Birkenrinde

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Borke der Papier-Birke (Betula papyrifera)

Als Birkenrinde wird die weiche und biegsame Rinde der Birke bezeichnet, sie fand früher einen vielfältigen Gebrauch. Die Rinde der in Mitteleuropa wachsenden Birken lässt sich allerdings nicht so leicht in großen Stücken abschälen wie die der Birken der schwedischen, finnischen, russischen, aber auch nordamerikanischen Taiga.

Brennmaterial[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Birkenrinde und Birkenkork sind selbst im feuchten Zustand brennbar durch den Gehalt an ätherischen Ölen. Feine Birkenrindenstreifen können als Zunder genutzt werden. Aus Birkenrinde lassen sich einfache Fackeln mit einer Brenndauer von etwa 2 Minuten herstellen.

Moderne Versuchsanordnung zur Birkenpechherstellung im Eintopfverfahren.

Klebstoff[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bereits in der Altsteinzeit, etwa seit 400.000 Jahren, nutzten Menschen (Neandertaler, später auch Homo sapiens) erhitzte und polymerisierte Bestandteile des Birkensaftes aus Birkenrinde in Form von Birkenpech als Klebstoff, besonders zur Schäftung.[1][2] Auch in der Mittelsteinzeit wurde Birkenpech verwendet.[3]

Baumaterial[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Birkenrinde benutzte man als Hütten- und Dachabdeckung, auch für Wigwams in Nordamerika,[4] sowie als Unterlage bei Schwellen und Balken.

Aufgrund der langanhaltenden weichen und biegsamen Eigenschaften der Rinde Körbe, Tabakdosen und vieles mehr aus ihr hergestellt. In den skandinavischen Ländern, in Russland und Finnland wurden auch Schuhe, Rucksäcke, Kleidungsteile, Umhüllungen für Glasflaschen, Messerscheiden und Signalhörner aus Birkenrinde angefertigt. Die Birkenrinde wurde durch spezielle und traditionelle Verfahren elastisch gemacht und für die Laminierung bzw. für die Bespannung von Bögen verwendet. In der slawischen Kultur wurde diese Methode gerne angewendet, um ihre Kompositbögen vor Witterung zu schützen. Größere Birkenrinden-Platten konnten auch zu Köchern verarbeitet werden, zum Beispiel der ungarische Bereitschaftsköcher oder der slawische Köcher aus Birkenrinde. Kleinere Stücke oder Reste können zu (Messer-)Griffen verarbeitet werden.

Birkenrindenkanu

Einige Indianerstämme Kanadas bauten oder bauen Kanus aus Birkenrinde, so die Anishinabe und die ausgestorbenen Beothuk.[4][5][6][7][8]

Dämmstoff[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wegen der Dämmeigenschaften des Korkes wurden Matten als Schlafunterlagen vielfältig eingesetzt, so aus der Mittelsteinzeit z. B. an der Fundstelle Duvensee nachgewiesen.

Ernährung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Kambium, die untere Schicht der Birkenrinde, ist essbar, es enthält unter anderem den Zuckeralkohol Xylit.

Medizin[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dünne Birkenrinde kann als Verbandmittel verwendet werden. Die Birkenrinde wurde schon seit dem Mittelalter als Naturheilmittel verwendet.

Die in der Birkenrinde enthaltenen Triterpene, darunter insbesondere Betulin, sind einer Wundheilung förderlich.[9][10][11] Sie dienen der Pflanze zur Abwehr von Schädlingen und zum Schutz vor UV-Strahlung und sind bakterizid wirksam,[12] neben weiteren Inhaltsstoffen.[13] Darüber hinaus wurden antivirale Wirksamkeiten erkannt, so gegen HIV.[14] Auch Wirksamkeiten gegen Malaria und Tumore wurden gezeigt.[15][16][17]

Im Januar 2016 hat die Europäische Kommission dem Betulin-haltigen Medikament Episalvan die europäische Zulassung für die Behandlung von dermalen Wunden bei Erwachsenen erteilt.[18]

Schreibmaterial[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auf Birkenrinde kann man schreiben. Wikinger hatten vor 1000 Jahren kein Papier und meißelten entweder auf Runensteinen oder schrieben auf Birkenrinde, welche sich allerdings kaum bis heute erhielt. Auf diese Verwendung weisen auch Bezeichnungen wie Papier-Birke, Birkenrindenurkunde und Birkenrindentexte hin. Wie Hieronymus Bock berichtet, verwendete man die Rinde noch im 16. Jahrhundert als Schreibmaterial. Im Ersten Weltkrieg wurde Birkenrinde in Form von Postkarten auch von deutschen Soldaten verwendet.

