Emser Depesche

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Gedenkstein, der an die Emser Depesche in Bad Ems erinnert

Die Emser Depesche im eigentlichen Sinn ist ein regierungsinternes Telegramm vom 13. Juli 1870. Darin unterrichtete der Diplomat Heinrich Abeken den norddeutschen Bundeskanzler Otto von Bismarck in Berlin über die Vorgänge in Bad Ems. Der Bundeskanzler informierte daraufhin die Presse über die Vorgänge. Diese Pressemitteilung wird zuweilen mit der eigentlichen Depesche verwechselt, weil Bismarck großteils den Wortlaut der Depesche wiederverwendete. Die Pressemitteilung führte zu Empörung in Frankreich und gilt als ein Auslöser des Deutsch-Französischen Krieges.

Im Jahr 1867 war der Norddeutsche Bund gegründet worden, ein Bundesstaat unter preußischer Führung. Frankreich unter seinem Kaiser Napoleon III. sah in dem neuen Staat einen Konkurrenten um die Vorherrschaft in Europa. In dieser Lage kam es zu mehreren diplomatischen Krisen, wie der Thronfolge-Frage in Spanien.

Napoleon III. und seine Regierung lehnten vehement Leopold ab, einen Prinzen aus dem Hause Hohenzollern. Oberhaupt dieser Dynastie war der preußische König. Wegen der scharfen Reaktion aus Frankreich verzichtete Leopold auf die Kandidatur. Das reichte der französischen Regierung nicht aus: Ihr Botschafter Vincent Benedetti reiste in den Kurort Bad Ems und sprach dort mehrmals mit König Wilhelm I. Der König sollte für alle Zukunft eine erneute Kandidatur von Hohenzollern ausschließen. Höflich verweigerte sich Wilhelm einer solchen Zusage.

Abeken, der Mitarbeiter Bismarcks beim König in Bad Ems, informierte den Bundeskanzler im fernen Berlin darüber. Seine Emser Depesche beinhaltete auch den Wunsch Wilhelms, die Presse über den Kontakt mit dem französischen Botschafter zu informieren. Bismarck stellte in seiner Pressemitteilung den Kontakt als besonders schroff dar. Dies wurde in der französischen Öffentlichkeit als Provokation angesehen, in Deutschland führte sie hingegen zu Begeisterung. Aus der Frage der Thronfolge und diplomatischen Nadelstichen war eine Frage der nationalen Ehre geworden.

Hintergrund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1868 war in Spanien Königin Isabella II. gestürzt worden; der Thron war damit zunächst vakant. Isabella nahm Zuflucht in Frankreich. Von Beginn an gehörte Leopold von Hohenzollern-Sigmaringen (1835–1905) zu den öffentlich diskutierten Kandidaten für ihre Nachfolge. Juan Prim, Ministerpräsident der Übergangsregierung von Spanien und einer der Anführer des Aufstandes, wandte sich jedoch zunächst an andere Kandidaten. Napoleon III. hintertrieb diese Kandidaturen jedoch, da er Alfonso, den Sohn Isabellas, auf den spanischen Thron bringen wollte. Damit wäre der Thron dem Haus Bourbon erhalten geblieben.

Nachdem bereits im September 1869 informell mit der Familie Hohenzollern-Sigmaringen Kontakt aufgenommen worden war, trug der Sonderbotschafter Salazar y Mazaredo in einer vertraulichen Mission im Februar 1870 Leopold die spanische Krone an. Wie Leopolds Vater, Karl Anton, zuvor angeregt hatte, wandte sich Salazar in dieser Angelegenheit ebenso vertraulich auch an König Wilhelm I. von Preußen, das Oberhaupt des Gesamthauses Hohenzollern, sowie an Otto von Bismarck, den preußischen Ministerpräsidenten. Bismarck strebte einen Krieg gegen Frankreich an, ohne den, wie er später in seinen Memoiren schrieb, „wir nie ein Deutsches Reich mitten in Europa errichten“ könnten. Daher setzte er alles daran, Prinz Leopold umzustimmen.[1] Dieser erklärte daraufhin am 19. Juni 1870 seine Bereitschaft zur Kandidatur; Wilhelm, der dem Plan nicht zugeneigt war und ihn stets als Leopolds Privatsache angesehen hatte, erhob zwei Tage später in einer Mitteilung keine Einwände.

