Ibero-Amerikanisches Institut

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Das Ibero-Amerikanische Institut, von Süden gesehen
Der neue Marstall, in dem das IAI bis zum Zweiten Weltkrieg untergebracht war
Ibero-Amerikanische Bibliothek (1958)

Das Ibero-Amerikanische Institut Preußischer Kulturbesitz (IAI) in Berlin ist ein interdisziplinär orientiertes Zentrum des wissenschaftlichen und kulturellen Austauschs mit Lateinamerika, der Karibik, Spanien und Portugal. Das IAI verknüpft ein Informationszentrum mit einer Spezialbibliothek zu diesen Regionen und umfassenden Sondersammlungen, ein Forschungszentrum und ein Kulturzentrum. Das IAI liegt am Kulturforum Berlin nahe dem Potsdamer Platz und ist eine Einrichtung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz.

Entstehung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Grundstock des Bestandes der Bibliothek des IAI geht auf drei Büchersammlungen zurück. 1927 erwarb das preußische Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung die etwa 82.000 Bände umfassende Privatbibliothek des argentinischen Gelehrten Ernesto Quesada.[1] Zudem erhielt das IAI die Mexikobibliothek des Geographen Hermann Hagen, der mit Unterstützung des mexikanischen Präsidenten Plutarco Elías Calles 25.000 Bände zusammengetragen hatte. Hagen unternahm diesbezüglich von 1926 bis 1927 im Auftrag des preußischen Ministeriums für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung eine Reise nach Mexiko zum Zwecke der Zusammenstellung einer Bibliothek und für geographische Studien. Hagens Aktivitäten müssen dabei aber auch in einem größeren Zusammenhang im Rahmen der damaligen deutsch-mexikanischen Beziehungen gesehen werden, die schon zuvor seit einigen Jahrzehnten zwischen den beiden Ländern verfolgt worden waren. Mit dieser zuerst in Hagens Privatbesitz gekommenen sogenannten Mexican library kam es letztendlich zu einem symbolträchtigen Höhepunkt zwischen diesen beiden Staaten bez. kultureller Zusammenarbeit.[2] Als das 1925 gegründete Institut für Lateinamerikakunde in Hamburg bereits 1930 wieder aufgelöst wurde, ging auch dessen etwa 10.000 Bände umfassender Bestand an das IAI. Das IAI war somit zum Zeitpunkt seiner Gründung bereits im Besitz von ungefähr 120.000 Bänden. Damit war eine Spezialbibliothek geschaffen, die viele seltene und wertvolle Bände beinhaltete.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wesentlicher Bestandteil des Institutes war auch zu Beginn eine Forschungsabteilung. In der Anfangszeit im Marstall untergebracht, zog das Institut im Verlauf des Zweiten Weltkrieges nach Berlin-Lankwitz um. Unter der Leitung von Wilhelm Faupel war das Institut in die Außenpolitik des Dritten Reiches eingebunden, unter anderem in die diplomatischen Beziehungen zu Argentinien und Spanien. Sämtliche während des Krieges ausgelagerten Bestände gingen verloren. Der Gesamtverlust liegt bei schätzungsweise 40.000 Bänden.

Nach Kriegsende sollte das Institut infolge seiner nationalsozialistischen Aktivitäten aufgelöst werden. Am 1. April 1946 übernahm das Land Berlin die Finanzierung des IAI und rettete es damit. Hermann Hagen wurde der erste Direktor in der Nachkriegszeit (1946–1957). Im selben Jahr wurde das Institut in „Lateinamerikanische Bibliothek“ umbenannt, ab 1954 hieß es „Iberoamerikanische Bibliothek“. Im Jahr 1957 wurde die Bibliothek in die Stiftung Preußischer Kulturbesitz aufgenommen. Ab 1962 hieß die Einrichtung wieder „Ibero-Amerikanisches Institut“.