Kunst[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Heute wird Birkenrinde vor allem für Gegenstände des Kunstgewerbes verwendet, wie Vorratsbehälter (Tujes), Schatullen, Dosen, Schmuck und anderes. Die Oberfläche der Birkenrinde eignet sich ideal für das Bemalen mit Tusche oder Acrylfarbe. In der traditionellen russischen Kunst gibt es Tuschezeichnungen, welche die natürlichen Verwachsungen in das Gemälde einbeziehen. Schatullen oder Tujes werden in Russland u. a. mit „Mesenskaya Rospis“ verziert.

Die naturbelassene Birkenrinde kann wie ein Bild oder eine Collage aufgehängt werden.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Semyenowa Maria (2007). "Wir-Slawen". St. Petersburg: Asbuka-klassika
  • C. Ted Behne (Hrsg.): The Travel Journals of Tappan Adney, 1887-1890. Estate of Tappan Adney, 2010.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Birkenrinde – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Emil Hoffmann: Lexikon der Steinzeit. Verlag C. H. Beck, München 1999, ISBN 3-406-42125-3, S. 123 f., 330.
  2. Müller-Karpe: Handbuch der Vorgeschichte. Band I : Altsteinzeit., C. H. Beck Verlag, München 1966, S. 38 f.
  3. E. M. Aveling, C. Heron: Identification of birch bark tar at the Mesolithic site of Star Carr. In: Ancient Biomolecules. Band 2, Nr. 1, 1998, S. 69–80.
  4. a b Tom Vennum, Charles Weber, Earl Nyholm: Earl's Canoe: A Traditional Ojibwe Craft. Smithsonian Center for Folklife Programs and Cultural Studies.
  5. John McPhee: The Survival of the Bark Canoe, Farrar, Straus and Giroux, New York 1975.
  6. Edwin Tappan Adney, Howard Chapelle: Bark Canoes and Skin Boats of North America. Skyhorse Publishing Inc., 2007, 2014.
  7. John Jennings: Bark Canoes: The Art and Obsession of Tappan Adney. Firefly Books Ltd., 2004.
  8. F. W. Goode, Ojibwe: Birch Bark Canoes: Anishinaabe Wigwassi-Jiimaan, Beaver Bark Canoes. 2012.
  9. Sami Alakurtti, Taru Mäkelä, Salme Koskimies, Jari Yli-Kauhaluoma: Pharmacological properties of the ubiquitous natural product betulin. In: European journal of pharmaceutical sciences. Band 29, Nr. 1, 2006, S. 1–13, doi:10.1016/j.ejps.2006.04.006.
  10. Birken wirken – Forscher untersuchen die heilende Wirkung von Extrakten aus der Birkenrinde. In: Pflanzenforschung.de. Abgerufen am 3. Januar 2015.
  11. Sandra Ebeling, Katrin Naumann, Simone Pollok, Tina Wardecki, Sabine Vidal-y-Sy, Juliana M. Nascimento, Melanie Boerries, Gudula Schmidt, Johanna M. Brandner, Irmgard Merfort: From a traditional medicinal plant to a rational drug: Understanding the clinically proven wound healing efficacy of birch bark extract. In: PLoSOne. Band 9, Nr. 1, 22. Januar 2014, doi:10.1371/journal.pone.0086147.
  12. Jiří Patočka: Biologically active pentacyclic triterpenes and their current medicine signification. (PDF) In: J Appl Biomed. Band 1, Nr. 1, 2003, S. 7–12.
  13. Kemal Duric, Elvira Kovac-Besovic, Haris Niksic, Emin Sofic: Antibacterial activity of methanolic extracts, decoction and isolated triterpene products from different parts of birch, Betula pendula, Roth. In: Journal of Plant Studies. Band 2, Nr. 2, 2013, S. 61–70.
  14. S. Cı̂ntă Pı̂nzaru, N. Leopold, W. Kiefer: Vibrational spectroscopy of betulinic acid HIV inhibitor and of its birch bark natural source. In: Talanta. Band 57, Nr. 4, 2002, S. 625–631, doi:10.1016/S0039-9140(02)00102-9.
  15. S. Alakurtti, T. Mäkelä, S. Koskimies, J. Yli-Kauhaluoma: Pharmacological properties of the ubiquitous natural product betulin. In: European journal of pharmaceutical sciences. Band 29, Nummer 1, September 2006, S. 1–13, doi:10.1016/j.ejps.2006.04.006.
  16. S. K. Król, M. Kiełbus, A. Rivero-Müller, A. Stepulak: Comprehensive review on betulin as a potent anticancer agent. In: BioMed research international. Band 2015, 2015, S. 584189, doi:10.1155/2015/584189, PMID 25866796, PMC 4383233 (freier Volltext).
  17. S. C. Jonnalagadda, M. A. Corsello, C. E. Sleet: Betulin-betulinic acid natural product based analogs as anti-cancer agents. In: Anti-cancer agents in medicinal chemistry. Band 13, Nummer 10, Dezember 2013, S. 1477–1499, PMID 23848199.
  18. Europäische Kommission erteilt Marktzulassung für Episalvan, PM Birken AG vom 22. Januar 2016