Martin Bucer

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Martin Bucer, Stich von Balthasar Jenichen
Bucer-Fenster in der Straßburger Erlöserkirche

Martin Bucer eigentlich Martin Butzer oder auch Butscher (* 11. November 1491 in Schlettstadt; † 1. März 1551 in Cambridge) gehört zu den bedeutenden Theologen der Reformation und gilt als der Reformator Straßburgs und des Elsass.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Martin Bucer wurde in Schlettstadt (heute Sélestat) geboren, einer Freien Stadt des Heiligen Römischen Reiches. Sein Vater und auch Großvater, beide namens Claus Butzer († 1540), waren Küfer, seine Mutter eine Hebamme war die Eva Butzer.[1] Um 1501 verließen sie Schlettstadt um nach Straßburg zu ziehen. Ihr Sohn verblieb beim Großvater väterlicherseits. Claus und Eva Butzer wurden am 5. Dezember 1508 Bürger der Freien Reichstadt.[2] Nach dem Tod seiner ersten Ehefrau heiratete er die Margaretha Windecker.

Unter der Obhut seines Großvaters trat Bucer mit fünfzehn Jahren als Mönch dem Dominikanerorden bei und immatrikulierte sich am 31. Januar 1517 an der Universität Heidelberg. Hier kam es am 26. April 1518 am Tag der Heidelberger Disputation 1518 zu einer folgenreichen Begegnung mit Martin Luther. Bucer wandte sich der protestantischen Theologie zu und wurde 1521 auf eigenen Wunsch aus dem Dominikanerorden entlassen. Doch bis zum endgültigen Dispens brach er Anfang 1521 zunächst sein Studium ab, nachdem er seit dem Jahre 1520 schon intensive Bemühungen aufbrachte aus dem Kloster entlassen zu werden. Doch die Entscheidung zog sich hin und so fand er zunächst auf der Ebernburg bei Franz von Sickingen Zuflucht. Er wirkte dort als Schreiber für Ulrich von Hutten. Dann am 29. April 1521 wurde Bucer durch den Speyrer Bischof Georg von der Pfalz von den Ordensgelübden entbunden.

Ab Mai 1521 arbeitete er für Pfalzgraf Friedrich II. als Hofkaplan und erhielt 1522 durch Franz von Sickingen eine Pfarrstelle in Landstuhl. Hier heiratete er die ehemalige Nonne Elisabeth Silbereisen und zog mit ihr nach Weißenburg im Elsass. Dort unterstützte er den dortigen Pfarrer Heinrich Moterer bei der Einführung der Reformation und wurde deswegen vom Speyrer Bischof Georg von der Pfalz exkommuniziert. 1523 wurde er vom Papst Hadrian VI. gebannt und suchte als Vogelfreier erfolgreich Asyl in der toleranten Reichsstadt Straßburg. Hier wurde er ordiniert und 1524 zum Pfarrer gewählt. An der Seite von Wolfgang Capito und Kaspar Hedio nahm er bald eine führende Stellung im Aufbau des evangelischen Kirchenwesens in der Reichsstadt und im gesamten südwestdeutschen Raum ein.

In den Folgejahren versuchte er zwischen den verschiedenen protestantischen Parteien (Lutheraner, Reformierte, Spiritualisten, Täufer) zu vermitteln. Sein besonderes Augenmerk galt dem Abendmahlsstreit. Bucer nahm 1529 am Marburger Religionsgespräch teil und war einer der Verfasser der Confessio Tetrapolitana, in der vier oberdeutsche Reichsstädte ihr Glaubensverständnis für die Diskussionen auf dem Augsburger Reichstag von 1530 zusammenfassten. 1536 erzielte er nach zähem Ringen einen Konsens mit Martin Luther über das Abendmahlsverständnis, der in der Wittenberger Konkordie fixiert wurde. In den Jahren 1540 und 1541 beteiligte er sich in den Religionsgesprächen in Hagenau, Worms und Regensburg auch an den Versuchen, einen Ausgleich zwischen Katholiken und Protestanten zu erreichen.

