Ich-Entwicklung

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Die Neutralität dieses Artikels oder Abschnitts ist umstritten. Eine Begründung steht auf der Diskussionsseite. Weitere Informationen erhältst du hier.

Als Ich-Entwicklung wird in der Entwicklungspsychologie ein Stufen-Modell der Persönlichkeitsentwicklung nach Jane Loevinger bezeichnet. Es wurde von Loevinger in den 60er Jahren aufgestellt und hat Parallelen beispielsweise zum Modell der moralischen Entwicklung von Lawrence Kohlberg. Mit diesem teilt es unter anderem die Einschätzung der Entwicklung als stufenförmig eher als als kontinuierlich, weiter die empirische Begründung einer typischen Abfolge von Entwicklungsphasen sowie deren Einteilung in präkonventionelle, konventionelle und postkonventionelle Stufen. Im Zuge ihrer Studien familiärer Interventionsmuster stieß Loevinger auf unerklärte Regelmäßigkeiten in ihren Daten zur Persönlichkeitserfassung, die sie schließlich als Entwicklungssequenzen deutete. Im Verlauf ihrer weiteren umfangreich quantitativen Forschungstätigkeit an der Washington University widmete sie sich der Messung und Erforschung dieser „Master traits der Persönlichkeit“. Sie versteht die „Ich-Struktur“, die der Entwicklung unterliegt, als die Instanz, welche bestimmt, wie eine Person sich selbst und die Welt wahrnimmt und interpretiert[1]. Dabei geht Loevinger nicht vom Ich als psychische Instanz (wie z. B. dem Ego in der Psychoanalyse) aus, sondern als einem Prozess, der die Gedanken und Erfahrungen eines Menschen organisiert (vgl. William James Unterscheidung zwischen „I“ und „Me“ oder transzendentales Subjekt). Im Zuge der Entwicklung der Persönlichkeit nimmt Loevinger wie Robert Kegan und andere[2] mehrfache Transformationen an, die zu einer immer größeren Bewusstheit führen sollen. Dieser stete Prozess der Selektion und Interpretation der eigenen Gedanken, Wahrnehmungen und Erfahrungen soll mit der jeweils erreichten Stufe der Ich-Entwicklung eine gewisse Stabilität erreichen.

Das Modell war eines der ersten, dass über die Ansätze der differentiellen Psychologie hinaus nicht die Typisierung des Individuums anhand einzelner Merkmale und deren Veränderung betrieb, sondern die Persönlichkeit als Ganzes in den Blick nahm. Verschiedene Weiterentwicklungen spielen in der Gegenwart eine gewisse Rolle als Überbau für bestimmte Schulen des Personal Coachings.

Hintergrund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dem Modell der Ich-Entwicklung liegt ein konstruktivistisches Entwicklungsverständnis zugrunde, das auf den strukturgenetischen Ansatz von Jean Piaget und die Theorien von Erik H. Erikson sowie Harry Stack Sullivan zurückgeht. Dieser Ansatz geht davon aus, dass die Denkstrukturen, mit denen ein Individuum ein Verständnis seiner Welt erlangt, schrittweise aufgebaut und erarbeitet werden. Von Entwicklung wird gesprochen, wenn diese Strukturen nach und nach differenzierter und integrierter werden. Es wird in Loevingers Modell davon ausgegangen, dass dabei qualitative Sprünge, genannt „Transformationen“, erfolgen, bei denen es zu einer neuen und umfassenderen Struktur des Selbst- und Welterfassens kommt.

Stufen der Ich-Entwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Modell der Ich-Entwicklung von Loevinger werden neun Stufen unterschieden. Ab der impulsiven Stufe (E2) sind diese operationalisiert und können mittels eines Satzergänzungstest reliabel und valide gemessen werden.[3]

Die Ich-Struktur Erwachsener entspricht laut Loevinger überwiegend den Stufen E4 bis E7; der Median liegt bei der Stufe fünf. Hierbei muss jedoch beachtet werden, dass sich diese Einschätzung Loevingers auf ihre zeitgenössische Gesellschaft bezieht und in dieser Zuschreibung auch normative Erwartungen mitschwingen. Die Stufen 9 und 10 sind erst deutlich später empirisch erforscht worden (Cook-Greuter, 1999). Tendenziell wird eine Verschiebung der durchschnittlichen Stufe der Ich-Entwicklung in moderner Zeit vermutet.

