Flugzeugabsturz der Interflug bei Königs Wusterhausen

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Flugzeugabsturz der Interflug bei Königs Wusterhausen
Ilyushin Il-62, Interflug AN1253183.jpg

Eine ähnliche Maschine der Interflug

Unfall-Zusammenfassung
Unfallart Absturz
Ort 52° 17′ 37,3″ N, 13° 38′ 26,9″ OKoordinaten: 52° 17′ 37,3″ N, 13° 38′ 26,9″ O
nahe Königs Wusterhausen
Datum 14. August 1972
Todesopfer 156
Überlebende 0
Verletzte 0
Luftfahrzeug
Luftfahrzeugtyp Iljuschin Il-62
Betreiber Interflug
Kennzeichen DM-SEA
Abflughafen Deutschland Demokratische Republik 1949 Flughafen Berlin-Schönefeld
Zielflughafen Bulgarien 1946 Flughafen Burgas
Passagiere 148
Besatzung 8
Listen von Flugunfällen

Beim Flugzeugabsturz der Interflug bei Königs Wusterhausen stürzte am 14. August 1972 ein Verkehrsflugzeug vom Typ Iljuschin Il-62 der Interflug in der Nähe der Stadt Königs Wusterhausen südlich von Berlin ab. An Bord befanden sich 148 Passagiere und acht Besatzungsmitglieder, von denen niemand den Absturz überlebte. Durch einen Brand im Heck verlor die Maschine das Leitwerk, was zum vollständigen Verlust der Stabilität und der Steuerbarkeit des Flugzeuges führte.

Der Absturz war bei der Interflug, der staatlichen Fluggesellschaft der DDR, der erste Unfall eines Verkehrsflugzeugs mit Todesfolge und der folgenschwerste Flugunfall in Deutschland überhaupt.[1]

Zum damaligen Zeitpunkt handelte es sich um den schwersten Unfall mit einer IL-62 (siehe Listen von Flugunfällen). Es war der weltweit zweite Unfall einer Il-62 mit Todesopfern.[2]

Ablauf[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Maschine mit dem Luftfahrzeugkennzeichen DM-SEA (Werksnummer 00702), die im April 1970 als erste Il-62 der Interflug in Dienst gestellt worden war und bis zum Absturz rund 3520 Flugstunden absolviert hatte, startete am 14. August 1972 um 16:29 Uhr vom Flughafen Berlin-Schönefeld. Ziel war der Flughafen Burgas in Bulgarien. Der 51-jährige Kommandant Heinz Pfaff flog die Il-62 seit ihrer Einführung bei der Interflug und hatte insgesamt 8100 Flugstunden mit über vier Millionen Flugkilometern Flugerfahrung, unter anderem auch als Pilot der Il-14 und Il-18. Weitere Besatzungsmitglieder waren der Copilot Lothar Walther mit 6041 Flugstunden, Navigator Achim Filenius (8570), der 1963 den Flugunfall bei Königsbrück überlebt hatte, Flugingenieur Ingolf Stein (2258) und vier Flugbegleiterinnen.[3]

Etwa 100 Kilometer von Berlin entfernt, südöstlich von Cottbus, bemerkte die Besatzung um 16:43 Uhr in etwa 8900 Metern Höhe Probleme mit der Trimmung des Höhenleitwerks. Eine Minute später wurde nach Absprache mit der Flugsicherung die Rückkehr nach Berlin-Schönefeld eingeleitet. Um 16:51 Uhr entschied sich die Besatzung, fünf Tonnen Treibstoff abzulassen (Treibstoffschnellablass), um eine Überlastlandung (overweight landing) zu vermeiden, was drei Minuten später eingeleitet wurde. Anschließend wurde eine Linkskurve in Richtung des südlich von Storkow befindlichen Funkfeuers Hotel Mike ausgeführt, das kurz darauf überflogen wurde. Im weiteren Sinkflug löste sich das Heck mit Höhen- und Seitenleitwerk vom Rumpf. Dies führte zum Verlust der Stabilität und Steuerbarkeit des Flugzeuges. Die Maschine kippte kopfüber ab und wurde dadurch starken aerodynamischen Belastungen ausgesetzt, in deren Folge sich auch ein Teil des vorderen Rumpfes und Teile der Tragflächen noch in der Luft lösten. Die Trümmerteile schlugen um 17:01 Uhr 400 bis 600 Meter östlich des Stadtrands von Königs Wusterhausen auf. Noch um 16:59 Uhr hatten die Piloten im Funkverkehr über zunehmende Probleme mit der Höhensteuerung in einem letzten Notruf informiert: „Mayday, Mayday, Mayday. Unmöglich, Höhe zu halten, hatten Brand, haben Schwierigkeiten mit der Höhensteuerung“.[4]

