Erich Brunner

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Erich Anselm Brunner (* 11. Dezember 1885 in Plauen; † 16. Mai 1938 in Zürich) war ein deutsch-schweizerischer Schachkomponist.

Seine erste Schachaufgabe veröffentlichte Erich Brunner im Alter von 21 Jahren 1906 im Leipziger Tageblatt. 1910 lernte er in Leipzig Walther von Holzhausen, Johannes Kohtz und andere bedeutende Schachkomponisten kennen. Mit ersterem stand er bis zu dessen Tode in ständigem Briefwechsel.

Auf Brunner gehen eine ganze Reihe bis heute fruchtbarer Themen der neudeutschen Schule zurück. Ihm gelang die Erstdarstellung des nach ihm benannten Brunner-Turton. Weitere von Brunner stammende Themen sind der Brunner-Dresdner, die Beschäftigungslenkung, die Beugung und die so genannte Schweizer Idee.

Ferner schrieb Brunner eine ganze Reihe von Aufsätzen zu Themen der Schachkomposition und des Märchenschachs. Er publizierte etwa 600 Schachaufgaben.

Der Brunner-Turton[Bearbeiten]

Der klassische Turton besteht darin, dass eine schwächere weiße Figur (meist Turm oder Läufer) auf einer Linie über einen Schnittpunkt zurückgezogen wird, damit die stärkere (gewöhnlich die Dame) vorangestellt werden kann. Bereits Johannes Kohtz und Carl Kockelkorn versuchten 1903, in ihrer Schrift „Das Indische Problem“, diese Idee mit zwei gleichen weißen Figuren darzustellen – das bedeutet normalerweise: mit den beiden Türmen. Es gelang ihnen aber keine zweckreine Realisierung der Idee; dies blieb Brunner vorbehalten:

Erich Brunner
Akademische Monatshefte für Schach, 1910
Solid white.svg a b c d e f g h Solid white.svg
8 a8 b8 c8 d8 e8 f8 g8 h8 8
7 a7 b7 c7 d7 e7 f7 g7 h7 7
6 a6 b6 c6 d6 e6 f6 g6 h6 6
5 a5 b5 c5 d5 e5 f5 g5 h5 5
4 a4 b4 c4 d4 e4 f4 g4 h4 4
3 a3 b3 c3 d3 e3 f3 g3 h3 3
2 a2 b2 c2 d2 e2 f2 g2 h2 2
1 a1 b1 c1 d1 e1 f1 g1 h1 1
a b c d e f g h
Matt in drei Zügen





Lösung:
Der schwarze König steht auf Patt. Weiß möchte den Tc4 ziehen, nach Kxc5 die Türme auf der vierten Reihe verdoppeln und mit Matt nach c4 zurückkehren.

Das Probespiel 1.Td,e,f4? hat aber einen gravierenden Nachteil, nämlich die Verstellung des Lh3: 1. ... Kxc5 2. Tgg4 Kc6 3. Tc4+ Kd7! Darum muss der Tg4 zum vorderen Turm gemacht werden, was durch den charakteristischen schnittpunktüberschreitenden Zug geschieht:

1. Tc4-h4! Kc6xc5

2. Tg1-g4 Kc5-c6

3. Tg4-c4 matt.

Die beiden Türme werden also hier durch das Motiv der Läuferverstellung unterschieden.


Brunner-Freischach und Zeigerschach[Bearbeiten]

Brunner schlug bereits 1921 in der Schweizerischen Schachzeitung eine Schachvariante mit wechselnder Partieausgangsstellung vor, einen Vorläufer des Fischer-Random-Chess, wobei die Figuren aber nicht ausgelost werden. Beim Brunner-Freischach werden die Figuren abwechselnd (hinter der Bauernreihe) von den Spielern gesetzt. Weiß beginnt und setzt den ersten Stein; Schwarz kann dann Achsen- oder Punktsymmetrie wählen, was für die folgenden Setzakte verbindlich bleibt. Danach darf Schwarz den nächsten Stein setzen. (Beispiel: wKc1 - sKf8; sLa8 - wLh1 usw. bei Punktsymmetrie; oder achsensymmetrisch wKc1 - sKc8; sLa8 - wLa1). Es gibt keine Restriktionen bezüglich der Läufer- oder Turmstellungen. Die Schweizerische Schachzeitung organisierte sogar ein Freischach-Fernturnier. Jedoch konnte sich diese Abart des Schachs nicht lange halten.

