Grand-Ethiopian-Renaissance-Talsperre

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Grand-Ethiopian-Renaissance-Talsperre
Lage: Benishangul-Gumuz
Zuflüsse: Blauer Nil
Abfluss: Blauer Nil
Größere Städte in der Nähe: Guba
Grand-Ethiopian-Renaissance-Talsperre (Äthiopien)
Grand-Ethiopian-Renaissance-Talsperre
Koordinaten 11° 12′ 51″ N, 35° 5′ 35″ OKoordinaten: 11° 12′ 51″ N, 35° 5′ 35″ O
Daten zum Bauwerk
Sperrentyp: RCC-Gewichtsstaumauer
Bauzeit: 2011–2022
Höhe des Absperrbauwerks: 145 m
Kronenlänge: 1 800 m
Kraftwerksleistung: 6.000 MW[1]
Betreiber: Ethiopian Electric Power Corp
Daten zum Stausee
Wasseroberfläche 1874 km²[2]dep1
Speicherraum 74.000 Mio. m³
Satellitenbilder vom 23. Juni bis zum 20. Juli 2020 an Tagen ohne Verdeckung durch eine Wolkendecke, aufgenommen vom Suomi NPP

Die Grand-Ethiopian-Renaissance-Talsperre (auch Großer Renaissance-Staudamm, engl. Grand Ethiopian Renaissance Dam, GERD, Große Talsperre der äthiopischen Wiedergeburt, gelegentlich auch Hidase-Talsperre) ist ein im Bau befindliches Talsperrenprojekt mit einer knapp zwei Kilometer langen sowie 145 Meter hohen Haupt-Gewichtsstaumauer am Blauen Nil etwa 10 Kilometer östlich der sudanesischen Grenze in der abgelegenen west-äthiopischen Region Benishangul-Gumuz. Mit 6.000 Megawatt wird das angeschlossene Wasserkraftwerk das größte Afrikas sein.[3] Der Stausee wird mit 63 Milliarden Kubikmetern Stauvermögen ebenfalls einer der größten des Kontinents sein.[4] Die Fertigstellung ist für das Jahr 2022 vorgesehen.[5] Die äthiopische Regierung kündigte an, dass der Stauraum ab Juli 2020 gefüllt wird.[6] Satellitenaufnahmen im Sommer 2020 scheinen dies zu bestätigen.[7][8]

Namensgebung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Talsperre wurde zuerst unter den Namen „Projekt X“ geplant, danach als „Millennium Dam“ („Jahrtausend-Talsperre“).[9] Am 15. April 2011 benannte der Ministerrat das Vorhaben in „Grand Ethiopian Renaissance Dam“ um.

Planungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Bauwerk wird aus einer 145 Meter hohen und 1800 Meter langen Gewichtsstaumauer aus Walzbeton sowie zwei Krafthäusern an beiden Seiten der Hochwasserentlastung bestehen. Das rechtsseitige Kraftwerk bekommt zehn 375-Megawatt-Francis-Turbinen-Generatoren und das linke sechs.[1] Die ersten 8 Maschinen werden von Alstom geliefert. Der Auftragswert dafür liegt bei 250 Mio. €.[10] Als Nebenbauwerk wird ein 5 Kilometer langer und 50 Meter hoher Seitendamm gebaut.[4] Der Stausee wird einen Speicherraum von 74.000 Millionen Kubikmetern haben.[2] Das Regelarbeitsvermögen, d. h. die im langjährigen Durchschnitt jährlich erzeugte elektrische Energie soll bei ca. 15.700 Gigawattstunden liegen.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 31. März 2011, einen Tag nachdem das Projekt öffentlich gemacht wurde, wurde ohne Ausschreibung ein Vertrag über 4,8 Milliarden US$ mit Salini Costruttori als Generalunternehmer abgeschlossen. Der Auftrag für den Einbau der Turbinen und die elektrischen Anlagen ging an den äthiopischen Konzern Metal and Engineering Corporation (Metec), der im Besitz der äthiopischen Armee ist.[5] Am 2. April 2011 legte der äthiopische Premierminister Meles Zenawi den Grundstein für die Talsperre.[11] Als symbolische erste Schritte wurden eine Felsbrechanlage und ein kleiner Flugplatz gebaut.[12]

