Hans Wehr

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Hans Wehr (* 5. Juli 1909 in Leipzig; † 24. Mai 1981 in Münster) war ein bedeutender deutscher Arabist.

Leben und Wirken[Bearbeiten]

Wehr studierte von 1931 bis 1934 Romanistik und Orientalische Philologie in Halle, Berlin und Leipzig. 1934 wurde er Mitglied der DMG. 1935 promovierte er in Halle, anschließend war er dort von 1935 bis 1939 Assistent am Orientalischen Seminar und der Bibliothek der DMG. 1939 habilitierte er sich in Halle.[1]

Von 1939 von 1943 hatte Wehr als Nachfolger von Helmuth Scheel einen Lehrauftrag als Privatdozent an der Universität Greifswald[2] (einer Einberufung zum Kriegsdienst entging Wehr vermutlich wegen seiner Kinderlähmung[3]). 1940 wurde Wehr Mitglied der NSDAP (Mitglieds-Nr. 8.275.798).[4] 1941 wurde Wehr durch einen Kollegen, den Hamburger Orientalisten Arthur Schaade, die deutsch-jüdische Promovendin Hedwig Klein als Mitarbeiterin für dessen Arabisch-Deutsches Wörterbuch vermittelt. Klein hatte 1939 mit Hilfe des Hamburger Orientalisten Carl Rathjens erfolglos versucht, über Antwerpen nach Indien zu emigrieren. Durch Wehrs Intervention bei der Gestapo, wo er Klein für kriegswichtige Arbeit anforderte, wurde vermutlich ihre anstehende Deportation nach Ghetto Theresienstadt für ein halbes Jahr hinausgezögert (Klein wurde jedoch letztlich nach Auschwitz deportiert und dort ermordet).[5]

In seiner 1941 erschienenen Schrift Englisch-französische Mandatspolitik im Nahen Osten und arabischer Nationalismus deutete Wehr den Zionismus als Ursache des Palästina-Problems: „Um der nationalen Heimstätte allmählich den Charakter eines Staatswesens zu geben, förderte die Jewish Agency von Anfang an bedenkenlos die Einwanderung. Ferner wurde mit den Kapitalien des jüdischen Nationalfonds den Arabern möglichst viel Boden abgekauft und an jüdische Kolonisten verpachtet. Eine beschleunigte Industrialisierung sollte der Aufnahme möglichst vieler jüdischer Arbeiter dienen und zugleich das jüdische Recht auf Palästina bekräftigen.“[6] Durch den „Einfluß zionistenfreundlicher jüdischer Kreise Englands und der Welt auf die englische Politik“ wäre der „Einfluß der Zionisten in aller Welt […] immer“ noch „stark genug, um eine araberfreundliche Wendung Englands in der Praxis zu verhüten.“[7] Die Konsequenz sei eine „beispiellose Vergewaltigung der Araber“, die „in krassem Widerspruch zu der noch […] 1939 betonten englischen Neutralität“ stehen würde.[8] Zugleich redete Wehr in vorgeblich entkolonialisierender Absicht einem arabischen Nationalismus das Wort, wobei er, auch im Rückgriff auf bereits bestehende Sympathien Deutschlands für die arabischen Aufstandsbewegungen, in Aussicht stellte, dass „nach glücklicher Beendigung des Krieges“ die Unabhängigkeit und der Wohlstand der arabischen Länder „im Interesse eines neuen Europa“ liegen würden.[9]

1943 erhielt Wehr in Erlangen einen Lehrauftrag in Nachfolge von Joseph Hell.[10] 1945 hatte er in Nachfolge von Walther Björkman den Lehrstuhl für Volks- und Landeskunde Arabiens an der Auslandswissenschaftlichen Fakultät der Universität Berlin inne. Im selben Jahr kehrte er nach Erlangen zurück, wo er 1949 als außerordentlicher, ab 1950 als ordentlicher Professor für Orientalische Philologie und Islamkunde tätig war. 1956 wurde er Geschäftsführer der DMG. Von 1957 bis 1974 war er ordentlicher Professor in Münster.[1]

Arabisches Wörterbuch[Bearbeiten]

