Stefan Kühl

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Stefan Kühl (* 1966 in Hamburg) ist ein deutscher Soziologe. Er ist Professor an der Universität Bielefeld und arbeitet als Organisationsberater für die Firma Metaplan.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach Zivildienst bei der Offenen Behindertenarbeit der Evangelischen Jugend München, studierte er Soziologie, Geschichtswissenschaft und Wirtschaftswissenschaft an der Universität Bielefeld, der Johns Hopkins University Baltimore, der Université Paris X-Nanterre und University of Oxford.

Als wissenschaftlicher Mitarbeiter war er an der Université de Bangui (Zentralafrikanische Republik), der Universität Magdeburg und der Universität München tätig. Er promovierte in Soziologie an der Universität Bielefeld mit einer Arbeit über die internationale Verflechtung in der Eugenik und Rassenhygiene und in Wirtschaftswissenschaft an der Technischen Universität Chemnitz mit einer Arbeit über Risikokapital in der New Economy.

Er habilitierte sich in Soziologie an der Universität München mit einer Arbeit über neue Organisationsformen. Er war Gastprofessor an der Venice International University und der Universität Hamburg. Er war von 2004 bis 2007 Professor für Soziologie an der Helmut-Schmidt-Universität – Universität der Bundeswehr Hamburg. Seit 2007 ist er Professor für Soziologie an der Universität Bielefeld.

Forschungsgebiete: Gesellschaftstheorie, Organisationssoziologie, Interaktionssoziologie, Arbeitssoziologie, Professionssoziologie, Wissenschaftsgeschichte.

Forschungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dezentralisierte Organisationsformen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Organisationssoziologischer Schwerpunkt sind die ungewollten Nebenfolgen neuer Organisationsformen in Unternehmen, Verwaltungen, Universitäten, Ministerien und Krankenhäusern. Dabei wurden insbesondere das „Politisierungsdilemma“, „Komplexitätsdilemma“ und „Identitätsdilemma“ herausgearbeitet, die bei sehr weitgehender Dezentralisierung und Abflachung der Hierarchie in Organisationen entstehen können.[1] Nach Kühl zeigt sich in gesellschaftlichen Krisen, welche Organisationen zentral sind, damit die Gesellschaft funktioniert.[2]

Eugenik und Rassenhygiene[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wissenschaftssoziologischer Forschungsschwerpunkt ist die internationale wissenschaftliche Verflechtung in der Eugenik und Rassenhygiene. Nachdem die "Nazi Connection" von US-amerikanischen Eugenikern zu NS-Rassenpolitikern in der Zeit vor und nach 1933 nachgewiesen werden konnte, konzentrierte sich die Forschung besonders auf Bedeutung der internationalen Kooperation bei der Etablierung von Eugenik und Rassenhygiene als wissenschaftliche Disziplinen Anfang des 20. Jahrhunderts.

Risikokapitalfinanzierung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wirtschaftssoziologischer Forschungsschwerpunkt ist die Auswirkung einer Finanzierung über Risikokapital auf die Struktur von Unternehmen. Durch die Finanzierung über Risikokapital entstehe ein Exit-Kapitalismus, in den alle Beteiligten am Beginn einer Unternehmung an ihren baldigen Ausstieg denken. Mit Exit-Kapitalismus wird dabei eine Sichtweise von Kapitalbesitzern bezeichnet, denen es darum geht, einmal erworbene Unternehmensanteile nach kurzer Zeit mit einem hohen Exit-Profit zu verkaufen.[3]

Coaching und Supervision[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Forschung über Coaching und Supervision geht es vorrangig um die Einordnung dieser personenorientierten Beratungsansätze in die allgemeine Organisationstheorie.[4] Bekannt wurden die Forschungen besonders durch die These, dass es in der Coachingszene eine Scharlatanerieproblem gibt, weil es nur rudimentäre Ansätze zur Bildung einer Profession gäbe.[5] Kontrovers diskutiert wurde die aus der soziologischen Systemtheorie abgeleitete These, dass die Personalentwicklungsinstrumente Coaching und Supervision ein stumpfes Schwert zur Veränderung der Struktur von Organisationen ist, aber wichtige latente Funktionen haben, weil Konflikte in Organisationen in personenorientierten Beratungssettings isoliert und so strukturelle Konflikte personalisiert werden.[6]

Hochschulen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Rahmen der Entwicklung einer systemtheoretischen Organisationssoziologie ist eine auch in der Hochschulpolitik-Diskussion wahrgenommene Kritik an der Bologna-Reform entstanden.[7] Als Ursache für die wachsende Bürokratisierung der Hochschulen und die zunehmende Verschulung von Bachelor- und Masterstudiengängen werden nicht eine neoliberale Verschwörung zum Umbau der Hochschulen, Steuerungsphantasien von Hochschulleitungen oder handwerkliches Ungeschick bei der Konzeption von Studiengängen identifiziert. Vielmehr werden die Probleme der Bologna-Reform als ungewollte Nebenfolge der Einführung von Leistungspunkten (ECTS-Punkte) verstanden. Durch den Zwang jede Arbeitsstunde in einer Zeiteinheit vorauszuplanen, entstände ein „Sudoku-Effekt“ – die Notwendigkeit, die in Leistungspunkten ausgedrückten Veranstaltungen, Prüfungen und Module so miteinander zu kombinieren, dass das Studium punktemäßig „aufgeht“.[8]

