Fadno

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Zwei fadnos

Das fadno (nordsamisch) ist ein einfaches Rohrblattinstrument, das aus einem grünen Stängel der Arznei-Engelwurz (Angelica archangelica) herausgeschnitten wird und in der traditionellen Musik der Samen das einzige Melodieinstrument darstellte. Seine Lebensdauer beträgt wenige Tage.

Bauform[Bearbeiten]

Arznei-Engelwurz ist eine krautige Pflanze mit aufrecht stehenden Stängeln, die in Lappland auf Wiesen an Flussufern oder bei Quellen in den Bergen nahe der Baumgrenze wächst. Ihre Wurzeln und Samen werden in Mittel- und Nordeuropa – auch bei den Samen – als Volksmedizin eingenommen. Die Samen verwendeten früher (und gelegentlich noch heute) außerdem Arznei-Engelwurz neben anderen wild wachsenden Pflanzen zur Gerinnung von Rentiermilch. Für das Blasinstrument schneiden sie einen 15 bis 30 Zentimeter langen Abschnitt aus dem markhaltigen, annähernd geraden Stängel heraus und kerben eine Reihe von drei bis sechs Fingerlöchern ein.[1] Das untere Ende bleibt offen. Das obere Ende wird an einem Knoten, der in Verzweigungen übergeht abgeschnitten. Da entgegen der Wuchsrichtung geblasen wird, ist der Durchmesser der konischen Röhre an der Mündung etwas größer. Die Anblasöffnung ist ein zwei bis drei Zentimeter langer Längsschnitt, der ab dem Knoten in der Mitte des Stängels angebracht wird. Dadurch entsteht ein ideoglottes (aus demselben Material bestehendes) Rohrblatt. Der Schlitz ist mit bloßem Auge kaum zu sehen; die elastischen seitlichen Kanten geben erst dann eine Öffnung frei, wenn der Spieler hineinbläst und schwingen sofort wieder zurück. Die periodischen Vibrationen der Schlitzkanten versetzen die Luft in der Röhre in Schwingungen. Im Englischen werden solche Längsschnitte am oberen Ende, die eine stehende Welle im Innern eines Grashalms oder eines Pflanzenstängels erzeugen, dilating reeds genannt. Curt Sachs bezeichnete in Geist und Werden der Musikinstrumente (1929) solche Blasinstrumente als „Geborstenes Rohr“ und „Blas-Spaltrohr“ und ordnete sie in seiner geografisch-kulturellen Klassifikation der „melanesisch-südamerikanischen“ und „indonesisch-melanesischen“ Schicht zu. Dort stehen sie jedoch fälschlich bei den „Flöten“.[2] Der Klang ist weich und der Tonumfang entspricht dem mittleren Bereich einer Klarinette. Die Tonintervalle der einzelnen Exemplare sind unterschiedlich, denn sie lassen sich bei einem so einfachen und mit wenig Sorgfalt hergestellten Blasinstrument nicht genau vorherbestimmen.

Verbreitung[Bearbeiten]

Fadno ist ein Lehnwort aus den nordgermanischen Sprachen und bezeichnet sowohl das Musikinstrument als auch die einjährige Pflanze. Die zweijährige Pflanze heißt auf Samisch påskå, ein aus den uralischen Sprachen übernommenes Wort. Im Lulesamischen, das in Mittelnorwegen gesprochen wird, bedeutet påskit „sammeln“. Die gleiche Sprachwurzel des Verbs und der zweijährigen, zur Verarbeitung als Lebensmittel gesammelten Pflanze, ist ein Hinweis auf eine sehr alte Tradition des Nahrungssammelns. Das von den nordischen Völkern entlehnte Wort fadno steht wohl im Zusammenhang mit der Verarbeitung von Milch zu Käse, welche die Samen ebenfalls von ihren Nachbarn übernommen haben. In Lappland, Island und einigen entlegenen Regionen von Nordasien liefert das Mark der Stängel einen Vitamin-C-haltigen Nahrungsbestandteil.[3] Trockene Stängel der Arznei-Engelwurz heißen auf Samisch rasi („Gras“), wie Carl von Linné 1732 mitteilte[4].

Das fadno wurde erstmals 1913 von der dänischen Ethnographin Emilie Demant-Hatt (1873–1958) erwähnt, die von einer „Flöte“ sprach. 1942 beschrieb es der schwedische Volksmusikforscher Karl Tirén, der 1909 bis 1916 im äußersten Norden Europas unterwegs war (Die lappische Volksmusik: Aufzeichnungen von Juoikos Melodien bei den schwedischen Lappen), ohne jedoch über die Art der Schallerzeugung eine klare Angabe zu machen. Der einzige monografische Beitrag zum fadno stammt von Ernst Emsheimer 1947, der seine Untersuchung auf vier für ihn angefertigte Exemplare stützt.

Nach Emsheimer könnte das fadno nicht aus der älteren samischen Kultur stammen, sondern eine spätere Übernahme von den Nachbarn sein. Es gehört zur traditionellen Musik der Samen, die juoi’gat oder juoigos (bekannt als Joik) genannt wird und allgemein aus einer unbegleiteten, zu einem bestimmten Anlass gesungenen Gesangsstimme mit oder ohne Text besteht. Der Sologesang ist die einzige eigene Musikform der Samen. Die Schamanentrommel diente dem Schamanen früher als Begleitung seines Gesangs und seiner Tanzbewegungen, um einen Zustand der Trance zu erreichen. Tänze und Instrumentalmusik gab es ansonsten nicht. Außer den Schamanentrommeln kamen bei den Ritualen gelegentlich noch Rasseln oder Schwirrgeräte perkussiv zum Einsatz. Von den Finnen haben die Samen später die Kastenzither kantele und eine Maultrommel übernommen sowie von den Schweden Eintonflöten und die Naturtrompete näverlur aus Birkenrinde.[5]

Literatur[Bearbeiten]

  • Ernst Emsheimer: A Lapp musical instrument. In: Ethnos: Journal of Anthropology, Volume 12, Issue 1–2, 1947, S. 86–92; übernommen in: Studiae ethnomusicologicae eurasiatica, Musikhistoriska Museets Skrifter I. Stockholm 1964, S. 62–67

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Arthur Spencer: The Lapps. Crane, Russak & Co, New York 1978, S. 128, ISBN 978-0-8448-1263-2
  2. Emsheimer, S. 64
  3. Phebe Fjellström: Nordic and Eurasian Elements in Lapp Culture. In: Anthropos, Band. 66, Heft 3/4, 1971, S. 535–549, hier S. 541
  4. Madeleine Kylin: Angelica archangelica L. (PDF; 745 kB) Swedish University of Agricultural Sciences. The Faculty of landscape Planning, Horticulture and Agriculture Science, Alnarp 2010, S. 23
  5. Andreas Lüderwaldt: Sámi Music. In: Stanley Sadie (Hrsg.): The New Grove Dictionary of Music and Musicians. Volume 22. Macmillan Publishers, London 2001, S. 206