Ignatianische Exerzitien

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Exercitia spiritualia (1548), erste Ausgabe von Antonio Bladio

Ignatianische Exerzitien (spanisch ejercicios espirituales, lateinisch exercitia spiritualia) sind eine Sammlung geistlicher Übungen, die Ignatius von Loyola 1522 bis 1524 verfasst hat, um seine eigenen geistlichen Praktiken anderen zugänglich zu machen. Sie enthalten Anleitungen zu Gebet, Meditation und Unterscheidung der Geister in einer Zeit von vier Wochen des zurückgezogenen Lebens.

Entstehung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Verschiedene Ausgaben des Exerzitienbuches

Während der Genesung (Juni 1521 bis Februar 1522) von einem Unfall bei der Belagerung von Pamplona bekehrte sich Ignatius von Loyola zu Christus.[1] Im Benediktinerkloster Monserrat nimmt er an den Exerzitien nach Cisneros teil. Im Herbst 1522 beginnt er mit den ersten Formulierungen seiner Exerzitien.[1] Daraus werden Hinweise zum gesamten Ablauf der Exerzitien wie zu den einzelnen Übungen, die Zeiten des Gebets und der Besinnung enthält. Sie sind auf den Evangelien aufgebaut und führen in vier Wochen anhand von Betrachtungen des Lebens Jesu zu einer radikalen Entscheidung für die Nachfolge Christi und die immer nach Größerem drängende Liebe, das „Magis“ zum immer größeren Gott. Er lud Freunde und andere an einer radikaleren Nachfolge Jesu Interessierte ein, sich für eine Zeit zurückzuziehen und unter seiner Anleitung dem Gebet, der Meditation und Unterscheidung der Geister zu widmen. Zu den ersten, die unter der Leitung des Ignatius Exerzitien machten, gehörten die späteren Jesuiten Peter Faber und Franz Xaver, für die diese Erfahrung ein Wendepunkt in ihrem Leben bedeutete.

Spätestens am Ende der Pariser Zeit (1528–1535) des Ignatius lag eine weitgehend abgeschlossene Fassung vor, die in einer Abschrift von Faber überliefert ist und für die Vorlage bei der Inquisition überarbeitet wurde (sog. Versio prima). In den nächsten Jahren veränderte Ignatius den Text noch mehrfach und besorgte eine neue, von ihm autorisierte Übersetzung, die 1548 von Papst Paul III. approbiert wurde.[1] Später erschienen auch Versionen des Textes, die auf spanischsprachige Handschriften des Ignatius zurückgehen – in der Forschung wird kontrovers diskutiert, ob diese Texte einen höheren Wert haben können als die von Ignatius autorisierte lateinische Vulgata.[2]

Bedeutung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Diese Exerzitien bilden eine geistesgeschichtliche Wende in der christlichen Spiritualitätsgeschichte. Sie beziehen erstmals ausdrücklich die Evangelien auf den Leser und führen in einen unmittelbaren Dialog zwischen Gott und Mensch. Theologiegeschichtlich ist dies mit der „Wende zum Subjekt“ vergleichbar. Ignatius verwendete die geistlichen Übungen, um sie Menschen in Not und auf der Suche „zu geben“. Auf diese Weise gewann er Freunde, die seine Gefährten wurden. Mit einigen dieser ersten Gefährten kam es zur Ordensgründung der Gesellschaft Jesu.

Inhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Exerzitien des Ignatius dauern in ihrer Vollform vier Wochen, die nacheinander den Themen der Sünde, des Lebens und der Nachfolge des irdischen Jesu, des Leidens und Sterbens Jesu und als letztes seiner Auferstehung gewidmet sind. Neben der Teilnahme an der Eucharistie und zwei kürzeren Zeiten der Gewissenserforschung erwartet Ignatius von den Teilnehmern an seinen Exerzitien täglich vier oder fünf Stunden Betrachtung der Evangelien. Die Exerzitien finden im Schweigen statt.

Neben der genannten Grundform kennt Ignatius noch kürzere Exerzitien von z. B. einer Woche und längere Exerzitien von mehreren Monaten, in denen die Teilnehmenden ihren normalen Geschäften nachgehen und nur eine kürzere Zeit täglich dem Gebet widmen. Letztere werden heute üblicherweise als Exerzitien im Alltag bezeichnet. Die Exerzitien im Alltag werden zudem in vielen christlichen Gemeinden während der Fastenzeit und der Adventszeit angeboten und führen in viele verschiedene Formen des gemeinsamen und individuellen Betens ein.

Gegenwart[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die ignatianischen Exerzitien werden von Ordensgemeinschaften und erfahrenen Laien begleitet. Sie dienen als Werkzeug der Pastoral und der spirituellen Vertiefung. Häufig werden sie in einer an die konkreten Lebensumstände angepassten Form vermittelt, beispielsweise in Form von Exerzitien im Alltag. Diese bestehen aus einer täglichen Betrachtung eines durch die Begleitperson vorgegebenen Evangelientextes und einem wöchentlichen Gespräch zur Reflexion der mit den Texten gemachten Erfahrungen. Dieser Prozess kann über mehrere Monate ausgedehnt werden.

In ihrer klassischen Form erstrecken sich die Exerzitien über dreißig Tage, die in Abgeschiedenheit mit täglich vier oder fünf über den Tag verteilten Betrachtungszeiten von je einer Stunde durchgeführt werden.