Bucer trat in dieser Zeit auch als Organisator der entstehenden evangelischen Landeskirchen auf. So entwarf er 1531 eine Kirchenordnung für die Stadt Ulm, beriet 1534 den württembergischen Herzog Ulrich bei der Einführung der Reformation in Württemberg und verfasste 1539 im Auftrag des hessischen Landgrafen Philipps I. die sogenannte „Ziegenhainer Zuchtordnung“, die die Basis für das reformatorische Kirchenwesen in Hessen wurde. Die Ziegenhainer Zuchtordnung ist heute noch von Bedeutung, da mit ihr unter Einfluss der Täuferbewegung die Konfirmation eingeführt wurde.

Einer Pestepidemie fielen 1541 Elisabeth Silbereisen sowie Wolfgang Capito und mehrere Kinder Bucers zum Opfer. Der einzige gemeinsame Nachkomme, der das Erwachsenenalter erreichte, war der geistig behinderte Sohn Nathanael.[3] Bucer heiratete auf Elisabeths Wunsch hin 1542 Wibrandis Rosenblatt, die dreizehn Jahre jüngere Witwe von Wolfgang Capito und Johannes Oekolampad. Die beiden führten eine harmonische Ehe, der zwei weitere Kinder entsprossen.

1542/1543 lebte Bucer ein Jahr lang in Bonn, um im Auftrag des Erzbischofs von Köln, Hermann V. von Wied, die Reformation des Erzbistums vorzubereiten. In der Wasserburg zu Buschhoven verfasste er mit Philipp Melanchthon zwei Reformationsschriften („Einfaltigs Bedencken“) für den Kölner Erzbischof. Sein schärfster Widersacher in Köln war neben dem Domkapitel der Scholastiker und Rektor der Universität Matthias Aquensis, der auf die Schriften Bucers seinerseits mit fünf Publikationen reagierte. Auch der Kölner Domherr und Chorbischof Christoph von Gleichen trat ihm vehement entgegen.[4][5] Anschließend kehrte Bucer nach Straßburg zurück. Das Scheitern des Kölner Reformationsversuchs veranlasste ihn, 1545 mit der Gründung einer „christlichen Gemeinschaft“ eine Freiwiligkeitsgemeinde neben den staatskirchlichen Strukturen zu etablieren.

1549 musste er die Stadt verlassen. Grund war sein Widerstand gegen die von Karl V. angeordnete „katholisierende“ Neuordnung des Kirchenwesens, das sogenannte Interim. Eingeladen von Peter Martyr Vermigli emigrierte Bucer nach England, wo er die Regius Professur of Divinity in Cambridge erhielt, deren Entsprechung an der University of Oxford von Martyr besetzt wurde.[6] Dort wurde er im September 1549 zum Doctor theologiae promoviert. Er konnte noch seine Programmschrift De regno Christi abschließen, bevor er nach kurzer schwerer Krankheit 1551 starb.[6] Nach seinem Tod wurde unter Maria Tudor der Katholizismus wieder Staatsreligion. Bucer wurde 1557 exhumiert und als Ketzer zusammen mit seinen Schriften verbrannt.[6] 1560 wurde er durch Elisabeth I. in einem feierlichen Akt der Universität rehabilitiert. Eine Tafel in der Kirche St. Mary in Cambridge erinnert an Bucers Ruhestätte.[6]

Theologische Einordnung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Beeinflusst wurde Bucer von seinen Vorbildern Erasmus von Rotterdam, Martin Luther, Ulrich Zwingli, Philipp Melanchthon und Heinrich Bullinger. Den Unterschied zwischen Luther und Zwingli betrachtet Bucer als einen „Streit mehr in Worten als in der Sache“. Von daher ist es verständlich, wenn sowohl Lutheraner als auch Reformierte und Anglikaner ihn in die Reihe ihrer Kirchenlehrer einordnen. Besonderen Einfluss hatte er auf Johannes Calvin, der von 1538 bis 1541 in Straßburg lebte und von Bucer unter anderem die Vierämterlehre übernahm.

Im Rahmen des Alten Testaments bezog sich Bucer sehr häufig auf die 5 Bücher Mose, insbesondere auf die ersten beiden. Er verwertete die dort enthaltenen Gesetzestexte etwa im Hinblick auf die Frage, welche geistlichen Kompetenzen der weltlichen Obrigkeit zustehen. Die sogenannten deuterokanonischen Bücher hatten für ihn keine Bedeutung, darin war er noch radikaler als Luther (während Erasmus die Bücher Weisheit und Jesus Sirach sehr intensiv heranzog.[7])

In Bezug auf das Neue Testament schloss sich Bucer an die Klassifizierung des Eusebius von Caesarea an, und verwendete die in der Alten Kirche sowie bei Luther umstrittenen NT-Bücher deutlich weniger.[8] Die Apostelgeschichte sowie die geschichtlichen Bücher des Alten Testaments zog er einigermaßen häufig heran, jedenfalls häufiger als seine Zeitgenossen das taten.[9] Jene Bibelbücher, denen Bucer eigene Kommentare widmete (Psalmen, Zefanja, Synoptiker, Johannes, Römer, Epheser), verwendete er großenteils nicht häufiger. Dass Bucer bestimmte Bücher zum Kommentieren auswählte, drückt also keine besondere Bevorzugung dieser Bücher aus. Verglichen mit seinen Zeitgenossen hatte Bucer eher keinen ausgeglichen Gebrauch der biblischen Bücher, sondern stützte sich auf das NT weit mehr als auf das AT (das gilt insbesondere für den „jungen Bucer“), und auch innerhalb des NT ist sein Gebrauch – ähnlich wie jener der anderen Reformatoren – einseitig; er konzentrierte sich stark auf die Paulusbriefe.[10]

Bedeutung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vor allem Bucers praktisch-theologische Schriften sind es, die die Kirchen der Reformation nachhaltig im Bereich Homiletik, Gemeindeaufbau und Seelsorge beeinflusst haben. Besonders zu erwähnen ist hier die Konfirmation, deren Entstehung auf Bucer zurückgeht,[11] jedoch erst in der Zeit des Pietismus im 18. Jahrhundert von den evangelischen Landeskirchen flächendeckend eingeführt worden ist.

Nach ihm benannt wurden

Gedenktag[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

28. Februar im Evangelischen Namenkalender.

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Martini Buceri opera omnia.
    • Series 1: Martin Bucers Deutsche Schriften. 19 Bde. Gütersloher, Gütersloh 1960–2016, ISBN 3-579-04896-1
    • Series 2: Opera Latina. Gütersloher, Gütersloh 1954/55
  • Briefwechsel = Correspondance. Brill, Leiden 1995ff.
Bibliographie