In der Folgezeit bestand eine der Hauptaufgaben in der Schließung der während des Krieges entstandenen Bestandslücken, die darauf zurückzuführen waren, dass in dieser Zeit kaum Erwerbungen aus mittel- und südamerikanischen Ländern möglich waren. Hierbei erhielt das IAI große Unterstützung durch ausländische Institute, Bibliotheken und andere Einrichtungen. Platzmangel zwang das IAI zum Umzug in ein neues Gebäude in der Potsdamer Straße 37 in Berlin-Tiergarten. Der Umzug ans Kulturforum erfolgte 1976/1977. 1977 gab die Firma Hall eine 30 Bände umfassende Veröffentlichung des Schlagwortkatalogs des IAI heraus.

Durch das 2014 eröffnete Speichermagazin Friedrichshagen, das gemeinsam für IAI, die Staatsbibliothek zu Berlin und die Bildagentur für Kunst, Kultur und Geschichte errichtet wurde, ist der Bedarf an Stellflächen voraussichtlich bis zum Jahr 2035 gedeckt, wobei ein weiterer Ausbau der Platzreserve möglich ist. Nach ersten 300.000 Bänden wird jährlich rund ein Regalkilometer an älteren und weniger genutzten Beständen in das Außenmagazin umziehen.[3][4]

Das IAI ist Mitglied der Forschungsvereinigung CEISAL, des Dokumentationsnetzwerks REDIAL, der Arbeitsgemeinschaft Deutsche Lateinamerikaforschung (ADLAF) sowie des Consejo Latinoamericano de Ciencias Sociales Clacso.

Gliederung und Bestände[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Heute besteht das IAI aus den Bereichen Bibliothek, Forschung und Veranstaltungen.[5]

Bibliothek

Die Bibliothek des IAI ist eine auf Lateinamerika, die Karibik sowie Spanien und Portugal spezialisierte Forschungsbibliothek. Die Bibliothek und die Sondersammlungen erwerben und erschließen Informationen und Medien aus und über diese Regionen in allen Erscheinungsformen mit den Schwerpunkten Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften. Das IAI betreut seit 2016 den von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Fachinformationsdienst (FID) Lateinamerika, Karibik und Latino Studies.[6]

In der Bibliothek des IAI findet sich z. B. eine umfangreiche Sammlung der brasilianischen Literatura de Cordel.

Das IAI besitzt folgende Sondersammlungen:

  • Phonothek: In der Phonothek werden auditive, visuelle und audiovisuelle Medien aus Spanien, Portugal, Lateinamerika und der Karibik gesammelt. Der Bestand umfasst derzeit etwa 21.000 Langspielplatten, 2.000 Singles, 1.500 Schellackplatten, 12.500 CDs, 1.750 Musikkassetten und 700 Tonbänder.
  • Kartensammlung: Seit 1957 werden Karten über Lateinamerika, die Karibik und die Iberische Halbinsel sowie über ehemalige spanische und portugiesische Kolonien gesammelt. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt umfasst der Bestand schätzungsweise 73.500 gedruckte und teils handgezeichnete Karten sowie 1.348 Atlanten. Der Schwerpunkt liegt bei Kartenwerken und historischen Karten.
  • Fotothek: Die Fotothek entstand 1973. Hier findet man Photographien und Dias über Lateinamerika, Spanien und Portugal. Der Bestand umfasst ca. 60.500 Photographien und 43.000 Dias sowie über 8.000 fotografische Glasplattern und weitere Bildträger.
  • Zeitungsausschnittsarchiv: Seit der Gründung des Instituts im Jahr 1930 werden Artikel über Spanien, Portugal, Lateinamerika und die Karibik gesammelt. Die Sammlung umfasst schätzungsweise 350.000 Ausschnitte. Im Jahr 1990 wurden die Zeitungsausschnittsammlungen des Instituts für Internationale Politik und Wirtschaft der DDR und des Deutschen Instituts für Zeitgeschichte (DIZ) der DDR integriert. Dieser Zugang umfasst ungefähr 76.000 Zeitungsausschnitte der internationalen Presse. Seit 1999 werden keine neuen Ausschnitte mehr aufgenommen.
Buddy Bär in Dekor aus Ecuador vor dem IAI
  • Nachlässe: Unter den über 300 im IAI befindlichen Nachlässen sind die des Altamerikanisten Eduard Seler sowie der des Archäologen Max Uhle. Im IAI findet man u. a. die Nachlässe des Altamerikanisten Eduard Seler, des Vaters von Frida Kahlo, Guillermo Kahlo, und des Archäologen Max Uhle. Außerdem gibt es hier eine Sammlung von in Mexiko aufgenommenen Photographien des bekannten Photographen Ernst Hugo Brehme.
  • Graphiksammlung: Sie umfasst über 1.500 Drucke, u. a. eine Sammlung der in Mexiko tätigen internationalen Künstlergruppe Taller de Gráfica Popular.
  • Filmsammlung: Die Filmsammlung umfasst knapp 6.500 Videos und DVDs.
  • Plakatsammlung: Die Sammlung umfasst über 5.000 Plakate und Poster.
  • Archive von Institutionen: 19 Konvolute[7]

