Galicische Literatur

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Die galicische Literatur umfasst die Werke in galicischer Sprache, einer romanischen Sprache, die in Galicien im Nordwesten der Iberischen Halbinsel gesprochen wird. Galicisch ist heute die offizielle Sprache Galiciens und wird in Schulen und Universitäten gelehrt; etwa 70 % der Bevölkerung dieser Region sprechen nur oder hauptsächlich Galicisch. Galicisch ist eng mit dem Portugiesischen verwandt und bildete mit ihm lange Zeit einen gemeinsamen Sprachraum bzw. ein Dialektkontinuum auch mit Übergangsdialekten zum Asturischen. Es konnte sich aber im Gegensatz zum Portugiesischen nur zu einem regionalen Idiom entwickeln, das lange Zeit als eine Sprache der einfachen Leute diskriminiert wurde, deren Verschriftlichung nicht notwendig oder gar schädlich war.

Frühzeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Wurzeln der galicischen Literatur reichen bis in das 12. Jahrhundert zurück. Der älteste bekannte und noch erhaltene literarische Text in galicischer Sprache ist ein 1196 komponierter Lobgesang von Xoán Soares de Pavia. Die frühe galicisch-portugiesische Literatur erreichte ihre höchste Blüte in Form der mittelalterlichen Minnelyrik (Cancioneiros). Einen volkstümlicheren Ton schlagen die Frauenlieder (Cantigas de amigo) des Martim Codax an. Auch spanische lyrische Dichter (u. a. König Alfons der X., der Weise) schrieben im 12.–14. Jahrhundert in galicisch-portugiesischer Sprache. Im 15. Jahrhundert setzte sich dann das Kastilische als Sprache der Oberschichten durch. Obwohl die galicische Sprache auch während des 16. bis 18. Jahrhunderts die verbreitetste Sprache in Galicien war, gibt es für diesen Zeitraum kaum literarische Zeugnisse; diese Zeit wird in Galicien als die „dunklen Jahrhunderte“ (galicisch: Os Séculos Escuros) bezeichnet.

Romantik des frühen 19. Jahrhunderts (Prerexurdimento)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erst die napoleonische Besetzung brachte mit einem neuen politischen Selbstbewusstsein wieder ein patriotisches Schrifttum in galicischer Sprache hervor. Einen ersten Höhepunkt erreichte die neugalicische Literatur mit der romantischen Dichtung Alborada (1828) von Nicomedes Pastor Díaz (1811–1863). Diese erste Phase der Erneuerung der galicischen Sprache wird auch als Prerexurdimento bezeichnet.

Das Rexurdimento[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der polyglotte Neffe Napoleon I., Louis Lucien Bonaparte, der vermutlich selbst nie in Galicien war, begann um 1859 in Verbindung mit dem galicischen Dichter und Arzt Vicente de Turnes aus Anlass einer Übersetzung des Matthäusevangeliums ins Galicische, die in London 1861 veröffentlicht wurde, die Sprache genauer zu erforschen. Er bemühte sich relativ erfolgreich um eine korrekte Orthographie, die Aussonderung kastilianischer Begriffe und eine genaue, auch regionale Abgrenzung zum Portugiesischen.[1]

Als Beginn des eigentlichen Rexurdimento, der nationalen Spracherneuerungsbewegung, gilt die Veröffentlichung der Cantares gallegos („Galizische Lieder“) durch die feministische Lyrikerin Rosalía de Castro im Jahr 1863. Ihre Themen sind Einsamkeit und Traurigkeit der Liebe, Saudade, die Versuchung zum Selbstmord.[2] Ihr zweiter Gedichtband Follas novas (Neue oder junge Blätter) wurde in Havanna editiert und 1880 in Madrid gedruckt. Das wies auf ihr enges Verhältnis zu den galicischen Emigranten in Kuba hin, die – bedingt durch das ländliche Elend in ihrer Heimat – in großer Zahl dorthin und nach Argentinien ausgewandert waren. Ihnen widmete sie ihr Gedicht ¡Pra a Habana! (dt.: „Auf nach Havanna!“).[3] Erst durch Rosalía de Castro erhielt die galicische Sprache wieder literarischen Rang, und wohl nur durch sie und andere Literaten dieser Epoche wie Curros Enríquez (Aires da miña terra, 1880) und Eduardo Pondal (Queixumes dos pinos, 1886) überlebte die Sprache, die immer mehr unter den Einfluss des Castillano geraten war.

Rosalía de Castro

Als Erzähler ist der Romantiker Juan Manuel Pintos (1811–1876) erwähnenswert, der auch bukolische Idylle verfasste. Den ersten Roman in galicischer Sprache publizierte in Fortsetzungsform seit 1880 Marcial Valladares Núñez (1821–1903), einer der wichtigsten Vertreter der literarischen und sprachlichen Erneuerungsbewegung. 1886 fand der erste galicische Literaturwettbewerb statt; etwa gleichzeitig erschienen die ersten Wörterbücher und Grammatiken. Der Lyriker Eduardo Pondal verfasste den Text der galicischen Nationalhymne. Für Frauenrechte trat frühzeitig die Autorin Filomena Dato ein, die nur einen einzigen Lyrikband in galicischer Sprache veröffentlichte (Follatos, 1891).