Die Wahlversammlung der spanischen Cortes wurde auf den 20. Juli festgesetzt. Spätestens am 1. Juli wurde die Kandidatur in Madrid bekannt, am 2. Juli berichtete die französische Presse, und am 3. Juli unterrichtete Prim den französischen Botschafter in Madrid. Kaiser Napoleon III. und sein Kabinett unter Ministerpräsident Émile Ollivier befürchteten in dieser Situation eine außenpolitische Umklammerung und einen deutschen diplomatischen Triumph. Eine besonders wichtige Rolle spielte Antoine Alfred Agénor de Gramont, der erst Mitte Mai französischer Außenminister geworden war. Als Diplomat hatte er sich durch eine strikte antipreußische Linie ausgezeichnet, so dass seine Ernennung zu der Vermutung Anlass gab, Kaiser Napoleon wolle von jetzt an die französische Außenpolitik dementsprechend führen.

Frankreich ließ sich provozieren, auch weil die Kriegspartei in Paris innenpolitisch stark war. Man wollte die Vereinigung Deutschlands verhindern und „Revanche pour Sadowa“ (so das populäre Schlagwort) zu nehmen. Das viel beschworene Recht auf nationale Selbstbestimmung wollte Kaiser Louis Napoléon den Deutschen um keinen Preis zugestehen. Auch aus innenpolitischer Schwäche setzten er und sein Außenminister Gramont daher auf Konfrontation: Innere Schwierigkeiten nach außen abzulenken war seit Längerem eine bewährte Herrschaftstechnik des Bonapartismus.[2]

Zwar war Leopold gegenüber König Wilhelm auf der Familienebene loyal, was sich daran zeigt, dass Leopold sich bei seinem Vorgehen nach den Entscheidungen König Wilhelms richtete, als er seine Kandidatur beendete (s. u.). Nichts sprach jedoch dafür, dass Leopold als König von Spanien auch politische Loyalität gegenüber Preußen an den Tag legen würde. Eine solche Loyalität wurde wohl nur in Kreisen der französischen Regierung erwartet, während der damalige preußische Ministerpräsident v. Bismarck später[3] durchaus schlüssig ausgeführt hat, dass er seinerzeit nicht einen Augenblick auf eine solche politische Loyalität gehofft habe. Bismarck erwartete von einem Hohenzollern auf dem spanischen Thron vor allem, dass der Einfluss nachlassen werde, den Frankreich besonders auf die süddeutschen Staaten ausübte.

Die Hohenzollern-Sigmaringen-Linie war mit dem Pariser Hof durchaus freundschaftlich verbunden, was sich daran zeigt, dass Napoleon III. 1866 Leopolds Bruder Karl gegen den Widerstand der Großmächte auf den Thron Rumäniens gebracht und Leopold selbst als König von Griechenland in Aussicht genommen hatte.[4] Auf der familiären Seite stand Prinz Leopold Frankreich näher als den Hohenzollern: Die eine Großmutter war Stéphanie de Beauharnais gewesen, eine Adoptivtochter Napoleons I., die andere Großmutter war Antoinette Murat.

