Nobelpreis für Literatur

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Der Nobelpreis für Literatur ist einer der fünf von Alfred Nobel gestifteten Preise, die „denen zugeteilt werden, die […] der Menschheit den größten Nutzen geleistet haben“.[1][2] Im Auftrag der 1900 gegründeten Nobel-Stiftung wird er alljährlich von der Schwedischen Akademie in Stockholm vergeben und ist seit 2012 mit acht Millionen Schwedischen Kronen (ca. 884.000 Euro) dotiert.

Nach Nobels Testament, das den Statuten der Nobel-Stiftung zugrunde liegt, soll mit dem Preis für Literatur ausgezeichnet werden, wer „das Vorzüglichste in idealistischer Richtung geschaffen hat“. Die Bekanntgabe des Preisträgers erfolgt jährlich Anfang bis Mitte Oktober, die feierliche Übergabe des Preises durch den schwedischen König am 10. Dezember, dem Todestag des Preisstifters.

Auswahlprozess und Preisverleihung[Bearbeiten]

Sitz der Schwedischen Akademie in Stockholm
Bekanntgabe des Preisträgers

Nobel legte in seinem Testament fest, dass für die Zuteilung des Literatur-Preises die Schwedische Akademie zuständig ist. Die Auswahl delegiert diese zum Teil an ein Nobelkomitee, dessen Mitglieder für drei Jahre aus den Reihen der Akademie gewählt werden. Derzeit (Stand: September 2012) besteht das Nobelkomitee aus

Bereits im September des Vorjahres bittet das Nobelkomitee sechs- bis siebenhundert ausgewählte Personen und Institutionen weltweit um Kandidatenvorschläge für den Literatur-Nobelpreis des kommenden Jahres. Darunter sind, entsprechend den Statuten,

  • bisherige Preisträger des Nobelpreises für Literatur;
  • Mitglieder der Schwedischen Akademie sowie anderer Akademien, Gesellschaften oder Institutionen, die in ihren Zielen und in ihrem Aufbau mit dieser vergleichbar sind;
  • Universitäts- und Hochschulprofessoren für Literatur beziehungsweise Linguistik;
  • Präsidenten von Schriftstellerverbänden, die für die Literaturproduktion ihres jeweiligen Landes repräsentativ sind.

Die Angeschriebenen können ihre Vorschläge – nur Lebende sind zugelassen – bis zum 31. Januar beim Nobelkomitee einreichen. Üblicherweise gehen rund 350 Vorschläge ein.[3] Das Komitee sichtet die Vorschläge und stellt eine Liste für die Schwedische Akademie zusammen. Ist diese Kandidatenliste von der Akademie akzeptiert, extrahiert das Komitee im nächsten Schritt zunächst eine 15 bis 20 Namen umfassende Auswahl. Nach Bestätigung dieser Auswahlliste durch die Akademie erarbeitet das Komitee bis Mai des jeweiligen Jahres eine engere Auswahlliste mit fünf Namen. Nach deren endgültiger Festlegung durch die Akademie haben deren Mitglieder in den Sommermonaten Gelegenheit, sich mit dem Werk der fünf Kandidaten vertraut zu machen, bevor sie im September die Kandidaten und ihr Werk debattieren und Anfang/Mitte Oktober schließlich über den Nobelpreisträger des Jahres abstimmen; dieser muss mehr als die Hälfte der Stimmen auf sich vereinigen.
Lediglich der Preisträger wird bekanntgegeben, die Namen der übrigen Kandidaten unterliegen, wie auch Informationen über den gesamten Auswahlprozess, einer 50-jährigen Sperrfrist.

Die Preisträger werden zusammen mit den Medizin-, Physik-, Chemie- und Wirtschaftspreisträgern nach Stockholm eingeladen, wo am 10. Dezember, Nobels Todestag, die feierliche Überreichung der Preise durch den schwedischen König stattfindet. Neben einer Nobelmedaille und einem persönlichen Diplom erhält der Preisträger des Literatur-Nobelpreises ein Preisgeld von derzeit (2012) acht Millionen Schwedischen Kronen (bis 2011 betrug das Preisgeld zehn Millionen Schwedische Kronen); wird der Preis mehreren Personen zuerkannt, wird diese Summe geteilt.

