Ferdinand Fellmann

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Ferdinand Fellmann

Ferdinand Fellmann (* 1939 in Hirschberg im Riesengebirge, Schlesien) ist ein deutscher Philosoph.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ferdinand Fellmann ist in Hameln a. d. Weser aufgewachsen. Ab 1959 hat er ein Studium der Anglistik und Romanistik an den Universitäten Münster und Pavia absolviert. 1962 bis 1965 studierte er an der Universität Gießen Romanistik und Philosophie. Dort waren seine beiden bedeutendsten Lehrer: der Romanist Hans Robert Jauß und der Philosoph Hans Blumenberg. 1967 erfolgte die Promotion bei Blumenberg an der Universität Bochum und die Habilitation 1973 an der Universität Münster. Seine Zusammenarbeit mit Hans Blumenberg hat er in der Information Philosophie[1] dargestellt. 1980 ist Fellmann zum Professor für Philosophie ernannt worden. 1985 hatte er eine Gastprofessur in Neapel inne. Es erschienen Übersetzungen von Giordano Bruno, Giambattista Vico und Benedetto Croce. Später hat er sich vom Historismus abgewandt und systematischen Themen zugewandt.

Gegenüber der sprachanalytischen Philosophie an deutschen Universitäten ist er auf „alteuropäischer“ Distanz geblieben. Davon zeugen die zahlreichen Beiträge, die in den 1980er Jahren auf der Seite Geisteswissenschaften der FAZ erschienen sind. 1994 ist Fellmann als Gründungsprofessor für Philosophie und Wissenschaftstheorie an die Technische Universität Chemnitz berufen worden, wo er sich um eine Synthese von idealistischen und materialistischen Denkformen bemüht hat. Seine Auffassung von Philosophie als Orientierungspraxis, die er in dem Band Orientierung Philosophie. Was sie kann, was sie will (1998) veröffentlicht hat, ist von einigen akademischen Kollegen als häretisch bekämpft worden. Nach seiner Emeritierung im Jahre 2005 hatte Fellmann Gastprofessuren in Wien und in Trient (Italien) inne. Derzeit lebt er in Münster. Als Querdenker ohne Seilschaft gehört Fellmann keiner philosophischen Gesellschaft an. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die Phänomenologie, die Ethik und die Philosophische Anthropologie.

Wissenschaftliche Arbeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Eintritt in die akademische Diskussion erfolgte 1975 mit dem Buch Das Vico-Axiom: Der Mensch macht die Geschichte. Entgegen der von Hegels Philosophie des Geistes geprägten idealistischen Auffassung von Geschichte interpretiert Fellmann Giambattista Vicos Neue Wissenschaft kulturanthropologisch. Demnach ist der Mensch zwar alleiniger Urheber der Geschichte, aber er kann ihren Verlauf nicht mit Willen und Bewusstsein steuern. Fellmanns Geschichtsauffassung ist von idealistischer Seite heftig angegriffen worden. Sie war den Idealisten zu materialistisch, während die Marxisten sein Buch des spätbürgerlichen Revisionismus bezichtigt haben.

In den 1980er Jahren hat sich Fellmanns Forschungsgebiet auf die phänomenologische Bewusstseinstheorie verlagert. In Phänomenologie als ästhetische Theorie (1989) interpretiert er Edmund Husserls Lehre von der Wesensschau am Beispiel des fotografischen Schnappschusses als Fall ästhetischer Wahrnehmung des Allgemeinen im Besonderen. Eine Weiterentwicklung der Phänomenologie zur allgemeinen Medientheorie bietet das 2009 in 2. Auflage erschienene Buch Phänomenologie zur Einführung. Mit seiner Theorie des Bildbewusstseins wendet er sich gegen das Dogma von der sprachlichen Erschließung der Welt. In mehreren programmatischen Aufsätzen hat er die Logik des Bildes als eigenständige symbolische Form zwischen Spur und Sprache herausgearbeitet. Den Primat des Bildbewusstseins fasst er in Symbolischer Pragmatismus. Hermeneutik nach Dilthey (1991) in die Formel vom “imagic turn” (vergleiche: iconic turn), die besagt, dass Bilder eine magische Dimension besitzen, die sich nicht restlos in intentionales Bewusstsein auflösen lässt.