Bei der Beurteilung einer außenpolitischen Krise und ihres Managements sind vorrangig die diplomatischen Gepflogenheiten der Zeit zu berücksichtigen. Eine besonnene und findige Diplomatie hätte darin bestehen können, dass sich Kaiser Napoleon an König Wilhelm „von Haus zu Haus“ und das Außenministerium an die preußische Staatsregierung gewandt und um Einflussnahme auf Leopold ersucht hätten, seine Entscheidung zu überdenken. Stattdessen suchte Gramont von Anfang an mit scharfen antipreußischen Erklärungen die Öffentlichkeit. Als erstes lancierte er einen entsprechenden Artikel in der offiziösen Zeitung Constitutionnel, der einen Umschwung in die bisher ausgewogene Berichterstattung brachte. Am selben Tag noch teilte er den europäischen Hauptstädten die französische Sicht der Dinge mit. Am 6. Juli verlas er eine von Kaiser Napoleon gutgeheißene und von der Regierung einstimmig gebilligte scharfe Erklärung vor der Chambre législative, wonach Frankreich eine solche Entwicklung nicht hinnehme und, sollte es doch dazu kommen, ohne Zögern seine Pflicht tun werde; eine kaum verschleierte Kriegsdrohung:

« La France ne tolérerait pas l’établissement du prince de Hohenzollern ni d’aucun prince prussien sur le trône espagnol. Pour empêcher cette éventualité, il [le gouvernement] comptait à la fois sur la sagesse du peuple allemand et sur l’amitié du peuple espagnol. S’il en était autrement, fort de votre appui et de celui de la Nation, nous saurions remplir notre devoir sans hésitation et sans faiblesse. »

„Frankreich würde nicht dulden, dass der Prinz von Hohenzollern oder sonst irgendein preußischer Prinz den spanischen Thron besteigt. Um diesen möglichen Fall zu verhindern, zählte die Regierung zugleich auf die Klugheit des deutschen Volkes und auf die Freundschaft des spanischen Volkes. Sollte es jedoch anders kommen, so wüssten wir kraft Ihrer (der Abgeordneten) Unterstützung und derjenigen der Nation ohne Zögern und ohne Schwäche unsere Pflicht zu tun.“

Der französische Historiker Albert Sorel nannte diese Erklärung ein Ultimatum, das umso schwerer wog, als Frankreich damit in die inneren Angelegenheiten Spaniens einzugreifen versuchte. Die eigentliche Stoßrichtung zielte jedoch auf König Wilhelm von Preußen, der sich damals zur Kur in Bad Ems aufhielt. Der französische Außenminister entsandte bereits am 7. Juli, dem Tag nach der zitierten Rede, seinen Botschafter am preußischen Hof, den Grafen Vincent de Benedetti, zum König.[5]

De Benedetti hatte den Auftrag, König Wilhelm zur Einflussnahme auf Prinz Leopold zu bewegen, der daraufhin seine spanische Kandidatur abbrechen sollte. "Sinon, c'est la guerre" (= "Andernfalls gibt es Krieg"), hieß es in einem Telegramm des Außenministers vom 7. Juli. König Wilhelm gewährte dem Botschafter erstmals am 9. Juli und danach noch mehrmals Audienzen, bei denen der Botschafter dem König wiederholend die französische Forderung vortrug. König Wilhelm hatte schwere Bedenken, sorgte dann aber doch dafür, dass die Kandidatur abgesagt wurde. Dies geschah am 12. Juli, als Fürst Karl Anton von Hohenzollern-Sigmaringen, Leopolds Vater, in dessen Namen den Verzicht auf die spanische Königswürde erklärte.

Auf der Emser Kurpromenade[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Emser Audienz

Die Nachricht vom Verzicht erreichte den französischen Außenminister früher als König Wilhelm. Noch am selben Abend befahl Außenminister de Gramont dem Botschafter telegrafisch, erneut beim König vorstellig zu werden und zu verlangen, dass der König den Verzicht bestätige und eine neuerliche Kandidatur unterbinden werde.

