Eigengruppe und Fremdgruppe

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Die gegensätzlichen Begriffe Eigengruppe (engl. Ingroup) und Fremdgruppe (engl. Outgroup) werden in den Sozialwissenschaften verwendet, um Gruppen zu unterscheiden, denen man sich zugehörig fühlt und mit denen man sich identifiziert, und Gruppen, auf welche dies nicht zutrifft (vgl. Gruppenkohäsion).

Der Sozialforscher Henri Tajfel zeigt in seiner Tajfels Minimalgruppen-Forschung, dass willkürliche Unterscheidungsmerkmale binnen Minuten zu Vorurteilen, Stereotypen und Diskriminierung gegenüber einer Fremdgruppe führen können. Werner Herkner weist darauf hin, dass der Grad der Bildung von Vorurteilen gegenüber anderen Menschen mit der eigenen Selbstzufriedenheit korreliert.[1] So kann das Selbstwert-Gefühl gesteigert werden, wenn positive Eigenschaften der Eigengruppe überbetont, negative heruntergespielt werden und ebenso Fremdgruppen als solche bezeichnet und abgewertet werden. Die Zugehörigkeit zur Eigengruppe führt zu einem Wir-Gefühl, also Vertrautheit, Sympathie und Kooperationsbereitschaft der einzelnen Gruppenmitglieder. Durch das starke Gefühl von Zusammengehörigkeit, Loyalität und Gruppenidentität grenzt sich die Gruppe auch „Anderen“ gegenüber ab. Aus Perspektive der Systemtheorie sind zur Identitätsbildung des jeweiligen sozialen Systems Differenzierungen zur „Umwelt“ funktional,[2] anderenfalls droht beispielsweise ein Identitätsdilemma (Kühl 1998).

Die Strategie der maximalen Abwertung anderer Gruppen führt zur Entindividualisierung „normaler“ Menschen. Die Aufwertung von Angehörigen der eigenen Gruppe mittels der überhöhenden Bezeichnung „Herrenmenschen“ und die Abwertung von Angehörigen der anderen Gruppe als „Untermenschen“, etwa zur Zeit des Nationalsozialismus, legitimiert aus Perspektive der Gruppe der Täter (gruppenpsychologisch auf moralischer Ebene) selbst die Vernichtung (Ermordung) der Mitglieder der „anderen“ Gruppe.[3]

Die Wahrnehmung, vielmehr: Behauptung, nach der die Mitglieder der Fremdgruppe einander ähnlicher seien, als dies tatsächlich der Fall ist („Wir sind Individuen; die anderen sind alle gleich.“), bezeichnet man als Fremdgruppenhomogenität. Im Experiment von Quattrone und Jones (1980)[4] wurde Studenten der Universitäten Princeton und Rutgers ein Video gezeigt, auf dem ein Student seine Vorliebe für klassische Musik oder Rockmusik äußert. Der Versuchsperson wurde entweder gesagt, dieser Student sei an derselben Universität, wie sie selbst, oder an der anderen Universität. Die Versuchsperson sollte nun schätzen, wie viele Kommilitonen denselben Musikgeschmack haben wie dieser Student. Glaubte die Versuchsperson, der Student sei Mitglied der Fremdgruppe (also an der jeweils anderen Uni), fiel diese Schätzung deutlich höher aus, als bei der Eigengruppe. Dieses Ergebnis („Kennt man einen, kennt man alle.“) wurde in den USA, in Europa und Australien in vielen Studien repliziert.[5]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Gerd Mietzel: Wege in die Psychologie. Stuttgart 2005, S. 478.
  2. Stephan Duschek, Günther Ortmann, Jörg Sydow: Grenzmanagement in Unternehmensnetzwerken In: Strategie und Strukturation. Strategisches Management von Unternehmen, Netzwerken und Konzernen (Hg. Ortmann, Sydow). Wiesbaden 2011, S. 199.
  3. Vgl. Gerd Mietzel: Wege in die Psychologie. Stuttgart 2005, S. 480.
  4. G.A. Quattrone, E.E. Jones: The perception of variability within ingroups and outgroups: Implications for the law of small numbers. Journal of Personality and Social Psychology, 38, S. 141-152
  5. E. Aronson, T. D. Wilson, R. M. Akert: Sozialpsychologie. Pearson Studium. 6. Auflage 2008. S. 432. ISBN 978-3-8273-7359-5