Hans Wehrs Arabisches Wörterbuch für die Schriftsprache der Gegenwart – das auf Anregung von Werner Otto von Hentig durch das Auswärtige Amt unterstützt wurde[11] – ist bis heute das wichtigste arabisch-deutsche Wörterbuch. Im Jahre 1961 wurde es auch ins Englische übersetzt – ein in der Lexikographie normalerweise unübliches Verfahren. In der Islamwissenschaft an vielen Universitäten ist „der Wehr“ das Wörterbuch, das die Studenten für heutiges Hocharabisch zuerst konsultieren sollen. Des Weiteren baut beispielsweise auch das als Standard geltende Arabisch-Italienisch Wörterbuch im Wesentlichen darauf auf. Das Wörterbuch ist nach Wurzeln geordnet. Als deutsch-arabisches Pendant gilt allgemein das Wörterbuch von Götz Schregle. Er war maßgeblich an der Entwicklung der DIN-Norm DIN 31635 (Umschrift des arabischen Alphabets) beteiligt, die auf der Umschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft (DMG) von ihm und Carl Brockelmann beruht. Sie wurde 1936 auf dem Internationalen Orientalistenkongress in Rom angenommen.

Werke[Bearbeiten]

  • Englisch-französische Mandatspolitik im Nahen Osten und arabischer Nationalismus (= Greifswalder Universitätsreden. 54). Universitätsverlag Ratsbuchhandlung L. Bamberg, Greifswald 1941.
  • Arabisches Wörterbuch für die Schriftsprache der Gegenwart. Erstauflage Leipzig 1952
  • The Hans Wehr Dictionary of Modern Written Arabic

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Ekkehard Ellinger: Deutsche Orientalistik zur Zeit des Nationalsozialismus 1933–1945. Deux-Mondes-Verlag, Edingen-Neckarhausen 2006, S. 537.
  2. Ekkehard Ellinger: Deutsche Orientalistik zur Zeit des Nationalsozialismus 1933–1945. Deux-Mondes-Verlag, Edingen-Neckarhausen 2006, S. 159, 537.
  3. Ekkehard Ellinger: Deutsche Orientalistik zur Zeit des Nationalsozialismus 1933–1945. Deux-Mondes-Verlag, Edingen-Neckarhausen 2006, S. 164.
  4. Ekkehard Ellinger: Deutsche Orientalistik zur Zeit des Nationalsozialismus 1933–1945. Deux-Mondes-Verlag, Edingen-Neckarhausen 2006, S. 39.
  5. Ekkehard Ellinger: Deutsche Orientalistik zur Zeit des Nationalsozialismus 1933–1945. Deux-Mondes-Verlag, Edingen-Neckarhausen 2006, S. 70.
  6. Hans Wehr: Englisch-französische Mandatspolitik im Nahen Osten und arabischer Nationalismus, S. 12, zitiert bei Ekkehard Ellinger: Deutsche Orientalistik zur Zeit des Nationalsozialismus 1933–1945. Deux-Mondes-Verlag, Edingen-Neckarhausen 2006, S. 393.
  7. Hans Wehr: Englisch-französische Mandatspolitik im Nahen Osten und arabischer Nationalismus, S. 14, zitiert bei Ekkehard Ellinger: Deutsche Orientalistik zur Zeit des Nationalsozialismus 1933–1945. Deux-Mondes-Verlag, Edingen-Neckarhausen 2006, S. 393, vgl. S. 369.
  8. Hans Wehr: Englisch-französische Mandatspolitik im Nahen Osten und arabischer Nationalismus, S. 15, zitiert bei Ekkehard Ellinger: Deutsche Orientalistik zur Zeit des Nationalsozialismus 1933–1945. Deux-Mondes-Verlag, Edingen-Neckarhausen 2006, S. 393.
  9. Hans Wehr: Englisch-französische Mandatspolitik im Nahen Osten und arabischer Nationalismus, S. 22, zitiert bei Ekkehard Ellinger: Deutsche Orientalistik zur Zeit des Nationalsozialismus 1933–1945. Deux-Mondes-Verlag, Edingen-Neckarhausen 2006, S. 417, vgl. S. 416
  10. Ekkehard Ellinger: Deutsche Orientalistik zur Zeit des Nationalsozialismus 1933–1945. Deux-Mondes-Verlag, Edingen-Neckarhausen 2006, S. 161, 537.
  11. Ekkehard Ellinger: Deutsche Orientalistik zur Zeit des Nationalsozialismus 1933–1945. Deux-Mondes-Verlag, Edingen-Neckarhausen 2006, S. 193.