Die Teilung darf allerdings nur auf bis zu zwei verschiedene erbrachte Leistungen und drei verschiedene Preisträger verteilt werden. Daher kann es in einem Jahr nur drei Preisträger geben, wenn mindestens zwei der Preisträger für dieselbe prämierte Leistung geehrt werden. Dies ist in anderen Kategorien üblich, kam aber beim Literaturnobelpreis noch nie vor. Auch die Aufteilung des Preises auf zwei gleichwertige Preisträger mit entsprechenden getrennten Leistungen ist selten. Bislang wurde der Literaturpreis nur viermal geteilt. Dies geschah in den Jahren 1904 (Frédéric Mistral, José Echegaray), 1917 (Karl Gjellerup, Henrik Pontoppidan), 1966 (Samuel Agnon, Nelly Sachs) und 1974 (Eyvind Johnson, Harry Martinson).

Der Preisträger ist nach den Statuten der Nobelstiftung dazu angehalten, falls möglich eine Vorlesung über seine Arbeit zu halten.[4] Dies findet in der Regel zwei Tage vor der Preisverleihung in der Schwedischen Akademie statt und ist im Gegensatz zu den anderen in Stockholm stattfindenden Preisvorlesungen nicht für die Allgemeinheit zugänglich, kann aber in den Medien verfolgt werden. Beim Literaturnobelpreis handelt es sich oft um Reden mit politischem Einschlag. Verschiedene Preisträger, die nicht persönlich zugegen sein konnten, schickten ihre Vorlesung in schriftlicher Form oder als Videobotschaft.

Kritik am Nobelpreis für Literatur[Bearbeiten]

Trotz seiner Bedeutung konnte sich der Nobelpreis nie vollkommen der Kritik entziehen. Dies vor allem, weil offensichtlich ist, dass die Mehrheit der Preisträger bis weit ins letzte Viertel des 20. Jahrhunderts vor allem aus dem nord- und mitteleuropäischen Sprachraum stammte. Eine Erklärung hierfür ist, dass die Jury bis heute lediglich aus Skandinaviern besteht und viele literarische Meisterwerke aus anderen Teilen der Welt zu Lebzeiten ihrer Autoren schlichtweg zu unbekannt waren. Der Anteil der nicht-europäischen Schriftsteller unter den Preisträgern hat in den letzten Dekaden jedoch deutlich zugenommen. Vor allem nordamerikanische Autoren gehen aber nach wie vor leer aus. Dass dies System habe, bestätigte der damalige Sekretär der Schwedischen Akademie, Horace Engdahl, im Jahr 2008. In einem Interview behauptete er, die US-amerikanische Literatur sei zu „isoliert“ und beschäftige sich zu stark mit Trends. Kritiker warfen ihm für diese Aussagen Eurozentrismus und Antiamerikanismus vor.[5]

Arno Schmidt spottete in einer in den 1950er Jahren verfassten Polemik gegen die Ehrung für Henryk Sienkiewicz („dann hätte man ihn genau so gut Karl May geben können!“), Paul Heyse („Zuckerwasser“) und Winston Churchill („ein ausgesprochener Journalist von Mittelmaß“), denen er bedeutende Schriftsteller gegenüberstellte, die den Preis nicht bekamen: Rainer Maria Rilke, Theodor Däubler, Franz Kafka, Alfred Döblin, Hans Henny Jahnn, August Stramm, Georg Trakl, James Joyce, Ezra Pound, Francis Ponge und Samuel Beckett (letztgenannter erhielt den Preis einige Jahre später dann doch). Kriterium für die Preisvergabe sei nicht die sprachlich herausragende Leistung des Geehrten, sondern eher literarische Schlichtheit: „Was sich gut übersetzen läßt, kriegt'n Preis!“ Daher bedeute der Preis für seine Träger ein „Stigma der Mittelmäßigkeit“.[6]

Ein weiterer häufig vorgebrachter Kritikpunkt ist, dass die Ausgezeichneten oft eher wegen ihres (gesellschafts-)politischen Engagements als für ihre literarischen Werke bekannt seien.[7] Nobel verpflichtete die Jury im Testament ausdrücklich, den Idealismus des Autors beziehungsweise seines Werkes als Maßstab zu verwenden.

