Fremde

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Fremd ist eine Weiterleitung auf diesen Artikel. Siehe auch: Fremd (Begriffsklärung), Der Fremde bzw. Die Fremde.

Das Fremde bezeichnet etwas, das als abweichend von Vertrautem wahrgenommen wird, das heißt aus Sicht dessen, der diesen Begriff verwendet, als etwas (vermeintlich) Andersartiges oder weit Entferntes. Das Gefühl der Fremdheit entsteht durch den Ethnozentrismus, über den sich jede Ethnie definiert und von anderen Gruppen abgrenzt. Es kann Abwehr im Sinn von Angst bis hin zur Aggressivität hervorrufen; allerdings je nach persönlicher oder sozialer Disposition auch Zugewandtheit im Sinne von Interesse bis hin zur Sehnsucht (vgl. Xenophilie versus Xenophobie).

Menschen, die als in diesem Sinne fremd wahrgenommen werden, werden als Fremde bezeichnet, im Unterschied zu Bekannten und Vertrauten. Als fremd empfundene örtlich verstandene Regionen − mehr oder weniger weit außerhalb des als „eigen“ bzw. vertraut erfahrenen Lebensraums und der als „eigen“ begriffenen kulturellen Gewohnheiten − werden oft als Die Fremde bezeichnet; sozusagen als dialektischer Gegenbegriff zu Heimat. Die Unterscheidung von Vertrautem (auch Bekanntem oder Gewohntem) und Fremdem ist eine Grunderfahrung des Menschen, der – parallel zur Entfaltung seines Ich – verschiedene Grade von Fremdheit bzw. Zugehörigkeit erfährt.

Antike[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Antike erkannte das Fremde vor allem in der Dimension der unterschiedlichen Sprache (griechisch: βάρβαρος, bárbaros, Plural βάρβαροι, bárbaroi; der Barbar ist der Fremde, der die nicht (oder schlecht) griechisch und damit unverständlich spricht).

Gruppendynamik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Begriff der Fremde spielt unter anderem eine Rolle in der Gruppendynamik. Prinzipiell gibt es zunächst zwei Möglichkeiten, mit Fremdem umzugehen, wenn es neu auf einen zukommt.

  • Positiv: Das Einbeziehen wird als Erweiterung der eigenen Fähigkeiten empfunden und eröffnet neue Möglichkeiten. Dieses Verhalten wird oft einfach als Lernen bezeichnet. Die Integration benötigt Eigenarbeit. Ist das Fremde grundlegend und mit Veränderungen des eigenen Verhaltens verbunden, kann damit eine vorübergehende Instabilität (Krise) während der Neuorientierung verbunden sein.
  • Negativ: Das Fremde wird abgelehnt und ausgegrenzt. Eine solche Ausgrenzung verhindert grundlegend die Auseinandersetzung mit Neuem. Solange sich die interne Begegnung mit dem Fremden vermeiden lässt stärkt es eventuell das Bestehende.

Die Definition dessen, was in diesem Sinne fremd ist oder was vertraut ist, wird durch gesellschaftliche Meinungen bestimmt. Beide Möglichkeiten gehören zum normalen Repertoire des menschlichen Verhaltens. Eine Abwehr gegen grundlegend Fremdes (Neues) wird verstärkt, wenn das Fremde nicht nur auf einen selbst, sondern vor allem von der umgebenden Gruppe (der eigenen Kultur) Auswirkungen erfordert oder durch Andersartigkeit besonders exponiert ist. Dies kann zu einer Art von Gruppendruck führen.

In der Rechtswissenschaft ist eine Sache „fremd“, wenn sie zumindest auch im Eigentum eines anderen steht, also weder der handelnden Person alleine gehört noch herrenlos ist. Als Tatbestandsmerkmal spielt die Fremdheit einer Sache insbesondere im Strafrecht eine große Rolle (vgl. Diebstahl, Sachbeschädigung).

Im Nationalsozialismus wurden beispielsweise Juden als „Fremdvölkische“ oder „Artfremde“ verunglimpft und ausgegrenzt. Wie auch Sinti und Roma wurden sie dadurch zu Opfern eines Massen- und Völkermordes.

Ethnologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Ethnologie oder Völkerkunde beschäftigt sich klassischerweise mit dem Fremden (der Kultur) und den fremden Menschen. Fremdheit ist die Grundlage dieser Wissenschaftsdisziplin. Dabei wird seit mehreren Jahrzehnten nicht mehr unterlegt, dass das Fremde wie selbstverständlich vorliegt und als solches beschrieben und analysiert werden muss. Vielmehr wird das Fremde erst in Abgrenzungsprozessen vom Eigenen bestimmt.

Die Ethnologie unterscheidet zwischen Alterität („übersetzbare“ Andersheit) und Alienität („radikale“ Andersheit). In erster Linie versucht die Ethnologie, das Fremde in Begriffe des Eigenen zu übersetzen, d. h. zu nostrifizieren. Damit riskiert man aber das „Rätsel des Fremden“ auszuschließen. Aus solcher Sichtweise aus der fremden Lebensform heraus kann manches zu sehen sein, das aus der eigenen Warte eventuell gar nicht zugänglich ist.

Der Fremde[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Soziologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bestrebungen einer Gesellschaft, fremde Kulturelemente zu „etwas Eigenem“ zu machen, sie zu akzeptieren, zu reinterpretieren und mit der Tradition zu etwas Neuem zu verschmelzen, werden als Indigenisierung bezeichnet.