Die ersten beiden Turbinen hätten im September 2014 in Betrieb gehen sollen, nach dreieinhalb Jahren Bauzeit. Die Fertigstellung der Gesamtanlage war ursprünglich für 2017 geplant.[13] Wie bei Großprojekten nicht unüblich, kam es zu deutlichen Verzögerungen. Ende 2018 lag die Fertigstellungsquote des Projektes bei 65 %.[5] Ursachen der Verzögerungen waren vor allem mehrfache Änderungen der Planungen sowie Korruption und Unfähigkeit bei Metec.[14] Unternehmen aus der Volksrepublik China sprangen ein.[15]

Internationale Konflikte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Nil ist die Lebensader Äthiopiens, des Sudans und vor allem Ägyptens. Das flussabwärts liegende Ägypten opponiert gegen die Talsperre, die seiner Meinung nach die Wassermenge reduzieren wird, die es vom Nil bekommt.[16] Der damalige äthiopische Premierminister Meles Zenawi argumentierte hingegen 2011, basierend auf einer ungenannten Studie, dass die Talsperre die Verfügbarkeit des Wassers im Unterlauf nicht reduzieren würde, sondern nur regulieren würde, wodurch auch mehr Land zur Bewässerung zur Verfügung stünde. Ägypten könne auch durch leichtes Absenken des Assuan-Staudamms 7,5 Milliarden Kubikmeter Wasser vor dem Verdunsten bewahren und Projekte zur besseren Nutzung des Nilwassers umsetzen.[17]

Nach langen Verhandlungen unterzeichneten die Staatschefs Äthiopiens, des Sudans und Ägyptens am 23. März 2015 in Khartum eine Grundsatzerklärung (Declaration of Principles).[18] Darin wurden unter anderem vereinbart:

  • die Durchführung von Studien zu den Folgewirkungen des Dammes
  • die Erarbeitung von Regeln zur Füllung des Stauraums: Es wäre möglich, den Stausee binnen dreier Jahre zu füllen. Um die Folgen verminderten Wasserzuflusses im Sudan und in Ägypten zu verringern, ist es wichtig, den Füllungszeitraum auszudehnen.[19] Deshalb drängen Ägypten und der Sudan auf die Rückhaltung geringerer Wassermengen, also auf ein langsameres Füllen und eine entsprechend längere Fülldauer. Im November 2019 verständigten sich die drei Staaten auf eine Streckung des Füllungszeitraums auf sieben Jahre.[20]
  • eine Erarbeitung eines Übereinkommens zu den jährlichen Abflussmengen: Äthiopien will dabei durchschnittliche Niederschlagsmengen zugrunde legen; Ägypten und der Sudan drängen hingegen auf Vorkehrungen für Trockenjahre.
  • Verfahrensweisen zur Behebung von Streitfragen[21]

Im Juni 2020 scheiterten weitere Vertragsverhandlungen der drei Staaten an juristischen Fragen. Der Sudan, der Auswirkungen auf seinen flussabwärts liegenden Roseires-Damm befürchtet und das Schicksal von Millionen Menschen in Gefahr sieht, rief daraufhin den Weltsicherheitsrat an.[22] Unter Leitung der Afrikanischen Union wurden die direkten Gespräche der Konfliktparteien Ende Juni wieder aufgenommen.[23] Ägypten favorisiert wie der Sudan eine externe Schlichtungsstelle, die über jegliche Streitigkeiten bezüglich der Wasserversorgung der Nilanrainerstaaten entscheiden soll.[23]

Laut der Nichtregierungsorganisation International Crisis Group ist Ägyptens Wasserversorgung, unter anderem wegen des Assuan-Stausees, bei durchschnittlichem Regenfall nicht bedroht.[23]

