Habsburger Unterlippe

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Karl II. (Spanien) (1661–1700)
Detail einer Marmorbüste von Paul Strudel, vollendet 1695 (Kunsthistorisches Museum, Wien)
Auf diesem Porträt des Kaisers Maximilian (links) und seiner Familie ist seine Habsburger Unterlippe deutlich zu sehen (Gemälde von Bernhard Strigel, 1. Viertel 16. Jh.)
Königin Marie Antoinette auf dem Weg zu ihrer Hinrichtung 1793. Prominent ist ihre Habsburger Unterlippe zu erkennen. (Zeichnung von Jacques-Louis David, der Augenzeuge war.)

Als Habsburger Unterlippe (oder Habsburger Lippe) bezeichnet man die stark ausgeprägte erbliche Unterlippe der Habsburger. Sie resultiert aus einer erblichen Überentwicklung des Unterkiefers („echte“ Progenie)[1] und Zahnfehlstellung der Klasse III und bildet einen Teil des charakteristischen Habsburger Gesichtes.

Mitglieder der Habsburger besaßen über Jahrhunderte die extrem ausgeprägte Unterlippe bzw. Unterkiefer. Gerald D. Hart schließt aus einer Durchsicht von Abbildungen der Habsburger auf Münzen und Porträts, dass diese Kieferfehlstellung mindestens von 1440 bis 1705 Teil des dominanten Familienerbguts gewesen ist.[2] Die meisten paläopathologischen Untersuchungen haben sich auf solche Auswertungen der Physiognomie nach künstlerischen Darstellungen, die für die Habsburger über lange Zeiträume in ungewöhnlicher Vielzahl vorhanden sind, beschränkt, darunter auch Skulpturen. In zwei Untersuchungen sind Skelette auf anatomische Auffälligkeiten untersucht worden.[3]

Über den Ursprung gibt es mehrere Hypothesen. Einige sehen bereits bei Rudolf von Habsburg (1218–1291) eine schwach ausgeprägte Habsburger Unterlippe. Nach weiteren Vermutungen stammt die stark ausgeprägte Unterlippe von Johanna von Pfirt (1300–1351), der Gattin von Albrecht II. von Österreich (1298–1358). Andere führen die Unterlippe ins 15. Jahrhundert mit Albrecht II. (1391–1439) oder Cimburgis von Masowien, der Mutter Kaiser Friedrichs III., zurück. Extrem ausgeprägt war die Progenie beim letzten spanischen Habsburgerherrscher Karl II. (1661–1700). Das Merkmal, das bereits bei seinem Vater und Großvater prominent zu erkennen war, wurde so stark, dass Karl II. als entstellt galt und Schwierigkeiten hatte, überhaupt zu sprechen und zu kauen.

Das jahrhundertelange Weitertragen dieser Erbkrankheit innerhalb der Familie wird teilweise auf die starke dynastische Endogamie zurückgeführt, die zu den Heiraten naher Verwandter zwischen den beiden Linien der Habsburger, der spanischen und der österreichischen, zeit ihrer Koexistenz zwischen 1516 und 1700 geführt hat (siehe Ahnenverlust). Daraus ist geschlossen worden, dass es sich um einen autosomal-dominanten Erbgang gehandelt hat.[4] Die Forschung zu diesem Thema hat eine lange Tradition und hatte ihre Hochzeit gemeinsam mit den Rassentheorien und den Vererbungslehren des ausgehenden 19. und anfangenden 20. Jahrhunderts. So schrieb Victor Haecker 1911, „[i]n allen biologischen Werken, in denen von der Vererbung beim Menschen die Rede ist“, werde „die Habsburger Unterlippe als körperliches Merkmal angeführt, welches mit besonderer Zähigkeit durch zahlreiche Generationen hindurch übertragen worden ist.“[5] Insbesondere der Rassismus zur Zeit des Nationalsozialismus bereitete den Boden für einige Publikationen zum Thema. Der Kunsthistoriker Heinz Ladendorf urteilte über Wilhelm Strohmayers 1937 erschienene umfassende Monographie Die Vererbung des Habsburger Familientypus. Eine erbphysiognomische Betrachtung auf genealogischer Grundlage, das Werk zeige sich „den neuen Anforderungen [des NS-Regimes] an die wissenschaftliche Arbeit in besonderem Maße zugänglich“ als einen der „Versuche, die Rassenkunde und Sippenkunde durch die Bildkunde zu fördern“.[6]