Ursache[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Außerhalb der Druckkabine im Heck befindet sich bei der IL-62 ein nicht einsehbarer Raum. Dort verlaufen Heißluftleitungen (Überdruck, 300 °C) mit Zapfluft vom Triebwerk zur Klimaanlage. In diesen Leitungen entstand ein Leck und rief einen Schaden an der Isolierung von elektrischen Kabeln hervor. Durch diesen kam es zu einem Kurzschluss mit Lichtbogenbildung und Entzündung von Magnesiumlegierungen der Struktur mit Temperaturen von bis zu 2000 °C.[4] Der dadurch entstandene Funkenflug führte im Frachtbereich des Hecks zu einem Brand. Durch die Kabelbeschädigungen gab es bereits kurz nach dem Start Störungen beim Trimmen des Höhenruders. Im betroffenen Heckladeraum lagerte zudem leicht entzündliches Enteisungsmittel, das sich entzündete. Der Brand wurde von der Besatzung nicht bemerkt, da es damals im Heckteil der Il-62 keine Brandmelder gab. Da auch keine Sichtverbindung von der Kabine in das hintere Heckteil bestand, war sich die Besatzung des Ausmaßes der technischen Probleme nicht bewusst. Durch den Brand verlor das Heckteil seine strukturelle Stabilität und löste sich zusammen mit dem gesamten Leitwerk vom Rumpf. Danach erfolgte der Absturz aus einer Höhe von mehreren hundert Metern, bei dem auch noch ein Rumpfteil vorn abbrach.

Folgen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gedenktafel in Wildau für die 60 Opfer des Absturzes, die hier beigesetzt wurden
Gedenktafel in Königs Wusterhausen

Während der Ermittlung der Unfallursache galt ein Flugverbot für die Il-62 der Interflug. Die Untersuchungskommission kam zu dem Ergebnis, dass die im nicht druckbelüfteten Heckteil befindlichen undichten Heißluftkanäle den Absturz ausgelöst hatten. Der Unfall war also auf einen Konstruktionsfehler zurückzuführen, was jedoch vom OKB Iljuschin, dessen Generalkonstrukteur Genrich Nowoschilow an der Untersuchung beteiligt war,[4] nie bestätigt wurde.[5][6] Infolge dieser Erkenntnisse wurden an der Il-62 vom Hersteller Veränderungen vorgenommen, zu denen der Einbau zusätzlicher Brandmelder und eines Sichtfensters in die Trennwand zum Heckraum zählten. Darüber hinaus wurden zusätzliche periodisch durchgeführte Kontrollen – sogenannte „Klimasonderkontrollen“ – angeordnet. Im weiteren Flugbetrieb der Il-62 traten keine Probleme dieser Art mehr auf.

Opfer[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine Gedenkstätte für die Opfer befindet sich auf dem Friedhof der Stadt Wildau (Ortsteil Hoherlehme); sie ist zugleich Sammelgrab für die 60 auf dem Stein namentlich genannten Opfer, die nicht mehr identifiziert werden konnten.[7] In Königs Wusterhausen erinnert eine Gedenktafel nahe der Absturzstelle an den Unfall.[8]

Unter den Todesopfern befand sich die viermalige DDR- bzw. Ostzonen-Meisterin im Schach Gertrud Nüsken.

Filme/Reportagen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Edgar A. Haine: Disaster in the Air. Associated University Presses, New York 2000, ISBN 0-8453-4777-2, S. 123.
  • Jan-Arwed Richter, Christian Wolf: Feuer an Bord! Flugunfälle: Hintergründe, Ursachen und Konsequenzen. GeraMond, München 2004, ISBN 3-7654-7213-1, S. 37 ff.
  • Stotterndes Geheul. In: Der Spiegel. Nr. 35, 1972, S. 58 f. (online).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: 1972 Königs Wusterhausen air disaster – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Vor 40 Jahren: Absturz bei Königs Wusterhausen. Airliners.de, 14. August 2012, abgerufen am 24. Juni 2016.
  2. Unfallbericht IL-62 DM-SEA, Aviation Safety Network (englisch), abgerufen am 25. August 2018.
  3. Flieger Revue, 10/1972, S. 409
  4. a b c Karl-Dieter Seifert: Weg und Absturz der Interflug. Die Geschichte des Unternehmens. VDM, Zweibrücken 2008, ISBN 978-3-86619-030-6, S. 294ff.
  5. Detlef Billig, Manfred Meyer: Flugzeuge der DDR. Band 2. TOM Modellbau, Friedland 2002, ISBN 3-613-02241-9, S. 110–111
  6. Manfred Meyer: Flugzeuge in der DDR: Il-62 – Der „weiße Riese“. In: Flieger Revue. 1/2000, S. 58
  7. Quelle: MDR-Reportage und Inschrift auf dem Stein „Ihre letzte Ruhestätte fanden hier“
  8. Claus-Dieter Steyer: Erstes Gedenken nach 40 Jahren. In: Der Tagesspiegel, 15. August 2012, abgerufen am 28. März 2016.