Heidelberger Disputation

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Martin Luther in Heidelberg
Luther als Mönch und Professor

Die Heidelberger Disputation (Disputatio Heidelbergensis, zu lateinisch disputare „auseinandersetzen“, „erörtern“) war ein von Johann von Staupitz für das Generalkapitel der deutschen Reformkongregation der Augustiner-Eremiten an der Heidelberger Universität einberufenes Generalkonvent für den Zeitraum vom 25.  bis zum 27. April 1518. Staupitz wurde als Generalvikar wiedergewählt. Die Heidelberger Disputation ist stark mit dem Namen Martin Luthers und der Ausbreitung reformatorischer Ideen verbunden.

Die Veranstaltung fand in der „Schola artistarum“ (Vorlesungsgebäude der Artistenfakultät) der Universität statt. Beteiligt waren neben Staupitz u. a. Martin Bucer, Johannes Brenz, Martin Frecht, Johannes Lang, Erhard Schnepf, Johannes Oekolampad, Philipp Melanchthon, Johann Schwebel, Wenzel Strauss, Georg Ebner, Jodocus Trutfetter und Theobald Billicanus. Inklusive der Vorbereitungen dauerte die Tagung vom Mittwoch, den 21. April bis zum Samstag, den 1. Mai 1518.

Der eigentliche Generalkonvent fand höchstwahrscheinlich am 25. April 1518 statt. Es war eine öffentliche Disputation im Rahmen des Generalkapitels der Augustiner in Heidelberg, in der Luther dann am 26. April 1518 sprechen konnte. Luther kam als Abgesandter und Mitglied des Augustiner-Eremiten-Ordens sowie als Professor der Theologie aus Wittenberg zum Generalkapitel. Während seines Aufenthaltes war er Gast auf dem Schloss des Pfalzgrafen Wolfgang, dem Bruder des Kurfürsten Ludwigs V. Wolfgang war im Jahre 1515 Rector magnificus in Wittenberg gewesen und von daher mit Luther bekannt.

Luthers Reisevorbereitung und -verlauf[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Damit Martin Luther am Ordenskapitel in Heidelberg teilnehmen konnte, ließ er sich bei Johann von Staupitz[1][2] einerseits von seinen Hochschulverpflichtungen in Wittenberg beurlauben und erhielt andererseits von seinem sächsischen Kurfürsten Friedrich der Weise einen Schutzbrief, der durch entsprechende Korrespondenz seitens seines Landesherrn mit dem Fürstbischof von Würzburg Friedrich von Wirsberg und dem Kurfürsten von der Pfalz Ludwig V. der Friedfertige abgesichert worden war.[3]

Schon in den frühen Morgenstunden des 9. April 1518 verließ Martin Luther sein Studierzimmer im Schwarzen Kloster und brach mit seinen zwei Begleitern, dem Bruder Leonard Beier und dem Diener Urban, zur Reise nach Heidelberg auf.[4] Man erreichte am 10. April Leipzig, dann am 12. April Saalfeld und am 14. April 1518 Coburg, hiernach ging es am 17. April 1518 ebenfalls zu Fuß in Richtung Würzburg weiter. Auf Einladung des mit ihm befreundeten Würzburger Fürstbischofs Lorenz von Bibra verbrachte man knapp zwei Tage in der mainfränkischen Stadt, auf der Festung Marienberg und im Würzburger Augustinerkloster St. Georg. Für seine Weiterreise aus Würzburg bot ihm Bischof Lorenz seinen Geleitschutz an und versah ihn mit einem Empfehlungsschreiben an den Herzog von Sachsen, Friedrich den Weisen, mit der Angabe verfasst, dass seine liebe Exzellenz den frommen Mann - den Doctor Martinus - nicht wegziehen lassen wolle, denn ihm geschähe Unrecht. Von Würzburg fuhr man am 19. April auf einem Karren über Tauberbischofsheim, Mudau und Mosbach nach Heidelberg. Um den 21./22. April traf die Reisegruppe in der kurpfälzischen Residenzstadt ein. Luther blieb dort bis zum 1. Mai 1518.[5] Auf seiner Rückreise besuchte er wahrscheinlich seinen früheren Lehrer Jodocus Trutfetter, am 8. Mai 1518[6] in Erfurt, der einer der bedeutendsten Vertreter des scholastischen Denkens war. Zum Bedauern Luthers lehnte Trutfetter seine reformatorischen Ideen und ihre Kritik an den aristotelischen Einflüssen in der Scholastik bzw. Theologie ab.[7]