Literatur[Bearbeiten]

  • Gerald D. Hart: The Habsburg Jaw. In: Canadian Medical Association Journal. Bd. 104, 1971, S. 601–603 (PDF; 1,56 MB).
  • Gerald P. Hodge: A Medical History of the Spanish Habsburgs. As Traced in Portraits. In: Journal of the American Medical Association. Bd. 238, 1977, S. 1169–1174.
  • Hans-Joachim Neumann: Über den Ursprung des Habsburger Familientypus. In: Sudhoffs Archiv. Bd. 70, 1986, S. 77–83 (Anfang).
  • G. Wolff, T. F. Wienker, H. Sander: On the Genetics of Mandibular Prognathism. Analysis of Large European Noble Families. In: Journal of Medical Genetics. Bd. 30, 1993, S. 112–116.
  • Zachary S. Peacock, Katherine P. Klein, John B. Mulliken, Leonard B. Kaban: The Habsburg Jaw – Re-examined. In: American Journal of Medical Genetics. Teil A. Bd. 164, 2014, Nr. 9, S. 2263–2269 (doi:10.1002/ajmg.a.36639).

Belege[Bearbeiten]

  1. Die genaue paläopathologische Diagnose ist nicht unumstritten, zuletzt dazu Zachary S. Peacock, Katherine P. Klein, John B. Mulliken, Leonard B. Kaban: The Habsburg Jaw – Re-examined. In: American Journal of Medical Genetics. Teil A. Bd. 164, 2014, Nr. 9, S. 2263–2269 (doi:10.1002/ajmg.a.36639).
  2. Gerald D. Hart: The Habsburg Jaw. In: Canadian Medical Association Journal. Bd. 104, 1971, S. 601–603 (PDF; 1,56 MB).
  3. Für vier in Prag bestattete Habsburger (negativer Befund): E. Vicek, Z. Smahel: Contribution to the origin of progeny in middle European Habsburgs. Skeletal roentgencephalometric analysis of the Habsburgs buried in Prague. In: Acta chirurgiae plasticae. Bd. 39, 1997, Nr. 2, S. 39–47 (Abstract); für Johanna von Österreich (positiver Befund): Donatella Lippi, Felicita Pierleoni, Lorenzo Franchi: Retrognathic maxilla in ‘‘Habsburg jaw’’. Skeletofacial analysis of Joanna of Austria (1547–1578). In: Angle Orthodontist. Bd. 82, 2012, Nr. 3, S. 387–395, hier S. 388 (doi:10.2319/072111-461.1); Stefano Colagrande, Natale Villari, Felicita Pierleoni, Domizia Weber, Gino Fornaciari, Donatella Lippi: Teeth of the Renaissance: Apaleopathological and historic-medical study on the jaws of the Medici Family. In: Journal of Forensic Radiology and Imaging. Bd. 1, 2013, S. 193–200, hier S. 194 (doi:10.1016/j.jofri.2013.07.004).
  4. Das postuliert Hans-Joachim Neumann für die Zeit seit dem 13. Jahrhundert: Über den Ursprung des Habsburger Familientypus. In: Sudhoffs Archiv. Bd. 70, 1986, S. 77–83. Die Erbgut-Hypothese ist allerdings auch bestritten worden, siehe E. M. Thompson, R. M. Winter: Another Family with the ‘Habsburg Jaw’. In: Journal of Medical Genetics. Bd. 25, 1988, S. 838–842, hier S. 839.
  5. Victor Haecker: Der Familientypus der Habsburger. In: Zeitschrift für induktive Abstammungs- und Vererbungslehre. Bd. 6, 1911, Nr. 1/2, S. 61–89 S. 61.
  6. Heinz Ladendorf: § 6. Historische Bildkunde. In: Jahresberichte für deutsche Geschichte. Bd. 13, 1937. Er bezieht sich auf Wilhelm Stromhmayer: Die Vererbung des Habsburger Familientypus. Eine erbphysiognomische Betrachtung auf genealogischer Grundlage (= Nova Acta Leopoldina. N. F. Bd. 29). Deutsche Akademie der Naturforscher, Halle 1937.