Ferdinand Walsin-Esterházy

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Marie Charles Ferdinand Walsin-Esterházy
Das zerrissene und wieder zusammengeklebte Bordereau, mit dem Walsin-Esterházy den Deutschen geheime Informationen anbot

Marie Charles Ferdinand Walsin-Esterházy (* 16. Dezember 1847 in Paris; † 21. Mai 1923 in Harpenden, England) war ein französischer Offizier und Spion für Deutschland. Er war der Auslöser der Dreyfus-Affäre: Er übergab gegen Bezahlung militärische Geheimdokumente an den deutschen Militärattaché in Paris Maximilian von Schwartzkoppen. Diesen Verrat hatte die Justiz ursprünglich Alfred Dreyfus zugeschrieben und diesen dafür verurteilt.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Walsin-Esterházy war der Sohn des Generals und Divisions­kommandanten im Krimkrieg Louis Joseph Ferdinand Walsin-Esterházy (1807–1857)[1] und entfernt mit der ungarischen Magnatenfamilie Esterházy verwandt. Sein Großvater Jean Marie Auguste Walsin-Esterházy (1767–1840), geboren in Valleraugue im Département Gard, war der uneheliche Sohn von Gräfin Marie Anne Esterházy de Galántha (1742–1823) und von Marquis Jean André César de Ginestous (1725–1810). Er war vom Leibarzt der Esterházys, dem französischen Arzt Walsin, adoptiert worden.

Walsin-Esterházy war Schüler des Lycée Bonaparte (heute Lycée Condorcet), trat in die Fremdenlegion ein und wurde 1874 als Capitaine Ordonnanzoffizier des Generals Grenier. 1877 wurde er dem Deuxième Bureau, der Geheimdienstabteilung der Armee, zugeteilt. Ab 1894 begann er, für die deutsche Seite zu spionieren, wohl überwiegend aus finanziellen Motiven.

Nachdem im November 1897 Mathieu Dreyfus, der Bruder des zu Unrecht verurteilten Alfred Dreyfus, an den Kriegsminister geschrieben und Walsin-Esterházy als Autor des Bordereau mit dem Spionageangebot an den deutschen Botschafter bezeichnet hatte, verlangte Walsin-Esterházy selbst einen Militärprozess gegen sich, in dem er, trotz schwerwiegender Vorwürfe, am 11. Januar 1898 in einem Geheimverfahren freigesprochen wurde.

Während Émile Zola daraufhin sein berühmtes J’accuse veröffentlichte und nun selbst wegen Beleidigung der Armee verurteilt wurde, gab Ferdinand Walsin-Esterházy schließlich im Juli 1899 in der Zeitung Le Matin zu, das besagte Bordereau geschrieben zu haben, behauptete aber, dass dies auf Anweisung seiner Vorgesetzten geschehen sei.

Noch im gleichen Jahr unehrenhaft aus der französischen Armee entlassen, floh er nach London und verbrachte den Rest seines Lebens im englischen Exil. Über lange Jahre verarmt, klagte er, dass Juden seine Existenz zerstört und die Armee ihn verraten hätte. Die Forchtensteiner Linie der Familie Esterházy zahlte ihm später mindestens 50.000 Francs, damit er sich nicht mehr Esterházy, sondern Jean de Voilemont nannte.[2] Eine kleine Erbschaft sicherte ihm schließlich ein Auskommen, bis er unter verschiedenen Pseudonymen als Journalist Arbeit fand. Walsin-Esterházy starb 1923; er behauptete noch kurz vor seinem Tode, er habe den Bordereau im Auftrag von Jean Sandherr, dem damaligen Leiter des Nachrichtendienstes, verfasst.[3]

Walsin-Esterházy war seit dem 6. Februar 1886 mit Anne-Marie de Nettancourt-Vaubécourt (1864–1944) verheiratet. Sie hatten zwei Töchter: Claire Marie Évérilda Walsin Esterhazy (1887–1965),[4] Schauspielerin, bekannt unter dem Namen Hilda Robesca, und Marie-Alice Armande Valentine Walsin Esterhazy (1889–1976),[5] Klavierlehrerin.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Henri Guillemin: L’énigme Esterhazy. Gallimard, Paris 1962
  • Jean Doise: Un secret bien gardé. Histoire militaire de l'Affaire Dreyfus. Le Seuil, Paris 1994, ISBN 2-02-021100-9.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Ferdinand Walsin-Esterházy – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Louis Ferdinand WALSIN-ESTERHAZY bei Geneanet, abgerufen am 29. November 2016.
  2. EsterhazyWiki, abgerufen am 25. Oktober 2021.
  3. Martin P. Johnson: The Dreyfus Affair – Honour and Politics in the Belle Époque. Basingstoke 1999, S. 151.
  4. Everilda WALSIN-ESTERHAZY bei Geneanet, abgerufen am 29. November 2016.
  5. Valentine WALSIN-ESTERHAZY bei Geneanet, abgerufen am 29. November 2016.