Eine im Alltag eher praktikable Kurzform sind 8- oder 10-tägige Exerzitien, wie sie häufig in katholischen Bildungshäusern angeboten werden. In den letzten Jahren wurde im Kontext des interreligiösen Austauschs die Möglichkeit der ignatianischen Exerzitien für Nicht-Christen entwickelt. Die Vermittlung an evangelische oder orthodoxe Christen ist bereits Praxis.

Aus der Spiritualität der ignatianischen Exerzitien entstanden zahlreiche religiöse Ordensgemeinschaften: zuerst die Jesuiten, aber auch Frauenorden, wie die Congregatio Jesu und die Missionarinnen Christi, sowie vielfältige Laienbewegungen, wie vor allem die Gemeinschaft Christlichen Lebens und die Ignatianischen Assoziierten.

Zeitschriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Theologie und Praxis der Ignatianischen Exerzitien in der jesuitischen Tradition werden in Deutschland insbesondere durch zwei Zeitschriften weitervermittelt und vertieft: die „Korrespondenz zur Spiritualität der Exerzitien“ (Augsburg), hrsg. von der „Gemeinschaft Christlichen Lebens“ (GCL), und „Geist und Leben. Zeitschrift für christliche Spiritualität“ (Köln), hrsg. von der Deutschen Provinz der Jesuiten. Weitere Promotoren Ignatianischer Exerzitienpraxis sind: „Manresa. Revista de Espiritualidad Ignaciana“ (Madrid), „The Way. Review of Christian Spirituality“ (Oxford) und „Christus“ (Paris), die alle drei vom Jesuitenorden herausgegeben werden.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ignatius von Loyola: Die Geistlichen Übungen; übersetzt von Alfred Feder S.J.; Regensburger Verlagsanstalt, 2. Auflage, 1922 (pdf; 7,1 MB)

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Andreas Schönfeld: Bibliographie zur Mystikgeschichte (Exerzitien: Nr. 4–14). In: Ders. (Hrsg.): Spiritualität im Wandel. Leben aus Gottes Geist. Festschrift zum 75. Jahrgang von Geist und Leben – Zeitschrift für christliche Spiritualität. Echter Verlag, Würzburg 2002, ISBN 3-429-02473-0, S. 445
  • Peter Köster, Hans Adriessen: Sein Leben ordnen. Anleitung zu den Exerzitien des Ignatius von Loyola. Herder Verlag, Freiburg/ Basel/Wien 1991, ISBN 3-451-22327-9.
  • Hans Zollner: Bibliographie. In: Ders.: Trost – Zunahme an Hoffnung, Glaube und Liebe. Zum theologischen Ferment der ignatianischen „Unterscheidung der Geister“. Verlagsanstalt Tyrolia, Innsbruck/Wien 2004 (= Innsbrucker theologische Studien; Bd. 68), ISBN 3-7022-2607-9, S. 305–336
  • Hans Zollner: Zunahme an geistlicher Tröstung (EB 316). Wesen und Kriterien der ignatianischen „Unterscheidung der Geister“. In: Geist und Leben. 78, 2005, S. 264–279
  • Rita Haub, Bernd Paal: Die Exerzitien des Hl. Ignatius. Bilder und Betrachtungen. Echter, Würzburg 2006.
  • Ignatius von Loyola: Geistliche Übungen. Echter, Würzburg 1998.
  • Ignatius von Loyola: Die Exerzitien. übertragen von Hans Urs von Balthasar. Johannes Verlag, Einsiedeln 1993, ISBN 978-3-89411-028-4.
  • Ignatius von Loyola: Geistliche Übungen. Urtext mit Erklärungen der zwanzig Anweisungen von Adolf Haas; Kleine Bibliothek spiritueller Weisheit. Herder, Freiburg/ Basel/ Wien 1999.
  • Gruppe für Ignatianische Spiritualität: Ignatianische Exerzitien – weltweit. Erfahrungen – Reflexionen – Orientierungen. Ein Expertenbericht. München 2003.
  • Hugo Rahner: Die Anwendung der Sinne in der Betrachtungsmethode des hl. Ignatius von Loyola. In: Wilhelm Bitter (Hrsg.): Meditation in Religion und Psychotherapie. ISBN 3-12-900950-7, S. 45–71.
  • Jos E. Vercruysse, Manfred Seitz: Exerzitien I. Historisch II. Praktisch-theologisch. In: Theologische Realenzyklopädie. 10 (1982), Sp. 698-707.
  • Papst Pius XI.: Enzyklika: Mens nostra. (über die Förderung geistlicher Exerzitien)
  • Karl Rahner: Betrachtungen zum Exerzitienbuch. Kösel, München 1965.
  • Erich Przywara: Deus semper maior. Theologie der Exerzitien. (in 3 Bd.). Herder, Freiburg 1938-1939.
  • Peter Köster: Zur Freiheit befähigen. Kleiner Kommentar zu den Großen Exerzitien des hl. Ignatius. St. Benno, Leipzig 1999.
  • Alex Lefrank: Umwandlung in Christus. Die Dynamik des Exerzitien-Prozesses. Echter, Würzburg 2009, ISBN 978-3-429-03155-8.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c vgl. Hugo Rahner: Exerzitien II. Die E. des Ignatius von Loyola. In: Walter Kasper (Hrsg.): Lexikon für Theologie und Kirche (LThK). 3. Auflage. Band 3. Herder, Freiburg im Breisgau 1995, Sp. 1107–1109.,1107.
  2. Vgl. hierzu Heinrich Bacht: Der heutige Stand der Forschung über die Entstehung des Exerzitienbuches des hl. Ignatius von Loyola. In: Geist und Leben 29 (1956), S. 327–338.