De Benedetti wollte daher am Vormittag des 13. Juli den König um eine weitere Audienz ersuchen, erfuhr aber, dass Wilhelm ausgegangen war. Der Botschafter suchte und fand den König auf der Kurpromenade in Bad Ems, sprach ihn direkt an und eröffnete ihm die weitergehenden Forderungen der französischen Regierung. Wilhelm bestätigte später am Tag die Verzichtserklärung des Prinzen, nachdem er davon benachrichtigt worden war, die weitergehende Garantieerklärung lehnte der König jedoch in deutlichen Worten ab:

Le Roi a terminé notre entretien en me disant qu'il ne pouvait ni ne voulait prendre un pareil engagement, et qu'il devait, pour cette éventualité comme pour toutre autre, se réserver la faculté de consulter les circonstances. (Übersetzung: Der König hat unsere Unterredung beendet, indem er sagte, dass er eine solche Bindung weder eingehen könne noch wolle, und dass er sich für diese Möglichkeit wie für jede andere vorbehalte, sich nach den Umständen zu richten.)[6]

Später am Tag bestätigte der König seine Weigerung durch seinen Adjutanten Fürst Radziwill und lehnte eine weitere Audienz ab. De Benedetti berichtete den Hergang telegrafisch nach Paris und reiste ab. Er war am 15. Juli in Paris.

Emser Depesche nach Berlin[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bismarcks enger Mitarbeiter Heinrich Abeken, der den König in Bad Ems begleitete, notierte noch am selben Tage Wilhelms mündlichen Bericht über die Ereignisse und telegraphierte diesen an den Ministerpräsidenten. Dieser Brief war die eigentliche Emser Depesche. Sie hatte folgenden Wortlaut:

Seine Majestät der König schreibt mir:

Graf Benedetti fing mich auf der Promenade ab, um auf zuletzt sehr zudringliche Art von mir zu verlangen, ich sollte ihn autorisiren, sofort zu telegraphiren, dass ich für alle Zukunft mich verpflichtete, niemals wieder meine Zustimmung zu geben, wenn die Hohenzollern auf ihre Candidatur zurückkämen.

Ich wies ihn zuletzt, etwas ernst, zurück, da man à tout jamais dergleichen Engagements nicht nehmen dürfe noch könne.

Natürlich sagte ich ihm, dass ich noch nichts erhalten hätte und da er über Paris und Madrid früher benachrichtigt sei als ich, er wohl einsähe, dass mein Gouvernement wiederum außer Spiel sei.

Seine Majestät hat seitdem ein Schreiben des Fürsten bekommen.

Da Seine Majestät dem Grafen Benedetti gesagt, dass er Nachricht vom Fürsten erwarte, hat Allerhöchstderselbe, mit Rücksicht auf die obige Zumuthung, auf des Grafen Eulenburg und meinen Vortrag, beschlossen, den Grafen Benedetti nicht mehr zu empfangen, sondern ihm nur durch einen Adjutanten sagen zu lassen: dass Seine Majestät jetzt vom Fürsten die Bestätigung der Nachricht erhalten, die Benedetti aus Paris schon gehabt, und dem Botschafter nichts weiter zu sagen habe.

Seine Majestät stellt Eurer Excellenz anheim, ob nicht die neue Forderung Benedettis und ihre Zurückweisung sogleich, sowohl unsern Gesandten, als in der Presse mitgeteilt werden sollte.

Der Vergleich mit der Darstellung vom Hergang, die de Benedetti gegeben hatte (s. o.), zeigt, dass die Schilderungen einander im Wesentlichen entsprachen.

Vorgänge in Berlin[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dieses Telegramm erreichte Bismarck am 13. Juli. Er redigierte und kürzte es stark, sodass der Tenor ein gänzlich anderer wurde. Der Text lautete nun:

Nachdem die Nachrichten von der Entsagung des Erbprinzen von Hohenzollern der Kaiserlich Französischen Regierung von der Königlich Spanischen amtlich mitgeteilt worden sind, hat der Französische Botschafter in Ems an S. Maj. den König noch die Forderung gestellt, ihn zu autorisieren, dass er nach Paris telegraphiere, dass S. Maj. der König sich für alle Zukunft verpflichte, niemals wieder seine Zustimmung zu geben, wenn die Hohenzollern auf ihre Kandidatur wieder zurückkommen sollten.

Seine Maj. der König hat es darauf abgelehnt, den Franz. Botschafter nochmals zu empfangen, und demselben durch den Adjutanten vom Dienst sagen lassen, dass S. Majestät dem Botschafter nichts weiter mitzuteilen habe.

