Harriet Straub

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Waldemar Flaig: Harriet Straub, 1930

Maria Hedwig Luitgardis Straub (* 20. Januar 1872 in Emmendingen; † 20. Juni 1945 in Meersburg) war eine deutsche Ärztin und Schriftstellerin. Die meisten ihrer literarischen Werke publizierte sie unter dem Pseudonym Harriet Straub. Weitere Werke erschienen unter ihren Ehenamen Hedwig Silles-O’Cunningham bzw. Hedwig Mauthner.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hedwig Straub war die uneheliche Tochter eines badischen Notars. Sie wuchs in repressiven religiösen Verhältnissen auf. Nach dem Tod der Mutter in die bestimmende geistige und emotionale Beziehung zu einem Freiburger Katecheten geraten, befreite sie sich in einer Eintagesehe, besuchte 1891 in Berlin Gymnasialkurse bei Helene Lange und wurde mit der bürgerlichen Frauenbewegung bekannt. Nach dem Abitur in Aarau scheint sie 1895/96 in Zürich studiert zu haben; doch ist bislang weder ihr Wechsel an die Sorbonne noch ihr dortiges Medizinstudium belegt. Auch ein Studienabschluss lässt sich zeitlich in ihrer Biographie nicht unterbringen. Den Doktortitel, so Amina Boumaaiz, erhielt sie entweder pro forma verliehen, oder sie legte sich ihn als Statuskennzeichnung selber zu.

Afrika[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ab 1898 arbeitete sie für einige Jahre im Auftrag der französischen Regierung als Ärztin in Algerien und in der Sahara, wo sie sich bei Gesundheitsprogrammen für Beduininnen engagierte. Stationen ihres Aufenthaltes sind Tunis, Algier, Timbuktu und Tamanrasset. Die Erlebnisse und Eindrücke aus ihrer Zeit in der Sahara schrieb Harriet Straub in zahlreichen Erzählungen nieder.

Skandinavien und Freiburg im Breisgau[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auch ihre zweite Ehe mit dem englischen Adligen O'Cunningham dauerte nur kurz. Nach Stationen in Stockholm und Kopenhagen kehrt Harriet Straub 1904 nach Freiburg im Breisgau zurück, um ihre Medizinstudien zu vertiefen. Dort lernt sie den Schriftsteller und Philosophen Fritz Mauthner kennen, ihren späteren dritten Ehemann.

Glaserhäusle in Meersburg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wohnhaus von Fritz Mauthner und Harriet Straub, das sogenannte Glaserhäusle in Meersburg am Bodensee
Grabstein von Fritz Mauthner und Hedwig Mauthner auf dem Friedhof in Meersburg (Inschrift: Vom Menschsein erlöst)

1909 zogen Harriet Straub und Fritz Mauthner in das „Glaserhäusle“ nach Meersburg, Glaserhäusleweg 7.[1] Dort unterstützte sie ihren Mann bei der Abfassung des Wörterbuch der Philosophie und schrieb weiter eigene Reiseskizzen, Erzählungen, Frauengeschichten aus einem alemannischen Dorf. Ihr schmales Werk steht im Banne weiblicher Emanzipation – zunächst im Stil damaliger Heimatliteratur (Rupertsweiler Leut); sodann im Sinne einer radikalen Infragestellung der Geschlechterverhältnisse und schärfster Zivilisationskritik (Zerrissene Briefe).

In ihrem zweiten Buch beschwört Straub die verwandelnde und umschmelzende Kraft der Wüste, aus der sie auch Impulse für eine neue Spiritualität bezog. Abgesehen von weiteren literarischen Arbeiten, die auch ein Romanfragment umfassen, bleibt ein bedeutender Einfluss auf Mauthner festzuhalten. Dieser habe von ihr den „mystischen Ausklang seines sonst so radikalen Skeptizismus empfangen“ (Wilhelm Restle).

