Der Untergeher

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Der Untergeher ist ein Roman des österreichischen Schriftstellers Thomas Bernhard aus dem Jahr 1983. Erzählt wird der berufliche und private Werdegang dreier angehender Konzertpianisten, von denen einer Glenn Gould ist, und deren lebenslange Auseinandersetzung mit dem Anspruch höchster Perfektion.

Handlung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die zentralen Personen des Romans sind drei Klaviervirtuosen: Glenn Gould, Wertheimer („Der Untergeher“) und der Ich-Erzähler. Der Roman beginnt mit dem Eintreten des Ich-Erzählers in ein Gasthaus in dem oberösterreichischen Ort Wankham. Er kommt von der Beerdigung Wertheimers in Chur und ist zu diesem Zeitpunkt der einzige Überlebende der drei Protagonisten. Er reflektiert deren gemeinsamen (und parallelen) Lebensweg und die Gründe für den Suizid des Freundes. Dies geschieht auf drei Zeitebenen: die Vorgeschichte, der Augenblick der Erinnerung an diese Vorgeschichte (beim Betreten des Wankhamer Gasthauses) sowie der Zeitpunkt der Niederschrift der Erinnerung an die Vorgeschichte.

Gould, Wertheimer und der Ich-Erzähler hatten sich 1953 kennengelernt, als sie gleichzeitig bei „Horowitz“ am Mozarteum in Salzburg studierten. Alle drei strebten „nur das Höchste“ in der Kunst an und stellen ihr Leben lang größte Ansprüche an sich selbst. Als sie die Genialität Goulds beim Einüben und beim Vortrag der Goldberg-Variationen sowie der Kunst der Fuge erkannten, gaben Wertheimer und der Erzähler das Klavierspiel umstandslos auf. Sie sahen ein, diese Stufe der Perfektion nie erreichen zu können.

Wertheimer, dem Gould den Spitznamen Der Untergeher gegeben hatte, geht in den folgenden 28 Jahren dem Müßiggang nach und hält seine Schwester in einer unterdrückerischen Beziehung in der gemeinsamen Wohnung in Wien, bis diese sich von ihm trennt. Sie heiratet einen reichen Schweizer mit dem Namen Duttweiler und zieht nach Chur in die Schweiz. Fast zeitgleich stirbt Gould nach einer überaus erfolgreichen Karriere. Wertheimer bringt sich vor dem Haus seiner Schwester um. Der Ich-Erzähler hatte nach dem Abbruch des Studiums seinen Steinway-Flügel verschenkt und beschränkt sich in den folgenden Jahren darauf, immer wieder eine Abhandlung mit dem Titel Über Glenn Gould anzufangen, dessen Karriere er verfolgt, aber jeweils zu verwerfen. Er zieht aus dem für ihn zu einer Belastung werdenden Wien nach Madrid.

Der Ich-Erzähler will über Wien, wo er noch eine Wohnung besitzt, wieder nach Madrid zurückfahren, hält aber in Wankham an, um noch einmal das Haus Wertheimers in Traich aufzusuchen. In dieses tritt er gegen Ende des Romans ein. Auf dem Plattenspieler findet er Goulds Goldbergvariationen liegen, die er noch einmal zu hören beginnt.

Dem Roman ist ein Motto vorangestellt: „Lange vorausberechneter Selbstmord, dachte ich, kein spontaner Akt von Verzweiflung.“

Formale Aspekte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wie viele Romane Thomas Bernhards hat auch Der Untergeher lange Passagen ohne Absätze. Gleich zu Beginn sind drei Sätze abgesetzt – der „vierte Absatz“ allerdings zieht sich bis zum Ende des Buches. Der Untergeher enthält nur selten direkte Rede, stets eingelassen in den Erinnerungsfluss des fiktiven Autors und daneben fragmentarische Zitate, kursiv gesetzt. Mit einer eigenwilligen Zeichensetzung fügt Bernhard an ungewöhnlichen Stellen Pausensignale in den Text ein.[1]

Fiktion und Realität[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Glenn Gould[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In dem Roman ist authentisches und erdichtetes Material miteinander verwoben. Die Romanfigur Glenn Gould unterscheidet sich in einigen Punkten deutlich von der realen Person. Gould studierte nicht in Salzburg und auch nicht bei Vladimir Horowitz, der stilistisch das Gegenteil verkörperte. Gould wird im Roman 51 Jahre alt, während er in der Realität wenige Tage nach seinem 50. Geburtstag starb - nicht am Klavier sitzend, wie im Roman beschrieben.

Goldberg-Variationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach Liesbeth M. Voerknecht wird die Entstehungsgeschichte der Goldberg-Variationen im Roman persifliert. Die Verbindung zu den beiden Volksliedern des Quodlibet stellten die Wirtin und der Holzfäller her, und Form und Zahlenordnungen der Goldberg-Variationen würden im Untergeher aufgegriffen. So komme das Wort Aria zweimal, das Wort Goldberg-Variationen 32 mal vor und in den einleitenden Absätzen werde ähnlich wie in der Aria Themenmaterial exponiert, das in Variationen den gesamten Roman bestimme.[2]

Ausgaben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Adaptionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Christiane Pohle inszenierte 2013 eine Bühnenfassung von Der Untergeher am Schauspielhaus Graz.[3] Die Brooklyn Academy of Music realisierte 2016 eine einaktige Oper von David Lang, die auf dem Roman basierte.[4]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Barbara Diederichs: Musik als Generationsprinzip von Literatur. Eine Analyse am Beispiel von Thomas Bernhards Untergeher. Diss. Gießen 1999 (DNB)
  • Liesbeth M. Voerknecht: Thomas Bernhard und die Musik. Der Untergeher. In: Joachim Hoell, Kai Luehrs-Kaiser (Hrsg.): Thomas Bernhard: Traditionen und Trabanten. Königshausen und Neumann, Würzburg 1999, ISBN 3-8260-1695-5, S. 195–199

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Philipp Löser, Mediensimulation als Schreibstrategie. Film, Mündlichkeit und Hypertext in postmoderner Literatur. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1999, ISBN 3-525-20581-3, S. 210
  2. Liesbeth M. Voerknecht: Thomas Bernhard und die Musik. Der Untergeher. In: Joachim Hoell, Kai Luehrs-Kaiser (Hrsg.): Thomas Bernhard: Traditionen und Trabanten. Königshausen und Neumann, Würzburg 1999, ISBN 3-8260-1695-5, S. 195–199
  3. Schauspielhaus Graz: Der Untergeher, abgerufen am 2. August 2017
  4. Brooklyn Academy of Music: World premiere „The Loser“, abgerufen am 2. August 2017