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Martin Greschat: Martin Bucer. Ein Reformator und seine Zeit. Beck, München 1990, ISBN 3-406-34610-3; 2. Aufl. Aschendorff, Münster 2009, ISBN 978-3-402-12780-3.
  • Doris Ebert: Elisabeth Silbereisen. Bürgertochter, Klosterfrau, Ehefrau des Reformators Martin Bucer. Familie und Lebensstationen (= Heimatverein Kraichgau e.V. Sonderveröffentlichung. 24). Heimatverein Kraichgau, Eppingen 2000, ISBN 3-929295-75-X.
  • Andreas Gäumann: Reich Christi und Obrigkeit. Eine Studie zum reformatorischen Denken und Handeln Martin Bucers (= Zürcher Beiträge zur Reformationsgeschichte. Bd. 20). Lang, Bern u. a. 2001, ISBN 3-906766-75-6 (Zugleich: Neuchâtel, Universität, Dissertation, 2000).
  • Albert de Lange, Thomas Wilhelmi: Martin Bucer. (1491–1551). Auf der Suche nach der Wiederherstellung der Einheit (= Universitätsarchiv (Heidelberg). Schriften. 5). verlag regionalkultur, Ubstadt-Weiher 2001, ISBN 3-89735-180-3.
  • Volkmar Ortmann: Reformation und Einheit der Kirche. Martin Bucers Einigungsbemühungen bei den Religionsgesprächen in Leipzig, Hagenau, Worms und Regensburg 1539–1541 (= Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Geschichte, Mainz. Bd. 185, Abteilung für abendländische Religionsgeschichte.). von Zabern, Mainz 2001, ISBN 3-8053-2730-7 (Zugleich: Bonn, Universität, Dissertation, 1997: Martin Bucers Tätigkeit bei den Religionsgesprächen 1539–1541 in Leipzig, Hagenau, Worms und Regensburg.).
  • Thomas Schirrmacher (Hrsg.): Anwalt der Liebe. Martin Bucer als Theologe und Seelsorger. Beiträge zum 450. Todestag des Reformators (= Jahrbuch des Martin-Bucer-Seminars. Bd. 1). Verlag für Kultur und Wissenschaft u. a., Bonn u. a. 2002, ISBN 3-932829-33-6.
  • Matthieu Arnold, Berndt Hamm (Hrsg.): Martin Bucer zwischen Luther und Zwingli (= Spätmittelalter und Reformation. NR Bd. 23). Mohr Siebeck, Tübingen 2003, ISBN 3-16-147763-4.
  • Thomas Schirrmacher (Hrsg.): Martin Bucer als Vorreiter der evangelischen Mission (= Edition Afem. Mission specials. Bd. 5). Verlag für Kultur und Wissenschaft u. a., Bonn u. a. 2006, ISBN 3-938116-22-6.
  • Thomas Klöckner: Martin Bucer und die Einheit der Christenheit. Ein theologiegeschichtlicher Beitrag zur Ökumene-Debatte im modernen Evangelikalismus (Lausanner Prägung). Neukirchener Theologie, Neukirchen-Vluyn 2014, ISBN 978-3-7887-2823-6 (Zugleich veränderte Fassung von: Pretoria, Universität, Dissertation, 2012).

Lexikon-Artikel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Martin Bucer – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien
 Wikisource: Martin Bucer – Quellen und Volltexte

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Heinz Scheible: MBW. Philipp Melanchthon. Frommann-Holzboog, 1977, ISBN 3-772-82257-6, S. 228
  2. Martin Greschat: Martin Bucer: A Reformer and His Times. Westminster John Knox Press, 2004, ISBN 0-6642-2690-6, S. 11
  3. Doris Ebert: Elisabeth Silbereisen. Bürgertochter, Klosterfrau, Ehefrau des Reformators Martin Bucer. Sinsheim 2000, ISBN 3-929295-75-X, S. 150.
  4. Johannes Janssen: Geschichte des deutschen Volkes seit dem Ausgang des Mittelalters, Band 3, S. 515, Herder Verlag, Freiburg, 1883 (Ausschnittscan)
  5. J. V. Pollet: Martin Bucer, Etudes Sur Les Relations de Bucer Avec Les Pays-Bas. II. Documents, 1985, S. 89, ISBN 90-04-07565-8; (Digitalscan von Bucers Niederschrift)
  6. a b c d Adolphus William Ward, Bucer, Martin im Dictionary of National Biography, 1885-1900, Volume 07 auf Wikisource.
  7. Franz Graf-Stuhlhofer: Der Bibelgebrauch von Martin Bucer. Straßburgs Reformator als Luthers treuester Schüler. In: Schirrmacher: Anwalt der Liebe, 2002, S. 75–93, dort 81-84.
  8. Graf-Stuhlhofer: Der Bibelgebrauch von Martin Bucer. In: Schirrmacher: Anwalt der Liebe, 2002, S. 84–87.
  9. Graf-Stuhlhofer: Der Bibelgebrauch von Martin Bucer. In: Schirrmacher: Anwalt der Liebe, 2002, S. 88 und 81.
  10. Graf-Stuhlhofer: Der Bibelgebrauch von Martin Bucer. In: Schirrmacher: Anwalt der Liebe, 2002, S. 88–91 und 85f.
  11. Bucer wird deshalb auch des Öfteren als „Vater der Konfirmation“ bezeichnet.