Der Fremde bezeichnet neben einem Zugewanderten, Migranten oder Touristen[1] seit Georg Simmels Exkurs über den Fremden auch eine Kategorie der Soziologie. Simmel erfasst die Kategorie des Fremden mit der Gleichzeitigkeit von Nähe und Ferne. Aufgrund dieser Gleichzeitigkeit und als Produkt davon werden dem Fremden Eigenschaften wie Beweglichkeit, Objektivität und ein abstraktes Wesen zugeschrieben, da den Betrachter nur Allgemeines mit dem Fremden verbindet. Im zwischenmenschlichen Verhältnis wird das Nicht-Gemeinsame betont und als etwas Typisiertes empfunden. Als klassisches Beispiel für den Fremden bezeichnet Simmel die Geschichte der europäischen Juden. Diese Sichtweise wurde mehrfach weiterentwickelt, in Deutschland zuletzt monographisch von Elke M. Geenen sowie von Andrea Wilden, die hierbei vor allem die Konstruiertheit von Fremdheit betrachtet.

Misstrauen und Vorsicht gegenüber allem Fremden ist nicht per se ausländerfeindlich, sondern Teil einer rationalen Strategie. Das gesunde Misstrauen gegenüber unbekannten Menschen spiegelt sich in jeder abgeschlossenen Haustür wider. Kindern wird beigebracht, nicht mit Fremden zu sprechen, von ihnen etwas anzunehmen oder gar zu ihnen ins Auto zu steigen. Zygmunt Bauman drückt dies wie folgt aus:

„Fremde bedeuten das Fehlen von Klarheit, man kann nicht sicher sein, was sie tun werden, wie sie auf die eigenen Handlungen reagieren würden; man kann nicht sagen, ob sie Freunde oder Feinde sind – und daher kann man nicht umhin, sie mit Argwohn zu betrachten.“

Soziologe Zygmunt Bauman (Bauman 2000: 39)

Recht[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im deutschsprachigen Recht werden Nichtzugehörige zu einer bestimmten sozialen Gruppe als „Fremde“ bezeichnet.

Beispiele:

  • Wer nicht in einem bestimmten Betrieb beschäftigt ist, gilt als „Betriebsfremder“, in Kommentaren und Urteilen zu Fragen der Betriebsverfassung.
  • Wer in einer Konfessionsschule nicht dem Bekenntnis angehört, dem die betreffende Schule verpflichtet ist, gilt in Niedersachsen als „Bekenntnisfremder“, nach der dort gültigen „Verordnung über die Aufnahme bekenntnisfremder Schülerinnen und Schüler in Grundschulen für Schülerinnen und Schüler des gleichen Bekenntnisses vom 11. August 2011 (Bekenntnisschulen-Aufnahmeverordnung)“.[2]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Zygmunt Bauman: Vereint in Verschiedenheit. In: J. Berghold, E. Menasse, K. Ottomeyer (Herausg.): Trennlinien. Drava, Klagenfurt 2000, S. 35–46.
  • Hartmut Behr: Theorie des Fremden als Kultur- und Zivilisationskritik. Ein kritischer Forschungsbericht. In: Philosophisches Jahrbuch. Jg. 102, 1995, ISSN 0031-8183, S. 191–200.
  • Christian Bremshey, Hilde Hoffmann, Yomb May, Marco Ortu (Hrsg.): Den Fremden gibt es nicht. Xenologie und Erkenntnis. LIT, Berlin/ London 2004, ISBN 3-8258-7458-3.
  • Albrecht Classen: Das Fremde und das Eigene. In: Peter Dinzelbacher (Hrsg.): Europäische Mentalitätsgeschichte. 2. Auflage. Kröner, Stuttgart 2008, S. 459–517.
  • Andrea Wilden: Die Konstruktion von Fremdheit – Eine interaktionistisch-konstruktivistische Perspektive. Waxmann-Verlag, Münster 2013, ISBN 978-3-8309-2851-5.
  • Munasu Duala-M'bedy: Xenologie. Die Wissenschaft vom Fremden und die Verdrängung der Humanität in der Anthropologie. Verlag Karl Alber, Freiburg (Breisgau)/ München 1977, ISBN 3-495-47350-5.
  • Elke M. Geenen: Soziologie des Fremden. Ein gesellschaftstheoretischer Entwurf. VS-Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2002, ISBN 3-8100-3599-8.
  • Ute Guzzoni: erstaunlich und fremd. Erfahrungen und Reflexionen. Verlag Karl Alber, Freiburg/ München 2012, ISBN 978-3-495-48555-2.
  • Christian Hoffstadt, Franz Peschke, Andreas Schulz-Buchtam Michael Nagenborg (Hrsg.): Der Fremdkörper. (= Aspekte der Medizinphilosophie. Band 6). Projekt Verlag, Bochum/ Freiburg 2008, ISBN 978-3-89733-189-1, S. 571–586.
  • Julia Reuter: Der Fremde. In: Stephan Moebius, Markus Schroer: Diven, Hacker, Spekulanten. Sozialfiguren der Gegenwart. Suhrkamp, Berlin 2010, S. 161–173.
  • Richard Rottenburg: Von der Bewahrung des Rätsels im Fremden. In: Dirk Tänzler, Hubert Knoblauch, Hans-Georg Soeffner (Hrsg.): Neue Perspektiven der Wissenssoziologie. Universitätsverlag, Konstanz 2006, S. 119–136.
  • Dolf Sternberger: Gefühl der Fremde. Insel-Verlag, Wiesbaden 1958.
  • Bernhard Waldenfels: Topographie des Fremden. Studien zur Phänomenologie des Fremden 1. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1997.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  Wikiquote: Fremd – Zitate

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. vgl. den Begriff „Fremdenverkehr“ als deutsche Übersetzung des Wortes „Tourismus
  2. Online
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