Kosten, Finanzierung und Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Name Großer Damm der äthiopischen Wiedergeburt deutet bereits darauf hin, dass dem Projekt in Äthiopien eine große Bedeutung zugemessen wird. Aufgrund der internationalen Konflikte insbesondere mit Ägypten wegen des Damms gilt es als sehr schwierig, internationale Geldgeber von dem Projekt zu überzeugen.[24] Die äthiopische Regierung will die gesamten Kosten für die Talsperre selbst tragen. Sie hat Anleihen für Äthiopier im Inland und im Ausland herausgegeben, Staatsbedienstete müssen jährlich ein Monatsgehalt zur Finanzierung von GERD abgeben, andere nationale Projekte werden zurückgestellt.[17][24] Die Turbinen und die übrige elektrische Ausstattung für etwa 1,8 Milliarden US$ sollen Berichten zufolge von chinesischen Banken finanziert werden. Das würde bedeuten, dass 3 Milliarden US$ von der äthiopischen Regierung auf andere Art finanziert werden müssten.[25] Die geschätzten 4,8 Milliarden US$ Baukosten, offensichtlich ohne die Kosten für die Übertragungsleitungen, entsprechen mehr als 15 % des äthiopischen Bruttosozialprodukts von 31 Milliarden US$ im Jahr 2009 sowie etwa 60 % des Staatshaushalts.

Äthiopien begründet das Projekt mit einem sehr hohen Energiebedarf zur Entwicklung des Landes, mit dem man zudem Exporterlöse größeren Umfanges erzielen kann. Das gesamte Projekt stellt sich jedoch als eine Hochrisikowette auf einen sehr viel stärkeren Monsun und auf viel ausgiebigere jährliche Regenfälle dar, als sie üblicherweise auftreten. Die Monsunregen sind von ungleicher Menge, was ein großer Damm durch mehrjährige Speicherung ausgleichen kann. Experten gehen davon aus, dass das Projekt statt der geplanten 6000 MWe bei gleichbleibender Auslastung im Durchschnitt des Jahres nur bis etwa 3000 MWe nutzen können wird.[26] Eine Überkapazität von 3000 MWe ergibt ökonomisch dagegen einen gewissen Sinn, wenn man die Turbinen nur saisonal und im Wechsel mit anderen Quellen für die Elektrizität (insbesondere der Windkraft) betreibt, da die Winde in der Trockenzeit (Passat) besonders stark wehen, in der Regenzeit aufgrund schwacher Winde die Windkraft jedoch durch Wasserkraft weitgehend ersetzt werden muss.

