Hottentotten

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Koloniale Darstellung von „Hottentotten“ auf der Jagd (1857)

Hottentotten war eine in der Kolonialzeit von den Buren erstmals verwendete Sammelbezeichnung für die in Südafrika und Namibia lebende Völkerfamilie der Khoikhoi, zu der die Nama, die Korana und Griqua (Orlam und Baster) gehörten. Man geht heute davon aus, dass die holländische Bezeichnung Hottentot seit ihrer Einführung hauptsächlich abwertend rassistisch und diskriminierend verwendet wurde.[1] Außerdem wurde das englische Wort Hottentots auf Menschen mit vermeintlich unterlegener Kultur und Mangel an intellektuellen Fähigkeiten übertragen.[2][3]

Etymologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein Erklärungsversuch geht auf eine Eigenart der Khoisan-Sprachen zurück. Er geht von der Tatsache aus, dass diese Sprachen von – für europäische Ohren ungewohnten – Klick- und Schnalzlauten, so genannten ingressiven Verschlusslauten, durchsetzt sind. Diese Laute hätten dann die niederländischen Siedler als Gestotter empfunden und die Khoi somit als Stotterer (im nördlichen Dialekt des Afrikaans: hottentots) bezeichnet.[4] Der Hinweis auf die eigentümliche Sprache (jedoch ohne Hinweis auf Stottern) für die Namensherkunft findet sich schon in den ersten Beschreibungen ab 1670.[5][6]

Es finden sich auch historische Erklärungen, nach denen das Wort Hottentotte auch nordafrikanischen Ursprunges (Hadendoa) sein könnte.[7]

Im Korpus von Google Books ist das niederländische Hottentots erstmals 1665 zu finden.[8] Danach erscheint es in einer zusammengetragenen Reisebeschreibung von Dapper[9], die 1670 im gleichen Amsterdamer Verlag in einer deutschen Version heraus kam, nun mit Hottentotten.[5]

Geschichte des deutschsprachigen Wortgebrauchs[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kolorierte Postkarte (1904): „Gruppe kriegsgefangener Hottentotten - Deutsch-Süd-West-Afrika“

Im Rahmen der deutschen Koloniegründung im heutigen Namibia übernahmen die deutschen Siedler Sichtweisen und Worte ihrer burischen Nachbarn. Eine Auseinandersetzung mit dem Wort Hottentotten findet sich im Deutschen Kolonial-Lexikon 1920: „Die H. nennen sich selbst Koikoin, was so viel wie Menschen bedeutet. Als Naman fasst man dagegen jetzt am besten alle H.-Stämme von Deutsch-Südwestafrika zusammen, obwohl diese Bezeichnung ursprünglich wohl nur für die vor 1800 dort vorhandenen Hottentotten galt. Das sonderbare Wort ‚Hottentott‘ hat man meist als einen holländischen Spottnamen bezeichnen wollen, …“[10]

Zu diesem Zeitpunkt hatte sich der Begriff – bereits seit der Epoche der Aufklärung – in etlichen deutschsprachigen literarischen Werken manifestiert. Bis heute haben sich in Deutschland Redewendungen wie „Hier geht es zu wie bei den Hottentotten!“ erhalten, zum Beispiel nannte Marius Müller-Westernhagen sein 2011er Live-Album „Hottentottenmusik“. Die Wendungen sollen einen Mangel an räumlicher beziehungsweise musikalischer Ordnung zum Ausdruck bringen.

Zusammengesetzte Wörter[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine Pflanzengattung der Mittagsblumengewächse, Carpobrotus, wird auch als „Hottentottenfeigen“ bezeichnet; eine Art der Kupfergoldmulle aus dem südöstlichen Südafrika heißt Hottentotten-Goldmull (Amblysomus hottentotus), ebenfalls in Afrika beheimatet ist die Hottentottenente (Anas hottentota), eine Meerbrassenart genannt Pachymetopon blochii ist als „Hottentottfisch“ auch im Deutschen bekannt geworden.[11] Weiterhin gilt noch das Kompositum der Hottentottenfliege, ein Wollschweber.

Aus dem 19. Jahrhundert, als Wissenschaftler Theorien zur Existenz verschiedener menschlicher Rassen diskutierten, erstellten und unter anderem biologistisch belegen wollten, stammen auch Bezeichnungen wie Hottentottenschürze für vergrößerte Labien und Hottentottensteiß für ein prominentes Gesäß („Steatopygie“). Mit der Zuordnung solcher körperlicher Merkmale zu einem afrikanischen Volk verbanden viele damalige europäische Zeitgenossen ein besonderes Maß an Wollust und Laszivität. Heute ist bekannt, dass die genannten anatomischen Phänomene auch bei anderen genetisch ähnlichen Phänotypen vorkommen.[12]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wiktionary: Hottentotte – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
 Wikisource: Der hottentotische Tsű-ï-ǁgoa-b und der griechische Ζεῦς von Theophilus Hahn (1870) – Quellen und Volltexte

