Fleißiger Biber

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Fleißige Biber (auch engl.: busy beaver) sind spezielle Turingmaschinen, die möglichst viele Einsen auf das Band schreiben und die nach einer endlichen Anzahl Rechenschritte den Halt-Zustand einnehmen (also anhalten). Die Radó-Funktion (auch Fleißiger-Biber-Funktion) gibt die maximale Anzahl der Einsen an, die ein fleißiger Biber mit einer gegebenen Anzahl von Zuständen schreiben kann. Beides wurde erstmals 1962[1] vom ungarischen Mathematiker Tibor Radó betrachtet.

Formelle Betrachtung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Definition[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach Radó ist ein fleißiger Biber eine Turingmaschine, die wie üblich Zustände und einen Halt-Zustand einnehmen kann. Im Gegensatz zur allgemeinen Definition einer Turingmaschine unterliegt er jedoch speziellen Regeln.[1] So muss ein fleißiger Biber als Bewegungsschritt immer entweder nach links oder rechts auf dem Band gehen. Es gibt hier also keine Anweisung zum Verharren auf einem Feld. Ein fleißiger Biber erwartet auch keine leeren Felder, sondern nur welche, die bereits einen Wert aus dem ihm bekannten zweielementigen Alphabet enthalten. Das Band, auf das der fleißige Biber aufgesetzt wird, ist zuvor vollständig mit Nullen gefüllt. Ein fleißiger Biber muss nach einer endlichen Anzahl Schritte den Halt-Zustand einnehmen, darf also nicht in eine Endlosschleife geraten. Er muss nach dem Anhalten die maximale Anzahl von Einsen geschrieben haben, verglichen mit allen anderen Turingmaschinen mit ebenfalls Zuständen, die nach den gleichen Regeln arbeiten. Nur Turingmaschinen, die nicht halten, könnten mehr Einsen schreiben, wären dann aber kein fleißiger Biber.

Fleißiger-Biber-Funktion[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Über die Anzahl von Einsen, die ein fleißiger Biber mit Zuständen schreibt, ist der Wert der Fleißiger-Biber-Funktion (auch Radó-Funktion) an der Stelle definiert: .

Nicht lösbares Problem[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Bestimmung der fleißigen Biber ist ein Problem, das nicht allgemein algorithmisch lösbar ist. So ist nicht generell entscheidbar, ob eine gegebene Turingmaschine mit Zuständen tatsächlich eine maximale Anzahl von Einsen auf das Band schreibt. Für einzelne Turingmaschinen geringer Komplexität ist das allerdings möglich. Also ist die Menge der Werte von weder entscheidbar, noch rekursiv aufzählbar, obwohl wohldefiniert ist. Da auch das Komplement dieser Menge nicht rekursiv aufzählbar ist, wird diese Menge gerne als Beispiel für eine Sprache gewählt, die nicht in der ersten Stufe der arithmetischen Hierarchie liegt.

Wegen dieser Eigenschaften der Wertemenge ist die Funktion nicht berechenbar. Man kann außerdem zeigen, dass ihr asymptotisches Wachstum stärker ist als das jeder berechenbaren Funktion.

Praktische Betrachtung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Praxis hat sich gezeigt, dass schon für eine Erkenntnis über den Wert realistisch gesehen nicht mehr möglich zu sein scheint. Dazu müsste man für jede einzelne Turingmaschine mit Zuständen jeweils herausfinden, nach wie vielen Schritten sie hält, oder anderenfalls beweisen, dass sie das nicht tut.

Der Bulgare Georgi Georgiev veröffentlichte 2003 eine Untersuchung, in der er fleißige Biber daraufhin analysierte, ob sie anhalten würden oder nicht.[2] Für entzogen sich lediglich knapp über 40 fleißige Biber einem gesicherten Ergebnis, da sie aufgrund besonderer Verhaltensweisen nicht mit den von Georgiev angewandten Methoden abschließend zu analysieren waren. Von denen, die als terminierend (anhaltend) bestimmt wurden, schreibt keiner mehr als 4098 Einsen auf das Band.

