Désiré Raoul-Rochette

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Désiré Raoul- Rochette, um 1830 gezeichnet von Jean-Auguste-Dominique Ingres

Désiré Raoul-Rochette (genannt Raoul-Rochette, * 9. März 1789 in Saint-Amand, Département Cher; † 5. Juli 1854 in Paris) war ein französischer Klassischer Archäologe. Als Archäologe und Spezialist für Keramik, Epigraphik und Numismatik war er der führende Altertumswissenschaftler im Frankreich seiner Epoche.

Leben und Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Raoul-Rochette, Sohn eines Arztes, absolvierte mit glänzendem Erfolg das Gymnasium in Bourges und das Studium an der École Normale Supérieure in Paris.

1813 wurde er Professor für Geschichte am Lycée Louis-le-Grand in Paris. Im folgenden Jahr erhielt er für seine Histoire critique del’établissement des colonies grecques den ersten Preis in einem Wettbewerb, den die Classe d’histoire et de littérature ancienne (die Vorläuferin der Académie des Inscriptions et Belles-Lettres) ausgeschrieben hatte. Dieser Erfolg verschaffte ihm mit 26 Jahren durch eine königliche Anordnung vom 21. März 1816 die Mitgliedschaft in der Académie des Inscriptions et Belles-Lettres. Verheiratet mit einer Tochter des Bildhauers Jean-Antoine Houdon besuchte er die Salons in Paris und empfing selbst seine französischen und ausländischen Kollegen. Als Redaktor des Journal des savants von 1817 bis zu seinem Tode war er für die Altertumswissenschaften zuständig. Er genoss deshalb internationales Ansehen, das seinen Austausch mit den bedeutenden Gelehrten Europas begünstigte.

Von 1818 bis 1848 war er als Nachfolger von Aubin-Louis Millin (1759–1818) Konservator des Cabinet des Médailles der Pariser Bibliothèque royale. Seine Kurse in Archäologie, von seinem Vorgänger begründet, die er seit 1828 in der Bibliothèque royale abhielt, waren in Frankreich einzigartig, genossen aber auch in Deutschland, England und Italien großes Ansehen.

Die freundschaftlichen Beziehungen zu Karl Benedikt Hase (1780–1864) erleichterten es ihm, einige der bedeutendsten deutschen Altertumswissenschaftler zu kontaktieren. Mit ihnen unterhielt er, ebenso wie mit englischen und italienischen Kollegen, eine ausgedehnte Korrespondenz: Sie liefert einen eindrucksvollen Beleg für die kraftvolle Vitalität, von der damals die internationale Gemeinschaft der Wissenschaftler erfüllt war. Er war bestrebt, die klassische und orientalische Archäologie als autonome Disziplin zu etablieren, ganz ebenso wie seine deutschen Kollegen Eduard Gerhard (1795–1867), Karl Otfried Müller (1797–1840) oder Ludwig Ross (1806–1859). Seine Korrespondenz mit diesen Gelehrten ist von großer Bedeutung für die Geschichte der Altertumswissenschaft und den internationalen Austausch in dieser Epoche.

Seine wissenschaftlichen Werke verfasste er im Hinblick auf eine ‚Kunstgeschichte des Altertums’, die mit Ägypten und dem Alten Orient beginnen und dann Griechenland und Italien umfassen sollte. Wie Ludwig Ross davon überzeugt, dass die griechische Kultur vom Orient her beeinflusst gewesen ist, begann er bahnbrechende Forschungen, um schließlich eine ‚vergleichende Archäologie’ zu konzipieren. Um die materielle Realität der antiken Kulturen kennenzulernen, unternahm er zahlreiche Reisen in den Mittelmeerraum. So reiste er 1826/27 nach Italien und Sizilien, gerade zu der Zeit, als sich die Entdeckungen bemalter Gräber in Etrurien häuften (Tarquinia-Corneto). Als 1828 die Nekropole von Vulci mit ihren zahllosen bemalten Vasen auf dem Besitz von Lucien Bonaparte, Fürst von Canino, entdeckt wurde, hat er zuerst die Aufmerksamkeit des Publikums und der gelehrten Welt auf diesen außerordentlichen Fund gelenkt. Wie sein Kollege und Korrespondent Eduard Gerhard trat er für die griechische Herkunft der in den Gräbern gefundenen Vasen ein. Seine Monuments inédits d’antiquité figurée grecque, étrusque et romaine (Paris 1828/29) beruhen auf den Resultaten dieser grundlegenden Reise nach Italien.