1938 wurde die US-Amerikanerin Pearl S. Buck mit dem Literaturpreis ausgezeichnet. Diese Auszeichnung wurde damals mit Unverständnis aufgenommen und wird auch heute noch oft als Fehlentscheidung angesehen, da Bucks Werke wenig literarischen Wert hätten. Aus dieser Kritik heraus entstand die sogenannte „Lex Buck“. Es handelt sich dabei um die ungeschriebene Regel, nur Autoren auszuzeichnen, die mindestens einmal zuvor nominiert worden waren. Nach Aussagen des ehemaligen Ständigen Sekretärs der Schwedischen Akademie, Horace Engdahl, kommt diese Richtlinie zum Einsatz.[8] Wie oft sie eingehalten wird, ist allerdings wegen der Verschlussfristen der Nobelstiftung frühestens 50 Jahre nach Preisvergabe endgültig festzustellen. Aus den bisher von der Nobelstiftung veröffentlichten Daten, die bis in das Jahr 1950 reichen, ist abzulesen, dass sowohl William Faulkner (1949) als auch Bertrand Russell (1950) ihre Nobelpreise nach nur einmaliger Nominierung erhielten. Allerdings handelte es sich hierbei um eine außergewöhnliche Situation: Nach den Statuten kann der Preis ein Jahr zurückgestellt werden, wenn sich kein geeigneter Preisträger findet. Dies war im Jahr 1949 trotz 35 Nominierungen anscheinend der Fall. Hätte man unter den 54 Nominierungen von 1950 – bis dahin ein Rekord – keinen würdigen Preisträger für 1949 gefunden, wäre der Preis an die Stiftung zurückgegangen.[9]

Preisträger[Bearbeiten]

Sully Prudhomme, erster Preisträger 1901
Selma Lagerlöf, erste Preisträgerin 1909

Seit der ersten Verleihung im Jahr 1901 an den französischen Lyriker und Philosophen Sully Prudhomme wurde der Nobelpreis für Literatur bisher (d. h. bis 2013) 110 Personen zuerkannt. Viermal (1904, 1917, 1966 sowie 1974) wurde die Auszeichnung zwischen jeweils zwei Personen geteilt. In den Jahren 1914, 1918, 1935 sowie 1940 bis 1943 wurde der Literatur-Nobelpreis nicht vergeben.

Dem englischen Sprachraum zuzurechnende Verfasser stellen die größte Anzahl unter den Preisträgern, gefolgt von Verfassern aus dem französischen, dem deutschen, dem spanischen, dem schwedischen, dem italienischen und dem russischen Sprachraum.

Bisher erhielten 13 deutschsprachige Autoren den Literaturnobelpreis.[10] 1902, bei der zweiten Verleihung, wurde der Historiker Theodor Mommsen ausgezeichnet. Es folgten der Philosoph Rudolf Eucken (1908), die Schriftsteller Paul Heyse (1910), Gerhart Hauptmann (1912), Thomas Mann (1929), Heinrich Böll (1972), Günter Grass (1999) und Herta Müller (2009). 1966 erhielt die im schwedischen Exil lebende Dichterin Nelly Sachs die Auszeichnung, die sie sich mit Samuel Agnon teilen musste. Neben dem lange Zeit in der Schweiz lebenden gebürtigen Deutschen Hermann Hesse (1946) war der bisher einzige Schweizer Preisträger Carl Spitteler (1919). Der ebenfalls häufig in der Schweiz lebende Elias Canetti (1981) und Elfriede Jelinek (2004) waren bisher die einzigen Preisträger der österreichischen Literatur.