Entwicklungsstufe Hauptcharakteristika
E 1 Vorsoziale Stufe Es ist kein Ego vorhanden, Orientierung an reiner Bedürfnisbefriedigung.
E 2 Impulsive Stufe Egozentrische Weltsicht, die eigenen körperlichen Bedürfnisse stehen im Vordergrund.
E 3 Selbstorientierte Stufe Eigener Vorteil steht im Vordergrund, andere Menschen werden als Mittel zur Befriedigung eigener sozialer und körperlicher Bedürfnisse gesehen, opportunistisches Verhalten.

Eher kurzer Zeithorizont, Fokus liegt zumeist auf konkreten Dingen (weniger abstrakten Aspekten), Feedback wird meist zurückgewiesen, stark stereotypes Handeln, Auge-um-Auge-Mentalität, überwiegend externale Schuldzuweisungen.

E 4 Gemeinschaftsbestimmte Stufe Denken und Handeln sind vor allem an Regeln und Normen der relevanten Bezugsgruppen ausgerichtet, die eigene Identität wird durch diese definiert, Zugehörigkeit und Unterordnung unter deren Sichtweisen sind vorherrschend. Gesichtswahrung ist zentral, starke Schuldgefühle, wenn Erwartungen anderer verletzt werden, Konflikte werden vermieden, Kontakte sind eher oberflächlich, es wird vorwiegend in Entweder-oder-Kategorien gedacht.
E 5 Rationalistische Stufe Orientierung an klaren Standards, sehr rationales Denken und kausale Erklärungen herrschen vor. Motivation, sich von anderen abzuheben. Feste Vorstellungen, wie Dinge sind und laufen sollen.

Beginnende Selbst-Wahrnehmung, Selbstkritik und Sehen verschiedener Perspektiven sowie Suche nach Motiven für Verhalten, eher enges fachliches Denken und Betonung von Effizienz statt Effektivität.

E 6 Eigenbestimmte Stufe Voll entwickelte und selbst definierte (eigene) Werte, Vorstellungen und Ziele (ausgebildete Identität). Starke Zielorientierung und Selbstoptimierung.

Komplexität von Situationen wird akzeptiert, reiches Innenleben, Gegenseitigkeit in Beziehungen, Respekt vor individuellen Unterschieden (eigener Schatten der Subjektivität wird häufig nicht gesehen).

E 7 Relativierende Stufe Beginnendes Bewusstsein darüber, wie die eigene Wahrnehmung die Sicht auf die Welt prägt, stärkeres Hinterfragen der eigenen Sichtweisen (und der von anderen Menschen). Relativistische Weltsicht.

Größere Bewusstheit gegenüber inneren/äußeren Konflikten und Paradoxien (ohne diese integrieren zu können), sehr individuelle/persönliche Art.

E 8 Systemische Stufe Voll ausgebildete Multiperspektivität, gleichzeitige Prozess- und Zielorientierung, systemisches Erfassen von Beziehungen (Zirkularität). Fähigkeit, sich widersprechende Aspekte und Meinungen zu integrieren. Hohe Motivation, sich selbst weiterzuentwickeln.

Offene, kreative Auseinandersetzung mit Konflikten, hohe Toleranz für Mehrdeutigkeit. Hoher Respekt vor Autonomie anderer Personen und Aussöhnung mit eigenen als negativ erlebten Anteilen.

E 9 Integrierte Stufe An kein explizites System (Werte, Einstellungen, Praktiken etc.) mehr gebunden, Erfahrungen werden laufend neu eingeordnet und in andere Zusammenhänge gestellt („reframing mind“). In hohem Maße selbstaktualisierend.