Zustände Turingmaschinen
1 64 1 (1962; Rado)
2 20736 4 (1962; Rado)
3 16777216 6 (1965; Lin, Rado)
4 25,6×109 13 (1972; Weimann, Casper, Fenzel)
5 ≈ 63,4×1012 ≥ 240 (1983; Jochen Ludewig)

≥ 501 (1983; Uwe Schult)
≥ 1915 (1984; George Uhing)
≥ 4098 (1989; Jürgen Buntrock und Heiner Marxen)

6 ≈ 232×1015 > 3,514×1018267 (2010; Pavel Kropitz)
7 ≈ 1,18×1021 Abschätzung unrealistisch

Die Anzahl der Turingmaschinen berechnet sich in dieser Tabelle entsprechend den Regeln eines fleißigen Bibers (2 Zeichen im Alphabet, 2 Bewegungsrichtungen, Zustände plus ein Haltezustand) und somit nach der Formel:

Die Funktion S[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Radó definierte zusätzlich eine Funktion , deren Wert die maximale Anzahl an Schritten einer haltenden Turingmaschine mit zweielementigem Alphabet und Zuständen ist. Auch diese Funktion ist nicht berechenbar; wäre sie es, so wäre das Halteproblem mit leerem Eingabeband entscheidbar, denn eine Turingmaschine mit Zuständen, die mehr als Schritte macht, hält nie.

Da in jedem Schritt maximal eine Eins geschrieben werden kann, gilt

.

Zwischen den Funktionen und besteht weiterhin die folgende Beziehung.

.[3]

Ebenfalls nicht berechenbare Funktion[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine ebenfalls nicht berechenbare Funktion ergibt sich, wenn die zusätzliche Beschränkung eingeführt wird, dass alle Einsen eine zusammenhängende Kette bilden müssen.

Bildliche Beschreibung eines fleißigen Kleinbibers

Als Bezeichnung dafür hat sich eingebürgert.

1965 hat C. Dunham eine weitere Variante der Funktion des fleißigen Bibers angegeben.[4] ist definiert als die maximale Anzahl Einsen, die eine Turingmaschine mit zweielementigem Alphabet und Zuständen schreiben kann, wenn sie auf ein Band mit einem Block von Einsen angesetzt wird und dabei hält. Wäre diese Funktion berechenbar, so gäbe es auch eine Turingmaschine M mit zweielementigem Alphabet, die berechnet. Diese Turingmaschine habe Zustände. Dann wäre , wobei das Gleichheitszeichen gerade die Definition von M ist, und das -Zeichen daher rührt, dass M ja eine Maschine mit Zuständen ist und angesetzt auf (d.h. auf einen Block aus Einsen) hält und daher nach Definition von D die Ungleichung erfüllen muss. Dieser Widerspruch zeigt die Nicht-Berechenbarkeit von D.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • A. K. Dewdney: The (new) Turing Omnibus. 66 Excursions in Computer Science. Computer Science Press, New York NY 1993, überarbeitet 1996, ISBN 0-7167-8271-5.
  • Jochen Ludewig, Uwe Schult, Frank Wankmüller: Chasing the Busy Beaver. Notes and Observations on a competition to find the 5-state Busy Beaver. Universität Dortmund – Abt. Informatik, Dortmund 1983 (Abteilung Informatik, Universität Dortmund. Bericht 159).
  • Heiner Marxen, Jürgen Buntrock: Attacking the Busy Beaver 5. In: Bulletin of the EATCS. 40, Februar 1990, ISSN 0252-9742, S. 247–251.

Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b T. Radó: On non-computable functions (Memento vom 27. März 2014 im Internet Archive) (PDF; 3,6 MB; WebArchive vom 27. März 2014), In The Bell System Technical Journal, Band 41, Nr. 3, S. 877–884, Mai 1962
  2. Busy Beaver nonregular machines for class TM(5)
  3. A. M. Ben-Amram, B. A. Julstrom, U. Zwick: A Note on Busy Beavers and Other Creatures, In Mathematical Systems Theory, 29(4), S. 375–386, Juli / August 1996, doi:10.1007/BF01192693
  4. C. Dunham: A Candidate for the simplest uncomputable function In: Communications of the Association for Computing Machinery (Letter to the Editor) 8, 4, 1965, ISSN 0001-0782, S. 201