Evolution of Mind. Oxford University Press, New York/Oxford 1998, ISBN 978-0195110531, S. 224–242.
  9. Martin Böhnert, Christopher Hilbert: C. Llyod Morgan’s Canon - Über den Gründervater der komparativen Psychologie und den Stellenwert epistemischer Bedenken. In: Martin Böhnert, Kristian Köchy, Matthias Wunsch (Hrsg.): Philosophie der Tierforschung: Methoden und Programme. Alber Verlag, Freiburg 2016, ISBN 978-3495487419, S. 149–183.
  10. Geoffrey M. Hodgson: On the evolution of Thorstein Veblen's evolutionary economics (PDF; 1,2 MB) Cambridge Political Economy Society 1998, Bd. 22, S. 420f