An Bismarcks Text fällt zunächst auf, dass er deutlich kürzer ist als Abekens Version. Unter anderem fehlt die Überschrift, die zumindest den ersten Teil der Depesche als eine Verlautbarung des Königs ausweist. Weiterhin fällt auf, dass Bismarck zwei provokante, gegen den französischen Botschafter gerichtete Ausdrücke in Abekens Text („auf […] sehr zudringliche Art“ und „Zumuthung“) nicht übernommen hat. Bismarcks Version legt insoweit gedeckt aus. Der wesentliche Unterschied liegt jedoch in der Auslassung der Beschreibung Abekens, wonach König Wilhelm eine Unterredung mit dem französischen Botschafter gehabt und ihm seine Ablehnung erläutert hatte. Bismarck übernahm lediglich die französische Forderung und die Verweigerung einer (weiteren) Audienz in knappen Worten. Durch die verkürzte Darstellung konnte die Meldung leicht den Eindruck erwecken, Benedetti wäre in Bad Ems in ungebührender Weise aufgetreten und weitere diplomatische Kontakte wären vom König abgelehnt worden.

Bismarck erzählt in seinen Memoiren, das originale Telegramm sei während eines Essens eingetroffen, zu dem er Roon und Moltke geladen hatte. Er habe es seinen beiden Gästen vorgelesen, „deren Niedergeschlagenheit so tief wurde, daß sie Speise und Trank verschmähten“, bis er mit seiner spontanen Kürzung ihre Laune wieder hob.[7] Diese Version wird von dem Historiker Michael Stürmer ins Reich der Fabel verwiesen. Tatsächlich hatte Bismarck bereits am Tag zuvor Schritte eingeleitet, die Frankreich nur noch die Wahl zwischen Krieg und politischer Niederlage ließen.[8]

Vor der Freigabe des Textes an die Presse erkundigte sich Bismarck noch bei General Moltke nach dem Stande der Rüstung. Er wollte wissen, wie viel Zeit zur Vorbereitung eines erfolgreichen Krieges notwendig sei. Moltke hielt den schnellen Ausbruch eines Krieges im Ganzen für vorteilhafter als eine Verschleppung. Bismarck gab der Presse seine Darstellung zur Veröffentlichung frei, die noch am 13. Juli von der regierungsnahen Norddeutschen Allgemeinen Zeitung in einer Sondernummer und am 14. Juli im amtlichen Königlich Preußischen Staats-Anzeiger veröffentlicht wurde.

Französische Reaktion[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die französische Nachrichtenagentur Havas hat in ihrer Übersetzung die Forderung des Botschafters zur bloßen Frage (il a exigé) abgeschwächt und zudem das Wort Adjutant, anstatt es korrekt mit aide de camp, der Bezeichnung für den entsprechend hochgestellten Assistenten eines Staatsoberhauptes, zu übersetzen, wörtlich als adjutant übernommen, womit jedoch im Französischen nur ein niederrangiger Hauptfeldwebel bezeichnet wird.[9][10]

Die französische Öffentlichkeit reagierte auf die Veröffentlichung der Depesche mit der von Bismarck kalkulierten Empörung. Dagegen wurden Benedetti und seine Darstellung angefeindet. In jedem Fall konnte Bismarcks Darstellung den Eindruck erwecken, dass Preußen die Forderung Frankreichs, die der französischen Öffentlichkeit gerecht erscheinen musste, als unverschämt empfand und brüsk zurückgewiesen hatte.

Dennoch ist sicherlich Vorsicht davor angebracht, in Bismarcks Darstellung und insbesondere ihrer Form den einzigen Kriegsauslöser auszumachen, etwa dahingehend, dass Frankreich „nach den damaligen Ehrenvorstellungen“ nicht anders als durch Kriegserklärung hätte antworten können, um sein Gesicht nicht zu verlieren oder dergleichen. Auch ohne Bismarcks Veröffentlichung hätte sich die Frage gestellt, wie die französische Regierung auf die Zurückweisung ihrer Forderung bezüglich eines zukünftigen potenziellen spanischen Thronfolgekandidaten reagieren sollte.