Luthers Beitrag am 26. April 1518, Charakter und Bedeutung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Generalkapitel der deutschen Augustiner-Eremiten strenger Observanz fand höchstwahrscheinlich am 25. April 1518 in Heidelberg statt. Am 26.  April leitete Luther die Disputation, zu der er 28 theologische und 12 philosophische Thesen vortrug. Soweit durch Mitschriften belegbar, fokussierte er den Disput auf die Rechtfertigungslehre, während er für die Angriffe auf die scholastische Theologie und hier dem Vorherrschen der aristotelischen Philosophie keine Zeit mehr zur Verfügung hatte. Die Disputation war in ihrem Ergebnis von hoher Bedeutung für die Ausbreitung von Luthers Lehre im südwestdeutschen Raum. Nachdem die Ordensangelegenheiten geregelt waren, veranstalteten die Augustiner am 26. April 1518[8] eine wissenschaftliche Disputation mit deren Leitung Martin Luther betraut war. Diese Veranstaltung fand nicht im Augustinerkloster statt, sondern in der Universität, im Hörsaal der Artistenfakultät (Fakultät der Artes liberales). Eine weitere Verbindung der Universität zur Disputation bestand durch die Anwesenheit des Pedells Johannes Negelin.[9]

Die Disputation war bereits Teil des römischen Vorgehens gegen Martin Luther im Ablassstreit. Rom hatte den Augustinerorden damit beauftragt, eine Disputation durchzuführen, in der Luther seine Thesen zum Ablass erläutern sollte.[10] In der Disputation ging Luther aber nicht auf die Problematik des Ablasses ein,[11] sondern behandelte das Thema der Werkgerechtigkeit und die theologia crucis im Gegensatz zur theologia gloriae. In den von ihm aufgestellten Thesen vermittelte Luther den Grundgedanken seiner neuen Theologie, die völlige Abhängigkeit des Menschen von der Gnade Gottes. Nicht durch seine Werke erlange der Mensch Gottes Gnade, sola gratia sondern allein durch seinen Glauben.

Bei den an der Disputation beteiligten Professoren der theologischen Fakultät fand Luther keine Zustimmung, aber er gewann viele Anhänger unter den Studenten und Magistern der Artistenfakultät.[12] Spätere Reformatoren wie Martin Bucer, Erhard Schnepf, Franciscus Irenicus, Martin Frecht und Johannes Brenz waren unter den Zuhörern.[13]

Nachdem Luther wieder Wittenberg erreicht hatte, lobte er drei Wochen nach seinem nur wenige Tage währenden Aufenthalt in einem Brief die Atmosphäre der Disputation. So hätten sich die Teilnehmer ihm „aufs beste empfohlen“.[14]

Nachhaltige Wirkung für den Südwestdeutschen Raum[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Heidelberger Disputation gewann für die Ausbreitung von Luthers reformatorischer Lehre große Bedeutung. Viele seiner Zuhörer wurden zu Trägern der Reformation im südwestdeutschen Raum. Auf die Reformation im Kraichgau hatte vor allem Johannes Brenz großen Einfluss und Erhard Schnepf predigte schon ab 1520 im Sinn der lutherischen Lehre. Die meisten der später im Kraichgau tätigen Pfarrer und Prediger in den Prädikaturen hatten 1518 in Heidelberg studiert und wurden durch die Disputation für die Reformation gewonnen.

