Fresswelle

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Dieser Artikel oder Abschnitt bedarf einer Überarbeitung: Bitte um Enzyklopädisierung dieses Essays.
Hilf mit, ihn zu verbessern, und entferne anschließend diese Markierung.
Icon tools.svg Dieser Artikel wurde im Portal Deutschland zur Verbesserung eingetragen. Hilf mit, ihn zu bearbeiten, und beteilige dich an der Diskussion!
Vorlage:Portalhinweis/Wartung/Deutschland
Verkäuferinnen bedienen Kunden einer Fleisch- und Wursttheke (1953)

Als Fresswelle wird das sich in den Nachkriegsjahren in der Bundesrepublik Deutschland rasant entwickelnde Bedürfnis nach hochwertigem und reichhaltigem Essen bezeichnet. Damit einher ging in weiten Teilen der Bevölkerung ein Hang zum Übergewicht und eine soziale Akzeptanz desselben. Ursache dieser Entwicklung war die zum Ende des Zweiten Weltkriegs und während des Wiederaufbaus Mitte der 1940er Jahre gemachte Erfahrung der Entbehrung des Nötigsten, die nun mit den allgemein steigenden Einkommen und rapide verfallenden Preisen des deutschen Wirtschaftswunders kontrastierte.

Ursachen und Hintergründe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Drei Männer umgeben von exotischem Obst auf einer Messe (1954)

Luxusgüter, die in der Nachkriegszeit zunächst sehr teuer waren, wurden nach und nach erschwinglich und etablierten sich als Gebrauchsgüter immer stärker auf dem Markt. Der Konsum kurbelte die Volkswirtschaft an, wobei diese Entwicklung wellenförmig voranschritt. Angefangen mit der Fresswelle, welche die Grundbedürfnisse der Menschen abdeckte, kamen noch Kleidungs-, Einrichtungs-, Auto- und Urlaubswelle dazu.

Nach den Entbehrungen der frühen Nachkriegszeit, den traumatischen Erfahrungen des Hungers, wurde das Essen zur Lieblingsbeschäftigung: die sogenannte „Fresswelle“ bestimmte die 1950er Jahre. Dies hatte vor allem zwei Gründe: Real- und Nominallöhne stiegen stark an, im Gegensatz dazu nahmen die Preise für Lebensmittel rapide ab. Der Bundesbürger jener Jahre war natürlich kein „Feinschmecker“, sondern deckte zunächst lediglich seinen Nachholbedarf der vergangenen Jahre ab.[1] Die Folgen dieses Konsumverhaltens stellte man ohne Scheu zur Schau. Aus Otto Normalverbraucher wurde eine dicke und runde Figur, die geradezu als Beweis dafür diente wie weit man es nach den „Trümmerjahren“ wieder gebracht hatte. Ludwig Erhard, Symbol des Wirtschaftswunders, spiegelte mit seinem Übergewicht auf anschauliche Weise das Lebensgefühl der Deutschen wider, die nun auf die schnell errungene und neue Lebensqualität stolz waren, weil ihnen an anderen Werten nicht viel geblieben war.

Fremde Nahrungsmittel und Gewürze wurden fast mit grenzenloser Aufnahmebereitschaft und Anpassungsbegierde in die heimische Küche aufgenommen. Statt des einheimischen Schweineschmalzes bevorzugten Hausfrauen jetzt Kokosfett, Palmin oder ähnliche Produkte, Butter wurde von der kostengünstigeren Margarine abgelöst. Als Gewürze dienten nun auch überwiegend amerikanische Produkte wie Ketchup, Mixed Pickles und scharfe Saucen, die in der deutschen Küche bis dahin recht unbekannt gewesen waren. Südfrüchte, die so lange entbehrt wurden, waren nun besonders begehrt. Beilagen wurden ebenso in einem neuen Licht betrachtet, z. B. wurde die Kondensmilch sehr beliebt. Man benutzte sie nicht nur für den allmorgendlichen Kaffee, sondern trank die Milch auch direkt aus der angestochenen Dose – vor allem für Kinder stellte die süße Milch eine Delikatesse dar.[2]

Folgen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bis zum Beginn der 1960er Jahre konnten die Haushalte ihre Einkommen in zwei Richtungen verlagern: Zu „höherwertigen“ und zu „exotischen“ Lebensmitteln. Diese Veränderung der Ausgaben veränderte auch den Alltag der deutschen Gesellschaft, da damit auch technische Innovationen und eine Internationalisierung der Ernährung stattfand. Vor allem in der Konservierungstechnik gab es viele Fortschritte. War zum Ende der 1940er die Nutzung von Konserven noch unbedeutend, stieg diese zu Beginn der 1950er langsam an, auch wenn sie erst in den nächsten beiden Jahrzehnten ihren Höhepunkt erreicht hat. Als das Erfrischungsgetränk Coca-Cola in die deutschen Haushalte Einzug hielt, ging damit eine weitreichende Akzeptanz des US-amerikanischen Lebensstils einher. Für die Deutschen war die Limonade Ausdruck ihrer neugewonnenen Freiheit und Lebensfreude, wie sie die Werbung den Konsumenten weltweit auch heute noch suggeriert. Der „American Way of Life“ war für viele ein Symbol für die Befreiung von alltäglichen Sorgen und Elend, und stellte eine Möglichkeit zur Erlangung von Freiheit und einen Schritt in ein modernes Leben dar.[3]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ursula A.J. Becher: Geschichte des modernen Lebensstils. Essen – Wohnen – Freizeit – Reisen, München: C.H. Beck, 1990.
  • Detlef Briesen: Das gesunde Leben. Ernährung und Gesundheit seit dem 18. Jahrhundert, Frankfurt am Main: Campus Verlag, 2010.
  • Die Konsumgesellschaft in Deutschland 1890 – 1990: ein Handbuch, hrsg. von Heinz-Gerhard Haupt und Claudius Torp, Frankfurt/Main [u. a.]: Campus-Verlag, 2009.
  • Wolfgang Protzner: Vom Hungerwinter bis zum Beginn der "Freßwelle", in: ders. (Hg.): Vom Hungerwinter zum kulinarischen Schlaraffenland. Aspekte einer Kulturgeschichte des Essens in der Bundesrepublik Deutschland, Stuttgart 1987, S. 11–30.
  • Harald Winkel: Vom Gourmand zum Gourmet, in: Wolfgang Protzner (Hrsg.): Vom Hungerwinter zum kulinarischen Schlaraffenland, Stuttgart 1987, S. 31–48.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Harald Winkel: Vom Gourmand zum Gourmet, S. 34.
  2. Wolfgang Protzner: Vom Hungerwinter bis zum Beginn der "Freßwelle", S. 25.
  3. Detlef Briesen: Das gesunde Leben, S. 193f.