Während des Ersten Weltkrieges arbeitete Mauthner als Ärztin. Seit 1923 Witwe, lebte sie ganz dem Gedächtnis Fritz Mauthners im Glaserhäusle in Meersburg. Der Meersburger Stadtpfarrer und Ehrenbürger Wilhelm Restle, den sie 1928 kennenlernte, erwarb das Glaserhäusle und sicherte ihr darin lebenslanges Wohnrecht zu. [2] Literarisch war sie nur noch wenig tätig. Als Witwe eines Juden erhielt sie 1933 Schreibverbot; sie bekam keine Rente mehr. Sie sollte den Judenstern tragen und wagte sich nicht mehr in die Stadt. Der Postbote und ihre Haushälterin organisierten für sie die Einkäufe. Mit im Glaserhäusle überlebte dank der Hilfe von Berliner Freunden und von Wilhelm Restle die Jüdin Lili Aschaffenburg unter der falschen Identität Roggowski. [3]

Vereinsamt und zurückgezogen starb Hedwig Mauthner kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Testamentarisch hatte sie ein Begräbnis außerhalb der Kirche verfügt und sich alle Zeremonien verbeten – ein letztes Aufbegehren gegen Konvention und Fremdbestimmung, das die Geschichte ihrer lebenslangen Befreiung (Ludger Lütkehaus) abschloss. Ein großer Findling auf dem gemeinsamen Meersburger Grab mit Mauthner trägt die Aufschrift: „Vom Menschsein erlöst“. Es befindet sich auf dem Friedhof Meersburg in der Mitte der Ost-West-Achse, vom Hochkreuz aus gesehen.

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Beutter-Büchlein. Erinnerungen an unseren Katechten. 1909 (veröffentlicht unter Hedwig O’Cunningham)
  • Rupertsweiler Leut': Frauengeschichten vom Dorf. 1912
  • Zerrissene Briefe. 1914
  • Heiße Sonne. 1914
  • Aischa. 1914
  • Der schwarze Panther. 1916
  • Frau Unwichtig. 1916
  • Aus Anette Droste’s Leiden. 1924
  • Vom mystischen Weg und Irrweg. 1925
  • Die Araber in Algerien. 1925
  • Fritz Mauthners Erbe. 1926 (veröffentlicht unter Hedwig Mauthner)
  • Die Droste in Meersburg. 1930
  • Tat twam asi. 1931
  • Wüstenabenteuer. 1932
  • Umbrische Legende. 1933
  • Das Wunderspiel. in Badische Zeitung 1992

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Grete Gulbransson: Das liebe Ich und die Zeitgenossen. Velhagen & Klasings Monatshefte 1926, S. 338–344.
  • Wilhelm Restle: Hedwig Mauthner. Das Bodenseebuch 1946, S. 97 f.
  • Joachim Kühn: Gescheiterte Sprachkritik. 1975
  • Ludger Lütkehaus: Zwischen Emmendingen und Tamanrasset. Allmende 1990, H. 28/29, S. 141–162
  • Gustav Landauer – Fritz Mauthner: Briefwechsel 1890-1919. 1994
  • Manfred Bosch: Ins Freie will ich - Harriet Straub/Hedwig Mauthner und das „Glaserhäusle. Meersburg. 1996
  • Amina Boumaaiz: Eine badische Schriftstellerin zwischen Schwarzwald und Sahara. „s Eige zeige“. Jahrbuch des Landkreises Emmendingen 20. 2006, S. 25–84.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Harriet Straub – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Stadtmuseum Meersburg. Prospekt, Meersburg, ca. 2000
  2. Stadtmuseum Meersburg, Raum Mauthner/Straub
  3. Museumsverein Meersburg (Hrsg.): Meersburg unterm Hakenkreuz 1933-1945. Robert Gessler Friedrichshafen, Meersburg 2011. ISBN 978-3-86136-164-0, S. 52