Friedensstadt Weißenberg

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Ortsteil von Trebbin: Glau
Wappen der Stadt Trebbin
Koordinaten: 52° 14′ 28″ N, 13° 9′ 15″ O
Höhe: 42 (32–43) m
Einwohner: 413 (2013)
Eingemeindung: 1998
Eingemeindet nach: Trebbin
Postleitzahl: 14959
Vorwahl: 033731
Friedensstadt Weißenberg (Brandenburg)
Friedensstadt Weißenberg

Lage von Friedensstadt Weißenberg in Brandenburg

Heilinstitut der Friedensstadt
Heilinstitut der Friedensstadt

Die Friedensstadt (offiziell: Friedensstadt Weißenberg) im Trebbiner Ortsteil Glau (Landkreis Teltow-Fläming), 35 Kilometer südlich von Berlin, ist ein religiöses Siedlungswerk mit verschiedenen sozialen, medizinisch-therapeutischen und pädagogischen Einrichtungen. Sie wurde 1920 durch den Religions- und Sozialreformer Joseph Weißenberg (24. August 1855 bis 6. März 1941) gegründet. Heute ist die Johannische Kirche Eigentümerin der Siedlung, in der zu Beginn des Jahres 2014 fast 400 Menschen in 260 Wohnungen beziehungsweise Eigenheimen leben.

Die Friedensstadt ist ein markanter Ort im Land Brandenburg unweit des Blankensees mit großer kulturhistorischer Bedeutung, in dem die Brüche der deutschen Geschichte besonders deutlich sichtbar und spürbar werden. Dies wurde vom Brandenburgischen Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur sowie von der Europäischen Union bestätigt und durch die Förderung eines Besucherleitsystems zum Ausdruck gebracht. Ein Teil der historischen Gebäude der Siedlung ist denkmalgeschützt.[1]

Gründung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Friedensstadt ist Teil der sozialen und religiösen Siedlungsbewegung, die nach dem Ersten Weltkrieg in Deutschland viele Einrichtungen entstehen ließ. Dennoch weist sie in diesem Kontext Besonderheiten auf. In baulicher Hinsicht wurde durch eine kleinteilige Bauweise und durch die Schaffung von für jedermann bezahlbaren Wohnraum eine Alternative zu den Berliner Mietshauskasernen errichtet. Darüber hinaus strebten die Siedler nach den leidvollen Erfahrungen des Krieges unter dem programmatischen Namen Friedensstadt ein soziales Gemeinwesen auf religiöser Grundlage an. Dies wurde durch die Schaffung von Wohnraum, Arbeitsplätzen und sozialen Einrichtungen (Altersheim, Schule, Gemeinschaftseinrichtungen) umgesetzt. Darüber hinaus verband die Bewohner ein religiöses Gemeinschaftserleben.

Errichtet wurde die Friedensstadt durch Spendenmittel, was in der Weimarer Republik eine Zeitung zu der Überschrift veranlasste: „Eine Stadt aus Trauringen erbaut“. Joseph Weißenberg forderte nach dem Ersten Weltkrieg die Anhänger seiner religiösen Sammlungsbewegung zu Spenden für dieses Siedlungsprojekt auf, mit dem noch vor der Inflation begonnen werden konnte. Als Genossenschaft organisiert, konnte die Friedensstadt auf eine große Zahl von Förderern und Unterstützern zählen.

Die Friedensstadt entwickelte sich in den 1920er-Jahren zu der größten Privatsiedlung Deutschlands, was in der nationalen und internationalen Fachpresse entsprechend gewürdigt wurde. In nur 15 Jahren entstanden auf 80 Hektar etwa 40 Gebäude für 400 Bewohner: Wohnhäuser, Schule, Altersheim, Landwirtschaftsbetrieb, Werkstätten, die Kirche auf dem Waldfriedengelände im benachbarten Blankensee und anderes.[2] Insgesamt gehörten zur Friedensstadt 400 Hektar Fläche. Wirtschaftlich war die Siedlung nach wenigen Jahren trotz Inflation und Weltwirtschaftskrise dank ihrer Betriebe (Landwirtschaft, Wäscherei, Gastronomie) weitgehend autark.

Enteignung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dieses Siedlungswerk fand im NS-Regime ein jähes Ende. Die Vereine der 1926 aus Weißenbergs religiöser Sammlungsbewegung hervorgegangenen Evangelisch-Johannischen Kirche (seit 1975: Johannische Kirche) wurden im Zuge der Gleichschaltung in NS-Organisationen zwangseingegliedert. Ab 1934 wurden Joseph Weißenberg, die Evangelisch-Johannische Kirche sowie das Siedlungswerk in der NS-Presse verleumdet, am 17. Januar 1935[3] die Kirche verboten, ihr Eigentum beschlagnahmt, Weißenberg verhaftet und – wie andere Systemgegner auch – in einem Unrechtsprozess als Sittlichkeitsverbrecher verurteilt.