Die Einsicht in die Grenzen der sprachanalytisch ausgerichteten Bewusstseinstheorie hat Fellmann nach 1990 zu einer lebensphilosophischen Wende geführt. Seine historische Darstellung der Lebensphilosophie in systematischer Absicht in Lebensphilosophie. Elemente einer Theorie der Selbsterfahrung (1993), lässt klar erkennen, dass er die ideologischen Entartungen nicht zum Kern der Lebensphilosophie zählt. Diesen sieht er vielmehr darin, dass der Mensch als handelndes Wesen immer mit unbeherrschbaren Emotionen und Meinungen rechnen muss, die seine vernünftigen Absichten durchkreuzen, ihm zugleich aber auch Halt im Leben bieten. Der lebensphilosophische Ansatz führt Fellmann zu einer Ethik mit stark utilitaristischen und hedonistischen Zügen. In Die Angst des Ethiklehrers vor der Klasse. Ist Moral lehrbar? (2000) sowie in Philosophie der Lebenskunst zur Einführung (2009) macht er deutlich, dass eine praktikable Ethik nur auf der Grundlage eines realistischen Menschenbildes entwickelt werden kann.

Fellmanns philosophische Anthropologie hat ihre vorläufig endgültige Fassung in Das Paar. Eine erotische Rechtfertigung des Menschen (2013) gefunden. In Analogie zur Paulinischen Rechtfertigungslehre versteht er unter Rechtfertigung eine emotionale Bindung an einen geliebten Menschen, die sich nicht in rationale Gründe (epistemic justification) auflösen lässt. Erotische Liebe rekonstruiert Fellmann im Sinne der genetischen Phänomenologie als Ursprung des menschlichen Selbstbewusstseins, eine Position, die er neuerdings evolutionsbiologisch zu untermauern sucht. In Aufsätzen[2] argumentiert er dafür, dass die exzentrische Positionalität des Menschen aus der Sonderstellung seiner Sexualität resultiert. Er hat den Begriff „emotionale Selektion“ als Erweiterung der sexuellen Selektion in die Evolutionstheorie eingeführt und damit der evolutionären Anthropologie neue Wege gewiesen.[3][4] Fellmann ist Mitherausgeber von Charles Darwins Die Abstammung des Menschen und die sexuelle Selektion, Stuttgart 2012.

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Das Paar. Eine erotische Rechtfertigung des Menschen. Erweiterte Neuausgabe. Freiburg 2013
  • Philosophie der Lebenskunst zur Einführung. Hamburg 2009
  • Der Liebes-Code. Schlüssel zur Polarität der Geschlechter. Berlin 2007
  • Phänomenologie zur Einführung. Hamburg 2006, 2. Auflage 2009
  • Die Angst des Ethiklehrers vor der Klasse. Ist Moral lehrbar?. Stuttgart 2000
  • Orientierung Philosophie. Was sie kann, was sie will. 2. durchgesehene Aufl., Reinbek b. Hamburg 2000
  • Lebensphilosophie. Elemente einer Theorie der Selbsterfahrung. Reinbek b. Hamburg 1993
  • Symbolischer Pragmatismus. Hermeneutik nach Dilthey. Reinbek b. Hamburg 1991
  • Phänomenologie als ästhetische Theorie, Alber (Reihe Fermenta philosophica), Freiburg / München 1989, ISBN 3-495-47672-5.
  • Gelebte Philosophie in Deutschland. Denkformen der Lebensweltphänomenologie und der kritischen Theorie. Alber (Reihe Fermenta philosophica), Freiburg / München 1983, ISBN 3-495-47524-9.
  • Phänomenologie und Expressionismus. Alber (Reihe Fermenta philosophica), Freiburg / München 1982, ISBN 3-495-47505-2.
  • Das Vico-Axiom: Der Mensch macht die Geschichte, Alber, Freiburg / München 1976, ISBN 3-495-47334-3.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Information Philosophie, 2008, Heft 3, S. 49–54
  2. z. B. Das Paar als Quelle des Selbst. Zu den soziobiologischen Grundlagen der philosophischen Anthropologie. In: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, 57/2009/5, S. 745–756
  3. en:Emotional Selection in der englischsprachigen Wikipedia
  4. Biological Theory. 2013. doi:10.1007/s13752-013-0093-3