In den Digitalen Sammlungen des IAI befinden sich alle digitalisierten Materialien aus den Beständen der Bibliothek und der Sondersammlungen. Die Digitalen Sammlungen umfassen über 17.500 Medien (Stand März 2021).[8]

Forschung und Publikationen

Als außeruniversitäre Einrichtung der Area Studies führt das IAI sozial-, geistes- und kulturwissenschaftliche Regionalforschung durch. Der Fokus liegt auf Lateinamerika, der Karibik, Spanien und Portugal sowie transregionalen Verflechtungen. Disziplinen sind Archäologie, Sozial- und Kulturanthropologie, Geschichts- und Politikwissenschaft, Literaturwissenschaft, Kulturstudien und Sprachwissenschaft. Die Forschungsaktivitäten sind häufig interdisziplinär angelegt. Das IAI ist in Verbundprojekte mit Universitäten eingebunden und internationale Gastwissenschaftler realisieren Forschungsaufenthalte am Institut.[9]

Das IAI gibt in einem mehrsprachigen Publikationsprogramm monographische und periodische Fachpublikationen heraus.[10] Die Zeitschriften Iberoamericana und Indiana sowie die Buchreihe Estudios Indiana erscheinen zeitgleich mit der Printveröffentlichung im Open Access. Die Reihe Ibero-Analysen behandelt Themen zu Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur der lateinamerikanischen Länder. In der Reihe Ibero-Online.de erscheinen Vorträge, die im IAI gehalten wurden, die als PDF heruntergeladen werden können. Die Ibero-Biografien beinhalten Auswahlbibliographien aus den Beständen des Ibero-Amerikanischen Instituts zu bestimmten Themen, wobei die Signaturen mit angegeben sind. Daneben erscheinen zahlreiche Veröffentlichungen zu den ibero-amerikanischen Raum betreffenden Themen und zur Geschichte des IAI. Ein Großteil der weiteren Buchveröffentlichungen ist über das Repositorium des Instituts zugänglich.[11]

Veranstaltungen

Das IAI führt wissenschaftliche und kulturelle Veranstaltungen mit Fokus auf seinen regionalen Schwerpunkt durch. Das mehrsprachige Veranstaltungsprogramm umfasst Vorträge, Gesprächsrunden, Lesungen, Workshops und Tagungen bis hin zu Filmvorführungen, Konzerten und Ausstellungen.[12]

Service der Bibliothek[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Neben der Nutzung des Lesesaals mit 75 Arbeitsplätzen, WLAN und kostenlosen Scannern, bietet die Bibliothek des Instituts die Ausleihe von Medien auch über die internationale Fernleihe an. Die Nutzung der Sondersammlungen unterliegt gesonderten Bedingungen.[13] Das Institut ist dem Dokumentenlieferdienst SUBITO angeschlossen. Unter Berücksichtigung urheberrechtlicher Bestimmungen wird auch die Digitalisierung on Demand angeboten. Die Bestände der Bibliothek sind im Online-Katalog[14] und im Discovery-System IberoSearch[15] nachgewiesen. Die gebührenpflichtige Benutzung regelt die Benutzerordnung.[16]