Kann Paradoxien integrieren, hohe Bewusstheit gegenüber eigenem Aufmerksamkeitsfokus, besonderes Gespür für Symbolik.

E 10 Fließende Stufe Bedürfnis, Dinge und Personen zu bewerten, wird aufgegeben. Verschmelzen mit der Welt, kein weiteres Festhalten, sondern sich auf den Fluss der Dinge einlassen.

Spielerische Abwechslung zwischen Ernst und Trivialem, Ineinanderübergehen unterschiedlicher Bewusstseinszustände, Denken in Zeitzyklen und historischen Dimensionen, volles Akzeptieren von Andersartigkeiten und Menschen, wie sie sind.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Grundlagenliteratur:

  • J. Loevinger: The meaning and measurement of ego development. In: American Psychologist. 21, 1966, S. 195–206.
  • J. Loevinger: Ego development. Conceptions and theories. Jossey-Bass, San Francisco 1976, ISBN 0-87589-275-2.
  • J. Loevinger: Measurement of personality: True or false. In: Psychological Inquiry. 4 (1), 1993, S. 1–16.
  • J. Manners, K. Durkin: A critical review of the validity of ego development theory and its measurement. In: Journal of Personality Assessment. 77, 2001, S. 541–567.

Angewandte Literatur:

  • T. Binder: Das Ich und seine Facetten. Change Professionals unter einer Entwicklungsperspektive. Organisationsentwicklung. In: Zeitschrift für Unternehmensentwicklung und Change Management. 1, 2014, S. 9–15.
  • T. Binder: Entwicklungsorientiertes Coaching mit Führungskräften: Arbeit mit dem Ich-Entwicklungs-Profil. Vortrag, Tagung Integrales Forum, Berlin 2012.
  • T. Binder: Piagets Erbe für die Wirtschaft: Entwicklungspsychologische Managementdiagnostik. In: Wirtschaftspsychologie Aktuell. 14 (2), 2007, S. 56–58.
  • T. Binder: Wie gut verstehen Berater ihre Kunden? Ich-Entwicklung – ein vergessener Faktor in der Beratung. In: S. Busse, S. Ehmer (Hrsg.): Wissen wir, was wir tun? Beraterisches Handeln in Supervision und Coaching. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2010, ISBN 978-3-525-40234-4, S. 104–132.
  • S. R. Cook-Greuter: Postautonomous ego development. A study of its nature and measurement. Unpublished dissertation. Harvard University, 1999.
  • S. R. Cook-Greuter: Making the case for a developmental perspective. In: Industrial and Commercial Training. 36 (7), 2004, S. 275–281.
  • G. Röper, G. Noam: Entwicklungsdiagnostik in klinisch-psychologischer Therapie und Forschung. In: R. Oerter, C. von Hagen, G. Röper, G. Noam (Hrsg.): Klinische Entwicklungspsychologie. Ein Lehrbuch. Psychologie Verlags Union, Weinheim 1999, S. 240–269.
  • D. Rooke, W. Torbert: Organizational transformation as a function of CEO´s developmental stage. In: Organization Development Journal. 16 (1), 1998, S. 11–28.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Stefan Schultz: Zukunftsanalyse: Was nach der Leistungsgesellschaft kommt. In: Spiegel Online. 9. Februar 2019 (Online [abgerufen am 3. Mai 2019]).
  2. Guido Fiolka und Ursula Wagner, Dr. phil.: Selbstentwicklung. Entwicklungsebenen – Stufen der Entwicklung von Menschen und Organisationen. In: development hub. Abgerufen am 5. Mai 2019.
  3. T. Binder: Wie gut verstehen Berater ihre Kunden? Ich-Entwicklung – ein vergessener Faktor in der Beratung. In: S. Busse, S. Ehmer (Hrsg.): Wissen wir, was wir tun? Beraterisches Handeln in Supervision und Coaching. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2010, ISBN 978-3-525-40234-4, s, S. 104–132.