Obgleich Luther bei den altgedienten Professoren mit seiner Botschaft keinen Konsens erreichen konnte, fand er doch unter den Zuhörern mehrere junge Männer, die später die Reformation im Südwesten durchsetzten. Mit dabei waren Martin Bucer, Reformator in Straßburg, Johannes Brenz wirkte in Schwäbisch Hall/Stuttgart, Martin Frecht in Ulm und Theobald Billican in Nördlingen. So hatte Luthers Auftritt am Neckar eine durchaus nachhaltige Wirkung - einen Aspekt, den er für seine Disputation nicht erwartet hatte.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Die Darstellung folgt im Wesentlichen dem Kapitel Heidelberger Disputation. In: Gerhard Kiesow: Von Rittern und Predigern. Die Herren von Gemmingen und die Reformation im Kraichgau. Verlag Regionalkultur, Ubstadt-Weiher 1997, S. 40 f.
  • Karl-Heinz zur Mühlen: Die Heidelberger Disputation Martin Luthers vom 26. April 1518. In: Semper Apertus. 600 Jahre Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg 1386–1986. Bd. 1, hg. von W. Doerr u. a., Berlin u. a. 1985, S. 188–212.
  • Heinz Scheible: Die Universität Heidelberg und Luthers Disputation. In: ZGO 131 (1983) S. 309–329.
  • Michael Plathow: Martin Luther in Heidelberg. Die Heidelberger Disputation. In: Luther-Bulletin 1998, 7, S. 76–93.
  • Harald Pfeiffer: Martin Luthers Reise zur Heidelberger Disputation 1518. Verlag Dr. Harald Pfeiffer, Heidelberg 2016

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Martin Luther: Die Heidelberger Disputation und ihre Breitenwirkung (PDF; 5,2 MB), Plakat zum 625-jährigen Jubiläum der Universität Heidelberg
  • Die Heidelberger Disputation Bruder Martin Luther, Magister der heiligen Theologie, wird den Vorsitz führen, Bruder Leonhard Beyer, Magister der schönen Künste und der Philosophie, wird antworten vor den Augustinern der weitberühmten Stadt Heidelberg am gewohnten Ort, am 26. April 1518. [4]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Erster Dekan der Theologischen Fakultät zu Wittenberg, von 1502 bis 1520
  2. Christoph Bultmann, Volker Leppin, Andreas Lindner (Hrsg.): Luther und das monastische Erbe. Bd. 39 Spätmittelalter, Humanismus, Reformation, Mohr Siebeck, Tübingen 2007, ISBN 3-161-4-9370-2, S. 33–34
  3. Andrew Pettegree: Die Marke Luther. Wie ein unbekannter Mönch eine deutsche Kleinstadt zum Zentrum der Druckindustrie und sich selbst zum berühmtesten Mann Europas machte - und die protestantische Reformation lostrat. Insel, Berlin 2016, ISBN 978-3-458-17691-6, S. 107
  4. William Roscoe Estep: Renaissance and Reformation. Wm. B. Eerdmans Publishing, Grand Rapids (Michigan) 1986, ISBN 978-0-8028-0050-3, S. 121
  5. Martin Luther, Heidelberger Geschichtsverein e.V., abgerufen am 10. Februar 2018 [1]
  6. Nach anderen Quellen wird der 8. Mai 1518 angegeben und auch die persönliche Begegnung wegen einer Erkrankung von Jodocus Trutfetter
  7. Dietmar v. d Pfordten: Grosse Denker Erfurts und der Erfurter Universität. Wallstein Verlag, Göttingen 2002, ISBN 978-3-8924-4510-4, S. 103 f.
  8. Vgl. zur Datierung Scheible, S. 317.
  9. Vgl. Scheible, S. 316–323; zur Mühlen, S. 190f.
  10. Vgl. zur Mühlen, S. 189f.
  11. Vgl. zur Mühlen, S. 189.
  12. Vgl. Scheible, S. 324–329.
  13. Karte von R. Baar-Cantoni, Leibniz-Institut für Länderkunde 2010: Südwestdeutschlands und angrenzende Gebiete. Teilnehmer an Martin Luthers Disputation am 26. April 1518 und ihre späteren Wirkungen. uni-heidelberg.de, abgerufen am 10. Februar 2018 [2]
  14. Von Simone Viere: Geschichte der Reformation. "Heidelberger Disputation" - als Martin Luther die Jugend begeisterte. epd, 19. Juli 2016 [3]