1924 entwarf Brunner eine weitere Schachvariante, das Zeigerschach. Hier werden durch Los oder Würfeln die Gangarten der Steine beschränkt, was dann jeweils für beide Spieler gilt. Beispielsweise können die Damen je nach Losentscheid in alle geraden und Diagonalrichtungen ziehen oder nur in einen Teil dieser Richtungen (etwa: eine Linie und zwei Diagonalen). Die zulässigen Zugrichtungen werden durch Zeiger (daher der Name) oder Fähnchen angezeigt. Der Zug kann durch eine Drehung des Steins um 90 Grad oder Vielfache davon abgeschlossen werden, so dass die im folgenden Zug zulässigen Zugrichtungen sich ändern. Diese Schachvariante ermöglicht eine Vielzahl völlig neuer Stellungsbilder, zumal die Grundaufstellung entweder wie im Freischach durch abwechselndes Setzen oder gar nach freier Vereinbarung der Gegner gewählt werden sollte. Brunner hat sogar mindestens ein Schachproblem für Zeigerschach komponiert. Lange nach seinem Tod, im Jahr 1954, wurde es in einem Buch über „Neue nichtorthodoxe Schachspiele“ veröffentlicht, das auch ein Kapitel über das Brunner’sche Zeigerschach enthielt.[1]

Leben[Bearbeiten]

Brunners Großvater war aus der Schweiz als Schauspieler ans Braunschweiger Hoftheater gekommen. Sein Vater betrieb in Plauen eine Gardinenfabrik. [2] Das Schweizer Bürgerrecht hatte die Familie beibehalten. 1901, nach dem Tod seines Vaters, verließ Brunner das humanistische Gymnasium vorzeitig, um sich am Leipziger Konservatorium dem Studium der Musik zu widmen. Im Klavierspiel stand er vor der Konzertreife. Erst 1910 legte er nachträglich das Abitur ab. Sein anschließendes Medizinstudium brach er nach drei Semestern ab. 1915 siedelte er nach Chemnitz über, da seine spätere erste Frau, eine Engländerin und damit zur Kriegszeit feindliche Ausländerin, zur Kriegszeit in Leipzig, also „in der Nähe des Völkerschlachtdenkmals“, nicht wohnen durfte.[3]

Im Herbst 1918 ging Brunner auf ärztliches Anraten in die Schweiz, da dort die Ernährungslage besser war, und lebte in Ascona. 1919 heiratete er. 1928 trennte er sich nach glücklosen geschäftlichen Unternehmungen von seiner Frau und siedelte nach Zürich über. 1929 bis Herbst 1937 lebte er in München und befasste sich mit seinem Spiel „Delta“, das er im Selbstverlag produzierte und vertrieb. Hierbei half ihm seine zweite Frau Frieda Bernstein, mit der er seit 1929 verbunden war, die er aber erst 1937 heiraten konnte, da sich die Scheidung von seiner ersten Frau so lange hinzog. Erich und Frieda Brunner waren Schwippschwager von Heinz und Renata Trökes. In seinem letzten Lebensjahr zogen die Brunners nach Zürich, wo Erich Brunner wenige Monate nach dem Umzug an einem Schlaganfall starb. Er arbeitete in seinen letzten Jahren an einem Buch, das er nicht mehr vollenden konnte.[4] Moritz Henneberger und Hans Klüver vollendeten das Projekt in seinem Sinn.

Literatur[Bearbeiten]

  • Hans Klüver: Erich Brunner - ein Künstler und Deuter des Schachproblems. Siegfried Engelhardt Verlag, Berlin-Frohnau, 1958

Weblink[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Hans Klüver: Erich Brunner – ein Künstler und Deuter des Schachproblems, S. 193 f.; gemeint ist Joseph Boyer: Nouveaux jeux d’échecs non orthodoxes, Selbstverlag, Paris 1954.
  2. Die Schwalbe, Heft 246, Dezember 2010
  3. Hans Klüver: Erich Brunner – ein Künstler und Deuter des Schachproblems, S. 11.
  4. Deutsche Schachblätter 12/1938, S. 191