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts manifestierte sich das wachsende kulturelle Selbstbewusstsein in der Gründung von Zeitschriften in galicischer Sprache (v. a. A nosa terra, 1907–2011) und einer Akademie (Real Academia Galega)[4] sowie durch die Rückbesinnung auf die mittelalterliche Cancioneiros. Zu einer Symbolfigur der Nationalbewegung und der Bauernbewegung, der Acción Gallega, wurde der Romanautor und Lyriker Ramón Cabanillas (1876–1959), der zeitweise auf Kuba lebte.

Die Autoren der 1920er Jahre versuchten Anschluss an europäische Entwicklungen zu finden. Unter dem Franco-Regime wurde jedoch jede Möglichkeit zur Pflege regionaler Sprachen unterdrückt. Einige Autoren, die der Nationalbewegung nahestanden wie Celso Emilio Ferreiro und Alfonso Daniel Rodríguez Castelao, sowie der Erzähler und Essayist Xosé Neira Vilas gingen ins Exil.

Der wohl bedeutendste galicische Autor des 20. Jahrhunderts, der Journalist und Avantgardist Álvaro Cunqueiro (1911–1981), schrieb vor allem seine frühe Lyrik in galicischer Sprache. Er sympathisierte zunächst mit dem Franquismus, leistete aber in seinen Romanen in den 1950er und 1960er Jahren durch die Gestaltung galicischer Stoffe einen wesentlichen Beitrag zum Fortleben kultureller Identität.

Álvaro Cunqueiro (1928)

Seit 1975[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem Ende des Franco-Regimes, das die Veröffentlichungen in galicischer Sprache weitgehend unterdrückte, erlebte die galicische Literatur eine erneute Phase des Aufschwunges. 1963 wurde der Tag der Galicischen Literatur als weltlicher Feiertag eingeführt. Er wird auch in Ländern gefeiert, in die viele Galicier auswanderten, so in Argentinien und Kuba. Carlos Casares Mouriño (1941–2002) war der erste Träger des seit 1976 vergebenen Premio de la Crítica de narrativa gallega. Galicische Autoren der Nachkriegsgeneration, die der Zeit nach Franco aktiv wurden, sind Xosé Fernández Ferreiro (1931–2015), der nach frühen Anfängen als Lyriker seit den 1980er Jahren zahlreiche Romane ferfasste, der Lyriker, Essayist, Jugendbuchautor und Hochschullehrer José Maria Alvarez Cáccamo (* 1950), der Lyriker und Übersetzer Xavier Rodríguez Baixeras (* 1945), der Lyriker und Erzähler José Luis Méndez Ferrín, der 1999 für den Nobelpreis für Literatur vorgeschlagen wurde, sowie der Lyriker, Erzähler und Essayist Manuel Forcadela (* 1958).

Viele Neofalantes („Neusprecher“) mussten das Galizische neu erlernen, wozu das Fernsehen beitrug, das trotz der 1982 erfolgten Standardisierung der Sprache immer noch durch Dialekte geprägt ist und nach Ausdrucksmöglichkeiten für moderne Sachverhalte sucht, die bisher dem Castellano vorbehalten waren.[5]

Im Ausland bekannt wurde vor allem der Poet, Journalist und Erzähler Manuel Rivas (* 1957), dessen Kurzgeschichte Die Zunge der Schmetterlinge (La lengua de las mariposas), die im Jahr 1999 unter diesem Titel verfilmt wurde. Für das Fernsehen und den Rundfunk arbeitet der populäre Autor und Regisseur Suso de Toro (* 1956). Oliver Laxe (* 1982) ist ein bekannter Regisseur, der seine Drehbücher teils selbst schreibt (Todos vós sodes capitáns, 2010; Mimosas, 2016). Zu den jüngeren Autoren gehört ebenfalls die Lyrikerin Olga Novo (* 1975).

Im Jahre 1998 wurden insgesamt 1.106 Bücher auf Galicisch veröffentlicht. Die Gesamtauflage lag bei knapp zwei Millionen Exemplaren.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Johannes Kabatek, Axel Schönberger (Hrsg.): Sprache, Literatur und Kultur Galiciens. 1993. ISBN 978-3927884311.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Johannes Kabarek: Louis Lucien Bonaparte und das Galicische. In: Sprache, Literatur und Kultur Galiciens. Band 1. (=Beihefte zu Lusorama. Erste Reihe, 4. Band.) Frankfurt 1993, S. 85–109.
  2. Deutschsprachige Website für Rosalia de Castro
  3. Neue Blätter auf rosaliadecastro.de
  4. Website der Akademie
  5. Johannes Kabatek: Die Sprecher als Linguisten: Interferenz- und Sprachwandelphänomene dargestellt am Galicischen der Gegenwart. Berlin 1996.