David Reich

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David Reich (* 14. Juli 1974 in Washington, D.C.) ist ein US-amerikanischer Human- und Populationsgenetiker.

Herkunft und Ausbildung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Er ist der Sohn des Psychiatrie-Professors Walter Reich (1995–1998 Direktor des Holocaust Memorial Museum). David Reich studierte zunächst Soziologie an der Harvard University, wandte sich dann aber der Physik als Hauptfach zu (Bachelor-Abschluss in Harvard) und wurde an der Universität Oxford in Zoologie promoviert. Seit 2003 ist er Professor für Genetik an der Harvard Medical School.

Forschung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Abspaltung des Menschen vom Menschenaffen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

2006 untersuchte er die genetische Abspaltung des Menschen von den Menschenaffen (Schimpansen).[1] Danach gab es über mehrere Millionen Jahre noch eine Vermischung bevor vor 6,3 bis 4,5 Millionen Jahre die endgültige Trennung einsetzte. Ab 2010 untersuchte er die genetische Trennung bzw. Vermischung von modernen Menschen und Neandertalern.[2][3][4]

Populationsgenetik Indiens[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

2009 untersuchte er die genetische Entwicklung der Bevölkerung in Indien.[5] Es konnten zwei große genetische Gruppen unterschieden werden: Ancestral North Indians (ANI) und Ancestral South Indians (ASI). Die ANI haben Verbindung zu Populationen in Zentralasien, dem Nahen Osten und Europa, die ASI zu keiner Gruppe außerhalb Indiens. Ihre Spaltung fand vor etwa 50.000 Jahren statt. Zwischen 2200 v. Chr. und 100 n. Chr. kam es zu einer Durchmischung beider Gruppen (ohne Hinweise auf eine bedeutende Migration), danach kaum noch.

Genetische Kartierung der Menschheit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

2011 stellte er mit Simon Myers eine genetische Karte der Menschheit auf, welche die momentan "akkurateste genetische Kartierung" ("most accurate genetic map") darstelle[6]

Teil dieser Untersuchung war u.a auch eine Betrachtung der Afro-Amerikaner in den USA. Dabei fanden sie rund 2 Millionen Rekombinationsereignisse im genetischen Material von 30.000 Afro-Amerikanern und werteten diese aus. Zu ihrer Überraschung fanden sie deutliche Unterschiede zur Rekombination bei US-Amerikanern mit europäischen Wurzeln bzw. Europäern. Denn bei der Hälfte der beobachteten Afro-Amerikaner fand die Rekombination wider Erwarten an anderen Stellen des Genoms statt als bei den betrachteten Nachfahren weißer Europäer. Dies könnte Auswirkungen auf Entstehung, Art und Häufigkeit von Erberkrankungen haben.[7]

Debatte um den Begriff der "Rasse"[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

2018 veröffentlichte er für die interessierte breitere Öffentlichkeit das Buch Who We Are and How We Got Here, in dem er die Erkenntnisse seiner Forschungsgruppe betreffend die genetische Geschichte der Menschheit vorstellte.[8]

Im Anschluss daran löste er eine in Artikeln der New York Times ausgetragene Auseinandersetzung aus da er in einem dort veröffentlichtem Beitrag – allerdings in Anführungszeichen – den Begriff "Race" (Rasse) gebrauchte und genetische Unterschiede auch komplexerer Art zwischen menschlichen Populationen, die teilweise mit dem traditionellen Begriff "Rasse" umfassbar wären, feststellte.[9]

Dafür wurde er von Sozialwissenschaftlern wie Alan Goodman und Ann Morning kritisiert, die den Charakter der "Rasse" als soziales Konstrukt betonten.[10]

Reich selbst teilte die Überzeugung, dass Rasse primär eine soziale Kategorie sei, hielt jedoch fest dass seiner Auffassung nach dennoch – durch längere geographische Isolation von Gruppen – genetische Merkmale verdichtet aufträten, was mit der Zuordnung zu einer Rasse oft – aber nicht immer und nicht zwingend – korreliere. Er argumentierte, dass gerade genauere Kenntnis über die genetische Geschichte von Populationen und der Nachweis von Migrationsbewegungen und stattgefunden habendenden Vermischungen in Genomen den Auffassungen rassistischer Bewegungen entgegenstünden.[11]