Die Bewohner der Friedensstadt wurden bis 1938 von der Waffen-SS vertrieben, die Gelände und Gebäude besetzte. Von 1942 bis Januar 1945 befand sich auf einem Teil des Geländes eine Außenstelle des KZ Sachsenhausen.[2]

Das NS-Regime ließ nichts unversucht, dieser Enteignung einen legalen Anstrich zu geben. Nachdem die Genossenschaftsvertreter sich trotz erheblichen Drucks durch die Geheime Staatspolizei einer Veräußerung der Siedlung widersetzten, wurde noch im Frühjahr 1945 der Zwangsverkauf gerichtlich vollzogen. Diese offenkundige Rechtsverletzung war Ausgangspunkt für die spätere Rückgabe der Friedensstadt an die Johannische Kirche.

Sowjetische Garnison[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem Zweiten Weltkrieg galt das Gelände der Friedensstadt als Militärobjekt und fiel somit in die Hände der Besatzungsmacht. Die Rote Armee der Sowjetunion errichtete dort die Garnison Glau als stark gesichertes militärisches Objekt. Dadurch scheiterten Bestrebungen der Johannischen Kirche, die Siedlung zurückzuerhalten.[2] Jedoch gab die Rote Armee der Johannischen Kirche unmittelbar nach Kriegsende das Waldfriedengelände mit seiner charakteristischen Doppelbogen-Kirche in Blankensee zurück. Der damalige Kommandant forderte die alten neuen Eigentümer auf: „Beten Sie auch für Russland!“

Rückgabe und Wiederaufbau[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aus dieser Begebenheit entwickelten sich in den folgenden Jahrzehnten gute Kontakte zur sowjetischen Garnison, die unter anderem die Rückgabe der Siedlung 1994 erleichterten. Mitglieder der Johannischen Kirche – sie ist Rechtsnachfolgerin der Siedlungsgenossenschaft – konnten schon vor Rückgabe der Siedlung erste Bausicherungs- und Instandsetzungsmaßnahmen vornehmen, die einen reibungslosen Übergang ermöglichten. Am 14. Juni 1994 erfolgte die offizielle Übergabe der Friedensstadt durch die mittlerweile russische Armee, nachdem der nach der Wende beim Bundesamt zur Regelung offener Vermögensfragen eingereichte Antrag auf Rückgabe der Friedensstadt Erfolg hatte.[2]

Fast 60 Jahre militärische Fremdnutzung haben in der Friedensstadt deutliche Spuren hinterlassen. Viele Gebäude befanden sich zum Zeitpunkt der Rückgabe in einem sehr schlechten Zustand. Zu den ersten Aufgaben gehörten daher die Gebäudesicherung und der Aufbau der technischen Infrastruktur. Darüber hinaus ist die Modernisierung des Wohnraums wichtiges Ziel. Diese Arbeiten sind bei weitem noch nicht abgeschlossen[2] und werden wie einst überwiegend durch Spendengelder und Patenschaften finanziert. Auf dem ehemaligen Technikgelände West der Garnison Glau steht heute eine Photo-Voltaikanlage. Das Heizwerk und die Begrenzungsmauer auf dem Technikgelände Ost hingegen wurden 2014 beräumt sowie die beiden 40 m hohen Schornsteine gesprengt.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Brandenburgisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologisches Landesmuseum: Denkmalliste des Landes Brandenburg: Landkreis Teltow-Fläming (PDF; 1640 kB)
  2. a b c d e Vgl. Johannische Kirche, Flyer „Friedensstadt Weissenberg“, Trebbin 2009
  3. Johannische Kirche: Friedensstadt Weissenberg, Flyer, ohne Datumsangabe, S. 4.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Primärliteratur
  • Joseph Weißenberg: Das Fortleben nach dem Tode. Berlin 1912; Neuauflage 2005 im Verlag Weg und Ziel, ISBN 3-00-017531-8
  • Joseph Weißenberg: Meine Verhaftung und Internierung. o. J.
  • Joseph Weißenberg: Ein Lebensbild von meinem Dornenpfad. 1931.
  • Gunnar Pommerening: Friedensstadt – Joseph Weißenbergs Siedlung von 1920 bis zur Gegenwart. Bildband, Verlag Weg und Ziel, Berlin 2004, ISBN 3-00-015085-4.
Sekundärliteratur
  • Andreas Schmetzstorff: Joseph Weißenberg (1855–1941). Leben und Werk. 3. Auflage. Schneider Verlag, Hohengehren 2006, ISBN 978-3-8340-0054-5.
  • Ulrich Linse: Geisterseher und Wunderwirker. Heilssuche im Industriezeitalter. Fischer TB 60164, 1996, ISBN 3-596-60164-9, Studie über J. Weißenberg S. 89–211.
  • Annett Gröschner, Olaf Lippke, Prenzlauer Berg Museum (Hrsg.): Grenzgänger. Wunderheiler. Pflastersteine. - Die Geschichte der Gleimstraße in Berlin. Basisdruck-Verlag, 1998, ISBN 3-86163-091-5. Das Buch enthält einen längeren Artikel über den Wunderheiler Joseph Weißenberg mit Einzelheiten über seine Praxis in der Gleimstraße im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]