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Susan Arndt, Antje Hornscheidt (Hrsg.): Afrika und die deutsche Sprache. 2004, ISBN 3-89771-424-8.
  2. Eintrag zu „Hottentots“ im Shorter Oxford Dictionary: „one of inferior culture and intellect.“ (Jemand unterlegener Kultur und Intellekts) ISBN 978-0-19-920687-2
  3. Auch das South African Concise Oxford Dictionary bezeichnet das Wort als offensive (d. h. „anstößig, beleidigend, befremdlich, widerwärtig“) ISBN 978-0-19-571804-1
  4. Der Neue Herder, Band II, S. 1744, Herder-Druckerei Freiburg im Breisgau, 1950
  5. a b Olfert Dapper: Umbständliche und Eigentliche Beschreibung von Africa, und denen darzu gehörigen Königreichen und Landschaften, als Egypren, Barbarien, Libyen, Biledulgerid, dem Lande der Negros, Guinea, Ethiopien, Abyßina, und den Adrikanischen Insulen: zusamt deren Verschiedenen Nahmen, Grentzen, Städten, Flüssen, Gewächsen, Thieren, Sitten, Trachten, Sprachen, Reichthum, Gottesdienst, und Regierung. Jacob von Meurs, Amsterdam 1668, Die Kafferey oder das Land der Kaffer oder Hottentotten, S. 602 u.a. (Online in der Google-Buchsuche [abgerufen am 2. Januar 2016]). „Das Land Kafrarien, oder, wie es Marmol schreibet, die Quefrerie, wird von den Kaffern also genennet; welche des Landes eingebohrne seynd, und von den Holländern Hottentotten oder Hottentosen, ihrer anstossenden und ungeschickten Sprache wegen, gemeiniglich benahmet werden.“
  6. Walter Schultzen: Ost-Indische Reise: Worin erzehlt wird Viel gedenckwürdiges, und ungemeine seltsame Sachen, bluthige See- und Feld-schlachten, wieder die Portugisen und Makasser; Belägerungen, Bestürmungen, und Eroberungen vieler fürnehmen Städte und Schlösser. Jacob von Meurs & Johannes von Sommern, Amsterdam 1676, S. 6, 247 (Online in der Google-Buchsuche [abgerufen am 2. Januar 2016] niederländisch: Wouter Schoutens Oost-indische Voyage; vervattende veel voorname voorvallen en ongemeene vreemde geschiedenissen, bloedige Zer-en Landt-gevechten tegen de Portugeesen en Makassaren; Belegerung, Bestozming, en Verovering van veel voozname Steden en Kasteelen. Amsterdam 1676. Übersetzt von J. D.).
    Seite 6: [In der Tafelbucht, nördlich des Kap der guten Hoffnung] „Wir verwunderten uns aber über nichts mehr, als über die wilde Menschen, welche am Ufer in grosser Anzahl sich sehen liessen. Diese werden Hottentotten, wegen ihrer klucksender Aussprache, genannt, welche sich dem klucksen der Welschen Hahnen gleichet.“
    Seite 247: „Noch seltsamer aber war die wilde Lands-art der Inwohner der Cap de bon Esperance [Kap der guten Hoffnung] zu sehen, welche wegen ihrer Unmenschlichkeit, nichts an sich haben, das einen Menschen gleichet: sie sind warlich die elendesten Menschen, die ich jemahls auf der Welt gesehen hab. Sie werden mehrenteils, wegen ihrer seltsamen Sprach, Hottentotten genennet, welche sie nach Art der Welschen Hahnen, gleichsam in der Kehlen formiren; …“
    Original: S. 8, 182 Online in der Google-Buchsuche
  7. Das Deutsche Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 77 ff, ISBN 393910213X, Text des Eintrags auf dem Server der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main
  8. Klvcht van Jean de la Roy, of D'ingebeelde Rijke. Gspeelt op d' Amsterdamsche Schouwburgh. Jacob Lescaille, Amsterdam 1665, S. A3a (Online in der Google-Buchsuche [abgerufen am 2. Januar 2016]).
  9. Olfert Dapper: Naukeurige Beschrijvinge der Afrikaensche Gewesten van Egypten, Barbaryen, Libyen, Biledulgerid, Negroslant, Guinea, Ethiopiën, Abyssinie: Vertoont in de Benamingen, Grenspalen, Steden, Revieren, Gewassen, Dieren, Zeeden, Drachten, Talen, Rijkdommen, Godsdiensten en Heerschappyen. Band 1. Jacob van Meurs, Amsterdam 1668, Namaquas, S. 643 (Online in der Google-Buchsuche [abgerufen am 2. Januar 2016]).
  10. Das Deutsche Kolonial-Lexikon. Band II. 1920, ISBN 393910213X, S. 77ff. (Text des Eintrags auf dem Server der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main).
  11. Growth, sexual maturity and reproduction in the hottentot Pachymetopon blochii (Val.)
  12. Weibliche Genitalverstümmelung und die Hottentottenschürze. Ein medizinhistorischer Diskurs des 19. Jahrhunderts von Marion A. Hulverscheidt