Reich vermutet, dass diese – geringen – genetischen Unterschiede wahrscheinlich gewisse – wiederum geringe – Auswirkungen auf unterschiedliche Merkmale hätten, darunter möglicherweise auch das menschliche Verhalten und die Kognition. Er erwartet darum dass entsprechende zukünftige wissenschaftliche Erkenntnisse auch von Rassisten ausgenutzt werden würden, gerade deswegen müsste man sich aber darauf vorbereiten, – gestützt darauf, dass entsprechende Unterschiede und Einflüsse absehbar gering wären und gegen bereits nachgewiesene soziale Einflüsse gewichtet werden müssten. Sie von vornherein gegen bessere wissenschaftliche Überzeugung und Integrität kategorisch auszuschließen hingegen berge die Gefahr, rassistische Denkmuster ungewollt sogar noch verstärken zu können.[12]

In seinem Buch hatte er dementsprechend die Sorge beschrieben "dass wohlmeinende Leute, die die Möglichkeit von biologischen Unterschieden zwischen Populationen bestreiten, sich in einer Position eingraben, die sich gegen den Ansturm der Wissenschaft nicht verteidigen lässt."[13]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

2017 erhielt er den Dan-David-Preis, für 2019 wurden ihm der NAS Award in Molecular Biology, der Wiley Prize in Biomedical Sciences und die Darwin-Wallace-Medaille zugesprochen.

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Who we are and how we got there, Pantheon Books, Oxford UP 2018

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. N. Patterson, D. J. Richter, S. Gnerre, E. S. Lander, D. Reich: Genetic evidence for complex speciation of humans and chimpanzees, Nature, Band 441, 2006, S. 1103–1108.
  2. Reich u. a.: Genetic history of an archaic hominin group from Denisova Cave in Siberia, Nature, Band 468, 2010, S. 1053–1060, PMID 21179161
  3. Reich u. a.: Denisova Admixture and the First Modern Human Dispersals into Southeast Asia and Oceania, The American Journal of Human Genetics, Band 89, 2011, S. 516–528. PMID 21944045
  4. Pääbo, Reich u. a.: The Date of Interbreeding between Neandertals and Modern Humans, PLoS Genetics, Band 8, 2012, e1002947. PMID 23055938
  5. David Reich, Kumarasamy Thangaraj, Nick Patterson, Alkes L. Price, Lalji Singh: Reconstructing Indian population history, Nature, Band 461, 2009, S. 489–494, PMID 19779445
  6. Detail distinguishes map of African-American genomics, Harvard Gazette 07/2011
  7. Detail distinguishes map of African-American genomics, Harvard Gazette 07/2011
  8. Reich, David (Of Harvard Medical School),: Who we are and how we got here : ancient DNA and the new science of the human past. First ed. Oxford, United Kingdom, ISBN 0-19-882125-5.
  9. David Reich: Opinion | How Genetics Is Changing Our Understanding of ‘Race’. In: The New York Times. 23. März 2018, ISSN 0362-4331 (nytimes.com [abgerufen am 20. Juni 2020]).
  10. Thomas Reintjes: Wissenschaftler streiten über den Begriff „Rasse“, Deutschlandfunk Kultur, 12. April 2018
  11. David Reich: Opinion | How to Talk About ‘Race’ and Genetics. In: The New York Times. 30. März 2018, ISSN 0362-4331 (nytimes.com [abgerufen am 20. Juni 2020]).
  12. David Reich: Opinion | How to Talk About ‘Race’ and Genetics. In: The New York Times. 30. März 2018, ISSN 0362-4331 (nytimes.com [abgerufen am 20. Juni 2020]).
  13. zitiert nach: Markus Schär: Der Genetiker David Reich löst in den USA einen Intellektuellen-Streit über Erbgut und Rassen aus | NZZ. In: Neue Zürcher Zeitung. (nzz.ch [abgerufen am 20. Juni 2020]).