Seit der Gründung des Istituto di corrispondenza archeologica in Rom 1829 war er ein Mitglied und beteiligte sich aktiv an den Arbeiten dieser ersten internationalen Vereinigung für die Archäologie. Er war darüber hinaus auswärtiges Mitglied der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen (1827) und der Bayerischen Akademie der Wissenschaften (1830) sowie korrespondierendes Mitglied der Berliner Akademie (1832). Erneut reiste er 1832, 1843 und 1851 nach Italien. Aber ebenso interessierte er sich für Griechenland und war, wie sein Kollege Karl Benedikt Hase, 1829 Mitglied der Kommission der Académie, die 1829 das Programm der wissenschaftlichen Expedition nach Morea entwarf. 1838 reiste er im Auftrag des Erziehungsministeriums in Begleitung eines Architekten nach Griechenland zu den Ausgrabungen, die Ludwig Ross auf der Akropolis unternahm, aber auch nach Delos und Assos. Zwei Reisen nach Deutschland 1843 und 1846 vermittelten ihm die persönliche Bekanntschaft mit einigen seiner deutschen Briefpartner. Auch an der Gründung der École française d’Athènes war er beteiligt. 1838 wurde er Secrétaire perpétuel der Académie des Beaux-Arts. Nach der Revolution von 1830 hatte er freilich die königliche Unterstützung verloren und sich die Feindschaft von Jean Antoine Letronne (1787–1848) zugezogen, mit dem er in eine erbitterte Auseinandersetzung über die „Malerei bei den Griechen“ geriet.

Durch seinen Kurs in Archäologie und durch sein gesamtes Werk hat Désiré Raoul-Rochette entscheidend zur Entwicklung einer wissenschaftlichen Archäologie beigetragen, woran auch seine weitgespannte internationale Korrespondenz großen Anteil hatte.

Bibliographie (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine vollständige Bibliographie in Ève Gran-Aymerich, Jürgen von Ungern-Sternberg: L’Antiquité partagée. Correspondances franco-allemandes (1823–1861). Karl Benedikt Hase, Désiré Raoul-Rochette, Karl Otfried Müller, Otto Jahn, Theodor Mommsen (= Mémoires de l’Académie des inscriptions et belles-lettres 47). Paris 2012, ISBN 978-2-87754-272-2, S. 385–396.

  • Histoire critique de l’établissement des colonies grecques, 4 Bände, Paris 1815.
  • Antiquités grecques du Bosphore cimmérien, Paris 1822.
  • Considérations sur le caractère des arts de l’antique Égypte, Paris 1823.
  • Monuments inédits d’antiquité figurée grecque, étrusque et romaine, recueillis pendant un voyage en Italie et en Sicile, dans les années 1826 et 1827, 2 Bände, Paris 1828–1833.
  • Notice sur quelques médailles grecques inédites appartenant à des rois inconnus de la Bactriane et de l’Inde, Paris 1834.
  • Peintures antiques inédites précédées de recherches sur l’emploi de la peinture chez les Grecs et les Romains, faisant suite aux Monuments inédits, Paris 1836.
  • Mélanges archéologiques ou choix de lettres, notices et articles de critique, concernant l’antiquité égyptienne, étrusque, romaine, grecque et romaine, 3 Bände, Paris 1837–1838.
  • Lettres archéologiques sur la peinture des Grecs, Paris 1840.
  • Choix de peintures de Pompéi, avec une introduction sur l’histoire de la peinture chez les Grecs et les Romains, Paris 1844–1856.
  • Mémoires d’archéologie comparée, asiatique, grecque et étrusque, observations préliminaires, Paris 1846–1848.
  • Sur la topographie d’Athènes, Paris 1852

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Eduard Gerhard: Raoul-Rochette. In: Archäologische Zeitung 1855, S. 47–48.
  • Pierre Paris: Raoul-Rochette. In: Michaud, Biographie ancienne et moderne Bd. 36, Paris 1863, S. 246–258.
  • Georges Perrot: Notice sur la vie et les travaux de Désiré Raoul-Rochette. In: Comptes rendus des séances de l'Académie des Inscriptions et Belles-Lettres 1906, S. 638–701 (Digitalisat).
  • Ève Gran-Aymerich: Dictionnaire biographique d' archéologie 1798–1945. Paris 2001, S. 559–562.
  • Ève Gran-Aymerich, Jürgen von Ungern-Sternberg: L’Antiquité partagée. Correspondances franco-allemandes (1823–1861). Karl Benedikt Hase, Désiré Raoul-Rochette, Karl Otfried Müller, Otto Jahn, Theodor Mommsen (= Mémoires de l’Académie des inscriptions et belles-lettres 47). Paris 2012, ISBN 978-2-87754-272-2.
  • René Sternke: Raoul-Rochette, Désiré, in: Der Neue Pauly. Supplemente, Bd. 6. Geschichte der Altertumswissenschaften. Biographisches Lexikon, hg. von Peter Kuhlmann und Helmuth Schneider, Stuttgart, Weimar, J. B. Metzler, 2012, Sp. 1031f.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]