Je einmal wurden bisher Verfasser ausgezeichnet, die in folgenden Sprachen schrieben: Provenzalisch (Frédéric Mistral; 1904), Bengalisch (Rabindranath Tagore; 1913), Finnisch (Frans Eemil Sillanpää; 1939), Isländisch (Halldór Laxness; 1955), Serbokroatisch (Ivo Andrić; 1961), Hebräisch (Samuel Josef Agnon; 1966), Jiddisch (Isaac Singer; 1978), Tschechisch (Jaroslav Seifert; 1984), Arabisch (Nagib Mahfus; 1988), Portugiesisch (José Saramago; 1998), Ungarisch (Imre Kertész; 2002) und Türkisch (Orhan Pamuk; 2006).

Bereits zweimal ging die Auszeichnung an Schriftsteller, die in chinesischer Sprache arbeiten: Gao Xingjian, 2000 und Mo Yan, 2012.

13-mal wurden bisher Frauen ausgezeichnet: Die erste war 1909 Selma Lagerlöf, es folgten 1926 Grazia Deledda, 1928 Sigrid Undset, 1938 Pearl S. Buck, 1945 Gabriela Mistral, 1966 Nelly Sachs, 1991 Nadine Gordimer, 1993 Toni Morrison, 1996 Wisława Szymborska, 2004 Elfriede Jelinek, 2007 Doris Lessing, 2009 Herta Müller und 2013 Alice Munro.

Zweimal kam es vor, dass ein Schriftsteller den Preis ablehnte: 1958 Boris Pasternak auf Druck der sowjetischen Führung; der Preis wurde posthum 1989 an Pasternaks Sohn überreicht. 1964 nahm Jean-Paul Sartre (Frankreich) die Ehrung nicht an, um seine Unabhängigkeit zu wahren.[11] G.B. Shaw, dem der zunächst nicht vergebene Preis 1925 gemäß den Statuten ein Jahr später im Jahr 1926 zugeteilt wurde, lehnte den Preis zunächst ab, entschied sich aber später um. Er spendete das Preisgeld der hierfür neu gegründeten Stiftung, der „Anglo-Swedish Literary Foundation“, die sich der kulturellen Zusammenarbeit zwischen Schweden und Großbritannien widmet.[12]

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Literaturnobelpreis – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Auszug aus dem Testament in deutscher Übersetzung; ausgelassen wurde das ursprüngliche „im verflossenen Jahr“, da es in § 2 der Statuten der Nobel-Stiftung relativiert wird.
  2. Testament von Alfred Nobel (engl.)
  3. Infobox in Dagens Nyheter, 9. Oktober 2009.
  4. §9 der Statuten der Nobelstiftung
  5. Bloß kein Ami, Focus vom 3. Oktober 2008
  6. Arno Schmidt: Stigma der Mittelmäßigkeit. In: Der Rabe 9 (1985), S. 9–13 (das Zitat S. 11).
  7. Wer hat Chancen auf den Literatur-Nobelpreis. In: Die Welt – zur manchmal merkwürdigen Auswahl der Nobel-Jury.
  8. Berliner Zeitung, An der „Lex Buck“ kommt keiner vorbei, 10. Dezember 2004
  9. Nominations 1901–1950 – Nominations for the Nobel Prize in Literature each year (1901–1950). Nobelprize.org
  10. Vgl. Ausstellung Deutschsprachige Literaturnobelpreisträger in Münster 2008/09.
  11. Christian Linder: 1964 lehnte Jean-Paul Sartre den Literaturnobelpreis ab. In: 'Kalenderblatt' vom 22. Oktober 2004, Deutschlandfunk. Abgerufen am 18. September 2013
  12. The Guardian, „From the archive, 23 October 1964: Nobel Prize refused by Sartre“, 23. Oktober 2010 (englisch)