Othering

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Der Begriff Othering (engl. other „andersartig“) bezeichnet die Differenzierung und Distanzierung der Gruppe, der man sich zugehörig fühlt (Eigengruppe), von anderen Gruppen.

Das Konzept des Othering hat seinen Ursprung in den Werken einer Reihe von Philosophen. Hegel etwa beschäftigte sich im Kapitel „Herrschaft und Knechtschaft“ seiner Phänomenologie des Geistes mit der Frage, wie die Wahrnehmung des Selbst mit der Konstruktion und Abgrenzung zum Anderen zusammenhängt. Simone de Beauvoir verwendete das Konzept im Rahmen ihrer Theorie, dass Männer gesellschaftlich als Norm und Frauen als das Andere betrachtet werden. Später fand Othering in postkolonialen Schriften von Edward Said (1978) und Johannes Fabian (1983) Anwendung. 1985 erweiterte Gayatri Chakravorty Spivak das Othering-Konzept und setzte es erstmals systematisch ein. In dem Essay The Rani of Sirmur analysierte sie Tagebücher britischer Kolonialmächte in Indien und wies darin drei Dimensionen des Othering nach.[1][2]

Othering hält Einzug in die Kontinentalphilosophie und Kritische Theorie sowie Theorien der Ethnologie, Sozialarbeit, Soziologie, Kultur- und Sozialanthropologie sowie Gruppenpädagogik. Eine allgemein gebräuchliche deutsche Übersetzung existiert bislang nicht. Julia Reuter hat „othering“ als „VerAnderung“ übersetzt.[3] Eine andere gebräuchliche Übersetzung ist „Fremd-Machung“.[4][5]

Näheres[Bearbeiten]

Othering beschreibt den Prozess, sich selbst und sein soziales Image hervorzuheben, indem man Menschen mit anderen Merkmalen als andersartig, „fremd“ klassifiziert. Es findet also eine betonte Unterscheidung und Distanzierung von „den Anderen“ statt, sei es wegen des Geschlechts, der Religions­zugehörigkeit, der ethnischen Zugehörigkeit, der Nationalität, der sozialen Stellung innerhalb einer Gesellschaft, wie z. B. der Klassenzugehörigkeit, der Ideologie, der Spezies oder auch vermeintlicher biologischer Unterscheidungskriterien zwischen Menschen (vgl. Rasse bzw. Rassismus).

Othering bedeutet also, sich mit anderen zu vergleichen, sich von ihnen abzuheben und zu distanzieren, wobei die Vorstellung existiert, dass Menschen und Gesellschaften sich durch deren Lebensform, Kultur oder andere Merkmale von der eigenen sozialen Gruppe erheblich unterscheiden.

Othering kann zu Feindbildern, insbesondere zur Fremdenfeindlichkeit führen, wenn Angehörige einer kulturellen Gruppe befürchten, dass sich fremde „Einflüsse“ auf die eigene Kultur ausweiten und sie damit bedrohen würden. (Zur Veranschaulichung ein Beispiel: Bezeichnet sich eine Gruppe als „auserwählt“, so grenzt sie sich damit zwangsläufig von den „nicht-Auserwählten“ ab. Verbindet sich diese Idee mit der Angst davor, von den anderen „verunreinigt“ zu werden, entsteht die − oft geradezu fanatisch vertretene − Vorstellung, es sei wertvoll bzw. notwendig, die eigene Gruppe vor Einflüssen der ausgegrenzten Gruppen „rein“ zu halten. Mischt sich diese Vorstellung von „kultureller Reinheit“ auch mit einer Vorstellung von „biologischer Reinheit“, so führt dies schließlich zum Rassismus. (Siehe auch z. B. die Thematik der Rassenmischung im Nationalsozialismus und in anderen faschistischen Ideologien.))

Der als Othering beschriebene sozialpsychologische Mechanismus ist eine der Grundlagen für Diskriminierung von Minderheiten und von Verfeindungsprozessen zwischen verschiedenen Gruppen allgemein (z. B. ethnische Gruppen oder Religionsgemeinschaften).

Siehe auch[Bearbeiten]

die Kategorien Diskriminierung nach Gruppen, Soziale Gruppe sowie einzelne Lemmata in der Kategorie Soziale Beziehung

sowie:

Literatur[Bearbeiten]

  • Maureen Maisha Eggers: Rassifizierte Machtdifferenz als Deutungsperspektive in der kritischen Weißseinsforschung in Deutschland. Zur Aktualität und Normativität diskursiver Vermittlungen von hierarchisch aufeinander bezogenen rassifizierten Konstruktionen. In: Maureen Maisha Eggers, Grada Kilomba, Peggy Piesche, Susan Arndt (Hrsg.): Mythen, Masken und Subjekte. Kritische Weißseinsforschung in Deutschland. Münster 2005, ISBN 3-89771-440-X.
  • Kerstin Gernig (Hrsg.): Fremde Körper. Zur Konstruktion des Anderen in europäischen Diskursen. Dahlem University Press, Berlin 2001, ISBN 3-934504-04-3.
  • Nelly Oudshoorn: Eine natürliche Ordnung der Dinge? Reproduktionswissenschaften und die Politik des „Othering“. In: Ilse Lenz, Lisa Mense, Charlotte Ullrich (Hrsg.): Reflexive Körper? − Zur Modernisierung von Sexualität und Reproduktion. Opladen 2004, ISBN 3-8100-3922-5.
  • Julia Reuter: Ordnungen des Anderen. Zum Problem des Eigenen in der Soziologie des Fremden. Transcript Verlag, Bielefeld 2002, ISBN 3-933127-84-X.
  • Iris Marion Young: Fünf Formen der Unterdrückung. In: Christoph Horn, Nico Scarano: Philosophie der Gerechtigkeit. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2002, ISBN 3-518-29163-7.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Lajos Brons: Othering, an Analysis. In: Transcience. 6, Nr. 1, 2015, S. 69–90. ISSN 2191-1150.
  2. Sune Qvotrup Jensen: Othering, identity formation and agency. In: Qualitative Studies. 2, Nr. 2, 2011, S. 63–78.
  3. Larissa Schindler: Rezension: Julia Reuter (2011). Geschlecht und Körper: Studien zur Materialität und Inszenierung gesellschaftlicher Wirklichkeit. In: Forum Qualitative Sozialforschung/ Forum Qualitative Social Research. 13(2), Art. 6. http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs120268.
  4. Jochen Dreher, Peter Stegmaier (Hrsg.): Zur Unüberwindbarkeit kultureller Differenz: Grundlagentheoretische Reflexionen. Transcript Verlag, Bielefeld 2007, ISBN 978-3-89942-477-5, S. 117.
  5. Claudia Benthien, Hans Rudolf Velten (Hrsg.): Germanistik als Kulturwissenschaft: eine Einführung in neue Theoriekonzepte. Rowohlt Verlag, Reinbek 2002, ISBN 3-499-55643-X, S. 72.