Die Kriegsdrohung stand noch im Raum und war auch ernst gemeint, nicht zuletzt deshalb, weil die Franzosen ihre Erfolgsaussichten im Kriegsfall drastisch falsch einschätzten. Da die französische Öffentlichkeit noch gar nichts von der neuen Forderung wusste, hätte aber auch die Möglichkeit bestanden, diesen Misserfolg in Stille hinzunehmen. Durch Bismarcks Pressemitteilung war dieser Weg versperrt und ebenso die Möglichkeit, die Darstellung noch irgendwie zu schönen.

Am 16. Juli bewilligte die französische Legislative mit nur sechs Gegenstimmen Finanzmittel für einen Krieg. Am 19. Juli 1870 teilte der französische Außenminister dem preußischen Botschafter in Paris mit, dass Frankreich sich als im Kriegszustand befindlich betrachte.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Wilhelm Langewiesche-Brandt: Bismarck – Briefe, Reden, Erinnerungen, Berichte und Anekdoten. Einundfünfzigstes bis sechzigstes Tausend, Ebenhausen bei München, 1915.
  • Jan Ganschow, Olaf Haselhorst, Maik Ohnezeit (Hrsg.): Der Deutsch-Französische Krieg 1870/71. Vorgeschichte – Verlauf – Folgen. Ares-Verlag, Graz 2009. ISBN 978-3-902475-69-5.
  • Eberhard Kolb: Der Kriegsausbruch 1870: Politische Entscheidungsprozesse und Verantwortlichkeiten in der Julikrise 1870. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1970.
  • Ludwig Reiners: Bismarck gründet das Reich, C.H. Beck Verlag, München 1957.
  • David Wetzel: A Duel of Giants: Bismarck, Napoleon III, and the Origins of the Franco-Prussian War. University of Wisconsin Press, Madison, Wisc. 2001.
  • Albert Sorel: Histoire diplomatique de la guerre franco-allemande. Paris 1875.
  • Ernst Walder (Hrsg.): Die Emser Depesche, Quellen zur neueren Geschichte 27–29, 2. Auflage, Bern: Lang 1972
  • Wilhelm Liebknecht: Die Emser Depesche oder wie Kriege gemacht werden. Nürnberg, Wörlein 1891 (zahlreiche Neuauflagen und Reprints bis 2018). Digitalisat

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Heinrich August Winkler: Der lange Weg nach Westen. Band 1: Deutsche Geschichte vom Ende des Alten Reiches bis zum Untergang der Weimarer Republik. C.H. Beck, München 2000, S. 202.
  2. Heinrich August Winkler: Der lange Weg nach Westen. Band 1: Deutsche Geschichte vom Ende des Alten Reiches bis zum Untergang der Weimarer Republik. C.H. Beck, München 2000, S. 202 f.
  3. Otto von Bismarck: Gedanken und Erinnerungen (1905), zweiter Band, 23. Kapitel.
  4. Reiners: Bismarck gründet das Reich, 1957, S. 376.
  5. Vincent Benedetti, Vincent Le Comte: Ma Mission en Prusse. Henri Plon, Paris 1871, S. 315 ff.
  6. Vincent Benedetti, Vincent Le Comte: Ma Mission en Prusse. Henri Plon, Paris 1871, S. 372 ff
  7. Otto von Bismarck: Gedanken und Erinnerungen. Bd. 2, Stuttgart 1898, S. 92.
  8. Michael Stürmer: Das ruhelose Reich. Deutschland 1866–1918. Siedler, Berlin 1994, S. 164.
  9. François Roth: La Guerre De 70, Fayard 1998, ISBN 2-01-279236-7
  10. David Bellos: Is That a Fish in Your Ear?: Translation and the Meaning of Everything, 2011, Seite 315

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Emser Depesche – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien