Davistan

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Die Davistan AG (Davistan Krimmer-, Plüsch- und Teppichfabriken AG) war ein deutsches Unternehmen.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Unternehmen wurde 1850 als David & Co von der Familie David in Berlin gegründet. Im Jahre 1907 wurde der Hauptsitz der Firma, die zu der Zeit der jüdischen Familie Frank gehörte, ins oberschlesische Katscher verlegt. Im Zuge der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Deutschen Reich und den damit verbundenen Repressalien gegenüber Juden entschloss sich die Familie Frank 1933 zur Flucht aus Deutschland. Die genauen Umstände sind ungeklärt. Nach Erkenntnissen des Historikers Gregor Schöllgen, Professor für Neuere Geschichte an der Universität Erlangen-Nürnberg, war das Unternehmen überschuldet und wurde unter die Verwaltung eines Bankenkonsortiums gestellt. Seit 1937 wurde demnach ein Käufer für das Unternehmen gesucht. Nach unterschiedlichen Angaben wurden die Davistan-Werke 1939[1] bzw. im Oktober 1940[2] von Wilhelm Schaeffler übernommen.

„Arisierung“ und Rüstungsbetrieb[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wilhelm Schaeffler war zum Zeitpunkt der Davistan-Übernahme 31 Jahre alt und in seiner Funktion als „Wirtschaftlichkeitsprüfer“ Angestellter der Dresdner Bank. Aktuellen Medienberichten (Februar 2009) zufolge war er zu dieser Zeit noch kein Mitglied der NSDAP, sondern erst ab 1941. Die Mitgliedschaft in „weiteren NS-Organisationen“ wird erwähnt, bleibt aber undatiert und unspezifiziert.

Die Davistan AG verfügte zum Zeitpunkt der Übernahme über vier Textilwerke mit einer Fertigungsfläche von rund 40.000 Quadratmetern. Ausschlaggebend für den Besitzerwechsel und den relativ günstigen Kaufpreis sei die Schieflage der Firma gewesen, nicht die politischen Rahmenbedingungen, schreibt der Historiker Schöllgen. Diese Rahmenbedingungen hätten allerdings dem Käufer zugespielt. Im September 1942 wurde das Unternehmen in „Wilhelm Schaeffler AG“ umfirmiert, weil zumindest Mitgesellschaftern „Davistan“ zu jüdisch klang.

Mit den Maschinen und dem Know-how von Davistan produzierte Schaeffler hauptsächlich Textilien für die aufrüstende Wehrmacht. Kurz nach Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde die Produktion auf kriegswichtige Güter umgestellt. 1941 stieg Schaeffler in die Großserienfertigung von Nadellagern für Panzerketten ein. Des Weiteren wurden Abwurfgeräte für die Luftwaffe, sowie Teile für Panzerkampfwagen, Sturmgeschütze und Abwurfanlagen für Flugzeugbomben hergestellt. Mitte 1944 beschäftigte die Firma 290 Menschen in der Rüstungsfertigung, weitere 476 arbeiteten in der Textilherstellung. Über die Zahl der eingesetzten Zwangsarbeiter aus dem Polenlager Katscher und wie diese behandelt wurden, ist nichts bekannt.

Bevor Oberschlesien Ende Januar 1945 in Folge des Krieges in sowjetische Hände fiel, erhielt Wilhelm Schaeffler den Befehl zur Verlagerung der Nadellagerfertigung ins oberfränkische Schwarzenhammer.

Weitere Entwicklung des Unternehmens[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem Krieg gründeten die Brüder Wilhelm und Georg Schaeffler und Heinz Fritsch die „Fabrik landwirtschaftlicher Maschinen Fritsch & Schaeffler“ in Schwarzenhammer.

Im Jahr 1946 gründeten die Gebrüder Schaeffler im fränkischen Herzogenaurach „INA“ (siehe Schaeffler-Gruppe), in der sie die bereits während des Krieges ausgeübte Nadellager-Produktion wieder aufnahmen. Die Entwicklung des zu der Zeit bahnbrechenden INA-Nadelkäfigs verhalf dem Unternehmen zu einem industriellen Durchbruch. INA wurde zu einem wichtigen Zulieferer für den Maschinenbau in der Automobilindustrie sowie der Luft- und Raumfahrt. Zweites Standbein der Schaeffler-Gruppe wurde nach dem Krieg die Teppichfertigung, das ehemalige Kerngeschäft der Davistan AG. In den 1970er Jahren gehörte die Schaeffler-Gruppe zu den größten Produzenten von Teppichen und Teppichböden in der Bundesrepublik Deutschland.

Erforschung der NS-Vergangenheit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Historiker Gregor Schöllgen wurde von der Familie Schaeffler beauftragt, die NS-Vergangenheit des Unternehmens aufzuarbeiten. Um Unterstellungen im Internet klarzustellen, überarbeitete Schöllgen im Februar 2009 sein etwa zwei Jahre altes Gutachten und veröffentlichte die Ergebnisse in der Zeitschrift 'Cicero'.[3][4]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Amtsblatt der Stadt Herzogenaurach: Amtsblatt 13, 2008 (Memento vom 6. März 2009 im Internet Archive) (PDF). Abgerufen am 22. Februar 2009
  2. Süddeutsche Zeitung, 25. Februar 2009
  3. Schaefflers dunkler Schatten. In: Cicero, 03/2009, Seite 82–85
  4. welt.de vom 25. Februar 2009