Veröffentlichungen (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Organisationsforschung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Der Sudoku-Effekt. Hochschulen im Teufelskreis der Bürokratie. Eine Streitschrift. Transcript Verlag, Bielefeld 2012, ISBN 9783837619584.
  • Organisationen. Eine sehr kurze Einführung. VS Verlag, Wiesbaden 2011, ISBN 9783531179780.
  • Coaching und Supervision. Zur personenzentrierten Beratung in Organisationen. VS Verlag, Wiesbaden 2008, ISBN 9783531160924.
  • Sisyphos im Management. Die verzweifelte Suche nach der optimalen Organisationsstruktur. Wiley Verlag, Weinheim 2002, ISBN 3-527-50042-1. Campus Verlag, Frankfurt a. M.; New York 2015, 2. Auflage, ISBN 9783593502267.
  • Das Regenmacher-Phänomen. Widersprüche und Aberglauben im Konzept der lernenden Organisation. Campus Verlag, Frankfurt a. M.; New York 2000, ISBN 9783593361888, 2. Auflage 2015, ISBN 9783593502946.
  • Wenn die Affen den Zoo regieren. Die Tücken der flachen Hierarchien. Campus Verlag, Frankfurt a. M.; New York 1995, ISBN 9783593351599, 6. Auflage 2015, ISBN 9783593502939.

Wirtschafts-, Arbeits- und Industrieforschung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Exit. Wie Risikokapital die Regeln der Wirtschaft verändert. Campus Verlag, Frankfurt a. M.; New York 2003, ISBN 9783593372266.
  • Arbeits- und Industriesoziologie. Eine Einführung. Transcript Verlag, Bielefeld 2004, ISBN 978-3899421897.
  • Arbeit – Marxistische und systemtheoretische Zugänge. Springer Fachmedien, Berlin/Wiesbaden 2017, ISBN 9783658181161.

Wissenschafts- und Technikforschung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • The Nazi Connection. Eugenics, American Racism and German National Socialism. Oxford University Press, New York; Oxford 1994, ISBN 978-0195149784.
  • Die Internationale der Rassisten: Aufstieg und Niedergang der internationalen eugenischen Bewegung im 20. Jahrhundert. Campus Verlag, 2. aktualisierte Auflage. Frankfurt a. M.; New York 2014. ISBN 9783593399867.

Genozidforschung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ganz normale Organisationen. Zur Soziologie des Holocaust. Suhrkamp Verlag, Berlin 2015, ISBN 9783518297308.[9]

Herausgeberschaften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Methoden empirischer Sozialforschung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Methoden der Organisationsforschung: Ein Handbuch (herausgegeben mit Petra Strodtholz und Andreas Taffertshofer). VS Verlag, Wiesbaden 2005, ISBN 9783531143590.
  • Handbuch der quantitativen Methoden der empirischen Sozialforschung (herausgegeben mit Petra Strodtholz und Andreas Taffertshofer). VS-Verlag, Opladen 2005.
  • Handbuch Methoden der Organisationsforschung. Quantitative und qualitative Methoden (herausgegeben mit Petra Strodtholz). VS-Verlag, Wiesbaden 2009, ISBN 9783531158273.

Beratungsforschung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Black-Box Beratung? Empirische Studien zu Coaching und Supervision (herausgegeben mit Karolina Galdynski). Springer Verlag, Berlin/Wiesbaden 2009, ISBN 978-3-531-91560-9.
  • Organisation und Intervention. Ansätze für eine sozialwissenschaftliche Fundierung von Organisationsberatung (mit Manfred Moldaschl). Rainer Hampp Verlag, München und Mering 2010, ISBN 9783866184312.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Stefan Kühl (1998): Wenn die Affen den Zoo regieren. Die Tücken der flachen Hierarchien. Frankfurt a. M./New York: Campus, S. 82ff.
  2. Stefan Kühl: Der Preis der Rationalisierung. sueddeutsche.de. 23. März 2020. Abgerufen am 30. März 2020.
  3. Stefan Kühl (2002): Exit. Wie Risikokapital die Regeln der Wirtschaft verändert. Frankfurt a. M.; New York: Campus, S. 14ff.
  4. Stefan Kühl (2008): Coaching und Supervision. Zur personenorientierten Beratung in Organisationen. Wiesbaden: VS-Verlag für Sozialwissenschaften.
  5. Archivierte Kopie (Memento vom 23. Mai 2014 im Internet Archive)
  6. Stefan Kühl (2008): Coaching und Supervision. Zur personenorientierten Beratung in Organisationen. Wiesbaden: VS-Verlag für Sozialwissenschaften, S. 153.
  7. Siehe zur Diskussion unter den Wissenschaftsministern die Stellungnahme von Mathias Brodkorb Archivierte Kopie (Memento vom 19. Januar 2015 im Internet Archive)
  8. Stefan Kühl (2012): Der Sudoku-Effekt. Hochschulen im Teufelskreis der Bürokratie. Eine Streitschrift. Bielefeld: transcript.
  9. Micha Brumlik: Ganz normale Organisationen. Rezension, in: taz, 8. November 2014, S. 16