Direktoren[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Peter Altekrüger: Die Erweiterung der Erwerbungsstrategien einer Spezialbibliothek: Folgerungen aus der Analyse einer fachbezogenen Leihverkehrsstatistik des Ibero-Amerikanischen Instituts. Stiftung Preußischer Kulturbesitz; Hausarbeit zur Prüfung für den höheren Bibliotheksdienst. Köln 1995.
  • 75 Jahre Ibero-Amerikanisches Institut Preußischer Kulturbesitz. Berlin 2005, DNB 984383816.
  • Reinhard Liehr, Günther Maihold, Günther Vollmer (Hrsg.): Ein Institut und sein General: Wilhelm Faupel und das Iberoamerikanische Institut in der Zeit des Nationalsozialismus. Verlag Vervuert, Frankfurt 2003, ISBN 3-89354-589-1.
  • Gudrun Schumacher, Gregor Wolff: Nachlässe, Manuskripte und Autographen im Besitz des IAI. Berlin 2004, OCLC 162302418.
  • Sandra Carreras: Die Quesada-Bibliothek kommt nach Berlin: zu den Hintergründen einer Schenkung. In: Sandra Carreras, Günther Maihold (Hrsg.): Preußen und Lateinamerika: im Spannungsfeld von Kommerz, Macht und Kultur. Lit, Münster 2004, ISBN 3-8258-6306-9, S. 305–320.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Ibero-Amerikanisches Institut – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Reinhard Liehr: Geschichte Lateinamerikas in Berlin. In: Reimer Hansen, Wolfgang Ribbe (Hrsg.): Geschichtswissenschaft in Berlin im 19. und 20. Jahrhundert. de Gruyter, Berlin 1992, S. 633–655, hier 644.
  2. Stefan Rinke: Germany and Mexico between the First World war and the big depression, 1918–1933. auf: dimensionantropologica.inah.gob.mx
  3. Speichermagazin Friedrichshagen bei Unsere Gebäude – unsere Standorte. Staatsbibliothek zu Berlin.
  4. Schlüsselübergabe für das Speichermagazin Friedrichshagen (Memento vom 12. Januar 2015 im Internet Archive), Pressemitteilung vom 30. Juni 2014. Abgerufen am 6. September 2014.
  5. Ibero-Amerikanisches Institut: Organigramm und Kontakte. Abgerufen am 24. Februar 2021.
  6. Ibero-Amerikanisches Institut: Laufende Projekte. Abgerufen am 24. Februar 2021.
  7. Ibero-Amerikanisches Institut: Das IAI in Zahlen (2020). Abgerufen am 24. Februar 2021.
  8. Ibero-Amerikanisches Institut: Das IAI in Zahlen (2020). Abgerufen am 24. Februar 2021.
  9. Ibero-Amerikanisches Institut: Forschung. Abgerufen am 24. Februar 2021.
  10. Ibero-Amerikanisches Institut: Publikationen. Abgerufen am 24. Februar 2021.
  11. Publikationsserver des IAI. Abgerufen am 24. Februar 2021.
  12. Ibero-Amerikanisches Institut: Veranstaltungen. Abgerufen am 24. Februar 2021.
  13. Ibero-Amerikanisches Institut: Sondersammlungen. Abgerufen am 24. Februar 2021.
  14. Online-Katalog der Bibliothek des Ibero-Amerikanischen Instituts. Preußischer Kulturbesitz.
  15. Ibero-Amerikanisches Institut: Fachinformationsdienst. Abgerufen am 24. Februar 2021.
  16. Ibero-Amerikanisches Institut-Preußischer Kulturbesitz: Benutzungsordnung. (PDF; 121 kB)

Koordinaten: 52° 30′ 24,1″ N, 13° 22′ 10,8″ O