Nutzen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Hauptnutzen der Talsperre wird (für Äthiopien) die Produktion elektrischer Energie aus Wasserkraft und die Stabilisierung der Verfügbarkeit von Elektrizität im Stromnetz sein. Die im Wasserkraftwerk erzeugte Elektrizität soll in Äthiopien und den Nachbarstaaten einschließlich Sudan und möglicherweise Ägypten verkauft werden. Der Verkauf des Stroms würde den Bau von starken Übertragungsleitungen zu den Verbrauchszentren wie der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba und der sudanesischen Hauptstadt Khartum erfordern, die beide mehr als 400 km entfernt liegen. Dies käme zu der Elektrizität hinzu, die in anderen großen Wasserkraftwerken erzeugt werden wird, die zurzeit in Äthiopien in Bau sind oder jüngst fertiggestellt wurden, wie zum Beispiel Gilgel Gibe III.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Rawia Tawfik: Revisiting hydro-hegemony from a benefitsharing perspective: The case of the Grand Ethiopian Renaissance Dam. Deutsches Institut für Entwicklungspolitik, Bonn 2015, ISBN 978-3-88985-669-2.
  • Philine Wehling: Nile Water Rights. An International Law Perspective. Springer, Berlin 2020, ISBN 978-3-662-60795-4.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Grand Ethiopian Renaissance Dam – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Grand Ethiopian Renaissance Dam Project. salini impregilo, abgerufen am 5. Mai 2015 (italienisch).
  2. a b International Panel of Experts on Grand Ethiopian Renaissance Dam Project (GERDP): Final Report, 31. Mai 2013, S. 8, abgerufen am 12. Februar 2019.
  3. dw.com, 17. Dezember 2016: dw.com: Äthiopien weiht gigantischen Staudamm ein (17. Dezember 2016)
  4. a b Salini Costruttori, 31. März 2011, salini.it: Salini will build the biggest dam in Africa (6. Juli 2011)
  5. a b c Ethiopia’s huge Nile dam delayed to 2022. In: Global Construction Review, 14. Dezember 2018, abgerufen am 12. Februar 2019.
  6. Ethiopian Renaissance Dam Construction „Making Progress“. Ethiopian Monitor, 2. Februar 2020, abgerufen am 5. Juni 2020.
  7. Dominic Johnson: Konflikt zwischen Äthiopien und Ägypten: Es wird ernst am Blauen Nil. In: Die Tageszeitung: taz. 16. Juli 2020, ISSN 0931-9085 (taz.de [abgerufen am 18. Juli 2020]).
  8. Äthiopien bezeichnet erste Flutung als „historisch“
  9. A Nation Rallies Behind a Cause, Grand Millennium Dam (Memento vom 14. Juni 2011 im Internet Archive), aufgerufen am 29. Mai 2011
  10. Alstom to supply hydroelectric equipment for the Grand Renaissance dam in Ethiopia. salini impregilo, 7. Januar 2013, abgerufen am 5. Mai 2015 (englisch).
  11. Ethiopia Launched Grand Millennium Dam Project, the Biggest in Africa, Ethiopian News, 2. April 2011, aufgerufen am 17. April 2011 (Memento vom 6. April 2011 im Internet Archive)
  12. Pawlos Belete, Great Millennium Dam moves Ethiopia, Capital Ethiopia, aufgerufen am 19. April 2011
  13. oe1.orf.at: Strom für Ostafrika – Äthiopiens Mega–Staudamm am Blauen Nil, 2. Februar 2016, abgerufen am 12. Februar 2019.
  14. Aaron Maasho: Ethiopia arrests ex-head of army firm in crackdown on security services, Reuters, 13. November 2018, abgerufen am 12. Februar 2019.
  15. Christoph Titz: Zoff am Nil. spiegel.de, 8. Juli 2019, abgerufen am 8. Juli 2019
  16. Egypt Stays Opposed to Ethiopia’s Grand Millennium Dam Project, EZega, 11. April 2011, aufgerufen am 19. April 2011
  17. a b Meles Launches Millennium Dam Construction on Nile River, New Business Ethiopia, 2. April 2011, aufgerufen am 19. April 2011
  18. Rawia Tawfik: Revisiting hydro-hegemony from a benefitsharing perspective: The case of the Grand Ethiopian Renaissance Dam. Deutsches Institut für Entwicklungspolitik, Bonn 2015, S. 35–37.
  19. Kevin Wheeler und andere: Cooperative filling approaches for the Grand Ethiopian Renaissance Dam. In: Water International, Jg. 41 (2016), S. 1–24.
  20. Khartoum Announces Deal on Filling Renaissance Dam in 7 Years. 18. November 2019, abgerufen am 5. Juni 2020.
  21. Rawia Tawfik: Revisiting hydro-hegemony from a benefitsharing perspective: The case of the Grand Ethiopian Renaissance Dam. Deutsches Institut für Entwicklungspolitik, Bonn 2015, S. 36.
  22. Sudan: Millions at risk if Ethiopia fills mega dam without deal. aljazeera.com vom 27. Juni 2020 (englisch), abgerufen am 27. Juni 2020
  23. a b c Christoph Titz, DER SPIEGEL: Mega-Staudamm "Gerd": Äthiopien staut, Ägypten schäumt - DER SPIEGEL - Politik. Abgerufen am 1. Juli 2020.
  24. a b Strom wie Heu. Die Zeit, 30. Juni 2016, abgerufen am 11. Oktober 2016.
  25. The River Nile: A dam nuisance. Egypt and Ethiopia quarrel over water, The Economist, 20. April 2011, aufgerufen am 24. April 2011
  26. Why is the hydroelectric dam on the Blue Nile, the Grand Ethiopian Renaissance Dam (GERD), sized for 6000 MW? Finfinne Tribune, 19. Juni 2013, abgerufen am 11. Oktober 2016 (englisch).